Sie sind hier: Home > Wirtschaft & Finanzen > Unternehmen & Verbraucher > Unternehmen >

Corona | Eventmanager beklagt: "Partysommer 2020 war ein 60. Geburtstag"


Eventmanager beklagt  

"Unser Partysommer 2020 bestand aus einem 60. Geburtstag"

17.03.2021, 16:44 Uhr
Corona | Eventmanager beklagt: "Partysommer 2020 war ein 60. Geburtstag". Manuel Michelt, Geschäftsführer des Veranstalters MS Musik, hat sein Equipment auf unbestimmte Zeit eingelagert. (Quelle: Christine Holthoff)

Manuel Michelt, Geschäftsführer des Veranstalters MS Musik, hat sein Equipment auf unbestimmte Zeit eingelagert. (Quelle: Christine Holthoff)

Seit einem Jahr steht die Kultur- und Partyszene fast komplett still – eine Katastrophe für Veranstalter. t-online sprach mit einem von ihnen über die finanziellen Folgen, was der Staat besser machen könnte und ob er überhaupt noch irgendetwas plant.

Wenn sich das Team von Manuel Michelt trifft, um die Partys der kommenden Wochen zu planen, läuft höchstens etwas Musik im Hintergrund. Vor einem Jahr, im März 2020, jedoch läuft n-tv.

"Wir haben alle gebannt gewartet, dass die Politiker vor die Kameras treten", erinnert sich Michelt. Er ist einer von vier Gesellschaftern des Eventveranstalters MS Musik aus Werne in Westfalen. "Danach konnten wir alles absagen. Das war so unwirklich."

Ein Jahr später ist die Lage kaum anders. Eigentlich ist MS Musik ein gefragter Ansprechpartner, wenn es um Events in der 30.000-Einwohner-Stadt und Umgebung geht. Vom runden Geburtstag über Hochzeiten und Betriebsfeiern bis zur großen Party mit mehreren Tausend Leuten stemmt Michelts Team alles. Doch seit der Corona-Pandemie geht fast nichts mehr.

"Wie in einem schlechten Film"

"Wir haben jetzt ein Jahr Berufsverbot voll", sagt er. "Das ist wie in einem schlechten Film. Manchmal warte ich noch darauf, dass jemand hinter dem Schrank hervorspringt und 'Versteckte Kamera' ruft."

So wie Michelt geht es Tausenden Unternehmen in Deutschland, denen Lockdown und Kontaktbeschränkungen die Existenzgrundlage entzogen haben. Auch das Hotelgewerbe leidet stark, der Einzelhandel sowieso, viele Restaurants stehen vor dem Aus. Der Unterschied zur Eventbranche: Viele Unternehmen der genannten Metiers konnten wenigstens zwischenzeitlich wieder Geld verdienen, haben inzwischen wieder geöffnet – oder behelfen sich etwa mit Außer-Haus-Lieferungen.

All das ist für Veranstaltungstechniker, Messebauer, Eventmanager kaum möglich. Etwa 95 Prozent des Umsatzes sei seinem Unternehmen weggebrochen, berichtet Michelt. Da halfen auch Ideen wie ein aus dem Boden gestampftes Autokino oder virtuelle Partys im Livestream wenig.

"Die Resonanz war klasse, aber damit ist nicht annähernd der gleiche Umsatz zu erzielen wie mit realen Partys", sagt Michelt. Und deren Anzahl war 2020 überschaubar: Exakt einen 60. Geburtstag hat MS Musik betreut. "Das war unser Partysommer."

Kulanter Vermieter half MS Musik

Dass der Veranstalter trotzdem noch vergleichsweise solide dasteht, sei gleich mehreren glücklichen Umständen zu verdanken. "Zum einen konnten wir im letzten Jahr noch das Karnevalsgeschäft mitnehmen. Ich weiß nicht, wo wir sonst heute stehen würden", sagt Michelt.

Zum anderen habe man im Frühjahr 2020 die richtige Bauchentscheidung getroffen und sich vom größten Kostenfaktor getrennt: dem Lager und den Büroräumen. "Das ging aber nur, weil uns der Vermieter trotz langfristigem Vertrag entgegengekommen ist. Sonst wäre es bitter geworden."

MS Musik spielt aber noch etwas in die Karten: Alle vier Gesellschafter haben ein zweites Standbein. "Die Katastrophe betrifft uns, aber sie ist nicht existenziell", sagt Michelt. "Wäre ich komplett davon abhängig, weiß ich nicht, ob ich nachts noch gut schlafen könnte."

"Der Sozialstaat hat die Leute über Monate verhungern lassen"

Viele Veranstaltungstechniker seien inzwischen im Baugewerbe untergekommen. Eine Entwicklung, die die Branche langfristig vor große Probleme stellen könnte. "Wer jetzt woanders einen sicheren Job hat, wird sich doch dreimal überlegen, ob er den wieder aufgibt, nur um dann bei Covid-22 wieder auf der Straße zu stehen."

Dass gerade solche Solo-Selbstständigen bei den staatlichen Hilfen lange durchs Raster fielen, ärgert Michelt. "Über Monate hat der Sozialstaat die Leute verhungern lassen, weil es Unterstützung zunächst nur für Betriebskosten gab." Was seine eigene Firma angeht, ist der MS-Musik-Geschäftsführer grundsätzlich froh über die Corona-Hilfen, wünscht sich aber mehr Planungssicherheit. Die Höhe der Zahlungen spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle.

"Ich kann besser wissen, dass ich nächsten Monat 5.000 Euro bekomme, als spontan 10.000 Euro zu bekommen", sagt Michelt. "Wir haben jetzt Mitte März und es gibt noch nicht mal eine Idee, wie wir für Januar, Februar und März entschädigt werden."

Konzepte liegen fertig in der Schublade

Die Unterstützung vom Staat führe zudem zu sonderbaren Situationen. Weil sich die November- und Dezemberhilfen am Umsatz des Vorjahres bemessen, könne es theoretisch sinnvoller sein, ein Event in diesem Jahr abzusagen, wenn sich damit weniger Umsatz generieren lasse als MS Musik an Corona-Hilfen zustehe. "So kalkulieren wir nicht, weil wir die Hilfen nicht ausnutzen wollen. Aber das sind schon unreale Situationen", sagt Michelt.

Wann überhaupt wieder Anfragen für Events bei ihm eintrudeln oder wann er selbst wieder Partys auf die Beine stellen kann, sei nur schwer abzuschätzen. "Wir hoffen, dass dieses Jahr zumindest kleinere private Feiern eingeschränkt möglich sein werden; vielleicht sogar größere Open-Air-Veranstaltungen im Spätsommer. Die Konzepte dafür liegen alle in der Schublade."

So sieht es außerhalb von Pandemiezeiten aus, wenn MS Musik eine Party veranstaltet. (Quelle: MS Musik)So sieht es außerhalb von Pandemiezeiten aus, wenn MS Musik eine Party veranstaltet. (Quelle: MS Musik)

Kreativität macht sich jetzt bezahlt

Die Planung läuft also so, als läge eine ganz normale Saison vor MS Musik. "Es wäre fatal, wenn wir das nicht tun würden und dann gehen die Tore plötzlich auf und wir haben nichts vorbereitet." Gleichzeitig feilt das Team weiter an alternativen Veranstaltungen – etwa Pop-up-Biergärten oder einem Online-Rockkonzert.

Und eine Aktion aus dem vergangenen Jahr scheint sich nun bezahlt zu machen. "Weil wir 2020 das Autokino in Werne veranstaltet haben, kriegen wir jetzt zunehmend Anfragen von anderen Städten oder Firmen, die uns als Dienstleister für Autokinos engagieren wollen", sagt Michelt. "Das ist schon cool."

Überhaupt habe die Pandemie nicht nur Schlechtes hervorgebracht. "Ich merke eine unglaubliche Solidarität bei uns in der Branche. Auf einmal tun wir uns mit Mitbewerbern zusammen, um gemeinsam Konzepte zu entwickeln", sagt Michelt. "Das hat es vorher nicht gegeben."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Michael Michelt

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal