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Oh Mann, diese Sachsen! Es geht ums Dagegensein und um Selbstbehauptung


Oh Mann, diese Sachsen

Von Florian Harms

Aktualisiert am 18.12.2020Lesedauer: 7 Min.
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Info zur Maskenpflicht in Dresden.
Info zur Maskenpflicht in Dresden. (Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Deutschland ist auch deshalb so schön, weil es so vielfältig ist. Ein Gespräch mit einem Rübenbauern in Dithmarschen ist etwas völlig anderes als eine Plauderei mit einem Schindelmacher im Allgäu; ein Abend unter Rheinländern in Düsseldorf verläuft ganz anders als ein Treffen in Eisenhüttenstadt. Wir sprechen alle dieselbe Sprache, aber reden über andere Dinge, verwenden verschiedene kulturelle Codes und sind von unterschiedlichen sozialen Erfahrungen geprägt. Das wurde mir bewusst, als ich Anfang der Neunzigerjahre aus Schwaben nach Sachsen zog. Sicher, da war das Wessi-Ossi-Thema, aber das spielte erstaunlich schnell kaum noch eine Rolle. Im Kreis neuer Freunde in Dresden fühlte ich mich pudelwohl, stürzte mich ins Leben und streifte stundenlang durch die Innenstadt, die Plattenbauviertel, das Umland. Ich sog Geschichten auf, beehrte Theater und Kneipen und begann sogar, den Dialekt zu imitieren. Wochenendausflüge führten mich nach Leipzig, Bautzen und weitere Orte.

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So lernte ich die Sachsen kennen. Ihre entwaffnende Fröhlichkeit und ihre derbe Direktheit, ihre reiche Kultur und ihren Heimatstolz. Und ihre Skepsis gegenüber jedweder Obrigkeit. Anfangs fragte ich mich, ob das nur eine Pose sei, aber nach und nach begriff ich: Das war echt. Und tief verankert. Man soll sich ja hüten, Klischees zu viel Bedeutung beizumessen, aber nachdem ich in der Regionalhistorie geschmökert hatte, verfestigte sich der Eindruck: In Sachsen ist es keine Schwäche, gegen etwas zu sein – sondern ein Zeichen von Stärke. Und besonders gern ist man gegen alles, was von oben kommt. Nicht umsonst begann die friedliche Revolution gegen die DDR-Diktatur in Sachsen. Bis heute lebt die Tradition der Aufmüpfigkeit in vielen Köpfen fort, sie hat brillante Denker, pulsierende Kulturszenen und mutige Bauprojekte hervorgebracht.

Zugleich hat sie bei manchen Zeitgenossen zu einer bestürzenden Ignoranz geführt – und einem tumben Brass auf die demokratischen Institutionen. Nicht von ungefähr entstand Pegida in Sachsen. Auch der dortige Erfolg der AfD lässt sich zum Teil mit dieser Geisteshaltung erklären: Die Bundesregierung wird von erschreckend vielen Leuten als ähnlich illegitim wie das SED-Regime angesehen – und die AfD als einzige Kraft, die es denen da oben mal richtig zeige. Dabei ist die Mentalität oft wichtiger als der Inhalt. Hätte Deutschland eine AfD-geführte Bundesregierung, würden dieselben Leute, die heute den sogenannten "Alternativen" hinterherlaufen, stattdessen wohl einer anderen Protestpartei applaudieren. Es geht ums Dagegensein und um die Selbstbehauptung.

Dafür braucht es einen Popanz. Und der besteht in diesem Jahr eben nicht aus der Flüchtlingspolitik oder dem Euro, sondern aus den Masken. Und dem Abstand. Und den Desinfektionsmitteln. Und dem Lockdown. Und dem ganzen Rest der anmaßenden Regeln, die das Regime in Berlin sich ausgedacht hat, weil es eben so anmaßend ist: Diese Ansicht hört man in Sachsen nicht nur gelegentlich, sondern ziemlich oft. Beileibe nicht von allen, klar, auch dort lebt eine Mehrheit vernunftbegabter, einsichtiger und rücksichtsvoller Bürger. Aber die Vehemenz, mit der die Einhaltung der Corona-Regeln verweigert wird, ist in Sachsen besonders ausgeprägt.

Das hat Folgen. Mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 415 liegt Sachsen weit vor allen anderen Bundesländern.Die Totenzahlen steigen, in einer Klinik in der Oberlausitz stehen Ärzte vor dem Dilemma der Triage. Die Lage ist außer Kontrolle geraten, und das liegt nicht nur am Grenzverkehr mit Tschechien oder an der ältesten Bevölkerung ganz Deutschlands. Ministerpräsident Michael Kretschmer hat den Grund freimütig genannt: nämlich, "dass die Sächsinnen und Sachsen die Maßnahmen, die wir hier vorschreiben, nicht so verinnerlicht haben, wie man das tun muss, wenn man in solch einer pandemischen Lage ist". Das ist sie, die Skepsis gegen die Obrigkeit – und bei vielen ist es leider auch die Ignoranz, die durch Facebook-Märchen von Bill Gates‘ Weltverschwörung genährt wird. Ein gerauntes "Is so, hab ich im Internet gelesen" ersetzt in vielen Gesprächen Logik und Vernunft. Der Gegenwurm gedeiht auf dem Acker der Selbstgefälligkeit. So kommt es zum absurden "Merkel-Diktatur"-Gerede, der Verteufelung des Impfens und den Horrorgeschichten von ersticken Maskenträgern. Alles täglich in Facebook-Gruppen und Telegram-Chats nachzulesen. Nicht überall in Sachsen fallen diese Giftkörner auf fruchtbaren Boden, aber vielerorts.

So, und falls Sie, liebe Leserin und lieber Leser, zufällig aus Sachsen kommen, dann verzeihen Sie mir bitte meine Bemerkungen und schenken Sie meiner Beteuerung Glauben: Ich bin ein großer Freund dieses schönen Bundeslandes und seiner liebenswürdigen Bewohner. Aber manche von ihnen dürfen in ihren Köpfen gerne mal ein bisschen aufräumen. Und einfach anerkennen: Nicht alles, was von oben kommt, ist schlecht. Im Gegenteil, in einer Jahrhundertpandemie kann es sogar ziemlich hilfreich sein.


Kremlchef Putin hielt vor Journalisten Hof.
Kremlchef Putin hielt vor Journalisten Hof. (Quelle: Aleksey Nikolskyi/Kremlin Pool/Planet Pix via ZUMA Wire/dpa-bilder)

Wladimir Putin ist eine schillernde Gestalt. Rund um die Welt löst er Reaktionen aus, aber die Gründe könnten nicht unterschiedlicher sein. Fällt sein Name in den USA, ist von digitaler Unterwanderung die Rede, von Wahlmanipulation und dubiosen Deals mit Trump. Den Briten kommen radioaktive Cocktails und vergiftete Exilanten in den Sinn – Gedanken, die wir in Deutschland seit dem Fall Nawalny gut nachvollziehen können. Genauso gut könnten wir aber an den energiegeladenen Geschäftspartner denken, mit dem wir gemeinsam Pipelines in der Ostsee verbuddeln und damit die Amis ärgern. Auch eine Exekution am helllichten Tag im Berliner Tiergarten könnte uns zu Putin einfallen oder das Netzwerk zwielichtiger Medienfirmen, dass die Bundesbürger aufwiegeln soll.

Anderswo geht es weniger subtil zu. Den Libyern drängt sich beim Anblick Putins eher das Bild russischer Söldner auf. Die Syrer kennen das ebenfalls und addieren Kampfjets, Hubschrauber und Bomben hinzu. In der Türkei beschwört Putins Konterfei zwiespältige Gefühle herauf: einerseits der Gegner auf Arabiens Schlachtfeldern, andererseits der Verbündete, der zum Entsetzen der Nato-Partner Waffentechnik an Ankara liefert. In Belarus: Putin als graue Eminenz hinter dem Unterdrücker Lukaschenko. In Armenien: Putin als treuloser Verbündeter, der den Ansturm feindlicher Soldaten auf Bergkarabach erst mit einem Gähnen quittierte, dann ein bisschen mit dem Aggressor Aserbaidschan parlierte und am Ende durch seine Friedenstruppen trotzdem alle Fäden in der Hand behielt.

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Die Liste ließe sich fortführen. Sie würde nach Venezuela führen, in die Zentralafrikanische Republik, in die Ukraine und in den Sudan. Das Bild, das sich dabei herausschält, ist nicht sympathisch, aber stark: Rund um den Globus zieht Putin die Fäden und lauert auf Fehler seiner Gegner wie die Spinne im Netz. Ein meisterhafter Manipulator, der seiner Herkunft aus dem KGB alle Ehre macht. Dichtung und Wahrheit, wildes Gerücht oder Insiderinfo: kaum noch zu unterscheiden, je näher man an die Person Putin heranrückt. Ist er schwer krank, zieht das Bein nach und hat Parkinson, leidet er an Krebs? Oder ist er immer noch topfit und ganz der Alte? Ist Putin ausgebrannt oder gar depressiv? Wird er von seiner Umgebung zum Weitermachen gedrängt, gefangen in seinem eigenen Mafiasystem? Nichts von alledem? Wie Spekulatius werden die Mutmaßungen herumgereicht, viel wird geredet, nichts bewiesen. Nicht einmal, wo sein Kreml-Schreibtisch wirklich steht, wissen wir so ganz genau. Eigentlich im Kreml. Vielleicht aber auch am Schwarzen Meer, in seiner Ausweichresidenz in Sotschi, wo sein Büro detailgenau nachgebaut worden sein soll, weshalb man nie weiß, woher die TV-Bilder des arbeitenden Präsidenten wirklich stammen.

Gestern hat sich der Putinsche Strom aus Fakten, Behauptungen und Lügen zum reißenden Fluss beschleunigt, wie immer, wenn der Präsident das Podium seiner alljährlichen Pressekonferenz betritt. Diesmal per Video, na klar, Corona. Die Zeiten sind auch für Russland schwer, aber niemand auf der großen weiten Welt hat sich besser geschlagen – ja, ja, ist klar. Ob Putin daran denke, irgendwann abzutreten? Sehen wir später, sprach der Chef. Und der Anschlag auf Nawalny? Eine Erfindung der amerikanischen Geheimdienste, na logo: "Man muss ihn doch nicht gleich vergiften, wen interessiert der schon. Wenn wir ihn hätten vergiften wollen, dann hätten wir das auch zu Ende gebracht." Putin lacht. Immerhin dabei klärt sich mal was: Er ist doch noch ganz der Alte.


WAS STEHT AN?

Was kann Deutschland tun, um den Frieden in der Welt zu fördern, die Folgen der Corona-Pandemie, des Hungers und der Klimakrise zu lindern? António Guterres kann dazu sicher einiges sagen. Heute Morgen hält der UN-Generalsekretär eine Rede im Bundestag. Wir sollten gut zuhören.

Gesundheitsminister Jens Spahn unterschreibt die Impfverordnung. Damit steht dann fest, wer sich wann seine Spritze geben lassen darf. Offenbar soll es nur drei statt sechs gestaffelte Gruppen geben.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will zum Ende des Corona-Jahres ein Zeichen des Zusammenhalts setzen. Deshalb hat er drei Abende lang Botschaften von Bürgern an die Fassade seines Amtssitzes projizieren lassen. Das Ergebnis ist eindrucksvoll.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vor dem illuminierten Schloss Bellevue.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vor dem illuminierten Schloss Bellevue. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa-bilder)
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WAS AMÜSIERT MICH?

Der bringt es mal wieder auf den Punkt, der liebe Mario Lars:

(Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen eine gefestigte Persönlichkeit und einen entspannten Freitag. Morgen erscheint der letzte Tagesanbruch dieses Jahres, mein Kollege Marc Krüger und ich schauen auf die Hoch- und Tiefpunkte der vergangenen Monate zurück. Anschließend gönnen wir Ihnen und uns eine Verschnaufpause bis zum 6. Januar.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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