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Experte warnt: "Wir müssen das Rentenalter erhöhen" | Rente

INTERVIEWExperte warnt  

"Die Rentenreserven sind fast aufgebraucht"

19.09.2021, 10:49 Uhr
Experte warnt: "Wir müssen das Rentenalter erhöhen" | Rente. Nachdenkliche ältere Frau (Symbolbild): Experte Axel Börsch-Supan fordert eine grundlegende Rentenreform. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nachdenkliche ältere Frau (Symbolbild): Experte Axel Börsch-Supan fordert eine grundlegende Rentenreform. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nur wenige Experten wissen so umfassend über die Probleme des aktuellen Rentensystems Bescheid wie Axel Börsch-Supan. Der Sozialökonom erklärt im Interview, was sich bei der gesetzlichen Rente ändern muss.

Die gesetzliche Rente steht vor einem Finanzierungsproblem: Auf immer mehr Rentenempfänger kommen immer weniger Beitragszahler. Da die Rechnung auf Dauer nicht aufgehen kann, fordern Experten schon seit Längerem grundlegende Reformen.

Einer von ihnen ist Axel Börsch-Supan, einer der bekanntesten Rentenexperten Deutschlands. Im Interview mit t-online erklärt er das aktuelle Problem und zeigt einen Ausweg auf. Für die Spitzenkandidaten der Parteien hat er kein gutes Wort übrig.

t-online: Herr Börsch-Supan, im vergangenen TV-Triell war die gesetzliche Rente kaum fünf Minuten Thema. Man könnte meinen, die Zukunft der Rente ist gar nicht so wichtig. Oder?

Axel Börsch-Supan: Doch. Die gesetzliche Rente ist für alle wichtig, Alte wie Junge, und die Alterung der Bevölkerung stellt ihre Zukunft vor eine große Herausforderung. Durch viele politische Entscheidungen in den vergangenen zwei, drei, vier Jahren haben wir die Rentenkasse stark belastet, die Reserven sind fast aufgebraucht.

Meinen Sie damit auch die Grundrente?

Ja. Doch sie ist bei Weitem nicht so teuer wie andere Projekte der großen Koalition. Die Mütterrente zum Beispiel ist noch einmal deutlich teurer. Das größte Problem aber sind die sogenannten Haltelinien, die das Rentenniveau bei 48 Prozent und die Rentenbeiträge bei 20 Prozent sichern sollen. Das kann nicht funktionieren.

Axel Börsch-Supan: "Es fehlen uns Einzahler in die Rentenversicherung genau dann, wenn die Ausgaben steigen." (Quelle: Jan Roeder/MEA)Axel Börsch-Supan: "Es fehlen uns Einzahler in die Rentenversicherung genau dann, wenn die Ausgaben steigen." (Quelle: Jan Roeder/MEA)

Das müssen Sie erklären.

Man kann die Haltelinien mit einem Gesetz vergleichen, in dem steht: Der Sommer darf nicht heißer werden als 22 Grad, und im Winter darf es nie wieder frieren. Das können wir zwar so formulieren – an der Realität wird sich dadurch aber trotzdem nichts ändern.

Axel Börsch-Supan, geboren 1954, ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er hat 2001 das Mannheim Research Institute for the Economics of Aging gegründet, das seit 2011 Teil des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik ist, und leitet es als Direktor. Der Ökonom forscht vor allem zum demografischen Wandel und den Auswirkungen auf das gesetzliche Rentensystem. Börsch-Supan war Mitglied der Rentenkommission "Verlässlicher Generationsvertrag" und ist Teil des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium. Er gilt als einer der bedeutendsten Rentenexperten Deutschlands.

Warum?

Weil unsere Gesellschaft immer älter wird. Daran können wir genauso wenig ändern wie an Sommer und Winter, denn die vielen Menschen der Babyboomer-Generation, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, sind ja alle längst geboren. Und dass die Babyboomer relativ wenige Kinder geboren haben, können wir auch nicht mehr ändern. Es fehlen uns also Einzahler in die Rentenversicherung genau dann, wenn die Ausgaben steigen.

Es kommen also zwei zentrale Gründe für das Finanzierungsproblem der Rente zusammen: Die Zusatzausgaben der vergangenen Jahre und der demografische Wandel.

Genau. Beide Gründe sind für sich verschieden. Das Pech ist, dass sie nun auf einmal kommen.

Im Wahlkampf spricht das jedoch kaum einer aus. Warum?

Höhere Ausgaben bei niedrigeren Einnahmen tun weh. Der demografische Wandel ist in dieser Hinsicht wie der Klimawandel. Beide werden uns Geld kosten und Bequemlichkeit. Und solche Botschaften vermitteln Politiker im Wahlkampf nicht gerne. Sie schauen nur auf Wählerstimmen und versprechen Dinge, die sich nicht so einfach halten lassen.

Das sind harte Vorwürfe.

Zu Recht! Man muss ehrlich sagen: In den vergangenen Jahren ist viel Druckerschwärze darauf verwendet worden zu warnen, dass uns die gesetzliche Rente in ihrer aktuellen Form teuer zu stehen kommt. Es ist deshalb sehr bedrückend, dass unsere Politiker nicht den Mut haben, diese Dinge anzugehen. Wie beim Klima kommen all diese Entwicklungen wenig überraschend. Trotzdem reden alle um den heißen Brei herum – die Realität aber will niemand wahrhaben. Ich muss es so deutlich sagen: Die Politik der vergangenen Jahre ist eine Verantwortungslosigkeit gegenüber der jüngeren Generation.

Lassen Sie uns konkret werden. An welcher Stellschraube sollte man denn jetzt drehen – an den Beiträgen, dem Renteneintrittsalter, dem Rentenniveau oder an den Steuerzuschüssen?

Ich denke, man muss an allen Schrauben ein bisschen drehen, aber mit Bedacht. Die Renten werden in Zukunft nicht mehr so stark steigen können wie bislang. Sie werden aber auch nicht fallen. Die Beiträge zur Rentenversicherung werden steigen müssen, dürfen das aber nicht zu stark. Ich denke auch, dass wir die Steuerzuschüsse durchaus erhöhen können, aber darauf darf auch künftig nicht das gesamte System aufbauen. Und ja, wir müssen auch das Rentenalter erhöhen, wenn wir in Zukunft länger leben. Aber nicht für alle, und Schritt für Schritt.

Mit dem letzten Vorschlag sorgten Sie als Teil des Wissenschaftlichen Beirats von Wirtschaftsminister Peter Altmaier schon für Aufsehen. Sie forderten in einem Gutachten, das Rentenalter anzuheben.

Das stimmt nicht ganz. Wir haben nicht gesagt, dass das Rentenalter unter allen Umständen steigen muss, sondern dass es erstens flexibler werden sollte und sich zweitens an die Lebenserwartung anpassen muss. Deshalb war die ganze Aufregung um ein Rentenalter mit 68 befremdlich. Es geht nicht um eine feste Zahl, sondern um Flexibilität und Anpassung an die Realität. Man darf die Lebenserwartung und das Rentenalter nicht voneinander abkoppeln.

Wieso?

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: In Russland ist die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren stark gesunken, aus allen möglichen Gründen. Gleichzeitig wollte man das Rentenalter erhöhen. Das geht nicht. Wenn die Menschen kürzer leben, kann man ihnen nicht zumuten, länger zu arbeiten.

Logisch.

Zum Glück leben wir nicht in Russland, sondern in Deutschland. Und hier steigt die Lebenserwartung. Wenn wir länger leben, müssen wir immer längere Rentenzeiten finanzieren. Heißt also: Wir müssen auch länger arbeiten.

Wie viel länger?

Man braucht ungefähr zwei Jahre Arbeit, um ein zusätzliches Jahr mit Rentenbezügen zu finanzieren. Daher bedeutet dies, wenn sich die Lebenserwartung um drei Jahre erhöht, dann kann man ein Jahr länger Rente beziehen, muss diese aber durch zwei zusätzliche Jahre Arbeit finanzieren. Auf diese Weise wird vermieden, dass eine immer größere Finanzierungslücke entsteht.

Viele Menschen, die körperlich hart arbeiten, können das aber nicht.

Richtig. Es ist wichtig, die Gesundheit als Maßstab zu nutzen. Wer nicht gesund ist und nicht mehr arbeiten kann, der muss abgesichert werden. Wir sollten im gleichen Zuge daher die Erwerbsminderungsrente ausbauen. Und diejenigen, die nicht gerne arbeiten wollen, sollen früher in Rente gehen, dann aber weniger Rente bekommen. Paradox ist jedoch: Im Augenblick dürfen viele Menschen nicht länger arbeiten, obwohl sie das gerne möchten. Im gesamten Staatssektor zum Beispiel gibt es ein vorgeschriebenes Pensionsalter. Das ist unsinnig. Zudem müssen die Menschen ja nicht alle zu 100 Prozent weiterarbeiten. Für die Rentenkasse wäre es aber immer noch besser, einige arbeiteten 50 Prozent weiter, als überhaupt nicht. Viele Menschen wünschen sich einen solchen gleitenden Übergang in die Rente.

Sie interessieren sich für die gesetzliche Rente? In der "Rentenfrage der Woche" beantworten wir jeden Samstag Fragen, die Sie, unsere Leserinnen und Leser, uns zuschicken. Auf dieser Seite finden Sie alle bereits beantworteten Rentenfragen. Wenn Sie weitere Fragen rund um Altersvorsorge und gesetzliche Rente haben, schreiben Sie uns gern eine E-Mail an "wirtschaft-finanzen@stroeer.de".

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass der Nachholfaktor ausgesetzt wurde, durch den theoretische Rentenkürzungen mit künftigen Rentenerhöhungen verrechnet werden. Durch die Aussetzung könnten die Renten 2022 kräftig anziehen.

Das gleicht einem Geschenk für Rentner. Das ist schön und gut, wenn es niemand bezahlen muss. So ist es aber nicht. Tatsächlich müssen die jungen Leuten dieses Geschenk in Form höherer Sozialbeiträge bezahlen.

Führen Sie das bitte aus.

Der Nachholfaktor wurde mit der Rentengarantie eingeführt, die Rentenkürzungen ausschließt. In der Pandemie wurden die Rentner so geschützt, und dies ist auch richtig so. Aber wenn die Krise vorbei ist, dann werden die Löhne relativ stark steigen, allein weil sie in der Corona-Krise gefallen sind. Diesen außergewöhnlichen Anstieg dürfen wir nicht an die Rentner weitergeben, da sie ja vorher, im Gegensatz zu den Arbeitnehmern, von der Rentengarantie profitiert haben. Durch den Nachholfaktor wird die Generationenbalance wiederhergestellt; er ist daher unbedingt notwendig.

Axel Börsch-Supan: "Die prekären Finanzen und die aus der Balance geratene Generationengerechtigkeit werden auf den Tisch kommen." (Quelle: Jan Roeder/MEA)Axel Börsch-Supan: "Die prekären Finanzen und die aus der Balance geratene Generationengerechtigkeit werden auf den Tisch kommen." (Quelle: Jan Roeder/MEA)

Sie gehen also davon aus, dass er nach der Wahl wieder aktiviert wird?

Definitiv, der Nachholfaktor sollte ab dem kommenden Jahr wieder greifen. Nach der Wahl wird es einen Kassensturz geben müssen. Das gilt sowohl für die Staatsfinanzen insgesamt, als auch für die Sozialversicherungen und die Renten im Besonderen. Dann werden die prekären Finanzen und die aus der Balance geratene Generationengerechtigkeit auf den Tisch kommen.

Klingt sehr pathetisch. Wie meinen Sie das genau?

Die Rentenfinanzen sind in einer ähnlichen Situation wie Anfang des Jahrtausends unter Rot-Grün. Auch damals waren grundlegende Rentenreformen nötig. Es reicht auch jetzt nicht, zu versprechen: Die Rente ist stabil, es müssen nur mehr Menschen in das Umlagesystem einbezogen werden. Das stimmt nicht.

Warum?

Ich bin durchaus dafür, Selbstständige und Beamte in die Rente einzubeziehen. Aber diese wollen dann auch früher oder später ebenfalls Rente beziehen. Langfristig ist damit also nichts gewonnen. Wir schieben das Problem nur vor uns her.

Welche anderen Ideen haben Sie noch, um die Altersvorsorge zu sichern?

Wir sollten uns dringend darum kümmern, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine ordentliche Betriebsrente bekommen, auch in kleinen Betrieben. Auch die private Altersvorsorge muss reformiert werden.

Was halten Sie denn von dem FDP-Vorschlag, einen Teil der gesetzlichen Rente auf Aktien zu basieren?

Die Schweden machen das sehr erfolgreich. Dort gibt es eine Rente, bei dem, wie in Deutschland, der größte Teil durch das Umlageverfahren finanziert wird. Ein relativ kleiner Teil fließt in einen Aktienfonds, der unabhängig angelegt wird. So gab es auch Kurseinbrüche in diversen Finanzkrisen und nun auch in der Pandemie. Aber die halten sich in Grenzen.

Also sinnvoll?

Ja. Aber: Bis genug angespart ist, dass es substanziell zur Rente beiträgt, sind 30 bis 40 Jahre vorbei. Das heißt, wenn wir jetzt eine Aktienrente einführen, dann ist das gut für diejenigen, die 2050 oder 2060 in Rente gehen. Die Aktienrente ist daher kein Heilmittel gegen die unmittelbar anstehenden Finanzierungsprobleme. Sie ist eine der vielen Stellschrauben, die man bewegen sollte. Aber man darf darüber die anderen nicht vergessen. Wer meint, er hätte ein einziges Allheil-Rezept, um die Rente zu sanieren, hat unrecht.

Herr Börsch-Supan, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Videointerview mit Axel Börsch-Supan

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