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Ai Weiwei: "In China werden die deutschen Politiker gründlich ausgelacht"


Starkünstler Ai Weiwei
"In China werden die deutschen Politiker gründlich ausgelacht"

InterviewVon Marc von Lüpke

Aktualisiert am 12.12.2021Lesedauer: 8 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

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Angela Merkel und Chinas Staatspräsident Xi Jinping: Deutsche Politiker werden in Peking nicht ernst genommen, mahnt Künstler Ai Weiwei.Vergrößern des Bildes
Angela Merkel und Chinas Staatspräsident Xi Jinping: Deutsche Politiker werden in Peking nicht ernst genommen, mahnt Künstler Ai Weiwei. (Quelle: Michael Kappeler/dpa-bilder)

Deutschlands Politiker pilgern gern nach China – aber werden sie dort respektiert? Eher nicht, sagt Ai Weiwei. Im Gespräch erklärt Chinas berühmtester Künstler, was er an den Deutschen mag. Und was nicht.

Ai Weiwei ist ein Mann klarer Worte. Diese bekamen auch die Deutschen zu hören, als der weltberühmte Künstler 2019 seinen Wohnort von Berlin nach Großbritannien verlegte. Zu autoritätshörig seien die Deutschen, so ein Vorwurf. Im Gespräch mit t-online erklärt Ai Weiwei, was er an unserem Land schätzt. Und was wiederum nicht. Da wäre etwa die ausgeprägte Doppelmoral der Deutschen, wie der Künstler feststellt. Diese sorge auch dafür, dass deutsche Politiker in China immer wieder Ziele von Spott würden.

Aber noch viel mehr hat Ai Weiwei zu erzählen, vor allem über seinen eigenen Lebensweg. Und den seines Vaters, der einst für Jahrzehnte von den Kommunisten verbannt wurde. Ein Gespräch über Scheinheiligkeit, warum ein Krieg zwischen China und den USA recht unwahrscheinlich ist und Internetkonzerne, die unsere Gesellschaft bedrohen.

t-online: Ai Weiwei, Sie sollen es leid sein, immer nur über China zu sprechen. Unterhalten wir uns daher erst einmal über Deutschland: Lässt sich Ihre Beziehung zu unserem Land am besten als eine Art Hassliebe bezeichnen?

Ai Weiwei: Ich hasse Deutschland überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es gibt viele Dinge, die ich an Deutschland überaus schätze. Zugegeben, einige mag ich in der Tat eher weniger.

Dann sprechen wir doch erst einmal über das Positive. Was mögen Sie an Deutschland? Immerhin haben Sie mehrere Jahre hier gelebt.

Ihr Deutsche seid überaus rational. Und denkt und sprecht tiefsinniger über die Welt und ihre Probleme, als es andere tun. Betrachten wir die globalisierte Welt doch einmal mit offenen Augen: Alles wird oberflächlicher, immer weniger Dinge haben echte Substanz. Möglicherweise fühlen sich viele Deutsche mit ihrem Sinn für Rationalität angesichts dieser Entwicklung etwas verloren.

Wenn man das derzeitige Corona-Chaos in der deutschen Politik und Gesellschaft bedenkt, würde vielen Menschen nicht unbedingt das Wort Rationalität einfallen.

Vielleicht seid ihr Deutsche bisweilen auch einfach zu rational. Aber im Ernst: Mir gefällt sehr an Deutschland, dass die Menschen so hart arbeiten. Jede Generation muss hart arbeiten, denn das ist gut für Körper und Geist. Egal, ob jemand reich oder arm ist.

Ai Weiwei, 1957 in Peking geboren, ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. 2007 wurde er durch seine Beteiligung an der "Documenta 12" international bekannt. Ai Weiwei setzt sich seit langer Zeit für Menschenrechte ein und ist vehementer Kritiker der Kommunistischen Partei Chinas. Ab 2015 lebte er einige Jahre in Deutschland. Kürzlich erschien Ai Weiweis Buch "1000 Jahre Freud und Leid. Erinnerungen".

Was kritisieren Sie aber an unserem Land? Immerhin haben Sie Berlin 2019 in Richtung Großbritannien verlassen, heute leben Sie in Portugal.

Deutsche haben bisweilen den Hang, sich widerspruchlos den staatlichen Autoritäten zu unterwerfen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Deutschland will von der ganzen Welt geliebt werden. Nehmen wir Angela Merkel als Beispiel. Sie hat China sehr oft besucht, aber nicht ein einziges Mal ernst zu nehmende Kritik an der kommunistischen Führung geübt. Aber eines kann ich versprechen: Peking wird Deutschlands Liebe niemals erwidern. Im Gegenteil, in China werden die deutschen Politiker gründlich ausgelacht.

Das sind harte Worte.

Trotzdem sind sie wahr. Denn die chinesischen Kommunisten beobachten ganz genau, dass die Deutschen der ganzen Welt Demokratie und Menschenrechte predigen. Nur um dann Waffen in Regionen zu verkaufen, wo sie ganz sicher nicht hingehören. Warum bitte soll dann jemand Deutschland und die Europäer ernst nehmen angesichts dieser Doppelmoral?

Was ist denn mit den USA als ältester Demokratie der Welt und westlicher Führungsmacht?

In den USA geben mittlerweile die großen Unternehmen den Ton an. Und die scheren sich nicht um moralische Werte, sondern nur um Profit. Wenn die USA tatsächlich einmal von Menschenrechten sprechen, sind es lediglich leere Worte.

Sie haben vor Jahrzehnten selbst viele Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt. Hätten Sie einen Präsidenten Donald Trump jemals für möglich gehalten?

Meiner Erfahrung nach ist kaum etwas undenkbar. Donald Trumps Präsidentschaft war allerdings nur möglich, weil ihm sein Vorgänger Barack Obama eine offene Flanke hinterlassen hat. Das sollten wir nicht außer Acht lassen.

Einerlei, ob Barack Obama, Donald Trump oder Joe Biden die USA regieren: Die Spannungen mit ihrem Heimatland China sind enorm. Könnte es eines Tages zum bewaffneten Konflikt kommen?

Ich glaube, das Konfliktpotenzial ist in den Köpfen wesentlich größer als in der Realität. Niemand kann es sich wirtschaftlich leisten, China zu verlieren. Nicht die Amerikaner, nicht die Europäer. Und das gilt umgekehrt genauso. Der Streitfall Taiwan oder das immer wieder beklagte Handelsdefizit sind angesichts dessen weniger wichtig. Und selbst wenn es zum Konflikt käme: China kann viel länger leiden als die USA.

Xi Jinping wird China aller Wahrscheinlichkeit nach noch viele Jahre regieren. Was für eine Art Politiker ist er überhaupt?

Mein Wissen über die innersten Kreise der Macht innerhalb der Kommunistischen Partei ist relativ begrenzt. Mein Vater Ai Qing hat allerdings den Vater von Xi Jinping einmal kennengelernt. Dieser Xi Zhongxun genoss einst einen legendären Ruf als vernünftigster Politiker der gesamten Kommunistischen Partei. Ich interessiere mich aber auch gar nicht so sehr für Xi Jinping, sondern eher für das System, das solche Menschen wie ihn produziert. Diese ganzen aufstrebenden Parteifunktionäre haben zu großen Teilen den gleichen Bildungshintergrund, sie sind im Prinzip jeweils Kopien voneinander.

Welches Ziel verfolgt Xi Jinping aber für China? Die Volksarmee rüstet immer weiter auf, die Drohungen gegen Taiwan brechen nicht ab.

Das ist so, als wenn Sie einen Schachspieler fragen, welche Strategie er verfolgt ...

... er wird es nicht verraten.

Genau. Xi Jinping will die Macht behalten – möglichst auch ausbauen. In diesem Jahr hat die Kommunistische Partei ihren 100. Geburtstag gefeiert, nun bereitet sie sich auf die nächsten 100 Jahre vor. Das ist eine sehr klare Vision. Wie sie es umzusetzen versucht, werden wir erleben.

Werden die Kommunisten dieses Ziel erreichen?

Die Ausgangsbedingungen sind jedenfalls nicht schlecht. China kennt in seiner Geschichte keine Redefreiheit, keinen Rechtsstaat und keine Demokratie. Jemand wie ich kann in China deshalb gar nicht existieren.

Das mussten Sie allerdings für eine lange Zeit. Gerade haben Sie mit dem Buch "1000 Jahre Freud und Leid" Ihre Erinnerungen veröffentlicht. Eindrücklich schildern Sie Ihre Kindheit, in der Sie in einem Erdloch leben mussten.

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Ich erinnere mich sehr gut an diese Zeit. Es war schrecklich. Wir hatten zu wenig zu essen, Hitze und Kälte quälten uns. Das Schreiben des Buches war deshalb sehr intensiv für mich.

Die Lebensumstände, die Sie beschreiben, waren Teil einer Bestrafung: Die Kommunistische Partei hatte Ihren Vater, den Maler und Poeten Ai Qing, als "Rechtsabweichler" in die Provinz verbannt.

Mein Vater war nicht nur verbannt worden, die Partei versuchte, seine Seele zu zermalmen. Ai Qing wurde jahrelang beleidigt und gedemütigt, er musste Toiletten reinigen. Wenn man überhaupt von Toiletten sprechen kann.

Was bedeutet Ihr Vater heute für Sie? Hat seine Geschichte Ihren Lebensweg beeinflusst?

Mein Vater wäre nicht unbedingt stolz auf mich. Aber ich glaube, er würde meine Art der Rationalität respektieren.

Auch dass Sie zu einem der bekanntesten chinesischen Dissidenten avancierten?

Aber ich bin doch gar kein Dissident.

Wie bitte?

Die Machthaber in Peking sind die eigentlichen Dissidenten. Einfach, weil sie sich gegen die verbindlichen Werte der Menschenrechte stellen.

Das werden die Kommunisten sicherlich anders sehen. Aber sprechen wir einmal darüber, wie Sie überhaupt zum Gegner der Machthaber geworden sind. Das Internet spielte dabei eine besondere Rolle.

Eigentlich war Papier für mich immer ein sehr wichtiges Medium. Dann stand plötzlich einmal ein Computer vor mir. Ich war erst skeptisch, dann lernte ich, darauf zu schreiben. 2005 habe ich dann den ersten Post in meinen Blog abgeschickt. Es war ein großartiger Augenblick. Dieser Satz war mein Leitmotiv: "Um sich zu äußern, braucht man einen Grund, aber sich zu äußern, ist der Grund."

Sie nutzten das Internet als Medium der freien Meinungsäußerung in einer mehr oder weniger lückenlos überwachten Gesellschaft.

Ich saß teilweise bis zu 24 Stunden vor dem Bildschirm, mein Blog wurde zu einem Forum der Redefreiheit. Allerdings war ich nicht nur im digitalen Raum unterwegs.

Sie meinen Ihre Recherchen zum großen Erdbeben in Sichuan von 2008? Vor allem zu den vielen Kindern, die während der Katstrophe in Schulen umgekommen waren, die nicht sicher genug gebaut worden waren?

Genau. Es war mir wichtig, die Behörden nicht einfach so davonkommen zu lassen. Ich erhielt dann von ein paar Wache schiebenden Männern einen Schlag auf den Kopf. Das war in Chengdu. Später musste ich mich in München deswegen operieren lassen. Sonst wäre ich an den Folgen des Schlages damals wahrscheinlich umgekommen.

Die chinesischen Behörden waren aber noch nicht fertig mit Ihnen. 2011 wurden Sie von der Staatsmacht abgeführt und mehr als 80 Tage eingesperrt.

Ein derartiges Verhalten demonstriert doch vor allem, wie unsicher Herrscher sind. Freie Meinungsäußerung macht sie nervös. Aber es war eine schreckliche Zeit, ich fühlte mich wie ein gefangenes Tier. Andererseits war die Erfahrung auch sehr lehrreich.

Warum?

Ich wurde damals in einem Auto weggebracht, eine Kapuze mit dem Schriftzug "Verdächtiger" über den Kopf gezogen. Dabei waren ein paar "Pandas", wie die Männer der Staatsicherheit in China auch genannt werden. In der Haft und bei den Verhören merkte ich dann, wie inhaltsleer die gesamte Ideologie ist. Alle, Bürokraten, Polizisten, Politiker, geben vor, daran zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist es nur Fassade.

Bietet diese Erkenntnis nicht Hoffnung? Wie lassen sich Freiheit und Demokratie in der Welt heute überhaupt wieder stärken?

Gerade der Westen sollte erst einmal seine Hausaufgaben machen. Der Umgang mit Julian Assange wäre ein weiteres Beispiel für die westliche Doppelmoral.

Der viel kritisierte Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks befindet sich in britischer Haft, ihm droht aktuell nun die Auslieferung an die USA.

Ja. Aber verdient Assange nicht in jeder Hinsicht, dass man sich für ihn einsetzt? Immerhin trat er wie wenige andere für die Meinungsfreiheit ein. Und dieses Thema geht uns doch wohl alle an. Egal ob Deutscher oder Brite, Amerikaner oder Chinese.

Assange nutzt als Medium den digitalen Raum, genau wie Sie einst. Heute kontrollieren scheinbar allmächtige Konzerne wie Google oder Facebook das Internet. Was halten Sie davon?

Facebook ist von Grund auf böse, Facebook interessiert sich nur für Geld, Geld, Geld. Die Menschen, die dort arbeiten, haben die grundlegenden Werte der Menschlichkeit nicht verstanden.

Nun ist die Menschheit immer noch mit der Eindämmung des Coronavirus beschäftigt, während der Klimawandel immer weiter voranschreitet. Wird die Menschheit diese Aufgabe meistern?

Die Klimakrise ist eine verzwickte Sache. Denn nicht die Regierungen allein können die Welt retten, sondern jeder einzelne Mensch muss dazu beitragen. Vielleicht wäre es sogar besser, wenn die Menschheit verschwindet. Niemand würde sie vermissen. Der Planet braucht sie nicht. Allein, wenn man bedenkt, wie viele Arten wir Menschen ausgelöscht haben.

Hoffentlich wird es trotzdem nicht derart dramatisch. Aber eine persönliche Frage: Werden Sie in der Zukunft nach China zurückkehren? Trotz der Bedrohung Ihrer Sicherheit?

Ich vermisse China jeden Tag, aber ich trage es in meinem Herzen. Und ja, eines Tages werde ich dorthin zurückkehren. Wenn mein Körper gesund ist, kann ich allen Gefahren für meinen Geist widerstehen.

Ai Weiwei, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Ai Weiwei via Videokonferenz
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