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Ökonom schlägt Alarm: "Wir steuern auf eine dramatische Situation zu"


"Wir steuern auf eine dramatische Situation zu"

Von Anna Sophie Kühne

Aktualisiert am 29.08.2022Lesedauer: 4 Min.
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Ein Handwerker bei der Arbeit (Symbolbild): Der Fachkräftemangel könnte auf mittlere Sicht zu Wohlstandsverlusten in Deutschland führen. (Quelle: IMAGO)
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Noch nie haben so viele Menschen wie jetzt in Deutschland gearbeitet. Das aber könnte sich bald ändern.

Die Zahl der Erwerbspersonen hat nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aktuell ihren vorläufigen Höchststand erreicht. Von nun an werde sie kontinuierlich sinken – mit zum Teil erheblichen Folgen für die deutsche Wirtschaft und die Staatskasse.

Das geht aus einer Studie des IW-Ökonomen Holger Schäfer hervor, die t-online exklusiv vorliegt. Demnach gab es noch nie so viele Personen in Deutschland, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, rund 46,4 Millionen sind es aktuell.

Das Problem: Bei dieser hohen Zahl wird es absehbar nicht bleiben. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass schon in den kommenden Jahren deutlich weniger Menschen in Deutschland arbeiten können und werden.

Wohlstand ist trotz steigender Löhne bedroht

Bis zum Jahr 2035 wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren laut der IW-Prognose um drei Millionen auf dann 50,1 Millionen schrumpfen. Darin berücksichtigt ist bereits eine angenommene Netto-Zuwanderung von jährlich 420.000 Personen bis 2023 und 320.000 Menschen pro Jahr bis 2035.

Studienautor Holger Schäfer schlägt deshalb Alarm. "Wir steuern auf eine dramatische Situation zu", warnt er. Noch stärker als jetzt dürften Firmen künftig unter einem Mangel an Fachkräften leiden.

Zudem dürften die Staatsfinanzen aufgrund geringerer Steuereinnahmen und höherer Sozialausgaben in die Bredouille geraten. Denn während die Zahl derjenigen, die arbeiten, immer weiter zurückgeht, steigt die Zahl der Rentner deutlich an.

Holger Schäfer ist Arbeitsmarktökonom am Institut der deutschen Wirtschaft.
Holger Schäfer ist Arbeitsmarktökonom am Institut der deutschen Wirtschaft. (Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft)

Für Arbeitnehmer sind die neuen Zahlen hingegen eher eine gute Nachricht. Die erwartbaren Engpässe am Arbeitsmarkt dürften steigende Löhne zur Folge haben. Schäfer: "Unternehmen konkurrieren um Fachkräfte, da steigt der Preis."

Ob sich die Deutschen deshalb aber auch mehr leisten könnten, ist fraglich, da höhere Löhne in der Regel auch steigende Preise nach sich ziehen und fehlende Arbeitskräfte die Wirtschaft insgesamt ins Straucheln bringen könnten. Die Folge dessen: Um den eigenen Lebensstandard zu halten, braucht es wahrscheinlich mehr Geld, "reale" Gehaltszuwächse muss es nicht zwangsläufig geben.

Arbeitslosigkeit wird unwahrscheinlicher

Dennoch gilt, so Schäfer: Die Arbeitslosigkeit wird in Zukunft nicht mehr die Rolle spielen wie zum Beispiel zu Beginn der 2000er Jahre. "Ganz verschwinden wird sie aber nicht", sagt er.

Erstens werde es eine kurzweilige Arbeitslosigkeit von einigen Wochen oder Monaten im Zuge eines Jobwechsels weiterhin geben. Zweitens passten die Qualifikationen und Wünsche der Arbeitnehmer nie zu 100 Prozent mit den offenen Stellen zusammen, auch wenn sich rechnerisch ein Ausgleich ergäbe.

Schäfer zufolge gibt es vier Stellschrauben, an denen die Politik drehen kann, um bei der bedenklichen Entwicklung gegenzusteuern: Die Anzahl der Erwerbspersonen durch Zuwanderung erhöhen, die Arbeitszeit ausweiten, das Renteneintrittsalter anheben oder den Arbeitsausfall durch technologischen Fortschritt kompensieren.

"Aber offen gestanden wird keiner dieser Parameter das Problem in kurzer Frist lösen", so der Experte. Zu langwierig und komplex seien die Prozesse für solch gravierende Reformen in der Politik. "Die Zeit läuft uns davon", mahnt er.

1,5 Millionen Zuwanderer pro Jahr

Den größten Hebel sieht der Ökonom bei der Zuwanderung. Um den prognostizierten Rückgang an Arbeitskraft abzufedern, braucht es laut seiner Studie allerdings einen jährlichen Zuwachs von 400.000 Erwerbstätigen. Berücksichtigt man, dass über eine Million Menschen in Deutschland jedes Jahr abwandern, müssten also fast 1,5 Millionen Einwanderer pro Jahr her.

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Eine immense Zahl, die kaum erreichbar scheint, wie auch ein Blick ins europäische Ausland nahelegt. Der demografische Wandel nämlich ist kein rein deutsches Problem, auch Frankreich macht der Fachkräftemangel in allen Branchen zu schaffen.

"Deutschland muss für ausländische Fachkräfte deutlich attraktiver werden", fordert Schäfer daher und warnt vor falschen Illusionen: "Es gibt die Annahme, dass im Ausland eine Art Reservearmee von Fachkräften existiert, die nur darauf wartet, in Deutschland arbeiten zu dürfen. Aber das ist ein gewaltiger Irrtum."

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Sinkende Geburtenraten in Osteuropa

Insbesondere für Osteuropäer verliere Deutschland als Einwanderungsland zunehmend an Attraktivität. Durch den wirtschaftlichen Aufstieg der ehemaligen Sowjetstaaten verringert sich das Wohlstandsgefälle zu Deutschland – und der Anreiz zu emigrieren wird kleiner.

Zudem haben die Länder selbst mit sinkenden Geburtenraten zu kämpfen: In Polen wird eine Frau im Jahr 2030 nur noch durchschnittlich 1,5 Kinder gebären, in Rumänien 1,7 und in Bulgarien 1,6. Diese Prognosen sind nicht besser als jene für Deutschland, wo 2030 knapp 1,6 Kinder pro Frau zu erwarten sind.

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Schäfer plädiert deshalb dafür, dass Unternehmen und Politik ihren Blick zunehmend auf Afrika und Asien richten – und ihre Ansprüche an die Zugewanderten stark herunterschrauben.

Auch Zuwanderung von unqualifizierten Arbeitern ist notwendig

"Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, nur noch fertig ausgebildete Fachkräfte nach Deutschland zu holen", so der Ökonom. "Ob qualifiziert oder unqualifiziert: Wir können froh sein, wenn überhaupt genügend Menschen einwandern." Diese könnten auch hier vor Ort noch ausgebildet werden.

Eine große Herausforderung auf diesem Weg stellen die bürokratischen Hürden bei der Zuwanderung dar. 2019 hat die Bundesregierung mit einem neuen Gesetz den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt für ausländische Fachkräfte erleichtern wollen, zwei Jahre später jedoch gibt es noch immer zahlreiche Unklarheiten zu Aufenthaltsgenehmigungen und zur Anerkennung von Abschlüssen.

Auch IW-Ökonom Schäfer zeigt sich ernüchtert. "Eigentlich haben wir ein liberales Einwanderungsrecht in Deutschland, aber es scheitert an der Umsetzung", sagt er. Sein Credo deshalb: Neben der Zuwanderung sollte es Arbeitsanreize für Menschen geben, die derzeit freiwillig wenig oder gar nicht arbeiten.

Arbeitszeit ist individuelle Entscheidung

Doch auch hier sollte niemand allzu große Erwartungen haben. "Der Effekt dürfte aber nicht allzu groß ausfallen", sagt Schäfer. Denn die Daten seiner Studie zeigen: Die sogenannte stille Reserve am Arbeitsmarkt ist zum größten Teil schon ausgeschöpft. "Seit Anfang 2021 gibt es wirklich viele Jobangebote, die Arbeitnehmer sind in einer guten Verhandlungsposition", so Schäfer. "Dass sich die Situation nicht entspannt, deutet darauf hin, dass es Probleme bei der Stellenbesetzung gibt."

Und doch gibt es weitere Potenziale für den Arbeitsmarkt, die nicht vollständig genutzt werden. Gerade in Deutschland arbeiten viele Menschen, darunter vor allem Frauen, in Teilzeit: 2017 gingen in Westdeutschland 40 Prozent der Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nach, in Ostdeutschland waren es 27 Prozent.

Der politische Handlungsspielraum, das zu ändern, ist hier allerdings begrenzt. Denn wie lange jemand arbeitet, lässt sich nicht gesetzlich regeln. "Das ist eine individuelle Entscheidung", so Schäfer. Und die größer werdende Arbeitskräfteknappheit stärkt Arbeitnehmer darin, ihre Interessen durchzusetzen – und dazu gehört auch die Verkürzung der Arbeitszeit. "Die Politik muss umdenken und schleunigst Anreize für mehr Stunden setzen."

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Verwendete Quellen
  • IW-Kurzbericht 68/2022
  • Gespräch mit Holger Schäfer
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