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Groko: Das wohl spannendste Jahr der großen Koalition

Aufbruch in 2020  

Die nächsten Monate entscheiden über die Zukunft der Groko

19.12.2019, 21:24 Uhr | Basil Wegener, dpa

Groko: Das wohl spannendste Jahr der großen Koalition. Merkel und ihr Kabinett: Nach viel Gezeter will die Groko im neuen Jahr harmonischer regieren. Ob es ihr gelingt? (Quelle: imago images)

Merkel und ihr Kabinett: Nach viel Gezeter will die Groko im neuen Jahr harmonischer regieren. Ob es ihr gelingt? (Quelle: imago images)

Rücktritte, Hängepartien, Machtworte – die Koalition machte es sich im alten Jahr nicht leicht. Jetzt wollen Union und SPD zeigen, dass es anders geht. Doch neue Überraschungen sind 2020 nicht ausgeschlossen.

Es war der erste Koalitionsausschuss mit den beiden neuen SPD-Chefs im Kanzleramt kurz vor Weihnachten. Und die Spannung war groß – klangen doch die großen Worte von Saskia Esken auf dem SPD-Parteitag nach: "Wir sind Aufbruch, wir gehen in Richtung der neuen Zeit." Doch was sollte das heißen – übersetzt in Regierungshandeln mit der Union? 

Das erste Treffen zwischen Unions- und neuer SPD-Spitze brachte wenig Neuigkeiten: Beide Seiten lobten die gute Atmosphäre des Plausches, vereinbarten keinerlei konkrete Beschlüsse und kündigten neue Treffen im neuen Jahr an. Nach außen hin sollte das wohl Harmonie symbolisieren. Doch gelingt es der Koalition nach den Turbulenzen und Zerreißproben des Jahres, sich 2020 wirklich noch einmal zu einem gemeinsamen Kurs aufzumachen? Oder zerbricht das Bündnis?

Die kommenden Aufgaben sind riesig

Die Aufgaben sind enorm, siehe Europäische Union. Bis Ende Januar will der britische Premierminister Boris Johnson sein Land aus der EU führen. Im zweiten Halbjahr 2020 übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Rechtzeitig muss dafür das Arbeitsprogramm festgezurrt sein. Als erster Kontinent will Europa bis 2050 klimaneutral sein – mit Hilfe riesiger Investitionen. Muss Deutschland mehr beitragen?

Fast überschaubar erscheinen da die innenpolitischen Vorhaben. Beispiel Kohle: Bis spätestens 2038 soll Deutschland aus der klimaschädlichen Kohleverstromung aussteigen. So hat es eine Regierungskommission empfohlen. Das Gesetz von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wurde auf Anfang 2020 verschoben – bis wann, wo und unter welchen Bedingungen werden Kraftwerke stillgelegt?

Beispiel Rente: Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will den Kompromiss zur Grundrente umsetzen. Im März soll die Rentenkommission Vorschläge für die künftige Altersvorsorge machen. Droht Grundsatzstreit über Steuermilliarden, Beiträge und das Rentenalter? Beispiel Pflege: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will im ersten Halbjahr 2020 Vorschläge zur künftigen Finanzierung der Pflege machen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Eigentlich genug, sollte man meinen. Was soll da der SPD-Spruch von der "neuen Zeit"? Die im Umfragekeller bei 12 bis 16 Prozent verharrenden Genossen nehmen für sich in Anspruch, zu reagieren: Auf den Befund, dass Deutschland bei Schulen, Brücken, Straßen, Schienen und Internet eine marode oder unzureichende Infrastruktur hat. Ihr Rezept: Ein Investitionsprogramm von 450 Milliarden Euro binnen zehn Jahren. Und reagieren will die SPD auf die Spaltung zwischen Arm und Reich – etwa mit 12 Euro Mindestlohn.

SPD will Arbeit der Koalition bewerten – und nachverhandeln? 

Doch geht da was in der GroKo? Im neuen Jahr soll es weitere Verhandlungen zwischen Union und SPD im Koalitionsausschuss geben. Die SPD will laut Parteitagsbeschluss dann bewerten, "ob die drängenden Aufgaben in dieser Koalition zu bewältigen sind". Wann das sein soll, ist offen. "Ich glaube, dass wir klug gehandelt haben, mit unserem Antrag beim Parteitag keine Showdown-Situation für die Koalition herbeizureden", sagt Esken.

CSU-Chef Markus Söder hat hingegen klare Vorstellungen von der künftigen Koalitionsarbeit und klare Forderungen an die SPD-Spitze: "Ich erwarte das ernsthafte Bemühen aller Beteiligter, etwas für Deutschland voran zu bringen. Denn der demokratische Boden in unserem Land vibriert", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Das bloße Zurückziehen auf klassische Parteipositionen und alte Politikmuster tauge nur bedingt für die neuen Herausforderungen einer sich völlig verändernden Gesellschaft.

Es komme darauf an, so Söder, ob die Demokratie in Deutschland eine Perspektive habe, und zwar durch die Demokraten selbst. "Entscheidend ist nicht die Frage, ob man als Partei in einer Koalition mal dies und jenes vielleicht gerne anders hätte. Entscheidend ist die Frage, ob man wirklich mutwillig bereit wäre, eine stabil gewählte Regierung zu gefährden – aus taktischen Momenten, die am Ende nur auf das Konto von AfD und solchen Gruppen einzahlen."

Auch die Union will etwas

Auch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat mehrfach betont, dass es keine Neu- oder Nachverhandlungen des Koalitionsvertrags geben werde. Und auch für die CSU ist klar: Kein Zugeständnisse an die SPD.

Aber auch die Union will etwas. CDU/CSU treibt die Sorge um, dass die Konjunktur einbricht – befeuert vom Brexit, transatlantischen Zerwürfnissen und Chinas Dominanz in vielen Bereichen. Viele in der Union sind überzeugt: Die Unternehmenssteuern müssen runter, als zu starr empfundene Regeln für die Wirtschaft lockerer werden. Auch eine Komplettabschaffung des Soli ist bei der Union auf der Agenda.

Das gibt Raum. Für neue große Kompromisse von Schwarz und Rot, ein vorzeitiges Scheitern – oder für eine weitere Hängepartie. Doch davon – da sind sich die Spitzen aller drei Koalitionsparteien einig – haben die Bürger die Nase voll.

Nur Söder steht nicht unter Druck

Nachdem die damalige SPD-Chefin Andrea Nahles sich im Juni mit den Worten "Machen Sie's gut" von der Bühne verabschiedete, dauerte es ein halbes Jahr bis zu einer neuen Spitze. Und Kramp-Karrenbauer war monatelang nach einigen Fettnäpfchen so unter Beschuss, dass sie Ende November auf dem CDU-Parteitag die Machtfrage stellte, um demonstrativ die Reihen hinter sich zu schließen. Vorerst jedenfalls.

Der einzige im Groko-Dreier, der derzeit nicht unter Druck ist, ist Söder. Nach der Wahl des bayerischen Ministerpräsidenten zum CSU-Chef im Januar kehrte in der Partei die Zuversicht zurück. Vielleicht - so meinen einige in der Union - wird nicht Kramp-Karrenbauer oder NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ihr nächster Kanzlerkandidat - sondern Söder. Doch der will nicht. Zumindest jetzt.

Regiert wurde das ganze Jahr über natürlich trotzdem - mit dem nun im Vermittlungsausschuss nachverhandelten Klimapaket legte die Koalition sogar ihr vielleicht wichtigstes Projekt vor. Doch stecken den Partnern schmerzliche Wahlverluste in den Knochen. Auch bei CDU/CSU sind die Umfragewerte mit 27 bis 29 Prozent alles andere als berauschend. Die AfD bleibt bei 13 bis 15 Prozent stabil - der Rutsch nach rechts mit den AfD-Sensationsergebnissen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ist gerade mal ein paar Monate her. Ende Februar wählt dann Hamburg - in der roten Hochburg sind die Grünen in Umfragen bis auf wenige Punkte an die SPD herangerückt.

Im Bund stehen die Grünen bereits mit konstant über 20 Prozent in den Startlöchern – sie wollen unbedingt regieren. Kann der Druck von außen Union und SPD zusammenschweißen? SPD-Co-Chef Norbert Walter-Borjans bleibt vage: "Für uns ist weder eine Koalition ein Selbstzweck, noch der Bruch einer Koalition."

Die Kanzlerin hält von einem vorzeitigen Aus nichts. "Wir sollten die Legislaturperiode lang weiterarbeiten, meine persönliche Meinung", erklärte Angela Merkel Ende November im Bundestag. Doch AKK mag das anders sehen. Manche in der CDU meinen, sie setze auf ein rasches Ende des Bündnisses – so dass sie wohl recht unangefochten nach der Kanzlerschaft greifen kann. Unklar ist, ob die SPD dann noch zum Regieren gebraucht wird – oder die "neue Zeit" anbricht. Dann in schwarz-grünen Farben.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa


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