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Weltweite Corona-Pandemie: Ist das die "endgültige Lösung für Covid-19"?

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Ist das die "endgültige Lösung für Covid-19"?

15.06.2020, 07:28 Uhr
Weltweite Corona-Pandemie: Ist das die "endgültige Lösung für Covid-19"?. Eine Teilnehmerin der klinischen Tests für den Corona-Impfstoff der Universität Oxford. (Quelle: AP/dpa/University of Oxford)

Eine Teilnehmerin der klinischen Tests für den Corona-Impfstoff der Universität Oxford. (Quelle: University of Oxford/AP/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute schreibe ich Ihnen in Vertretung von Florian Harms. Hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Stellen Sie sich vor, mit einem Schlag ist alles wieder wie früher: Im Stadion feiern Zehntausende den entscheidenden Sieg zur Deutschen Meisterschaft, in der Konzerthalle singen glückliche Menschen die Hits ihrer Lieblingsband mit. Passagierjets fliegen in alle Ecken und Enden der Welt, Barcelona und Mailand sind nur einen Katzensprung entfernt. Niemand muss zwei Meter Abstand halten. Und: keine Masken! Wäre das nicht wundervoll?

Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza schürte am Wochenende die Hoffnung, dass dieser Traum von einer Welt ohne Corona Wirklichkeit werden könnte. Von der "einzigen endgültigen Lösung für Covid-19" schrieb er, und dass der Versuchsprozess dafür im Herbst abgeschlossen sei.

Das Wundermittel, von dem Speranza spricht, heißt AZD1222. Es ist ein Impfstoff gegen Covid-19, der an der Universität von Oxford entwickelt wurde. Der italienische Minister ist nicht der Einzige, der auf den Stoff setzt. Am Samstag unterzeichneten vier Länder einen Vertrag über die Abnahme von mindestens 300 Millionen Impfdosen: Italien, die Niederlande, Frankreich und Deutschland.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt auf den Impfstoff. (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt auf den Impfstoff. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Doch sind die großen Hoffnungen wirklich berechtigt? Speranzas deutscher Amtskollege Jens Spahn formulierte sein Statement zur Vereinbarung mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca etwas nüchterner. AZD1222 sei in der klinischen Entwicklung unter den mehr als 120 Impfstoff-Projekten weltweit am weitesten fortgeschritten, sagte Spahn. Dass sich Deutschland jetzt ein Zugriffsrecht auf das Mittel sichert, ist deshalb zunächst eine logische Entscheidung.

Bevor der Impfstoff zum Einsatz kommen kann, sind aber noch einige Hürden zu überwinden. Zunächst müssen seine Wirksamkeit und Verträglichkeit an Menschen getestet werden. Das kann mehrere Monate dauern. Und schließlich ist nicht sicher, ob der Impfstoff wirklich schützt – und ob sein Einsatz allein ausreicht, um Covid-19 zu besiegen. Der Erfolg des Wundermittels ist also alles andere als gesichert.

Das Vorgehen der vier Länder wirft zudem weitere Fragen auf. Hatte Kanzlerin Angela Merkel nicht erst Anfang Mai betont, dass ein Impfstoff allen Menschen zugutekommen müsse? Sorgt der Vertrag der Impfallianz nun nicht dafür, dass andere Länder vom Zugriff auf das Mittel ausgeschlossen werden? Spahn versuchte, solche Bedenken am Samstag zu zerstreuen. Alle EU-Staaten, die dabei sein wollten, könnten von dem Deal profitieren.

Es gehört also noch sehr viel "können", "wollen" und "sollen" dazu, bevor der Traum des italienischen Ministers in Erfüllung gehen kann. Es wäre ihm und uns allen sehr zu wünschen. Realistisch gesehen sollten wir uns aber auf ein anderes Szenario einstellen: Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Impfstoff aus Oxford das Coronavirus auf einen Schlag beseitigen wird.

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WAS STEHT AN?

Heute ist es so weit: Das Auswärtige Amt hebt seine Reisewarnung für 27 Länder in Europa auf. Vier große europäische Staaten gehören jedoch nicht dazu. Für Schweden besteht die Warnung wegen der hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen weiterhin. In Spanien, Norwegen und Finnland gelten noch weitreichende Einreisesperren für Ausländer. Hier finden Sie eine Übersicht über alle Regelungen in den jeweiligen Nationen.

Seit viereinhalb Monaten verhandeln die EU und Großbritannien darüber, wie ihr Verhältnis nach dem Brexit aussehen soll. Herausgekommen ist dabei bisher: nichts. Heute suchen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel bei einem Videogipfel mit dem britischen Premier Boris Johnson nach einem Ausweg. Es wäre eine große Überraschung, wenn ihnen ein Durchbruch gelingen würde. Dabei könnte gerade Johnson dringend einen Erfolg brauchen. Er steht derzeit im eigenen Land nicht nur wegen der Corona-Krise mächtig unter Druck, wie mein Kollege Patrick Diekmann schreibt.

Ein neuer russischer Marschflugkörper vom Typ 9M729, der mit einem Atomsprengkopf bestückt werden kann. (Quelle: AP/dpa/Pavel Golovkin)Ein neuer russischer Marschflugkörper vom Typ 9M729, der mit einem Atomsprengkopf bestückt werden kann. (Quelle: Pavel Golovkin/AP/dpa)

Die Zahl der Atomsprengköpfe auf der Welt ist im vergangenen Jahr um 465 zurückgegangen. Dennoch warnt das Friedensforschungsinstitut Sipri vor einem "neuen nuklearen Wettrüsten". Sowohl die USA als auch Russland steckten viel Geld in moderne Raketen für ihre Sprengköpfe, heißt es im Sipri-Jahresbericht, der heute in Stockholm vorgestellt wird. 

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WAS LESEN, HÖREN UND ANSEHEN?

Ein junges Paar demonstriert in Berlin gegen Rassismus. (Quelle: imago images/Simone Kuhlmey)Ein junges Paar demonstriert in Berlin gegen Rassismus. (Quelle: Simone Kuhlmey/imago images)

Seit Wochen wird in Deutschland über Rassismus diskutiert, in TV-Talkshows, in sozialen Medien, in den Meinungsspalten der Zeitungen. An Streitfragen mangelte es nicht: Gibt es hierzulande auch Polizeigewalt gegen Minderheiten? Wie schlimm ist es um den Rassismus im Alltag bestellt? Nur selten kommen dabei aber tiefergehende Antworten oder gar Lösungsvorschläge heraus – so ist jedenfalls mein Eindruck.

Woran liegt das? Es ist nicht einfach, über Rassismus zu reden. Für viele Menschen in Deutschland spielt er im Alltag keine Rolle. Ganz einfach deshalb, weil sie zur Mehrheit der Gesellschaft gehören, die aufgrund ihrer Hautfarbe keine Benachteiligung erfahren hat. Mir jedenfalls geht es so, und vielen von Ihnen wahrscheinlich auch. Weil uns diese Erfahrung fehlt, fällt es uns auch schwer, uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, anders wahrgenommen und behandelt zu werden.

Deshalb sollten wir – weißen Deutschen – aufhören, über Rassismus zu diskutieren. Stattdessen sollten wir anfangen, besser zuzuhören: jenen Menschen, die davon berichten, dass sie anders behandelt werden.

Eine Stimme, der es zuzuhören lohnt, ist die Autorin Alice Hasters. "Das Wort 'Rassismus' wirkt wie eine Gießkanne voller Scham", schreibt sie in ihrem Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten". Warum viele deshalb eine falsche Vorstellung von dem Begriff hätten, erklärt Hasters auch in der jüngsten Ausgabe des "Zeit"-Podcasts "Alles gesagt". Wie es sich anfühlt, als junge schwarze Frau in Berlin aufzuwachsen, können Sie im Beitrag meiner Kollegin Josephin Hartwig lesen: Sie hat mit der Studentin Sandra Bilson über deren Rassismus-Erfahrungen gesprochen.

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Ute Holschumacher ist funktionale Analphabetin und damit eine von 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Heute sagt die 58-Jährige über sich, dass sie in ihrer Schulzeit und Jugend durchs Raster gefallen sei. Vor sieben Jahren hat die Berlinerin den großen Schritt gewagt und doch noch Lesen und Schreiben gelernt. Damit hat sich ihr Leben grundlegend verändert. Im Videoformat "Frag mich" reagiert sie auf Fragen der t-online.de-Nutzer und erzählt, wie sie Schulzeit und Berufsleben trotz ihres Defizits meisterte. Ihre Antworten haben meine Kollegen Sandra Sperling, Adrian Röger und Axel Krüger aufgezeichnet. 

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WAS AMÜSIERT MICH?

Was wird angehenden Polizisten in den USA wohl beigebracht? t-online.de-Karikaturist Mario Lars hat davon eine eindeutige Vorstellung.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Kommen Sie gut in die neue Woche! Morgen schreibt Ihnen an dieser Stelle wieder Florian Harms.

Herzliche Grüße

Ihr

Daniel Fersch
Chef vom Dienst t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @danielfersch

Mit Material von dpa.

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