Nachrichten
Wir sind t-online

Mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten berichten rund um die Uhr fĂŒr Sie ĂŒber das Geschehen in Deutschland und der Welt.

Handel schlÀgt wegen gewaltbereiter Impfgegner Alarm

  • Mauritius Kloft
  • Florian Schmidt
Von Mauritius Kloft, Florian Schmidt

Aktualisiert am 17.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Bundesweite Proteste: In Deutschland und Europa versammelten sich wieder Tausende Menschen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. (Quelle: Reuters)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Wegen der 2G-Regel rasten immer mehr Impfgegner aus: Sie randalieren, beschimpfen und bespucken Mitarbeiter im Einzelhandel. Der Handelsverband richtet nun einen eindrĂŒcklichen Appell an die Politik.

Krakelende Kunden, bedrohte Angestellte, beschĂ€digte Ware: In nicht wenigen deutschen GeschĂ€ften spielen sich seit Kurzem schockierende Szenen ab. Immer öfter, so berichten es einzelne HĂ€ndler und auch große Ketten, flippen in ganz Deutschland Impfgegner aus – weil sie ohne 2G-Nachweis nicht in die LĂ€den dĂŒrfen.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) schlĂ€gt deshalb jetzt Alarm. "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden beschimpft, bespuckt und auch aggressiv körperlich angegangen. VorfĂ€lle dieser Art sind unertrĂ€glich", sagte HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth t-online.

"Den Menschen, die sich derart rĂŒcksichtslos verhalten, mĂŒssen klare Grenzen gesetzt werden." Mit der Kontrolle der Maskenpflicht und von 2G ĂŒbernehme der Handel derzeit staatliche Aufgaben. "Das darf nicht zum Dauerzustand werden, das ist eine massive Überforderung der Unternehmen", so Genth.

Interne Übersicht fĂŒhrt Hunderte VorfĂ€lle auf

Wie heftig die Situationen bisweilen sind, wie schnell die Einlasskontrollen eskalieren, zeigen interne Dokumente einer der grĂ¶ĂŸten deutschen Mode- und Textilketten. Minutiös listet diese die schlimmsten VorfĂ€lle in einer Tabelle auf. Das Dokument liegt t-online vor. Namentlich genannt werden möchte das Unternehmen nicht, auch um die eigenen Mitarbeiter nicht noch mehr zu verunsichern. Der Firmenchef will sich auf Anfrage ebenfalls nicht öffentlich Ă€ußern.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Mann auf Kirmes in LĂŒdenscheid erschossen – TĂ€ter flĂŒchtig
Polizisten auf der LĂŒdenscheider Kirmes: Hier ist ein Mann getötet worden.


Der Liste zufolge hat es in den Filialen der Kette seit der ersten EinfĂŒhrung der 2G-Regel im Einzelhandel Ende November 227 VorfĂ€lle gegeben: Beleidigungen, Drohungen, Pöbeleien, Vandalismus. Achtmal ist es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen, zuletzt am 8. Januar. "Kundin hatte keinen Impfnachweis, hat vor Wut der VerkĂ€uferin gegen das Schienbein getreten", heißt es vergleichsweise nĂŒchtern in dem Dokument.

In anderen Filialen flogen gleich ganze GegenstÀnde: Einmal warf ein Kunde mit einem Einkaufskorb nach einer Mitarbeiterin, ein anderes Mal mit Spielzeugautos. In wieder einer anderen Zweigstelle rammte ein Mann einer Angestellten seinen Ellbogen ins Kreuz, weil sie ihm ohne Ausweis den Einlass verwehrte. Als er davonzog, drohte er ihr: "Warte du Bitch, irgendwann hast du Feierabend."

Angestellte antisemitisch beleidigt

SĂ€tze wie diese sowie Beleidigungen sind offenbar an der Tagesordnung, ganze 89 stehen in der Tabelle. "Ey du Alte, du hast sie wohl nicht alle!", ist dabei einer der harmloseren SĂ€tze. "Du sollst verrecken", brĂŒllte ein Kunde, nachdem er nach seinem 2G-Nachweis gefragt worden sei. "Leck mich am Arsch, du alte Schlampe", Ă€ußerte ein anderer. Die Filiale meldete gar an die Zentrale: "MA (Anm. d. Red.: Mitarbeiterin) hatte Angst, musste abgeholt werden nach Feierabend."

Auch Anspielungen auf die Zeit des Nationalsozialismus und Verharmlosungen des Holocausts finden sich zuhauf in der Übersicht. "Das ist ja hier wie bei den Juden ...", schrie etwa ein Kunde. Eine perfide VerknĂŒpfung, die "Querdenker" und VerschwörungserzĂ€hler gerne bei den 2G-Regeln bemĂŒhen – und die von purem Antisemitismus zeugt.

Die VorfĂ€lle sind dabei keineswegs auf einzelne Regionen beschrĂ€nkt, sie ereigneten sich in Filialen in ganz Deutschland. Amberg (Bayern), Berlin, MĂŒlheim an der Ruhr (Nordrhein-Westfalen), Nauen (Brandenburg), Schmalkalden (ThĂŒringen) – ĂŒberall schlugen renitente Impfverweigerer ĂŒber die StrĂ€nge. Und: Das Problem betrifft bei Weitem nicht nur dieses Unternehmen.

Kunden zunehmend "aggressiv, genervt oder verÀrgert"

Der SchuhhĂ€ndler Deichmann etwa teilte auf t-online-Anfrage mit: "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemerken eine generell zunehmend gereizte Stimmung beim Einkaufen." Manche Kunden wĂŒrden "aggressiv, genervt oder verĂ€rgert" reagieren – zum Beispiel, weil sie eine FFP2-Maske tragen oder einen 2G-Nachweis vorzeigen mĂŒssen. "Zu gar handgreiflichen Übergriffen ist es bei uns bisher zum GlĂŒck noch nicht gekommen", so der Sprecher weiter.

Auch der Textildiscounter Kik beobachtet die hochkochenden Emotionen vieler Kunden. "Die deutlich ĂŒberwiegende Zahl unserer Kunden hĂ€lt sich an die Corona-Regelungen", sagte ein Sprecher t-online. "Dennoch bekommen wir auch immer wieder RĂŒckmeldungen aus unseren Filialen, dass einzelne Personen, die den Regelungen kritisch gegenĂŒberstehen, verbal und in manchen FĂ€llen auch körperlich aggressiv gegen unser Verkaufspersonal auftreten."

Man behalte sich die Möglichkeit vor, "solche FĂ€lle nach einer entsprechenden PrĂŒfung zur Anzeige zu bringen". Einen Security-Dienst beschĂ€ftigt Kik allerdings nicht. Wohl auch, weil er schlicht zu teuer ist.

Handel fordert schnelle EinfĂŒhrung einer Impfpflicht

Zwar können HĂ€ndler im Einzelfall die Kosten dafĂŒr ĂŒber die staatlichen Corona-Hilfen zurĂŒckbekommen, vielerorts jedoch sind die Sicherheitsfirmen komplett ausgebucht. HDE-Chef Genth kritisiert die 2G-Regel auch deshalb von Grund auf. Es gebe "keinen vernĂŒnftigen Grund" fĂŒr sie, sagte er.

HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth: Bei der Debatte um die Impfpflicht "muss jetzt mehr Tempo rein".
HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth: Bei der Debatte um die Impfpflicht "muss jetzt mehr Tempo rein". (Quelle: Jens Schicke/imago-images-bilder)

"Es ist nicht einzusehen, warum in der U-Bahn, in der man eng an eng steht, stichprobenartige Kontrolle ausreicht, wĂ€hrend beim Einkauf, wo AbstĂ€nde eingehalten werden und die Aufenthaltsdauer geringer ist, jeder einzelne Kunde kontrolliert werden muss." Er fordert: "Wir mĂŒssen zu Stichprobenkontrollen ĂŒbergehen dĂŒrfen."

Der Einzelhandel leiste seit Monaten seinen Beitrag bei der BekÀmpfung der Pandemie. "Aber der Staat darf die Branche nicht dauerhaft mit hoheitlichen Kontrollaufgaben alleine lassen und die ungelösten gesellschaftlichen Konflikte auf die Handelsunternehmen und das Personal vor Ort abwÀlzen", so Genth.

Weitere Artikel

Keine Testpflicht
Diese Vorteile haben Geboosterte jetzt
Kontrolle der 2G-Regel (Symbolbild): KĂŒnftig haben es Geboosterte beim Zutritt zu Gastronomie und Veranstaltungen hĂ€ufig leichter.

BIP 2021
So stark hat der "Biontech-Effekt" die deutsche Wirtschaft angetrieben
Die Biontech-GrĂŒnder Uğur ƞahin und Özlem TĂŒreci bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2021: Ihr Unternehmen machte einen halben Prozentpunkt am BIP aus.

ExpansionsplÀne
Rossmann eröffnet 200 neue Filialen
Eine Rossmann-Filiale in Köln: Die Drogeriekette will weiter wachsen.


Nicht zuletzt, um eine vergleichbare Situation im kommenden Herbst zu vermeiden, bekrĂ€ftigte Genth seine Forderung nach der baldigen EinfĂŒhrung einer gesetzlichen Impfpflicht. "Die politische Debatte dazu lĂ€uft", so der HDE-Chef. "Da muss jetzt aber sicher noch etwas mehr Tempo rein. Wir dĂŒrfen das nicht schon wieder verschlafen. Die Erwartung auf ein zeitnahes, konkretes Ergebnis ist groß."

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Florian Schmidt
Von Frederike Holewik, Florian Schmidt
CoronavirusDeutschlandEinzelhandelEuropaImpfpflichtLĂŒdenscheid
Ratgeber

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website