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Corona-Ausbrüche in Deutschland: Leichtsinn und Selbstsucht werden zur Gefahr

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Der Eishauch des Egoismus

24.06.2020, 07:12 Uhr
Corona-Ausbrüche in Deutschland: Leichtsinn und Selbstsucht werden zur Gefahr. Protest gegen den Fleischfabrikanten Tönnies am Kreishaus in Gütersloh.  (Quelle: Noah Wedel/imago images)

Protest gegen den Fleischfabrikanten Tönnies am Kreishaus in Gütersloh. (Quelle: Noah Wedel/imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

In diesen Sommertagen erleben wir ein Paradox: Die Sonne brennt vom Himmel, das Thermometer klettert mancherorts auf über 30 Grad Celsius. Trotzdem wandeln wir alle gemeinsam übers Eis. Dünnes Eis. Leider merken das nicht alle Bürger. Nach den stumpfen Monaten der Ausgangsbeschränkungen sind große Teile der Bevölkerung in ihren gewohnten Alltag zurückgekehrt, viele Leute freuen sich auf den Urlaub. Virusgefahr – war da was?

Und dann das: Plötzlich ist sie wieder da. Wie Geschwulste brechen die Brennpunkte der Seuche mitten unter uns auf. Göttingen. Berlin-Neukölln. Kassel. Rheda-Wiedenbrück. Eben noch wähnten viele Menschen das Corona-Risiko gebannt, einige scheinen es gar nicht mehr ernst zu nehmen: Sie stolzieren ohne Gesichtsmaske durch Supermärkte und U-Bahnen, hocken dichtgedrängt in Parks und Bars. Manchen Bruder Leichtfuß wird man nur mit einer Geldbuße, manchen Egoisten wohl nie bekehren. Aber selbst mit Maske auf der Nase und Abstandswarnung im Ohr schien das Leben doch endlich wieder in seine gewohnten Bahnen zu münden. Umso drastischer ist der Schock, der uns schlagartig zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir immer noch wandeln.

Nach dem Corona-Ausbruch bei Clemens Tönnies, der Milliarden scheffelt, während in seiner Fleischfabrik Hungerlöhner schuften, ist in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf der erste Lockdown seit Aufhebung der bundesweiten Beschränkungen verhängt worden: 360.000 Menschen sollen zu Hause bleiben. Schulen, Kitas, Fitnessstudios, Sporthallen, Schwimmbäder, Museen und Kinos sind dicht, Menschenansammlungen im Freien verboten. Nicht nur der Massenausbeutungsbetrieb von Herrn Tönnies, auch Europas größter Medienkonzern Bertelsmann, der Haushaltsgeräte-Riese Miele und viele andere Firmen sind von der Kontaktsperre betroffen.



Der Mann, der den Lockdown verhängen musste, wollte eigentlich am liebsten ganz schnell raus aus den Corona-Vorsichtsregeln: Seit Wochen redete Armin Laschet Lockerungen das Wort und machte sich damit viele Gegner. Im Wettrennen um den CDU-Parteivorsitz trug er die Nase ziemlich hoch, weil er sie am Ende vorn haben will. Nun ist er draufgefallen, auf die Nase. "Laschet wirkt wie ein Getriebener, der die Auswirkungen seiner eigenen Politik eindämmen muss", schreibt unser Reporter Tim Kummert in seiner Analyse. Und der Markus aus München verpasst dem Armin aus Düsseldorf prompt noch einen Nasenstüber: Ministerpräsident Söder hat sämtlichen Touristen aus Corona-Brennpunkten das Übernachten in bayerischen Hotels und Pensionen verboten. Der Armin will schnelle Lockerungen? Dann soll er auch die Konsequenzen tragen.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ist in Erklärungsnöten.  (Quelle: dpa/Federico Gambarini/dpa)NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ist in Erklärungsnöten. (Quelle: Federico Gambarini/dpa/dpa)

Während die Behörden in Gütersloh es immer noch nicht geschafft haben, sämtlicher zugereister, zwischenzeitlich wieder abgereister oder sonst wie unauffindbarer Arbeiter aus der Tönnies’schen Galeere habhaft zu werden, meldet sich der Chef der Bundesanstalt für Arbeit: Die Arbeitslosenzahl wird infolge der Corona-Krise wohl erstmals seit zehn Jahren im Sommer wieder über drei Millionen steigen, sagt Detlef Scheele. Auch hier: Das Eis wird dünner. Vorgestern sprach ich mit einem Freund, Freiberufler: Sämtliche Aufträge weggebrochen, bis Dezember reicht das Geld noch, danach ist Ebbe. Unternehmer schmieden Krisenpläne, Ökonomen erwarten im Herbst eine bundesweite Welle von Insolvenzen. Umso wichtiger ist es, jetzt noch Schlimmeres zu vermeiden.

Falls sich Corona-Ausbrüche wie in Göttingen, Berlin, Kassel und Rheda-Wiedenbrück nun häufen sollten, falls das Virus aus den Brennpunkten entwischt und im Urlaubsreiseverkehr von A nach B und C getragen wird, dann sind wir ganz schnell wieder da, wo wir Anfang März waren: im Zustand einer unkontrollierten Seuche. Dann wird rasch die Diskussion über neue landesweite Kontaktsperren aufflammen – mit allen gravierenden Folgen. Vereinsamte Senioren. Abgehängte Schulkinder. Anstieg häuslicher Gewalt. Verschleppte Krankheiten. Noch mehr Insolvenzen. Noch höhere Arbeitslosigkeit. Noch mehr Staatsschulden. Ein schleichender Abstieg des Wirtschaftsriesen Deutschland. Bleibende Schäden für unsere Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur.

Zu schwarz gemalt? Ich denke nein. Wir sollten uns dieses drohende Szenario vor Augen führen. Nur wer das Risiko kennt, kann es vermeiden. Und jene Leute in die Schranken weisen, die den Gesundheitsschutz und die wirtschaftliche Existenz ihrer Mitbürger aufs Spiel setzen: die Typen ohne Maske in der U-Bahn. Der Typ mit seiner dreckigen Fleischfabrik. Die Typen, die johlend Einkaufsstraßen auseinandernehmen. Die Leute, die sich nicht um Abstandsregeln, Reinlichkeit und Rücksichtnahme scheren, sondern ihr Ego über das ihrer Mitmenschen erheben. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind am Sonntag rund um den Globus mehr als 183.000 neue Infektionen mit dem Coronavirus registriert worden – so viele wie nie zuvor an einem Tag. Wir sind immer noch mittendrin in der historischen Pandemie. Hier in Deutschland hatten wir die Lage bisher unter Kontrolle gebracht; Katastrophen wie in Brasilien, Italien und den USA blieben uns erspart. Aber nun gefährden der Leichtsinn und der Egoismus mancher Leute das Erreichte. Lassen wir das nicht zu! Das Eis ist zu dünn.

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WAS STEHT AN?

Sowjetsoldaten während der Siegesparade auf dem Roten Platz am 24. Juni 1945. (Quelle: imago images)Sowjetsoldaten während der Siegesparade auf dem Roten Platz am 24. Juni 1945. (Quelle: imago images)

Heute marschieren auf dem Roten Platz in Moskau Tausende Soldaten auf: Mit großem Tamtam holt Präsident Wladimir Putin die ausgefallene Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai nach, obwohl das Coronavirus auch in Russland noch immer eine große Gefahr ist. Wie der 9. Mai ist auch der heutige 24. Juni ein Tag mit Symbolkraft: Vor 75 Jahren ließ Sowjetdiktator Josef Stalin den Sieg über Nazideutschland an diesem Datum mit Pomp, Waffenrasseln und einer feierlichen Demütigung der Wehrmacht zelebrieren. Was genau damals geschah und warum der Tag trotzdem nicht ganz nach Stalins Wünschen verlief, erzählt Ihnen unser Zeitgeschichteredakteur Marc von Lüpke. 

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Im Landtag von Nordrhein-Westfalen muss sich Ministerpräsident Laschet heute während einer Aktuellen Stunde kritischen Fragen zu seinem Lockerungs-, Pardon, Krisenmanagement stellen.

In Istanbul wird das Urteil gegen den "Welt"-Reporter Deniz Yücel erwartet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem deutschen Journalisten absurderweise Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK sowie Volksverhetzung vor und fordert bis zu 16 Jahre Haft. Bis Februar 2018 saß Yücel ein Jahr lang ohne Anklageschrift in einem Hochsicherheitsknast, erst dann konnte er ausreisen. Wird er heute tatsächlich in Abwesenheit verurteilt, würde die türkische Justiz einmal mehr offenbaren, dass sie ein willfähriges Instrument des Autokraten Erdogan ist.

Ebenso in Istanbul beginnt der Prozess gegen sechs türkische Journalisten, die seit Anfang März in Untersuchungshaft sitzen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen die Veröffentlichung von Geheiminformationen vor. Amnesty International sagt: In Wahrheit wollen die türkischen Behörden die Journalisten dafür bestrafen, dass sie Berichte über einen in Libyen getöteten Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes veröffentlichten.

Der Internationale Währungsfonds stellt seine aktualisierte Prognose zur Entwicklung der Weltwirtschaft vor. Im April hatte er noch mit einem Schrumpfen um drei Prozent gerechnet. Dabei dürfte es nun nicht bleiben.

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WAS LESEN?

Die Top-Ökonomen sind sich einig: Deutschland muss sich verschulden, um die Schäden der Corona-Krise abzufedern und die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Doch falls es künftig zu einer Geldentwertung kommt, müssten die Notenbanken die Zinsen erhöhen. Dann würde vielen Staaten der Bankrott drohen. Warum die Verschuldung trotzdem richtig ist und Deutschland sich statt der schwäbischen Hausfrau eher den ehrbaren Kaufmann zum Vorbild nehmen sollte, erklärt Ihnen unsere Kolumnistin Ursula Weidenfeld. 

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Klaus Hoss an der Ostsee im vergangenen Jahr: Die Sehnsucht nach Urlaub wächst während der Corona-Krise.  (Quelle: imago images)Klaus Hoss an der Ostsee im vergangenen Jahr: Die Sehnsucht nach Urlaub wächst während der Corona-Krise. (Quelle: imago images)

Ältere Menschen sind besonders durch das Coronavirus gefährdet. Klaus Hoss gehört mit 85 Jahren zur Risikogruppe. Als er uns kürzlich im Leserbeirat von t-online.de seine Sicht auf die Pandemie schilderte, waren wir beeindruckt. Also hat mein Kollege Manfred Schäfer ihn um ein Interview gebeten: Hier erklärt Herr Hoss, was er von der Kontaktsperre hält, von der Bevormundung älterer Menschen – und von der Ignoranz der Regelbrecher.

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Die Beschäftigten in der Fleischindustrie leiden nicht nur unter den unsäglichen Arbeitsbedingungen, sondern auch unter Rassismus. Zwei ehemalige Tönnies-Mitarbeiter haben der "Süddeutschen Zeitung" von den drastischen Zuständen berichtet.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Na, das kann ja heiter werden.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Trotz allem: Verlieren Sie bitte nicht Ihren Humor! Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag. 

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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