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Paketzusteller unterwegs: "Kritik an der Branche ist oft unfair"

Mit einem Paketzusteller unterwegs  

"Die Kritik an der Branche ist oft unfair"

22.12.2016, 14:33 Uhr | dpa

Paketzusteller unterwegs: "Kritik an der Branche ist oft unfair". DHL-Paketzusteller Hans-Joachim Harnagel: "Der Stress ist halt riesig."  (Quelle: dpa)

DHL-Paketzusteller Hans-Joachim Harnagel: "Der Stress ist halt riesig." (Quelle: dpa)

Über 200 Päckchen am Tag, genervte Kunden und schwere Lieferungen: Für Paketzusteller ist die Weihnachtszeit purer Stress. Auf Tour mit einem Paketboten.

Es ist acht Uhr an einem kalten Vorweihnachtsmorgen. Zusteller Hans-Joachim Harnagel nimmt sein erstes Paket des Tages in die Hand. Mit einem Scanner liest er den Barcode ab, hebt die Lieferung von einer langen Rutsche, die von der Hallendecke fast bis zu seinem Postauto führt, und stellt sie im Wageninneren ab. So beginnt für den Paketboten an der DHL-Zustellbasis in Braunschweig der Arbeitstag. Das Päckchen hat da schon bis dahin einen weiten Weg hinter sich.

"In normalen Zeiten höchstens 200 Pakete"

Noch in der Nacht wurde es im Paketzentrum in Magdeburg in ein Postauto geladen und nach Braunschweig gefahren. Um vier Uhr morgens haben Mitarbeiter den Lastwagen ausgeräumt und das Paket auf ein langes Fließband gelegt. Darauf ging es mit rasender Geschwindigkeit durch einen Scanner, dann durch die ganze Halle, und schließlich die Rutsche hinunter bis an den Platz von Hans-Joachim Harnagel.

Im Sekundentakt kommen weitere Pakete dazu. Harnagel lädt sie nach und nach in den Postwagen. "280 Sendungen sind es heute", sagt der 58-Jährige. "In normalen Zeiten sind es höchstens 200".

Doch die Vorweihnachtszeit ist keine normale Zeit. Bis zu 16.000 Pakete werden an Spitzentagen derzeit in Braunschweig umgeschlagen - fast doppelt so viele wie sonst. "Bundesweit sind es im Moment rund 8,5 Millionen Pakete, die DHL transportiert", schätzt der Leiter der Zustellbasis, Uwe Bergmann. Das seien fast vier Millionen mehr als in ruhigeren Zeiten.

Durch den rasant wachsenden Internethandel steigt die Anzahl der Versendungen jährlich weiter. Die DHL-Konkurrenten DPD und Hermes haben in der Vorweihnachtszeit nach eigenen Angaben bundesweit jeweils mehr als zwei Millionen Pakete täglich ausgeliefert. "Dieser Allzeitrekord steht exemplarisch für das beste Weihnachtsgeschäft der Unternehmensgeschichte", sagt DPD-Sprecher Frank Vergien. "In der Spitze verzeichnet DPD dann rund 50 Prozent mehr Zustellungen als an einem durchschnittlichen Tag des Jahres."

Auslieferungs-Versprechen schwer einzulösen

Für die Zusteller bedeutet das vor allem Stress. "Den Kunden haben wir versprochen, dass alle Bestellungen, die bis zum 22. Dezember eingehen, pünktlich bis Weihnachten ausgeliefert werden", sagt Bergmann von der DHL-Zustellbasis in Braunschweig. 25 zusätzliche Aushilfskräfte wurden deshalb für die Weihnachtstage eingestellt. Auch Paketbote Harnagel hat heute einen Kollegen, der ihm bei der Auslieferung hilft. "Sonst wäre das schlichtweg unmöglich", sagt er.

Trotzdem komme es häufiger vor, dass Kunden sich beschwerten, etwa, weil angeblich nicht geklingelt wurde. "Der Stress ist halt riesig. Aber man kann ja inzwischen auch online angeben, wann man sein Paket haben will."

Harnagel beliefert die Braunschweiger Innenstadt. "Ein Großteil meiner Adressaten sind Geschäfte", erklärt er. Die Pakete dürfen maximal 31,5 Kilogramm wiegen. Nur selten muss Harnagel damit in den fünften Stock eines Mehrfamilienhauses. "Doch auch das kommt vor", sagt er. Vor zwei Jahren hatte er es im Rücken: "Reha, Rückengymnastik, das volle Programm." Noch heute macht er regelmäßig seine Übungen. "In diesem Job musst du auf dich achten."

"In der Branche herrscht jetzt zum Weihnachtsgeschäft in ganz Deutschland ein Riesenpersonalmangel", sagt Thomas Warner. Er ist bei Verdi Niedersachsen/Bremen zuständig für den Bereich Post und Logistik. "Selbst die Zeitarbeit-Firmen haben kaum noch Leute, um den Bedarf zu decken." Für viele Werkvertragsarbeiter bedeute das häufig einen Zehn-Stunden-Tag bei sechs Tagen die Woche.

Prekäre Beschäftigungs-Verhältnisse verbreitet

Immer wieder kritisieren Gewerkschaften die harten Arbeitsbedingungen und die weit verbreitete Praxis der Werkverträge in der Branche. Harnagel ist zwar beim DHL-Mutterkonzern angestellt. "Wir sind aber eine aussterbende Rasse", sagt er. Schon jetzt arbeitet rund die Hälfte der Belegschaft in Braunschweig für die Tochter DHL Delivery - und verdient für die gleiche Arbeit deutlich weniger als Harnagel.

Bei der DPD sind die Bedingungen noch härter. Sämtliche Zusteller sind bei Subunternehmen angestellt. "Die Zustellung übernehmen deutschlandweit etwa 1000 Systempartner, bei denen rund 9000 Zusteller angestellt sind", teilt das Unternehmen mit.

Auch für den Versanddienstleister Hermes arbeitet ein Großteil der Zusteller über Werkverträge. Unter Mindestlohn werde dabei aber kein im Auftrag von Hermes tätiger Fahrer bezahlt, sagt Sprecher Martin Frommhold.

"Die Kritik an der Branche ist oft unfair und findet ohne Berücksichtigung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen statt", meint er. Für die Paketdienste sei es schwierig, für die immer komplexer werdende Paketzustellung auskömmliche Preise zu erzielen.

Harnagel selbst kann die Kritik nachvollziehen. Als Angestellter bei der Mutter schiebt auch er Überstunden. "Sechs Tage die Woche muss ich aber nicht raus." Inzwischen hat er seinen Wagen beladen und seine Tour gestartet. Erster Stopp: Ein Reformhaus in der Innenstadt. Hier übergibt er das Paket vom Morgen an seinen Adressaten. Die Reise der Lieferung ist nun beendet. Harnagels Fahrt geht noch weiter.

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