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Angriff auf die Ukraine: Wie spricht man in der Familie über Krieg?


Wie spricht man in der Familie über Krieg?

Eine Kolumne von Ulrike Scheuermann

13.03.2022Lesedauer: 7 Min.
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Gespräche können helfen: Auch Kinder und Jugendliche belasten die Kriegsbildern aus der Ukraine und benötigen deswegen Unterstützung der Familie.
Gespräche können helfen: Auch Kinder und Jugendliche belasten die Kriegsbildern aus der Ukraine und benötigen deswegen Unterstützung der Familie. (Quelle: Westend61/imago-images-bilder)
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Das Thema Krieg belastet aktuell auch Kinder und Jugendliche, die damit nicht nur zu Hause konfrontiert werden. Wie Sie in der Familie über schwierige Themen sprechen können.

Die Bilder und Berichte aus der Ukraine lösen auch bei Kindern und Jugendlichen starke Gefühle aus. Sie spüren die Unsicherheit und Angst der Eltern oder zumindest, dass "etwas in der Luft liegt" – und reagieren darauf. Wie spricht man in der Familie über etwas so Erschütterndes und Entsetzliches wie Krieg und was hilft beim Umgang mit Ängsten?

Die Wahrheit zu sagen, gibt Sicherheit

Eine schwierige Wahrheit ist oft nicht leicht für Eltern, denn sie wollen ihre Kinder beschützen und könnten meinen, wenn sie nichts von dem Bösen in der Welt erzählen, würden sie die Kinder weniger ängstigen und ihnen somit Sorgen und Angst ersparen.

Doch Eltern sollten dies spätestens jetzt tun. Besonders in der Familie geben Ehrlichkeit und Wahrheit, Beziehung und Vertrauen die notwendige Sicherheit. Und sich sicher und geborgen unter Menschen zu fühlen, ist das wichtigste Gegengewicht zur Angst.

Auch schlimme Ereignisse sind ein Lernanlass

Letztlich ist der Krieg wieder – wie schon die Pandemie – ein Anlass, dass auch Kinder etwas lernen und Eltern ihnen einen guten Weg dafür zeigen.

Kinder lernen, dass:

  • Schwieriges zum Leben gehört
  • Das Weltgeschehen – wie schon immer – aus einem Auf und Ab besteht
  • Frieden also kein selbstverständlicher Dauerzustand ist
  • Es aber – wie bei der Pandemie und jeder Krise – auch wieder besser wird
  • Angst eine normale Reaktion ist und zum Leben gehört
  • Man Angst nicht allein haben muss, sondern wir sie teilen und gemeinsam bewältigen können: "Geteiltes Leid ist halbes Leid"

Was Verschweigen bewirkt

Schnappen Kinder etwas anderswo auf, ohne Einordnung, würde sie das stärker verunsichern und Fragen aufwerfen. Sie könnten sich fragen: "Warum reden alle darüber, nur wir nicht?"

Wenn Sie also Ihren Kindern verschweigen, dass es Krieg und Gewalt gibt, sagen Sie ihnen nicht die Wahrheit über das Leben und erreichen das Gegenteil von dem, was Sie bezwecken wollten: Die Kinder fühlen sich verunsichert, verwirrt, trauen ihrer Wahrnehmung nicht, und lernen, dass es Tabus gibt, wo Dinge zwar da sind, man aber nicht darüber spricht.

Sie verlieren das Vertrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Eltern – und damit ist der wichtigste Schutzschild gegen Verunsicherung und Angst geschwächt: die sichere, vertrauensvolle Bindung an die Eltern. Mit der Wahrheit hingegen sind Kinder auf weitere Nachrichten über den Krieg vorbereitet.

Kindgerecht darüber reden – sich einstellen aufs Kind

Wie können Sie Ihren Kindern auf gute Weise vom Krieg erzählen, dann mit ihnen ins Gespräch eintreten und auch im Gespräch bleiben? Kriege sind nicht einfach zu erklären, wir müssen hier Übersetzungsarbeit leisten. Für kindgerechte Erklärungen müssen wir uns in die Kinder hineinversetzen. Dann wissen wir, was sie brauchen, und das ist bei jedem Kind unterschiedlich. Manche wollen alles wissen, wollen reden und Antworten. Andere wollen gerade nichts davon hören. Beides sind normale Reaktionen auf Angstauslöser. Sie kennen Ihr Kind am besten.

Eigene Ängste reflektieren und verarbeiten

Wenn Sie Ihrem Kind einen guten Umgang mit Angst vermitteln wollen, gehört dazu ein angemessener Umgang mit Ihren eigenen Gefühlen. Allerdings kann es sein, dass Sie selbst so beschäftigt und in Angst und Sorge sind, dass Sie sich nicht mehr innerlich frei auf Ihr Kind einstimmen können. Das kann bei einer solch realen, nahen und uns in Europa und in der ganzen Welt bedrohenden Aussicht leicht sein.

Unsere Eltern oder Großeltern haben den Zweiten Weltkrieg noch am eigenen Leib erlebt und die Angst und eventuell Traumatisierungen werden an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich mit Ihren eigenen Ängsten beschäftigen und sich selbst entlasten. Dies gelingt beispielsweise im Gespräch mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin oder der Familie und Freunden oder wenn Sie Tagebuch schreiben und sich Zeit allein, zum Beispiel in der Natur nehmen.

  • Was stelle ich mir vor, was passieren könnte?
  • Was daran macht mir am meisten Angst?
  • Welche Erfahrungen gibt es in meiner Familie mit Krieg?
  • Wie wurde mit Ängsten in unserer Familie umgegangen, was habe ich für den Umgang damit gelernt?

Immer, wenn wir uns um unsere schwierigen Emotionen und deren Auslöser kümmern, sinkt die Gefahr, dass wir diese ungefiltert an die Kinder weitergeben.

Um Gefahren einzuschätzen, sind Kinder auf das angewiesen, was sie von ihren Eltern spüren und mitbekommen. Deshalb: Kinder haben in der Regel genau so viel Angst wie die Menschen, die ihnen am nächsten stehen.

Hilfe bei Angst: Die Angst ernst nehmen, nicht verheimlichen

Die folgenden Punkte können Ihnen Anregungen geben, wie man grundsätzlich mit Kindern einen guten Umgang mit Angst findet.

  • Sicherheit und Verbundenheit vermitteln, sodass die Kinder spüren: Wir sind füreinander da. Hier – wie auch sonst – gelten die drei Z's der Kindererziehung: Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit.
  • Eigene Sorgen nicht verheimlichen oder verneinen, denn Kinder spüren sowieso alles, und sind erleichtert und entlastet, wenn sie den Grund wissen: "Es hat nichts mit mir zu tun" und sie können ihren Gefühlen trauen: "Mein Gefühl, dass Mama und Papa Angst haben, stimmt".
  • Kindern von eigenen Ängsten erzählen – aber dabei Distanz zur Angst haben. Bitte holen Sie sich woanders Beruhigung, zum Beispiel bei Freunden oder Profis, nicht bei Ihrem Kind. Das Kind erfährt die Angst möglichst durch den Filter Ihrer emotionalen Souveränität.
  • Machen Sie viele Gesprächsangebote und signalisieren Sie, dass Angst okay ist. Dann wird Ihr Kind sich Ihnen eher anvertrauen. Dafür ist die Grundlage, dass Sie selbst Ihre Angst okay finden. Wie bewerten Sie Ihre Angst?
  • Gesprächsbereit, aber nicht aufdrängend: Manche Kinder haben Fragen und wollen Antworten. Andere wollen nichts davon hören. Geben Sie Ihnen dann nur die wichtigsten Tatsachen und vermitteln weiterhin Gesprächsbereitschaft: "Wenn du mehr wissen und darüber reden willst, machen wir das gerne".
  • Verhaltensänderungen ansprechen: Sprechen Sie ruhig immer wieder an, falls Ihnen Verhaltensänderungen auffallen: "Mir fällt auf, dass du in letzter Zeit so wenig lachst. Ist etwas?" Auch, wenn Ihr Kind nicht auf Ihre Ansprache reagiert, können Sie das ruhig wiederholt ansprechen. Sie signalisieren damit: "Ich bin da, du bist nicht allein".

In einfacher Sprache – oder im Spiel

Kinder können mit abstrakten Begriffen wenig oder gar nichts anfangen. Machen Sie es begreifbar und vorstellbar für Ihre Kinder: Erklären Sie konkret, was gerade passiert – ohne Schönreden, aber auch ohne unnötig Angst zu schüren:

  • Dass dort zwei Seiten gegeneinander kämpfen.
  • Dass dabei auch Menschen verletzt werden und sterben.
  • Dass es nicht nur Soldaten, sondern auch andere trifft, die nicht kämpfen.
  • Dass jetzt viele Menschen ihr Zuhause verlassen müssen.
  • Dass der russische Präsident Putin den Krieg begonnen hat, verbotenerweise.
  • Dass deshalb fast alle anderen Staaten der Welt gemeinschaftlich gegen ihn stehen.
  • Nicht "Humanitäre Katastrophe", sondern: "Viele können nicht mehr heizen und haben nicht genug zu essen, zu trinken und Medikamente".
  • Nicht "Sanktionen", sondern "Strafen".
  • Nicht "Invasion", sondern: "Russische Soldaten sind unerlaubt in die Ukraine gekommen und kämpfen dort".
  • Keine Details zu Gewalt und Tod, Waffen und Panzern.
  • Gerade für kleinere Kinder sind Spiele wichtig, um zu erleben, zu verarbeiten und zu verstehen.

Die folgenden Spielanlässe können helfen, Ängste zu verarbeiten und im Spiel miteinander zu reden:

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  • "Stell dir vor: Ein Fremder geht in dein Zimmer und wirft dich raus, holt andere dazu und spielt mit deinen Spielsachen: Wie findest du das? Was machen wir jetzt?"
  • "Gegeneinander streiten ist etwas anderes als miteinander streiten. Was ist der Unterschied?“

Sicherheit vermitteln und begründete Hoffnungen aussprechen

Auch wenn eine Lösung in der Ukraine aktuell nicht in Sicht ist, gibt es Aspekte, die die Angst lindern können, genauso wie bei uns Erwachsenen.

  • Der Krieg kommt nicht nach Deutschland, oder mindestens ist es sehr unwahrscheinlich. Kinder müssen sich also um den Frieden im eigenen Land oder Bomben bei uns keine Sorgen machen.
  • Gemeinsam stark: Die Staatengemeinschaft steht fast weltweit außergewöhnlich einig zusammen, um den Krieg zu beenden.
  • Es gibt immer weiter Bemühungen, eine Lösung mit Verhandlungen und Gesprächen zu finden. Präsidenten, zum Beispiel europäischer Länder und der USA, reden mit Putin. Auch Vertreter Russlands und der Ukraine reden miteinander.
  • Sanktionen: Russland hat immer weniger Geld, weil andere Länder Russland für den Krieg bestrafen und möglichst wenig dort kaufen. Superreiche Russen, die durch ihren Reichtum Macht zum eigenen Vorteil ausüben, werden bestraft, indem sie ihr Geld und ihre Besitztümer verlieren.
  • Besserung: Gewalt und Kriege nehmen immer weiter ab im Lauf der Geschichte, aber in den Medien werden negative Ereignisse hervorgehoben.

Erklären, wie den Menschen geholfen wird

Statt das Handeln der Täter in den Vordergrund zu stellen, ist es besser, über die Hilfe und Solidarität für die Leidtragenden des Krieges zu berichten. Der gefühlten Machtlosigkeit können wir so etwas entgegensetzen. Erzählen Sie Ihren Kindern Beispiele, wie Menschen geholfen wird:

  • Wie Hilfsorganisationen die Opfer versorgen.
  • Dass Deutschland medizinische Ausrüstung, Schutz und Verteidigungswaffen schickt.
  • Dass ukrainische Kinder, Familien und Einzelne nach Deutschland gebracht und hier gut aufgenommen werden. Und dass sie hier in Sicherheit sind.
  • Besprechen: "Was können wir gemeinsam tun, um zu helfen?"

Technische Hilfen beim Medienkonsum von Kindern

Filme und Fotos von rollenden Panzerkolonnen oder zerstörten Häusern, verletzten und weinenden Menschen – all das kann bei Kindern und Erwachsenen Ängste schüren, vorhandene Ängste verstärken und bleibende Angst hinterlassen. Vor allem junge Kinder unter sieben Jahren können Entfernungen und Zeit nicht einschätzen.

In den Fantasien der Kinder ist alles möglich und dies fühlt sich für sie realer an als es das für Ältere tun würde. So kann sich auch die Kriegsgefahr für Kinder sehr unmittelbar anfühlen. Jugendschutzprogramme und Jugendschutz-Apps sortieren ungeeignete Websites mittels technischer Filter aus oder lassen nur vorher geprüfte Websites zu. So schirmt man einen Großteil unpassender Inhalte ab. Hier kann man sich auf vielen Seiten im Internet informieren.

Zum Umgang mit möglichen Ängsten des Kindes gehört die Kehrseite: der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Wenn wir die momentane Lage als Möglichkeit begreifen, daran zu reifen, zum Beispiel, indem wir uns unseren Ängsten stellen, anstatt sie zu verdrängen, so lernen wir dabei etwas für uns selbst und für unsere Kinder. Mit diesem Gedanken fühlt sich manches leichter und sinnvoller an.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Ulrike Scheuermann: https://www.ulrike-scheuerman.de
  • Ulrike Scheuermann: Freunde machen gesund – Die Nummer 1 für ein langes Leben: deine Sozialkontakte (Knaur Balance, 2021)
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