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Handwerkspräsident Wollseifer: "Ein Haus zu bauen, wird dauerhaft teurer"


INTERVIEWHandwerkspräsident  

"12 Euro Mindestlohn könnte zu Entlassungen führen"

Von Christine Holthoff und Florian Schmidt

08.10.2021, 11:37 Uhr
Handwerkspräsident Wollseifer: "Ein Haus zu bauen, wird dauerhaft teurer". Bauarbeiter auf einer Baustelle (Symbolbild): Wegen Personal- und Materialmangels kommt es auf vielen Baustellen zu Verzögerungen.  (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)

Bauarbeiter auf einer Baustelle (Symbolbild): Wegen Personal- und Materialmangels kommt es auf vielen Baustellen zu Verzögerungen. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Deutschland muss in den nächsten Jahren kräftig investieren, um klimaneutral zu werden. Der Präsident des deutschen Handwerks erklärt, warum das alleine nicht reicht – und welche Probleme die neue Regierung anpacken muss.

Lieferengpässe, fehlende Fachkräfte, steigende Materialkosten – Deutschlands Handwerker kämpfen trotz voller Auftragsbücher derzeit an mehreren Fronten. Die größte Herausforderung: Deutschland steht vor einem riesigen Umbau, wenn es die Pariser Klimaziele einhalten will. Ist das in der jetzigen Lage überhaupt zu schaffen?

t-online hat diese Frage mit Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, erörtert. Ein Gespräch über Lösungen des Dilemmas, die Bedeutung eines Mindestlohns von 12 Euro und Zehntausende offene Ausbildungsplätze.

t-online: Herr Wollseifer, derzeit scheint alles auf eine Ampelkoalition hinauszulaufen. Ist das gut oder schlecht fürs Handwerk?

Hans Peter Wollseifer: Wir bewerten keine Farben, wir bewerten Inhalte. Und da erwarten wir von einer künftigen Regierung, dass sie unsere Betriebe entlastet und nicht belastet. Das heißt: Steuern und Sozialabgaben dürfen keinesfalls hochgehen, da sind unsere personalintensiven Betriebe bereits am Limit. Auch die Bürokratie ist ein Problem. Unsere Meister sitzen immer öfter im Büro, statt auf der Baustelle oder in der Werkstatt zu arbeiten – etwa weil sie mit Dokumentationspflichten beschäftigt sind. Das muss sich ändern.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass das auch passiert?

Das werden die kommenden Wochen zeigen. Das Wichtigste ist jetzt, dass es keine Hängepartie gibt. Wir brauchen schnell eine handlungsfähige Regierung, damit wir wissen, was auf uns zukommt. Die Politik muss jetzt die Ärmel hochkrempeln: Wir brauchen eine grundsätzliche Reform der Finanzierung des gesamten Sozialsystems. Und dafür brauchen wir eine starke Wirtschaft, denn sie ist es, die diesen Umbau maßgeblich finanziert. Unsere Betriebe müssen Rahmenbedingungen haben, die ihnen Luft zum Atmen geben.

Was sagen Sie denn zu der Rahmenbedingung 12 Euro Mindestlohn?

Ich bin ein großer Freund der Tarifautonomie. Die Verbände, Arbeitgeber und Gewerkschaften sind die Fachleute, die den Mindestlohn festlegen sollten. Politiker haben nicht die Erfahrungen aus dem Betriebsalltag, um das bewerten zu können. Wenn der Gesetzgeber in die Tarifautonomie eingreift, führt das nur dazu, dass sich die Parteien vor jeder Wahl mit Versprechen eines dann immer höheren Mindestlohns überbieten.

Hans Peter Wollseifer: "An Neueinstellungen brauchen wir da gar nicht erst zu denken." (Quelle: ZDH/Boris Trenkel)Hans Peter Wollseifer: "An Neueinstellungen brauchen wir da gar nicht erst zu denken." (Quelle: ZDH/Boris Trenkel)

Machen wir es konkret: Wäre es für den Durchschnitt Ihrer Betriebe dramatisch, wenn es 12 Euro Mindestlohn gäbe?

Wir haben in vielen Branchen tarifliche Mindestlöhne, die bereits höher sind. In ein paar wenigen Gewerken in den westdeutschen Bundesländern, vor allem aber in den ostdeutschen Bundesländern bekommen wir bei 12 Euro Mindestlohn Probleme.

Welche wären das?

Schwierig wird es für Gewerke, die eine geringe Wertschöpfung haben – zum Beispiel Maßschneider oder Friseure. 12 Euro Mindestlohn könnte dort zu Entlassungen führen. An Neueinstellungen brauchen wir da gar nicht erst zu denken. Denn die Betriebe können gar nicht so viel erwirtschaften, wie sie an Ausgaben hätten.

Personal ist ohnehin ein Problem im Handwerk. Alle reden vom Investitionsstau, Deutschland muss klimaneutral umgebaut werden. Schaffen Sie das überhaupt?

Das Wahlergebnis zeigt: Die Menschen wollen einen Klimaaufbruch, bei dem Wirtschaft und Umwelt in Balance gebracht werden. Das ist gut so und für das Handwerk ist es wichtig, dass wir diesen Weg gehen. Wir sind schließlich die Umsetzer der Klimaziele. Aber damit das gelingt, brauchen wir noch einmal mehr qualifizierte Fachkräfte als ohnehin schon. Das hat die Politik nicht auf dem Schirm.

Und woher sollen die kommen?

Die müssen wir selbst ausbilden. Sie können heute keine x-beliebigen Arbeiter mehr anwerben – dafür sind die Ansprüche zu hoch. Wir brauchen keine Schubkarrenschieber, wir brauchen qualifizierte Fachkräfte wie etwa Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, die große Heizungs-, Klima- oder Lüftungsanlagen oder umweltschützende Solartechnik installieren, oder Elektroniker für Gebäudesystemintegration, die mit durchdachten Smart-Home-Lösungen Gebäude künftig altersgerechter und energieeffizienter machen. Und das sind nur zwei Beispiele von zahlreichen anspruchsvollen und zukunftsnötigen Berufen im Handwerk. Dass es das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz gibt, ist zwar gut, aber dadurch bekommen wir nicht die Zahl an Leuten, die wir brauchen. Das gilt umso mehr mit Blick ins europäische Ausland. Denn dort werden die Handwerker selbst gebraucht.

Hans Peter Wollseifer, Jahrgang 1955, ist seit 2010 Präsident der Kölner Handwerkskammer und seit 2014 Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), in dem mehr als 50 Handwerkskammern und rund 40 Fachverbände zusammengeschlossen sind. Wollseifer ist Maler- und Lackierermeister und Gründer mehrerer Handwerksbetriebe sowie einer Immobilien- und Projektentwicklungsgesellschaft. 

Wie dramatisch die Situation sein kann, zeigt aktuell das Beispiel Großbritannien. Fürchten Sie britische Verhältnisse auch in Deutschland?

Wir warnen davor, dass eine ähnliche Situation in Deutschland entstehen kann, wenn wir nicht genügend Fachkräfte haben. Fehlende Lkw-Fahrer sind ja nicht das einzige Problem in England. Wenn Sie dort ein Loch im Dach haben, können Sie schon mal den Schirm aufstellen. Und der bleibt dann lange stehen. Denn der Dachdecker wird so schnell nicht kommen.

Was muss geschehen, um eine solche Situation in Deutschland zu verhindern? 

Der Fokus muss sich ändern. Wir müssen weg davon, die akademische Bildung als alleinigen Königsweg für eine Berufskarriere zu betrachten, wir müssen die berufliche Bildung als gleichwertig mit in den Blick nehmen. Was nützt es uns, wenn 60 Prozent der Jugendlichen zur Uni gehen, dort aber viele auf der Strecke bleiben und am Ende Taxi fahren? Das Aufstiegsversprechen "Studium gleich Karriere" funktioniert nicht mehr. Umgekehrt gilt: Wer eine Ausbildung macht, der wird sich um seinen Arbeitsplatz sicher keine Sorgen machen müssen und hat alle Optionen für eine Karriere bis hin zum eigenen Chef.

Viele Junge Leute scheinen das nicht zu wissen.

Deshalb tun wir alles, um zu vermitteln, dass berufliche und akademische Bildung gleichwertig sind. Aber das gehört auch ins Gesetz. Und beides muss gleichwertig finanziert werden. In den universitären Bereich schiebt die Politik durch den Hochschulpakt Milliarden, in den beruflichen Bildungsstätten und Berufsschulen fehlt hingegen das Geld für eine ordentliche Ausstattung. Das muss sich ändern.

Braucht es also eine Art Berufsschulpakt?

Es braucht generell einen Pakt für berufliche Bildung. Die Berufsschulen und die handwerklichen Bildungsstätten müssen besser ausgestattet sein als die Betriebe. Nehmen wir als Beispiel einen Kfz-Betrieb. Autos werden heute nicht mehr in der Grube repariert, sondern auch am Tablet. Damit auch kleine Werkstätten dazu in der Lage sind, brauchen wir die Ausrüstung dafür in den Bildungsstätten des Handwerks. Und die Berufsschule muss die Theorie vermitteln. Wir fordern von der Politik, dass sie das gewährleistet.

Wie viel mehr Geld braucht die berufliche Bildung denn?

Das muss vor Ort ermittelt werden.

Bleiben wir beim Thema Ausbildung. Ihr Ziel war, bei den Ausbildungsverträgen bis Jahresende Vorkrisenniveau zu erreichen. Klappt das?

Das werden wir dieses Jahr wohl kaum schaffen. Wir haben mit Stand September 127.000 Neuverträge im Handwerk. Das sind knapp 3.400 Verträge mehr als im September vergangenen Jahres, also ein Plus von etwa 2,7 Prozent. Gegenüber 2019 klafft aber eine Lücke von 5,6 Prozent. Das heißt, wir müssen weiter richtig Gas geben, weiter für eine Ausbildung werben, um die letzten Unentschlossenen fürs Handwerk zu begeistern.

Das wird aber ganz schön knapp.

Ja, aber wir haben noch 24.000 Ausbildungsplätze frei. Das sind 24.000 Chancen, die nicht ungenutzt bleiben dürfen.

In welchen Branchen gibt es denn aktuell noch besonders viele ungenutzte Chancen?

Die meisten offenen Plätze gibt es im Baugewerbe. Und das, obwohl dort die höchsten Ausbildungsvergütungen Deutschlands gezahlt werden. Im Hochbau zum Beispiel bekommen Sie im letzten Halbjahr der Ausbildung 1.500 Euro im Monat. Das gibt es sonst nirgendwo. Aber auch in den Ausbaugewerken, in den Lebensmittel- wie auch den Gesundheitshandwerken suchen wir noch Auszubildende. Das betrifft etwa Augenoptiker, Hörakustiker, Zahn-, Orthopädie- und Orthopädieschuhtechniker.

Nicht nur fehlendes Personal, auch Lieferengpässe schränken Sie ein. Wie problematisch ist der Materialmangel?

90 Prozent unserer Betriebe des Bau- und Ausbaus haben Probleme, ihre Aufträge termingemäß umzusetzen. Teilweise müssen sie diese stornieren oder verschieben. Manche Betriebe führen auch Aufträge aus, obwohl sie wissen, dass sie damit Minus machen. Das Material ist so teuer geworden, die Betriebe sind aber an den Preis für ihre Leistung gebunden – so haben sie gar keine Chance auf Gewinn.

Nimmt das Problem zu?

Die Betriebe sprechen natürlich mit ihren Kunden. Bei Privatkunden ist die Einsicht zum Teil auch da, bei kommunalen Auftraggebern weniger. Die Hälfte kommt den Betrieben gar nicht entgegen. Und wenn es darum geht, gestiegene Preise mitzutragen, akzeptieren das nur 6 Prozent der kommunalen Kunden.

Der Staat macht also die Betriebe kaputt?

Nein, so schlimm ist es nicht. Die Betriebe haben Aufträge genug – im Privaten und in der Industrie. Aber Kommunen, die nicht entgegenkommen, haben das Problem, keine Angebote mehr zu kriegen. Das möchten wir natürlich auch nicht. Deswegen sagen wir unseren Betrieben: Geht auf die Kommunen zu, macht einen runden Tisch und versucht, die Themen vor Ort zu klären. Das ist erfolgversprechender, als wenn wir von Berlin aus versuchen, über die Ministerien auf die Kommunen einzuwirken.

Wird uns der Materialmangel noch länger beschäftigen?

Das kommt auf die Produkte an. Bei den einen wird der Mangel länger anhalten als bei anderen. Je länger die Laufzeiten, desto teurer werden allerdings die Produkte. Zwar werden die Preise ein Stück weit sinken, sie werden aber nicht mehr auf das Vor-Corona-Niveau zurückfallen.

Das heißt, der Bau des eigenen Hauses wird teurer bleiben?

Ja. Ein Haus zu bauen, wird dauerhaft teurer.

Und dass der Handwerker später kommt, daran werde ich mich auch gewöhnen müssen?

Die Laufzeiten werden sich erst einmal nicht verkürzen. Beim Bau sprechen wir von zehn bis zwölf Wochen. Auch auf Elektriker und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik warten Sie lange. Ich kann daher allen nur empfehlen, möglichst Stammkunde zu werden. Neukunden müssen sich hinten anstellen.

Herr Wollseifer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Hans Peter Wollfseifer

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