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Übung "Defender Europe 2020": Gigantische Aktion mit 20.000 Soldaten

Gigantische Militärübung geplant  

Hunderte US-Panzer rollen durch Deutschland

14.01.2020, 11:08 Uhr
Übung "Defender Europe 2020": Gigantische Aktion mit 20.000 Soldaten. US-Panzer im Hafen Bremerhaven (Archivbild): 13.000 Fahrzeuge und Container mit Ausrüstung werden für die Übung Defender Europe aus den USA nach Europa gebracht. Hochbetrieb in Deutschland wird im April und Mai sein.  (Quelle: Bundeswehr/Alyssa Bier)

US-Panzer im Hafen Bremerhaven (Archivbild): 13.000 Fahrzeuge und Container mit Ausrüstung werden für die Übung Defender Europe aus den USA nach Europa gebracht. Hochbetrieb in Deutschland wird im April und Mai sein. (Quelle: Bundeswehr/Alyssa Bier)

Mit 20.000 Soldaten ist es die größte US-Truppenverlegung nach Europa seit 25 Jahren: Deutschland wird bei der Übung "Defender Europe" zur zentralen Drehscheibe – mit Hunderten Panzern auf Straßen, Schienen und auf dem Wasser.

In Europa und den USA hat die letzte Phase der Vorbereitungen für einen gewaltigen Kraftakt begonnen: Die US-Streitkräfte proben mit Nato-Partnern, in kurzer Zeit enorme Kräfte für einen Krieg in Osteuropa zu verlegen. Ein Großteil des Kriegsmaterials kommt aus den USA und wird quer durch Europa transportiert – mit Deutschland als zentraler Drehscheibe.

Kommende Woche wollen die Militärs in einer Berliner Kaserne über Details sprechen. Doch vieles ist schon bekannt. Die Übung kann in vielen Teilen Deutschlands zu Behinderungen führen – und ist für die Bundeswehr eine Herausforderung.

Wann kommt es zu Störungen? Die Übung läuft noch im Januar an. Der Hauptverlegezeitraum der US-Kräfte in Europa reicht von Februar bis Mai. Aus den USA kommen alleine 8.600 Radfahrzeuge und mehr als 1.100 Kettenfahrzeuge. Der Großteil davon wird jedoch erst im April und Mai Richtung Osten bewegt. Über die Osterfeiertage (Ostersonntag ist am 12. April), soll es ruhig bleiben. Auf den Straßen sollen Transporte vor allem nachts unterwegs sein, damit es wenig Störungen gibt. Von Mitte Mai an beginnt der Rücktransport. Er soll im Juli abgeschlossen sein. Auch dann sind wieder Militärkonvois unterwegs – aber nicht so viele Fahrzeuge in kurzer Zeit. 

Wie kommen Material und Soldaten nach Europa? Für Verlegungen werden Maschinen an den Flughäfen in Berlin-Tegel, Frankfurt, Hamburg, München, Nürnberg und Ramstein landen, heißt es von Verteidigungsstaatssekretär Peter Tauber. Bremen könnte noch hinzukommen. Das Material kommt nur zum Bruchteil per Flieger. Kampfpanzer, Schützenpanzer und Haubitzen und sonstiges Gerät werden per Schiff angeliefert. Von den Häfen Antwerpen, Vlissingen und Bremerhaven geht es später weiter durch Deutschland.

Wie läuft der Verkehr in Deutschland? Ein Teil des Materials wird auf dem Wasser weiter transportiert. Dafür sind die Binnenhäfen Duisburg, Bremen und Krefeld eingeplant. Das schwere Gerät soll vor allem per Zug transportiert werden. Doch auch auf den Straßen wird viel Militär unterwegs sein. Drei großen Achsen sind in Deutschland vorgesehen: Von Düsseldorf geht es auf einer nördlichen Route über Hannover und Magdeburg nach Frankfurt/Oder weiter. Die südliche Route von Düsseldorf aus soll über Mannheim, Nürnberg und Dresden nach Görlitz führen. Zudem sind Konvois von Bremerhaven in Süd-Nord.Richtung entlang einer Verbindung Mannheim-Frankfurt/Main – Hannover zum Truppenübungsplatz Bergen geplant. 

Per Schiff aus den USA: Die Fracht wird in Bremerhaven (Foto), Antwerpen und Vlissingen auf europäisches Festland gebracht. Ein kleiner Teil wird auch direkt ins estnische Paldiski transportiert, der Rest folgt auf dem Landweg. (Quelle: Bundeswehr/Nicole Diedrichsen)Per Schiff aus den USA: Die Fracht wird in Bremerhaven (Foto), Antwerpen und Vlissingen auf europäisches Festland gebracht. Ein kleiner Teil wird auch direkt ins estnische Paldiski transportiert, der Rest folgt auf dem Landweg. (Quelle: Bundeswehr/Nicole Diedrichsen)

Verkraften die Bauwerke das? Die Vorbereitungen reichen weit zurück: Festgelegte Strecken wurden geprüft, ob sie für die großen Lasten ausgelegt sind. Panzer und anderes Großgerät der US-Armee wurden in Mannheim durch die Logistikschule der Bundeswehr begutachtet, gewogen und vermessen. Die Übung war europaweit auch Anlass, entsprechend Bauwerke zu sanieren oder zu verstärken. Die Militärexperten schließen jedoch nicht aus, dass es durch das schwere Gerät auch zu Schäden kommen kann.

Wo wird geübt? Die Übung erstreckt sich auf zehn Länder, konzentriert sich auf Polen und das Baltikum. Innerhalb des großen Szenarios gibt es aber auch weitere Übungsszenarien und -schauplätze in Deutschland. In Grafenwöhr in Bayern und auf dem Übungsplatz Bergen in der Lüneburger Heide werden auch Gefechte geübt. Teil von "Defender Europe" soll zudem der Umgang mit zusätzlichen Attacken im Cyberraum sein. Erprobt wird dafür neue Ausrüstung und gemeinsame sichere Kommunikation. Insgesamt üben 37.000 Soldaten aus 18 Ländern mit US-Truppen. Zu den 20.000 US-Soldaten aus den USA kommen 9.000, die bereits in Europa stationiert sind. 

Wird alles Material aus den USA verschifft? Nein. Zusätzlich holt die US-Armee auch Kriegsgerät raus, das sonst in riesigen bewachten Lagerhäusern bereitgehalten wird. Aus insgesamt vier sogenannten "Army Prepositioned Stocks" sollen 13.000 Fahrzeuge und Container gebracht werden. In Deutschland gibt es solche Lager in Dülmen, Miesau in der Pfalz und zeitweilig in Mannheim. Binnen 96 Stunden soll das Material komplett bei den Kampfeinheiten sein. Eine Panzerbrigade der Nationalgarde bekommt für die Übung die M1-Panzer sowie Paladin-Panzerhaubitzen aus europäischen Lagerstandorten der US-Armee. 

US-Truppen auf dem Übungsplatz Lehnin: Er wird bei der Verlegung Richtung Polen und Baltikum wieder ein Rastraum sein. Nach dem Ukraine-Konflikt sind Transporte von US-Truppen in Deutschland wieder häufiger geworden.  (Quelle: Bundeswehr/Stefan Zimmermann)US-Truppen auf dem Übungsplatz Lehnin: Er wird bei der Verlegung Richtung Polen und Baltikum wieder ein Rastraum sein. Nach dem Ukraine-Konflikt sind Transporte von US-Truppen in Deutschland wieder häufiger geworden. (Quelle: Bundeswehr/Stefan Zimmermann)

Was passiert entlang der Routen? Die Soldaten werden unterwegs auch Station machen müssen, übernachten, Defekte beheben. Dafür sind einige Standorte vorgesehen, entlang der Transportrouten gibt es etwa Rasträume: In Rheindahlen bei Mönchengladbach, in Augustdorf nahe Bielefeld, Burg bei Magdeburg, Lehnin bei Potsdam, der Oberlausitz, Garlstedt nahe Bremen, Stadtallendorf bei Marburg und in Frankenberg (Sachsen). An drei dieser Standorte schafft die Bundeswehr auch sogenannte "Convoy Support Center", wo es umfangreiche Infrastruktur für die großen Transporte geben soll: an den Truppenübungsplätzen Garlstedt nahe Bremen und in der Oberlausitz sowie in Burg bei Magdeburg. Auf dem Truppenübungsplatz Bergen nördlich von Hannover wird eigens eine Tankanlage aufgebaut.

Was trägt Deutschland bei? In den USA wird die Unterstützungsleistung hoch geschätzt und gewürdigt. Der kommandierende General der US-Streitkräfte in Europa, Christopher G. Cavoli, sprach in einer Pressekonferenz von Unterstützung auf einem "sehr signifikanten Niveau".  Die Bundeswehr koordiniert und sichert die Transporte in Deutschland, sie schafft den Großteil der Quartiere und der Versorgung für die durchziehenden Einheiten. "Host Nation Support" nennt sich das. 1.500 Soldaten sind in der Spitze in Deutschland nur zur Unterstützung der Amerikaner im Einsatz, 1.200 weitere nehmen an Gefechtsübungen teil.

Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis, nennt "Defender Europe" eine Herausforderung, nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die Partner in den Behörden der Länder, den Landkreisen und bei der Polizei. "Nicht zuletzt auch für die deutsche Bevölkerung. Wir sind bemüht, Belastungen durch das Verkehrsaufkommen zu minimieren, es wird aber spürbar sein, dass wir Militärtransporte auf deutschen Straßen sehen werden." Er bitte um Verständnis für die Beeinträchtigungen. 

Was ist der Sinn? Die Annexion der Krim hat zu einem Umdenken bei den USA und der Nato geführt, denn Russland wird wieder als mögliche Bedrohung behandelt. Bei der Übung geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und mit dem erhofften Ablauf Zähne zu zeigen: Die USA und ihre Verbündeten müssen im Krisenfall in Europa Einheiten in großer Zahl schnell verlegen und gut zusammenarbeiten können. "Diese Fähigkeit ist wichtig, um kurzfristig Stärke zeigen zu können, unsere Einsatzbereitschaft beruhigt unsere Alliierten und schreckt mögliche Gegner ab“, erklärte General Cavoli, kommandierender General der US-Streitkräfte in Europa. Die Übung wird auch zu einem Test für das neue "Joint Support and Enabling Command" der Nato, das in Ulm noch im Aufbau ist. Seine Aufgabe ist es, dass Militärgerät und Truppen in einem Krisenfall schnell nationale Grenzen überwinden. Als ein Logistikkommando koordiniert es die Übergaben.

Gibt es Proteste? Linken-Bundestagsabgeordnete stecken hinter einer Initiative mit dem Namen "Stoppt Defender 2020“, die im Netz "Informationsfluss und Mobilisierung gegen diese umfassende Kriegssimulation unterstützen“ soll. In mindestens zwei Städten sind noch im Januar Treffen des Netzwerks Friedenskooperative geplant, dabei sind etwa die Attac- und Aufstehen-Bewegungen. Diskutiert werden dort auch Blockaden. Gegner kritisieren vor allem, Russland werde provoziert, was weitere Eskalationen nach sich ziehen könne. Kritisiert wird auch der Zeitraum – am 8. Mai feiert Russland den 75. Jahrestag des Sieges über das "Deutsche Reich" im Zweiten Weltkrieg. Zudem wird Klimaschutz als Kritik gegen die Großübung angeführt.

Ansonsten ist es in der Politik bisher weitgehend ruhig. Bei einem Manöver 2016 in Polen mit 30.000 Soldaten hatte der frühere Bundesaußenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Kritik geübt: "Was wir jetzt nicht tun sollten, ist durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul die Lage weiter anzuheizen. Wer glaubt, mit symbolischen Panzerparaden an der Ostgrenze des Bündnisses mehr Sicherheit zu schaffen, der irrt.“ Aus der CDU war er dafür heftig kritisiert worden. Russland veranstaltet an der Grenze zu Polen und den baltischen Ländern regelmäßig militärische Manöver.

Die Iran-Krise: Ein Sprecher der US-Armee in Europa hat noch am Sonntag erklärt, Stand derzeit sei die Planung für "Defender Europe", unberührt von den Entwicklungen im Mittleren Osten: "Wir beobachten die Situation genau." An der Lage soll sich auch durch den iranischen Raketenbeschuss auf US-Ziele in Irak zunächst nichts geändert haben.

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