Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Das ist entsetzlich

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 10.12.2021Lesedauer: 6 Min.
Afghanistan leidet unter einer der schwersten D├╝rren der vergangenen Jahrzehnte.
Afghanistan leidet unter einer der schwersten D├╝rren der vergangenen Jahrzehnte. (Quelle: Julian Frank/WFP/dpa-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

die ├Âffentliche Aufmerksamkeit richtet sich meistens dorthin, wo das Scheinwerferlicht hinf├Ąllt. In diesen Tagen f├Ąllt das Licht auf die neue Bundesregierung, auf den neuen Kanzler und auf seine Minister. Es beleuchtet au├čerdem die Krise zwischen Russland und der Ukraine und nat├╝rlich auch die gro├čen und kleinen Aufreger rund um Gestalten wie Joshua Kimmich, Alice Weidel und Jennifer Lawrence. Auf den gr├Â├čten Aufreger f├Ąllt das Licht leider nicht. Dabei ist diese Krise so gewaltig und so unfassbar tragisch, dass wir von morgens bis abends von nichts anderem mehr reden sollten.

Loading...
Symbolbild f├╝r eingebettete Inhalte

Embed

Afghanistan war ja in aller Munde, vier Monate ist das jetzt her. Damals sahen wir live dabei zu, wie die Taliban Kabul ├╝berrannten, wie sich die amerikanischen, britischen und deutschen Soldaten Hals ├╝ber Kopf aus dem Staub machten, wie Zigtausende verzweifelte Afghanen den Flughafen st├╝rmten, um einen Platz in den letzten Maschinen zu ergattern. Wir sahen ├╝berforderte deutsche Minister, und wir Journalisten schrieben damals, das alles sei ein Desaster. Dann kamen der Bundestagswahlkampf und die vierte Corona-Welle, und Afghanistan tauchte in den Nachrichten nur noch unter ferner liefen auf.

Diese Gewichtung ist falsch, denn die Lage vor Ort hat sich seit dem Sommer dramatisch versch├Ąrft. G├Ąbe es eine Steigerungsform f├╝r das Wort Desaster, hier br├Ąuchten wir sie. Das Land am Hindukusch hat sich binnen weniger Monate in die H├Âlle auf Erden verwandelt. Wo schon vor einem Jahr bittere Armut herrschte, ist brutalste Pein eingezogen. Denn mit den internationalen Truppen verlie├čen auch die Hilfsgelder den Krisenstaat. Die USA haben die Konten der Kabuler Regierung eingefroren und blockieren ebenso wie die Europ├Ąer die wenigen Finanzwege in das Land. Die Banken haben deshalb kein Geld mehr, Millionen Familienv├Ąter haben ihre Jobs verloren, und die neuen Herrscher verbieten Frauen die Arbeit in fast allen Berufen.

Die Folgen dieser finanziellen Austrocknung sind furchtbar. W├Ąhrend Sie diesen Text hier lesen, leiden 23 Millionen Afghanen Hunger, darunter 14 Millionen Kinder. Vertreter der wenigen verbliebenen Hilfsorganisationen sprechen von der "sich am schnellsten entwickelnden Hungersnot der Welt". Ich wollte genauer wissen, was sich hinter diesem Satz verbirgt und habe deshalb mit Sam Mort gesprochen. Die 49-j├Ąhrige Schottin arbeitet seit einem Jahr f├╝r das Kinderhilfswerk Unicef in Kabul und ist soeben von einer Rundreise durch die afghanischen Provinzen in die Hauptstadt zur├╝ckgekehrt. Folgendes hat sie mir berichtet:

Die Helferin Sam Mort in einem Kinderkrankenhaus in Kabul.
Die Helferin Sam Mort in einem Kinderkrankenhaus in Kabul. (Quelle: Unicef)

"Afghanistan war ja schon immer ein armes Land, aber was wir hier jetzt erleben, ist unfassbar. D├╝rren haben die Ernten vernichtet. Krankheiten wie Polio, die Nesseln und nat├╝rlich Covid w├╝ten. Viele Menschen sind vor K├Ąmpfen oder den Taliban in einen anderen Ort geflohen. Und nun bricht wegen der fehlenden ausl├Ąndischen Gelder die Wirtschaft zusammen. Die Menschen haben nichts mehr zu essen, und am schlimmsten trifft es die Kinder. Soeben war ich in einem Kinderkrankenhaus in Herat. Die Stille dort ist entsetzlich: kein Weinen, kein Wimmern, kein Klagen. Daf├╝r sind die Kinder l├Ąngst zu schwach. Sie hocken oder liegen apathisch herum und brauchen ihre letzte Kraft f├╝rs Atmen. So wie die kleine Parwana. Mit ihren vier Jahren wiegt sie gerade mal noch neuneinhalb Kilogramm, das Doppelte sollte es sein. Ihr Gesicht sieht aus wie das einer alten Frau. Ihre Oberarme sind d├╝nn wie Zweige. Das Haar f├Ąllt ihr aus. Sie konnte nicht einmal mehr ihre H├Ąnde heben. Tagelang haben wir sie mit Erdnusspaste aufgep├Ąppelt."

Die vierj├Ąhrige Parwana ist stark unterern├Ąhrt. Nach der Behandlung ist sie nun wieder zu Hause.
Die vierj├Ąhrige Parwana ist stark unterern├Ąhrt. Nach der Behandlung ist sie nun wieder zu Hause. (Quelle: Unicef)

50 Cent kostet so ein P├Ąckchen Erdnusspaste, ein hungerndes Kind braucht t├Ąglich vier Rationen. Zwei Euro: So klein ist der Unterschied zwischen Leben und Tod. Tausendfach, massenhaft. Denn auch diese Nothilfe kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern muss bezahlt und an den Hindukusch geliefert werden ÔÇô und wenn die amerikanische, die deutsche und die anderen westlichen Regierungen das Land aushungern, droht Kindern wie der kleinen Parwana der Tod.

Nat├╝rlich ist es ein Dilemma: Man will die Taliban, die Andersdenkende massakrieren und Frauen unterdr├╝cken, nicht unterst├╝tzen. Und die Taliban haben nun eben die Macht in Afghanistan. Aber wenn die Folgen der internationalen Isolierung vor allem unschuldige Zivilisten treffen, ist das keine Au├čenpolitik, sondern ein Verbrechen. "Ich w├╝nschte, die Regierungschefs aus Europa und Amerika w├╝rden hierherkommen und sich mit eigenen Augen anschauen, was sie anrichten", sagt Sam Mort. "Es ist unmenschlich. Die Afghanen brauchen Hilfe. Sofort!"

Verzeihen Sie mir bitte, dass ich Sie heute Morgen mit diesem d├╝steren Thema behellige, aber ich konnte nicht anders. Als ich die Geschichte der kleinen Parwana h├Ârte, als ich im Videogespr├Ąch die Tr├Ąnen in den Augen der Entwicklungshelferin Sam Mort sah, da entschloss ich mich, nicht nur diese Zeilen aufzuschreiben, sondern Ihnen auch noch zu sagen, wie Sie helfen k├Ânnen, falls Sie in der Vorweihnachtszeit ein paar Euro ├╝brig haben. Denn gl├╝cklicherweise gibt es noch ein paar Helfer vor Ort. Organisationen wie Unicef haben das deutsche Spendensiegel und garantieren, dass der Gro├čteil jeder Spende bei den Notleidenden ankommt: Von 100 Euro flie├čen 81,48 Euro an die Bed├╝rftigen (der Rest wird f├╝r Verwaltung, ├ľffentlichkeitsarbeit und die Kinderrechtsarbeit in Deutschland verwendet). Die Entscheidung liegt also bei Ihnen. Helfen k├Ânnen Sie hier oder hier oder hier.

(Quelle: Heike A├čmann)

Die Rechte der Kinder

Hierzulande herrscht keine Hungersnot, aber auch bei uns brauchen Kinder Unterst├╝tzung. Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke B├╝denbender erinnern heute mit einer Veranstaltung im Schloss Bellevue daran und diskutieren mit zw├Âlf Jugendlichen die Frage: "Wie wollen wir leben?" Es geht vor allem um pers├Ânliche Erlebnisse w├Ąhrend der Corona-Krise und die Folgen der Klimakrise. "Die jungen Menschen haben in der Pandemie enorme Solidarit├Ąt gezeigt mit den ├älteren, Kranken und besonders Gef├Ąhrdeten", hat Steinmeier vor einigen Monaten gesagt. "Jetzt ist es umgekehrt an uns, den ├älteren, Solidarit├Ąt mit den Jungen zu zeigen."

Loading...
Loading...
Loading...
Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

Erhalten Sie jeden Morgen einen ├ťberblick ├╝ber die Themen des Tages als Newsletter.


Ein Bock als G├Ąrtner

Dass die AfD im neuen Bundestag die Leitung von Aussch├╝ssen ├╝bernimmt, ist unvermeidlich. Die 25 Vorsitzendenposten werden in mehreren Runden nach Fraktionsst├Ąrke verteilt, und da sind als zweitgr├Â├čte Oppositionspartei eben auch irgendwann die ganz Rechten dran. Nicht unvermeidlich w├Ąre hingegen gewesen, was sich SPD, CDU/CSU, Gr├╝ne und FDP mit ihrer Auswahl eingebrockt haben: Weil die SPD zun├Ąchst die Au├čenpolitik beanspruchte und die CDU den Haushalt, weil die Gr├╝nen ihrem Doch-nicht-Landwirtschaftsminister Anton Hofreiter den Europaausschuss zuschanzen wollten und die FDP ihre verhinderte Ministerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann mit der Verteidigung tr├Âsten wollte, konnte sich die AfD ins F├Ąustchen lachen und in der ersten Zugriffsrunde den wichtigen Innenausschuss schnappen.

Seither ist das Entsetzen gro├č, und zwar zu Recht: Schlie├člich handelt es sich um den Ausschuss, der sich mit Verfassungsschutz und Rechtsextremismus auseinandersetzt. Dessen Sitzungen soll nun ein Abgeordneter jener Partei leiten, die systematisch versucht, demokratische Strukturen zu zersetzen? Die zur H├Ąlfte selbst vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft wird? Da f├Ąllt einem schnell das Bild vom Bock als G├Ąrtner ein. Heute will die AfD entscheiden, wen sie f├╝r den Ausschussvorsitz nominiert. Als Kandidat gilt Gottfried Curio, der schon mal vom "entarteten Doppelpass" sprach. Nicht zu fassen.


Lernen trotz Corona

Britta Ernst verteidigt die Rechte von Kindern.
Britta Ernst verteidigt die Rechte von Kindern. (Quelle: J├Ârg Carstensen/dpa-bilder)

Was Diskretion angeht, ist Britta Ernst durchaus mit Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer zu vergleichen: Die Gattin von Olaf Scholz, geb├╝rtige Hamburgerin, gibt sich gern norddeutsch zur├╝ckhaltend, pragmatisch und unaufgeregt, ├Ąu├čert sich nicht zu den Ambitionen ihres Mannes und zu ihrem Privatleben schon gar nicht. Einen entscheidenden Unterschied zum Quantenchemiker Sauer allerdings gibt es: Die Diplom-Volkswirtin ist selbst Politikerin und amtiert als Bildungsministerin von Brandenburg. Weil sie als solche derzeit auch Pr├Ąsidentin der Kultusministerkonferenz ist, tritt Frau Ernst heute doch mal vor die Presse: Da stellt sie vor, was die Ressortchefs der L├Ąnder zum Thema Lernen in der Corona-Pandemie beschlossen haben. Ihre Nachfolgerin ab dem kommenden Jahr, die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien, sprach sich gestern schon mal gegen verl├Ąngerte Weihnachtsferien und f├╝r niedrigschwellige Impfangebote aus.


Was lesen?

Friedrich Merz will endlich CDU-Chef werden ÔÇô und attackiert die Ampelkoalition. Was er von deren Migrationspolitik h├Ąlt, hat er unseren Reportern Sven B├Âll und Sebastian Sp├Ąth erz├Ąhlt.

Mehr aus dem Ressort
G7-L├Ąnder bekennen sich erstmals zum Kohleausstieg
Robert Habeck (r, B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen), Bundesminister f├╝r Wirtschaft und Klimaschutz, und John Kerry, Sondergesandter des US-Pr├Ąsidenten f├╝r Klima: Die G7 wollen aus dem Kohlestrom aussteigen.



Der Mehrfachmord nahe Berlin sorgt f├╝r Entsetzen ÔÇô Hintergrund soll ein gef├Ąlschtes Impfzertifikat sein. Unsere Kollegen von "Watson.de" haben sich von einem Experten die Radikalisierung der Impfgegner erkl├Ąren lassen.


Alice Weidel hantierte in einem Corona-Interview mit falschen Zahlen ÔÇô und wurde vom Statistischen Bundesamt entlarvt: Was hinter den Aussagen der AfD-Politikerin stecken k├Ânnte, analysiert unsere Kolumnistin Nicole Diekmann.


(Quelle: Ann Ronan Picture Library/imago-images-bilder)

Ihren gr├Â├čten Skandal verursachten die britischen Royals im Jahr 1937. Was damals geschah, lesen Sie zu unserem Historischen Bild.


Nach seiner Corona-Erkrankung hat der ungeimpfte Fu├čballprofi Joshua Kimmich gravierende Lungenprobleme. Unser Sportchef Robert Hiersemann sagt, was dazu zu sagen ist.


Was am├╝siert mich?

Frau Baerbock ist jetzt viel unterwegs.

(Quelle: Mario Lars)

Ich w├╝nsche Ihnen einen ereignisreichen Tag. Morgen erhalten alle Abonnenten den Tagesanbruch mit unserem ausf├╝hrlichen Wochenend-Podcast. Am Montag schreibt Johannes Bebermeier f├╝r Sie, von mir lesen Sie am Dienstag wieder.

Herzliche Gr├╝├če,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den t├Ąglichen Tagesanbruch-Newsletter k├Ânnen Sie hier kostenlos abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.

Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Peter Schink
Von Peter Schink
AfDAfghanistanAlice WeidelBankBritta ErnstBundesregierungBundestagCDUFDPFrank-Walter SteinmeierJoshua KimmichKabulRusslandSPDTalibanUSAUkraine
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website