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Langszeitarbeitslose: Das muss der Staat jetzt für die Arbeitslosen tun

MEINUNGPerspektive statt Hartz IV  

Das muss die Regierung jetzt für die Arbeitslosen anpacken

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

26.01.2021, 16:24 Uhr
Langszeitarbeitslose: Das muss der Staat jetzt für die Arbeitslosen tun. Den Schreibtisch räumen (Symbolbild): Durch die Krise verlieren einige Arbeitnehmer ihren Job. (Quelle: Getty Images/iStockphoto)

Den Schreibtisch räumen (Symbolbild): Durch die Krise verlieren einige Arbeitnehmer ihren Job. (Quelle: iStockphoto/Getty Images)

Wer in der Corona-Krise seinen Job verliert, hat gute Chancen schnell eine neue Stelle zu finden. Viel mehr leiden dagegen die Langzeitarbeitslosen. Was der Staat nun tun muss.

Widersprüchlicher könnte die Ansage kaum sein. Weltweit werden in der Corona-Pandemie mehr Arbeitsstunden gestrichen als in der Finanzkrise, sagt die Internationale Arbeitsorganisation ILO. In Deutschland dagegen herrscht auf den ersten Blick eitel Sonnenschein. Der Konjunktureinbruch soll vorübergehend, der Anstieg der Arbeitslosigkeit beherrschbar sein, meint der Chef der Arbeitsagentur, Detlef Scheele.

Doch diejenigen, die besonders schwer zu kämpfen haben, werden es künftig noch viel schwerer haben. Jetzt ist die richtige Zeit, sich Gedanken über eine bessere Arbeitsmarktpolitik zu machen. Fast eine Million der Arbeitslosen sind seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung. Längst bekommen sie kein Geld mehr von der Arbeitslosenversicherung.

Stattdessen wird ihnen das Existenzminimum angewiesen, die Kosten für die Wohnung werden übernommen. Bewerbungstrainings, individuelle Betreuung und Zuschüsse zum Arbeitslohn sollen ihnen den Weg zurück in das Erwerbsleben ermöglichen. Doch gerade hier, wo die Betroffenen am meisten Unterstützung brauchen, wird immer noch am meisten falsch gemacht.

Neue Jobs kommen mit der anziehenden Konjunktur

In den vergangenen Monaten rutschten rund 230.000 Menschen neu in die Grundsicherung. Sie sind vergleichsweise leicht zu vermitteln. Je kürzer die Arbeitslosigkeit, desto besser für Arbeitnehmer und Unternehmer.

Sobald die Konjunktur wieder anzieht, werden sie vermutlich wieder eine Beschäftigung finden, zum Beispiel in Restaurants und Hotels, Reinigungs- und Sicherheitsfirmen. Die Gutqualifizierten unter ihnen werden wieder ordentlich bezahlte Stellen bekommen können. Es ist richtig, Jobsuchende aus dieser Gruppe bevorzugt zu vermitteln.

Doch zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen gab es schon vor der Krise. Die meisten von ihnen hatten auch in guten Zeiten enorme Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Entweder, weil sie in einer strukturschwache Region wohnen, wo es nicht viel Arbeit gibt. Oder, weil sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten können.

Arbeitsmarktreform muss Priorität der neuen Regierung sein

Viele haben gesundheitliche Einschränkungen und eine Suchtproblematik. Wer kleine Kinder im Haus hat, ist auch nicht so gut vermittelbar, wie ein Bewerber ohne Anhang. Und dann gibt es natürlich die, die nicht wollen, oder für die sich eine reguläre Arbeit wegen der rigiden Zuverdienstgrenzen nicht lohnt. Aber sie sind in der Minderheit.

Klar ist: Für die nächste Bundesregierung, die nach den Wahlen im September gebildet wird, steht eine Arbeitsmarktreform ganz oben auf der Tagesordnung für die Koalitionsverhandlungen. Es wäre gut, wenn spätestens dann ein paar Erkenntnisse aus der Arbeitsmarktforschung berücksichtigt würden.

Die wenigsten Langzeitarbeitslosen sind faul. Dennoch konzentriert sich die öffentliche Diskussion vor allem auf diese Gruppe. Lieber wird über den Sinn von Sanktionen und Leistungsentzug diskutiert, als für diejenigen gekämpft, die arbeiten wollen, aber keine Stelle finden. Deshalb wäre es richtig, den aufgeheizten Streit zu pausieren.

Die meisten Langzeitarbeitslosen leiden an ihrer Situation, sie fühlen sich stigmatisiert. Je stärker sie leiden, desto intensiver suchen sie nach einer Arbeitsmöglichkeit, desto seltener aber haben sie Erfolg.

Geringe Qualifikationen bedeuten geringe Chance

Nur für Betroffene, die in einen solchen Teufelskreis geraten sind, ist der soziale Arbeitsmarkt eine Alternative: Wer ein paar Jahre auf einer geförderten Stelle arbeitet und dabei gut betreut wird, ist zufriedener mit seinem Leben – auch wenn sie am Ende nicht leichter und schneller eine neue Stelle findet als diejenigen, die nicht gar gefördert werden.

Einige Gruppen sind besonders gefährdet, nun Teil derjenigen zu werden, die sehr lange auf eine neue Arbeit warten müssen. Mit dem Digitalisierungsschub durch die Krise wird es für wenig Qualifizierte, Ausländer und Geflüchtete mit schlechten Deutschkenntnissen noch schwerer, wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen.

Neue Programme und mehr Geld braucht man zur Zeit nicht. Aber es wäre gut, wenn die politische Aufmerksamkeit sich nach der Krise von den Gesundheits- auf die Sozialämter und Jobcenter richtet. Auch hier muss mehr und besser gearbeitet werden, und zwar vor allem für diejenigen, deren Vermittlung besonders herausfordernd ist. 

Mit Teilzeitstellen beginnen

Wer lange arbeitslos ist, ist mit einer Vollzeitstelle oft überfordert. Andererseits aber lohnt sich Teilzeitarbeit für viele von ihnen nicht, weil auf der einen Seite das Geld vom Amt gestrichen wird, auf der anderen aber nicht viel mehr übrig bleibt als vorher.

Das führt bei vielen zu Ärger und schneller neuer Arbeitslosigkeit. Deshalb wäre es richtig, Grundsicherungsbezieher erst einmal bevorzugt auf Teilzeitstellen zu vermitteln – und dafür zu sorgen, dass sie in einer Übergangszeit einen größeren Teil ihres Gehalts behalten dürfen.

Am Ende wird es auch im schönsten Boom Menschen geben, die dauerhaft arbeitslos bleiben. Sie und vor allem ihre Kinder brauchen nicht weniger, sondern viel mehr Aufmerksamkeit – doch nicht die von Jobcentern, sondern die von Sozialarbeitern, Lehrern und Erziehern.

Gute Arbeitsmarktpolitik besteht vor allem darin, neue Stellen für die zu vermitteln, die gerade arbeitslos geworden sind. Gute Förder- und Weiterbildungspolitik kümmert sich um die, die nach einigen Monaten noch ohne Arbeit sind. Gute Sozialpolitik wird gebraucht, wenn Menschen sechs oder mehr Jahre arbeitslos bleiben. Die Reihenfolge ist wichtiger als man denkt. 

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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