Digital-Währung

Bekommen wir schon nächstes Jahr den E-Euro?

Von Philip Kaleta, "Business Insider"

26.11.2020, 09:21 Uhr

Der E-Euro (Symbolbild): Kommt die digitale Währung schon 2021? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mit dem E-Euro sollen Verbraucher künftig leichter digital bezahlen können. Recherchen zeigen jetzt: Die digitale Währung könnte bereits kommendes Jahr in mehreren Regionen getestet werden.

Am Anfang stand der Zweifel, dann kam das Zögern und nun doch das Tempo. Der digitale Euro hat schon viele Gemütsphasen hinter sich, dabei handelt es sich bei der Währung bis heute lediglich um eine Idee.

Eine Idee aber, die die Europäischen Zentralbank (EZB) und die 19 Zentralbanken der Eurozone mittlerweile zu einer Top-Priorität erklärt haben. Die Präsidenten der Zentralbanken kümmern sich neben den zuständigen Vorständen persönlich um das Projekt, erfuhr das Wirtschaftsmagazin Business Insider aus Zentralbankkreisen.

Mitte kommenden Jahres will der Rat der EZB, in dem die Präsidenten der 19 Zentralbanken sitzen, eigentlich darüber entscheiden, ob der E-Euro eingeführt werden soll. Eine reine Formalität. Der E-Euro wird kommen, erfuhr Business Insider von zahlreichen Zentralbanken und aus Kreisen der EZB.

Testphase soll bereits Mitte 2021 starten

Nach dem Willen der Zentralbanken soll Mitte 2021 die Testphase für die digitale Währung starten. Die ist dringend nötig, um die zugrundeliegende Technologie zu testen, Macken zu erkennen und schnell auszumerzen. Wenn alles glatt läuft, könnte der E-Euro schon Anfang 2022 für alle Bürger der Eurozone verfügbar sein, sagen hochrangige Vertreter europäischer Zentralbanken.

Auf Nachfrage von "Business Insider" stellt die EZB dahinter allerdings noch ein Fragezeichen – dafür müsste die technologische Infrastruktur wirklich sicher, glatt und fehlerfrei laufen. Sechs Monate seien dafür ein sportlicher, aber kein unmöglicher Zeitrahmen.

Der E-Euro – Was ist das eigentlich?
Beim digitalen Euro geht es um die Überführung von physischem Bargeld in die digitale Welt. Die Währung würde von der EZB herausgegeben und garantiert werden. Die Vorschläge, die aktuell diskutiert werden, zeichnen folgendes Bild: Die Bürger hätten auf ihrem Smartphone ein Portemonnaie, in dem sie den E-Euro "bei sich tragen" und Einkäufe mit der digitalen Währung in Sekundenschnelle bezahlen können – auch über Landesgrenzen hinweg. Heute benötigen beispielsweise Überweisungen nach Korea, Vietnam oder China häufig länger als der eigentliche Warentransport. Hinzu kommen Vorzüge wie Kleinstüberweisungen oder Automatisierung von Transaktionen, wie sie beispielsweise im Rahmen der Industrie 4.0 Anwendung finden. Ein Beispiel: Merkt etwa ein Smart-Kühlschrank, dass der Apfelsaft leer ist, bestellt er automatisiert einen neuen Saft. Das ist auch Teil der Industrie 4.0. Das digitale Geld, darauf legen alle Zentralbanken in der Eurozone wert, soll das Bargeld auf keinen Fall ersetzen.

Der Treiber für das neue Tempo hinter der geplanten E-Währung in der Eurozone ist China. Das Land der Mitte wurde bereits 2019 vom ehemaligen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zum systemischen Rivalen der Europäischen Union deklariert. Dieser Rivale ist gerade dabei, das Rennen um die E-Währung gegen die EU und die USA zu gewinnen.

China will mit dem E-Yuan international glänzen

Dort befindet sich der E-Yuan nämlich schon in der Test- und Experimentierphase, die nach Schätzungen von europäischen Zentralbankern im Frühjahr abgeschlossen sein soll. In Europa ist man davon überzeugt, dass Peking den E-Yuan unbedingt nächstes Jahr einführen will. Dann werden nämlich die olympischen Winterspiele in China ausgeführt – und die politische Führung will mit der digitalen Währung international glänzen.

Experten vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) sehen im E-Yuan und dem E-Euro mehr als Währungen. "Der digitale Euro ist natürlich auch Geopolitik. Man will verhindern, dass die EU-Bürger und EU-Unternehmen auf ausländische oder private Digital-Währungen zurückgreifen müssen. Die Befürchtung ist, dass die First Mover auf dem Gebiet große Marktanteile erobern können", sagt Patrick Hansen von der Bitkom. Er ist Bereichsleiter der Blockchain bei dem Bundesverband. "Bisher sind das China und Facebook mit dem Projekt Libra. Die große sicherheitspolitische Befürchtung ist dabei der Umgang mit den Daten der Währungs-Nutzer."

Experte zweifelt an schnellem Ausrollen für Verbraucher

Auch für die Wirtschaft sei die Digitalwährung ein Wettbewerbskriterium, sagt Hansen. Vor allem für die Industrie 4.0, in der Maschinen automatisierte Zahlungsvorgänge abwickeln. "Denken Sie beispielsweise an ein E-Auto, das automatisch an der Ladesäule bezahlt. Das ist absolut wettbewerbsrelevant für zahlreiche Branchen, hier weit vorne zu sein", sagt der Experte.

Hansen zweifelt allerdings daran, dass die Eurozone in der von Zentralbankern avisierten Zeitspanne die Digitalwährung wird ausrollen können. "Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass der digitale Euro schon im Jahr 2022 für alle Bürger der Eurozone verfügbar sein wird. Die technischen Herausforderungen bei diesem Projekt sind enorm. Bis sie eine sichere und agile Tech-Infrastruktur schaffen, vergehen Jahre", sagt der Experte.

Mehr Bürokratie in der EU als in China

Er fügt an, dass China schon seit 2015 an der Infrastruktur für den E-Yuan tüftelt. Dabei gebe es in China deutlich weniger bürokratische Hürden als in der EU. Nach diesem Vergleichsparameter werde es noch mindestens fünf Jahre dauern, bis der digitale Euro in der ganzen Eurozone ausgerollt wird.

Ein Szenario, das den Zentralbankern nicht gefällt. Sie teilen Hansens Sicht, dass die Digitalwährung Geopolitik ist. Und betonen, dass bei europäischen Zentralbanken, besonders bei der EZB, die Maxime gelte: Sorgfalt vor Schnelligkeit. Mit Blick nach China müsse man nun aber die Schnelligkeit eben deutlich anziehen.

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