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Bahnstreik und 35-Stunden-Forderung der GDL: Lokführer im Interview


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Lokführer erklärt: Warum ich den Streik heute ablehne


08.12.2023Lesedauer: 3 Min.
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Streik der GDL: Die Zugreisenden in Deutschland schwanken zwischen Fassungslosigkeit, Unverständnis und Anteilnahme. (Quelle: Reuters)

Bahn und GDL streiten sich über die 35-Stunden-Woche. Ein Lokführer erklärt, warum es sie unbedingt braucht – und er den Streik heute dennoch ablehnt.

Deutschland steht an diesem Freitag weitgehend still – zumindest auf den Schienen. Die Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer (GDL) hat zu einem bundesweiten Streik aufgerufen. Bis zum Freitagabend bestreiken Lokführer, Zugbegleiter und Bordmitarbeiter den Personen- und Güterverkehr. Die GDL fordert mehr Geld sowie eine 35-Stunden-Woche. Streit gibt es vor allem um die zweite Forderung. Die Deutsche Bahn hält sie für nicht umsetzbar, angesichts des Fachkräftemangels.

Die Fronten sind verhärtet, eine Lösung ist nicht absehbar. Doch wie sehen die Betroffenen das? t-online hat mit einem Lokführer gesprochen, der seit mehr als 40 Jahren in dem Beruf tätig ist – erst für die ostdeutsche Reichsbahn, später, nach der Wende, für die Deutsche Bahn im Regionalbetrieb.

"Das tut mir wirklich leid"

Michael Werner ist selbst GDL-Mitglied, sein Name ist für diesen Bericht geändert worden. Auch, weil er deutliche Worte für den Streik an diesem Freitag findet. "Den Leuten am Freitag die Heimfahrt von irgendwo zu vermiesen, das finde ich nicht richtig", sagt Werner und fügt, an die betroffenen Fahrgäste gerichtet, hinzu: "Das tut mir wirklich leid." Er selbst hätte es besser gefunden, wenn die GDL an einem anderen Tag unter der Woche gestreikt hätte.

Hinter dem Streik an sich steht er aber, auch weil er die 35-Stunden-Woche für unbedingt notwendig hält. Er selbst hat viele Jahre im Schichtbetrieb gearbeitet, viel auch in der Nacht. "Man kann überall nachlesen, wie gesundheitsschädlich das ist", sagt Werner. "Man arbeitet gegen den Körper und wird anfällig für Herz- und Kreislaufkrankheiten." Die dafür vorgesehenen Ausgleichszeiten reichten nicht aus, sagt er und gibt ein Beispiel: Wer etwa einen Monat langt 100 Nachtstunden macht, bekomme dafür einen zusätzlichen Urlaubstag. "Das geht an die Substanz und an die Gesundheit", sagt er und fragt rhetorisch: "Ob da ein Urlaubstag reicht?".

Schalldichte Tür im Schlafzimmer

Auch das Familienleben werde durch den Schichtdienst verkompliziert. Er selbst ist dreifacher Vater. "Wenn man da nicht einen Partner hat, der hinter einem steht, ist es äußerst schwierig", sagt Werner. Seine Frau habe auch deshalb nicht gearbeitet, sein Gehalt musste somit für die fünfköpfige Familie reichen. Tagsüber zu schlafen, war zudem oft schwer, wenn die Kinder zu Hause waren. "Das war schon manchmal sehr belastend." Er habe sich deshalb eine schalldichte Tür zum Schlafzimmer einbauen lassen.

Mittlerweile sind seine Kinder ausgezogen. "Aber für die jungen Kollegen ist das natürlich eine Herausforderung", sagt er. Für sie sei auch das Thema Gehaltserhöhung noch wichtiger. Er selbst habe sich in der Vergangenheit gegen mehr Geld und für mehr Urlaub entschieden. Dieses Modell bietet die Bahn seit einigen Jahren nach Verhandlungen mit der Gewerkschaft EVG an. Wie viel Lokführer im Schnitt verdienen, lesen Sie hier.

"Wer will das denn heutzutage noch machen?"

Eine 35-Stunden-Woche würde gewährleisten, "dass die Belastung abnimmt" – und dabei helfen, dass sich mehr junge Menschen für den Job entscheiden. "Fragen Sie doch mal heute einen jungen Mann, der aus der Schule kommt, ob er früh um drei aufstehen will, und dann noch am Sonnabend, Sonntag oder Feiertag", sagt Werner. "Wer will das denn heutzutage noch machen?"

Dafür brauche es mehr Anreize von der Arbeitgeberseite, sagt Werner. Das allein reiche aber nicht. Wer sich für diesen Job entscheidet, brauche auch eine positive Einstellung. "Wenn etwa wie jetzt bald an Heiligabend alle vor dem Tannenbaum sitzen und man selbst zur Arbeit muss, dann ist das besonders wichtig." Er selbst sei Lokführer mit "Leib und Seele", sagt er. "Ich hab' mir den Job ausgesucht, und auch das gehört dazu." Ihm sei bewusst, dass eine 35-Stunden-Woche nicht von heute auf morgen einführbar ist. "Das muss man peu à peu einführen, so wie auch die Gehaltserhöhungen."

Eines ist Werner noch wichtig zu betonen, auch wenn er den Zeitpunkt für den Streik an diesem Freitag für nicht richtig hält: Die Bedeutung der Gewerkschaften. "Wo wären wir denn heute ohne sie?", fragt er. "Der Arbeitgeber sagt nicht einfach mal, hier habt ihr 10 Prozent mehr Gehalt. Das muss man alles erkämpfen."

Und dafür sei Claus Weselsky, Chef der GDL, genau der Richtige. "Das ist eine richtige Kämpfernatur, der hat viel erreicht für uns", sagt Werner, "auch wenn er jetzt der Buhmann der Gesellschaft ist" (mehr zu der Reizfigur Weselsky lesen Sie hier). Werner betont: "Wir stehen hinter ihm."

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Michael Werner am 7. Dezember
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