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Börse: Wirecard fliegt aus Dax – wer wird Nachfolger des "Trümmerhaufens"?

Insolventer Konzern  

Wirecard fliegt aus Dax: Wer wird Nachfolger des "Trümmerhaufens"?

13.08.2020, 19:43 Uhr
Börse: Wirecard fliegt aus Dax – wer wird Nachfolger des "Trümmerhaufens"?. Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München: Der Konzern soll noch im August den Dax verlassen. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München: Der Konzern soll noch im August den Dax verlassen. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Am Mittwochabend verkündete die Deutsche Börse – wenn auch indirekt –, was ohnehin als sicher galt: Der insolvente Wirecard-Konzern soll aus dem Dax fliegen – und zwar noch im August. Doch was heißt das? Und wer kommt für Wirecard?

Vor fast genau zwei Jahren verkündete die Deutsche Börse einen historischen Vollzug: Die teilstaatliche Commerzbank verlässt den Deutschen Aktienindex (Dax). Stattdessen sollte ein innovativer, junger Zahlungsdienstleister aufrücken: Wirecard.

Experten sahen das als Wendepunkt in der deutschen Finanzindustrie, feierten ein Stück Silicon Valley in dem als verstaubt geltenden Dax. Seit Mittwochabend steht fest: Wirecard fliegt nach Handelsschluss am 21. August aus dem Dax, das hat die Deutsche Börse entschieden. Keine zwei Jahre spielte das Unternehmen also in der ersten deutschen Börsenliga.

Doch warum genau der Rauswurf? Welche Bedeutung hat der Dax überhaupt für mich? Und wer folgt nun auf Wirecard? t-online.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum fliegt Wirecard aus dem Dax?

Dass Wirecard aus dem Dax fliegt, war klar. Denn: Fast zwei Milliarden Euro in der Wirecard-Bilanz haben sich als Luftbuchungen entpuppt, der Konzern musste Ende Juni Insolvenz anmelden und gegen mehrere Ex-Vorstände wird ermittelt – wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung und bandenmäßigen Betrugs. Unklar war bislang nur der Zeitpunkt des Abstiegs.

Nach den bisher geltenden Regeln wäre Wirecard eigentlich erst einen Monat später aus dem Index geflogen – wegen der Insolvenz, aber auch wegen des stark eingebrochenen Börsenwerts, auch Marktkapitalisierung genannt.

So fällt die Entscheidung über die Dax-Zusammensetzung
Der sogenannte Arbeitskreis Aktienindizes, der aus Mitgliedern der Deutschen Börse als auch einiger Banken besteht, entscheidet nach zwei Kriterien der Deutschen Börse, dem Börsenwert des Unternehmens und dem Handelsumsatz. 
Der Börsenwert errechnet sich aus der Anzahl der Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs. 
Der Handelsumsatz meint, wie viele Aktien in einem bestimmten Zeitraum gehandelt werden.

Der Aktienkurs brach im Zuge des Bilanzskandals dramatisch ein. Kostete eine Wirecard-Aktie Mitte Juni noch mehr als 100 Euro, war sie eine Woche später nur noch für etwa drei Euro zu haben. Mittlerweile dümpelt sie bei rund 1,60 Euro herum, wird zum Spielball von Spekulanten.

Das jedoch wirkt sich auf den Börsenwert aus: So war Wirecard Mitte Juni noch weit mehr als zwölf Milliarden Euro wert – mittlerweile nur noch rund 200 Millionen Euro.

Deutsche Börse hat ihre Regeln angepasst

Wegen der Wirecard-Insolvenz und dem Schaden, den Experten für den deutschen Finanzplatz sehen, stieg der Druck auf die Deutsche Börse. Sie hat deshalb ihr Regelwerk nach einer Befragung von Marktteilnehmern überarbeitet – und somit indirekt den Rauswurf von Wirecard verkündet.

Nach den neuen Regeln werden insolvente Unternehmen mit einer Frist von zwei Handelstagen aus den Dax-Auswahlindizes (Dax, MDax, SDax und TecDax) herausgenommen, teilte die Deutsche Börse am Mittwochabend mit.

Um die Regeln umzusetzen, braucht die  Deutsche Börse eine Woche. Deshalb scheidet Wirecard nach Handelsschluss am 21. August aus dem Leitindex aus.

Wer könnte Wirecard nachfolgen?

Derzeit gibt es zwei Unternehmen, die als Aufstiegskandidaten gehandelt werden: Symrise und Delivery Hero. Wer das Rennen macht, will die Deutsche Börse erst kommende Woche mitteilen, klarer Favorit ist jedoch Delivery Hero.

Der Aromenhersteller Symrise ist der Öffentlichkeit wenig bekannt. Der Chef des MDax-Konzerns, Heinz-Jürgen Bertram, sagte einmal: "Symrise ist der klassische Hidden Champion – uns kennt man außerhalb der Branche nicht."

Dabei finden sich die Geruchs- und Geschmacksstoffe des Holzmindener Herstellers in vielen Produkten – zum Beispiel in Shampoo, Zahnpasta, Reinigungsmitteln, Tiernahrung oder im Essen. Das Unternehmen verdiente 2019 unter dem Strich 304 Millionen Euro bei einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro.

Symrise will lieber nicht auf "Trümmerhaufen Wirecard" folgen

Doch Symrise hat offenbar gar kein gesteigertes Interesse daran, in den Dax aufzusteigen. So sagte Unternehmenschef Bertram jüngst in einer Telefonkonferenz mit Journalisten: "Ich weiß auch nicht, ob es so toll ist, ein direkter Nachfolger für den Trümmerhaufen Wirecard zu werden." Er halte es für besser, wenn der andere Dax-Kandidat Delivery Hero das Rennen mache.

Der Lieferdienst Delivery Hero sei ein Unternehmen, "das noch nie Geld verdient hat und von dem nicht klar ist, ob sie jemals Geld verdienen." Damit spielte Bertram auf die Geschäftszahlen des Lieferdienstes an. Der Konzern erwirtschaftete im vergangenen Jahr dank des Verkaufs seines Deutschlandgeschäfts zwar einen Gewinn. Doch operativ schreibt das Unternehmen weiterhin rote Zahlen.

Aufstieg von Delivery Hero in den Dax gilt als sicher

Wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert, wird es auch kommen, wie Bertram es sich wünscht – und Delivery Hero wird trotz operativen Verlusts auf den Zahlungsanbieter Wirecard im Dax folgen.

Denn das Unternehmen erfüllt in der maßgeblichen Rangliste die Kriterien der Deutschen Börse (siehe Infokasten oben). Der Aktienkurs und somit der Börsenwert sind – auch wegen der Corona-Krise – stark gestiegen. Anfang des Jahres kostete eine Aktie noch rund 70 Euro, mittlerweile rund 100 Euro.

Delivery Hero betreibt in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter. In Deutschland war das Unternehmen bis Anfang 2019 mit den Diensten "Foodora", "pizza.de" und "Lieferheld" aktiv. 

Dann verkaufte es sein Deutschland-Geschäft an den Konkurrenten Just Eat Takeaway ("Lieferando") für eine knappe Milliarde. Als Spiegelbild der deutschen Wirtschaft, die der Dax abbilden soll, kann das ehemalige Start-up damit also kaum gelten.

Warum ist der Dax wichtig?

Der deutsche Leitindex Dax ist für das Unternemen, das auf- oder absteigt, für Großinvestoren oder Fondsmanager sowie für Sie als Privatanleger wichtig. Eine Übersicht:

  • Unternehmen: Die Zugehörigkeit zum Dax ist vor allem eine Frage von Prestige. Für internationale Investoren ist der Leitindex das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Im Fall von Wirecard ist der Prestigeverlust jedoch kein großes Thema mehr. Denn der Ruf des Konzerns dürfte durch den Bilanzskandal und die Insolvenz ohnehin beschädigt sein – weshalb Investoren Abstand nehmen. Die Wirecard-Aktie wurde zuletzt zum Spielball von Spekulanten.
  • Privatanleger: Der Dax wird für Sie wichtig, wenn Sie in einen Indexfonds investieren, auch ETF genannt – genauer gesagt wenn Sie in einen Dax-ETF investieren. Das ist ein passiver Fonds, der den Dax exakt nachbildet. Wenn ein Unternehmen aus dem Dax absteigt und dafür ein neues nachrückt, investieren Sie plötzlich in eine andere Firma und in ein anderes Geschäftsmodell. Meist wirkt sich diese Umschichtung auch auf den Aktienkurs des Unternehmens aus. Im Fall von Wirecard ist das jedoch kein großes Problem – die Aktie des einstiegen Dax-Aufsteigers bekommt man mittlerweile nur noch für rund 1,60 Euro (siehe oben).
Verwendete Quellen:

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