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Containern: 28-Jähriger lebt mit Familie ohne Geld

dpa, t-online, dpa

14.04.2012Lesedauer: 3 Min.
Raphael Fellmer mit seiner Ausbeute an Biokaffee
Raphael Fellmer mit seiner Ausbeute an Biokaffee (Quelle: dpa-bilder)
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Für die meisten Menschen ist es eine Horrorvorstellung: kein Geld zu haben. Doch Raphael Fellmer kommt ganz gut zurecht. Der 28-Jährige aus Kleinmachnow bei Berlin lebt im Alltag ohne Geld. Sein Ratschlag für eine stabilere Weltordnung: "Wir sollten das Geld ganz weglassen."

Fellmer gilt als Anführer der Leben-ohne-Geld-Bewegung, die immer populärer wird. Deren Anhänger ernähren sich hauptsächlich vom sogenannten Containern: Sie fischen weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen, vorzugsweise aus Abfällen von Bioläden. Im Internet haben sich mittlerweile Foren gegründet, in denen sich Anhänger über richtige Ausrüstung und Gesundheitsrisiken beim Containern austauschen. Sogar Rezepte werden hin- und hergereicht.

Diebstahl oder Rettung?

Gemüse, Joghurt, Tofu - Fellmer hat auf seinem jüngsten Beutezug wieder einiges aufgelesen. Rechtlich ist das Wühlen in fremden Abfalltonnen Diebstahl, Fellmer spricht dagegen von "Retten". Er nimmt sich Lebensmittel, die als verdorben gelten und sonst vernichtet würden. Damit könne er nicht nur sich, sondern auch seine Freundin und die fünf Monate alte Tochter ernähren.

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"Hier zum Beispiel", sagt er und zeigt ein Paket fair gehandelten Hochlandkaffees. "Nur ein paar Tage abgelaufen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich tagelang dafür abgerackert haben."

Den Treibstoff des Kapitalismus boykottieren

Die Leben-ohne-Geld-Aktivisten sind der Occupy-Bewegung quasi einen Schritt voraus: Sie zelten nicht bloß vor Banken, um gegen das System zu protestieren. Sie boykottieren es, indem sie seinen "Treibstoff" nicht mehr verwenden: Geld. Dabei müsste Fellmer nicht von Müll leben. Er stammt aus einer Akademikerfamilie im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf, sein Vater ist Architekt, die Mutter Kunsttherapeutin. Fellmer selbst hat in Den Haag ein Europa-Studium absolviert.

Statt für Lohn arbeitet der 28-Jährige aber lieber für seine Ideale. Er reist quer durch Deutschland und hält Vorträge. Auto fährt er meist per Anhalter. "In den meisten Autos in Deutschland sitzt doch eh immer nur einer drin", sagt er. Kritiker seiner Lebensweise nennen ihn allerdings oft einen "Schnorrer".

"Wir müssen schrumpfen"

Dabei will Fellmer nicht weniger als die Welt retten. "Es geht um die Ressourcen auf dieser Erde insgesamt", sagt er und meint damit auch Wasser, Energie und saubere Luft zum Atmen. Die Meere seien überfischt, die Böden ausgelaugt - die Wirtschaft solle aber weiter wachsen, am besten zweistellig. "Dabei müssen wir uns zu einer Schrumpfungsgesellschaft entwickeln. Wir sind sieben Milliarden Menschen, wir haben nur diese eine Erde", mahnt Fellmer.

Vor einiger Zeit reiste er bis nach Freiburg im Breisgau, um dort auf Einladung einer Waldorfschule zu referieren. Die Konferenz der Oberstufenlehrer habe Fellmers Vortrag als "pädagogischen Glücksfall" gewertet, berichtet Klassenlehrer Hans Hubert Schwizler. "Raphael verstand es, den Schülern - ob diese nun seinem Lebensentwurf zustimmen mochten oder nicht - deutlich zu machen, dass man die eigenen Ideale durchaus leben kann."

Familie ist krankenversichert

Ganz ohne den deutschen Sozialstaat kommt aber auch Idealist Fellmer nicht aus: Aus Sorge um Tochter Alma Lucia ist die Familie zumindest gesetzlich krankenversichert, die Kosten würden durch das staatliche Kindergeld beglichen, sagt Fellmer. "Wenn wirklich mal etwas passieren sollte, ist so alles in trockenen Tüchern."

Containern ist nicht ganz neu

Die Bewegung des Containerns - ihre Anhänger nennen sich auch Mülltaucher - entstand Mitte der 90er Jahre in den USA. In Städten wie New York gab es dort sogar eigene "Trash Tours", Container-Führungen für Neulinge in dieser Szene.

Rechtlich ist das Containern hierzulande heikel: Seine Anhänger können wegen Hausfriedensbruchs oder gar Diebstahls belangt werden. Selbst Abfall hat juristisch einen Eigentümer, auch wenn derartige Verfahren oft wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.

"Keks-Prozess" um Containerer in Lüneburg

So sorgte Anfang des Jahres ein Fall in Lüneburg für Schlagzeilen. Im sogenannten "Keks-Prozess" stand dort ein 52-Jähriger vor Gericht, weil er abgelaufene Kekse aus dem Container einer Konditorei geholt hatte. Dazu war er über einen Zaun geklettert und vom Wachpersonal gestellt worden.

Die Firma hatte ihn zunächst wegen Hausfriedensbruchs angezeigt - der Mann wurde zu 125 Euro Geldstrafe verurteilt. Bei der Berufung vor dem Landgericht hielt die Konditorei nicht mehr an der Anzeige fest, da kein Schaden entstanden sei. So wurde der Mann freigesprochen.

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