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25.000 Euro für eine neue Niere

Organhandel: 25.000 Euro für eine neue Niere

17.05.2011, 15:10 Uhr | Judith Féaux de Lacroix

25.000 Euro für eine neue Niere. Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich elf Organe transplantiert. (Foto: imago)

Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich elf Organe transplantiert. (Foto: imago)

Organhandel - dieses Wort begegnet uns meist nur in Krimis oder Science-Fiction-Filmen. Denn in Deutschland ist der Verkauf von Organen verboten. Einige Gesundheitsökonomen plädieren jedoch dafür, die Organspende gegen Geld zu legalisieren. Ihr Argument: So könnte man die Zahl der Spender erhöhen und jenen Tausenden Patienten helfen, die zum Beispiel eine neue Niere brauchen. Doch gegen einen legalen Organhandel gibt es viele Bedenken.

8000 Deutsche warten auf eine Niere

8000 Menschen in Deutschland warten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) derzeit auf eine Spenderniere. Nur für jeden Dritten von ihnen steht ein Transplantat zur Verfügung. Dabei ist die Niere eines der wenigen Organe, das auch ein lebender Mensch spenden kann: Ein gesunder Mensch besitzt zwei Nieren, kann aber auch mit einer auskommen. Allerdings ist die so genannte Lebendspende streng geregelt. Spender und Empfänger müssen einander "in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahe stehen". Das gilt dem Gesetz zufolge für Verwandte ersten oder zweiten Grades, Lebenspartner oder sehr enge Freunde. Eine anonyme Spende ist hingegen nicht erlaubt. So soll sichergestellt werden, dass der Spender freiwillig das Risiko einer Organentnahme auf sich nimmt. Denn gesundheitliche Schäden durch eine Lebendspende sind zwar selten, aber nicht auszuschließen.

Aufklärung fehlt

Um mehr Menschen als Organspender zu gewinnen, schlagen einige Gesundheitsökonomen vor, diese strengen Regeln für die Lebendspende zu lockern. Zu ihnen gehört auch der Bayreuther Gesundheitsökonom Prof. Dr. Peter Oberender. "Derzeit sterben täglich drei bis vier Menschen, weil sie kein Spenderorgan bekommen", sagt Oberender. Dies könne man durch einen legalisierten Organhandel verhindern. Er sei überzeugt, dass finanzielle Anreize die Zahl der Organspender erhöhen würden: "Die Menschen sind materiell orientiert", sagt der Volkswirt. Dr. Bert Heinrichs, Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE) in Bonn, bezweifelt hingegen, dass Geld mehr Menschen dazu bewegen würde, ein Organ zu spenden. Das Problem sei vielmehr, dass sich die meisten Menschen nicht genug mit dem Thema Organspende beschäftigten. Durch Aufklärung könnte man mehr bewirken als durch Bezahlung.

Viele Menschen sterben durch illegalen Organhandel

Fakt sei aber, dass es trotzdem Organhandel gebe, argumentiert Gesundheitsökonom Peter Oberender - als Schwarzmarkt etwa in Irak, Iran und Indien. Bei dieser illegalen Form des Organverkaufs gebe es für die Spender eine sehr schlechte Nachsorge: "Viele Organspender sterben an den Folgen der Operation", sagt er. Das ließe sich durch einen legalisierten Organhandel eindämmen, sagt der Gesundheitsökonom. Denn bei einem geregelten Organverkauf könne man gewährleisten, dass der Spender über die Risiken aufgeklärt wird und eine gute Nachsorge nach der Operation erhält. Bert Heinrichs vom DRZE hingegen ist skeptisch: "Mit dem gleichen Argument könnte man auch Heroin komplett legalisieren, um Beschaffungskriminalität zu vermeiden." Ein legaler Organhandel führe zudem dazu, dass nur reiche Patienten die Chance auf eine neue Niere hätten. "Gesundheit wird dann exklusiv", befürchtet Heinrichs.

Die Dialyse ist teurer als die Transplantation

Die Lösung wäre aus Peter Oberenders Sicht eine Art Organbörse, bei der man ein Organ versteigern kann, ohne den Empfänger zu kennen. Um zu vermeiden, dass nur reiche Patienten sich ein neues Organ leisten können, müssten auch Krankenkassen für ihre Patienten mitbieten dürfen. Daran hätten die Kassen ein finanzielles Interesse, sagt Oberender: Denn auf Dauer sei es günstiger, einem Patienten eine neue Niere zu geben, als seine Nierenerkrankung zu behandeln. Den Wert einer Niere schätzt Oberender auf etwa 20.000 bis 25.000 Euro, die Operation würde zusätzlich nochmal 25.000 Euro kosten. Für einmalig 50.000 Euro also könnte man den Patienten von seinem Nierenleiden befreien, so Oberender. Zum Vergleich: Die Dialyse für einen Nierenkranken kostet im Jahr 60.000 Euro, manche Patienten müssen zehn Jahre lang zur Dialyse.

Freier Wille oder Ausbeutung?

"Natürlich kann man ethische Bedenken gegenüber dem Organhandel haben", räumt Oberender ein. Aber die Entscheidung, ob jemand ein Organ spenden wolle oder nicht, müsse jedem frei gestellt sein. Bert Heinrichs hingegen sieht die Gefahr, dass Organe und damit der menschliche Körper insgesamt zur Sache werden. Wenn Organe einen Geldwert hätten, sei es schwierig, die Grenze zu ziehen: Dann könne ein Schuldner statt seines Fernsehers im Prinzip auch seine Niere verpfänden. Diese Vergegenständlichung des Körpers widerspreche dem Selbstbild des Menschen. Wenn Menschen einen Eingriff in ihren Körper zuließen, nur um an Geld zu kommen, dann sei das Ausbeutung - selbst wenn der Spender diese Entscheidung freiwillig träfe.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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