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Patientenschützer: Er hat die Patienten aus den Augen verloren


"Deutschland hat eines der teuersten Systeme der Welt"

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 12.11.2022Lesedauer: 4 Min.
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Für diesen Beitrag haben wir alle relevanten Fakten sorgfältig recherchiert. Eine Beeinflussung durch Dritte findet nicht statt.

Karl Lauterbach: Der Gesundheitsminister kündigt eine "Revolution" im Gesundheitswesen an.
Karl Lauterbach: Der Gesundheitsminister kündigt eine "Revolution" im Gesundheitswesen an. (Quelle: IMAGO/Stefan Boness/Ipon)
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Der Bundesgesundheitsminister stößt mit seinen Reformplänen für das Krankenhaussystem auf viel Kritik. Auch ein Patientenschützer warnt vor einer Krise.

Noch ist die Corona-Krise bei Weitem nicht vorbei, schon greift der Bundesgesundheitsminister das nächste Großprojekt an. Karl Lauterbach (SPD) plant "die größte Krankenhausreform der letzten 20 Jahre". Das Ziel: Kosten senken.

Diese Vorhaben sind unter anderem in Planung:

  • Die Zahl der stationären Krankenhausaufenthalte soll gesenkt werden. Bestimmte Eingriffe sollen ambulant vorgenommen werden. Der Patient wird danach wieder nach Hause geschickt, übernachtet nicht mehr in der Klinik. Damit soll auch die angespannte Personalsituation entschärft werden.
  • Unnötige Operationen sollen vermieden werden. Als Beispiel nannte der Minister Rückenoperationen, bei denen mit nicht-operativen Therapien ebenso Erfolge erzielt werden können.
  • Das Konzept der Fallpauschalen soll abgeschafft werden. Mit ihnen werden derzeit Behandlungen je nach Diagnose pauschal vergütet – unabhängig davon, wie lange der Patient tatsächlich in stationärer Behandlung war oder sein musste.
  • Das Pflegepersonal soll aufgestockt, die Arbeitsbedingungen sollen verbessert werden.
  • Auch das Konzept von einer Art Schwerpunktkliniken steht im Raum. Also: Nicht jede Klinik macht alle nötigen Operationen, sondern Kliniken spezialisieren sich auf bestimmte Bereiche, Patienten werden dann zu den Eingriffen dort eingewiesen.
  • Krankenhausschließungen stehen dort im Raum, wo eine Überversorgung herrscht.

Was das für die Patienten bedeutet und ob eine schlechtere Gesundheitsversorgung droht, darüber sprach t-online mit dem Patientenschützer Eugen Brysch.

t-online: Was sind die Kernpunkte, die Sie an Lauterbachs Plänen kritisieren?

Eugen Brysch: Der Bundesgesundheitsminister und seine Experten konzentrieren sich bei der Krankenhausreform vor allem auf die Interessen der Träger und Mitarbeiter. Ein Zukunftskonzept muss sich jedoch zuallererst an den Patienten und deren Bedarfen orientieren. Aber genau hierfür fehlen verbindliche Parameter. Behandlungsqualität, Selbstbestimmung, Fürsorge und Arzt-Patient-Kommunikation haben elementare Bestandteile des Therapieerfolgs zu sein. Besonders hochbetagte, demenzkranke und pflegebedürftige Menschen müssen in den Fokus genommen werden.

Was halten Sie von den Plänen der Verschiebung von stationären hin zu mehr ambulanten Behandlungen? Eine Gefahr für die Patienten?

Karl Lauterbach will Pflegekräfte entlasten, indem Patienten abends nach Hause geschickt und am nächsten Morgen weiter stationär behandelt werden. Doch für viele Patienten ist ein Hop-on-Hop-off-Modell nicht praktikabel. Der Bundesgesundheitsminister vermittelt den Eindruck, dass der kranke Mensch der Krankenhausordnung zu folgen hat und nicht umgekehrt. Dieser Kritik entgegnet er stereotyp, dass alles auf freiwilliger Basis geschehen soll. Das zeigt, Karl Lauterbach hat die Perspektive der Patienten aus den Augen verloren.

Eugen Brysch ist Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.
Eugen Brysch (Quelle: Deutsche Stiftung Patientenschutz) (Quelle: -/dpa)

Eugen Brysch ist der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Sie vertritt die Interessen von schwerstkranken, pflegebedürftigen und sterbenden Menschen.

Es soll mehr Personal bereitgestellt werden, das klingt erst mal nach einer guten Nachricht für die Patienten, oder?

Mehr Personal bereitstellen, das höre ich schon seit 25 Jahren. Doch zunächst muss die Bundesregierung sagen, was sie will. Soll es mehr Personal geben oder das vorhandene besser eingesetzt werden?

Ebenso muss geklärt werden, welche Folgen es hat, dass aktuell drei Millionen weniger Behandlungen gezählt werden als noch vor vier Jahren. Zu den Fakten gehört auch, dass Verweildauer der Patienten und Bettenauslastung rückläufig sind. Gleichzeitig hat die Zahl der Beschäftigten zugenommen.

Was bedeutet das aber tatsächlich für die Patientenversorgung? Ohne Zweifel hat Deutschland eines der teuersten Krankenhaussysteme der Welt. Ich bezweifle jedoch, dass es für alle Patientengruppen das Beste ist. Gerade bei Hochbetagten, Pflegebedürftigen und demenziell Erkrankten mache ich ein Fragezeichen.

Lauterbach betont auch, dass unnötige OPs in Zukunft vermieden werden sollen. Das klingt doch erst mal vernünftig, oder?

Mit Operationen verdienen Krankenhäuser viel Geld. Somit stehen oftmals ökonomische Aspekte im Vordergrund und weniger die Sinnhaftigkeit einer operativen Behandlung. Die Krankenhäuser haben aus dem Blick verloren, dass jede unnötige Operation zunächst einmal Körperverletzung ist.

Zudem sind chirurgische Eingriffe gerade für Betagte und Pflegebedürftige immer mit enormen Strapazen verbunden. Menschen mit einem multimorbiden Krankheitsbild brauchen medizinische Linderung und nicht das Skalpell. Darauf hat Karl Lauterbach das Honorarsystem einzustellen.

Kernpunkt der Reform ist die Abschaffung der Fallpauschalen, dass also pro Diagnose eine bestimmte Summe für die Therapie gezahlt wird, die dann offenbar häufiger von den Krankenhäusern zur Profitmachung genutzt wird, indem man zum Beispiel am Personal spart. Klingt nach einem guten Plan, wie sehen Sie es?

Fallpauschalen wurden eingeführt, um für Transparenz bei den Behandlungen zu sorgen und Kosten zu dämpfen. Doch die Akteure im Gesundheitswesen haben relativ schnell gelernt, dieses Instrument zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Es braucht endlich Werkzeuge, die stationäre Gesundheitswirtschaft dahin zu lenken, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Das wird im Übrigen auch die Beschäftigten zufriedenstellen.

Auch im Raum steht, dass künftig nicht mehr jede Klinik alle OPs durchführt, sondern bestimmte Eingriffe in bestimmten Krankenhäusern gebündelt werden. So soll jeweils eine gewisse Expertise entstehen. Was halten Sie davon?

Eine stationäre medizinische Versorgung muss endlich auf Patientengruppen ausgerichtet werden. Dabei gilt es, das Angebot in der Fläche sicherzustellen und Überversorgung in Ballungszentren abzubauen. Deshalb wird es nicht funktionieren, überall alles zu haben.

Das Problem ist jedoch, dass sich Krankenhaus-Lobbyisten, Bürgermeister, Landräte und Ministerpräsidenten regelrecht festgefahren haben. Ganz nach dem Motto, wer sich als Erster rührt, verliert. Doch diese Unbeweglichkeit führt das klinische Angebot gerade im ländlichen Raum immer mehr in die Krise. Genau das ist die Gefahr für die Patienten.

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In diesem Zusammenhang stehen auch Krankenhausschließungen im Raum. Sehen Sie dafür eine Grundlage?

Ohne Zweifel muss die stationäre Krankenhausversorgung in Deutschland zukunftsfest gemacht werden. Da die Politik nichts tut, ist der finanziell Schwache schnell der Verlierer. Doch Gesundheitspolitik ist Sozialpolitik.

Wie meinen Sie das?

Es kann nicht sein, dass damit die ländlichen Regionen mit oftmals kleineren Häusern ausbluten. Notwendig ist ein verbindlicher Zukunftsplan, wie die Krankenhauslandschaft im Jahr 2030 auszusehen hat. Dafür verantwortlich sind der Bundestag, die Länderparlamente und die hier gewählten Regierungen. Der Bundesgesundheitsminister glaubt, allein mit seinen Experten jetzt einen großen Wurf zu machen. Doch die Länder, Kommunen und vor allem Patienten nicht zu beteiligen, ist ein Fehler. Denn nicht selten ist die Steigerung von gut gemeint schlecht gemacht.

Herr Brysch, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Interview mit Eugen Brysch
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Von Andrea Goesch
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