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Lebensgefährliche Bauchschmerzen: Patient hat Autoimmunkrankheit


Ein rätselhafter Patient  

Lebensgefährliche Bauchschmerzen

01.02.2014, 12:58 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Lebensgefährliche Bauchschmerzen: Patient hat Autoimmunkrankheit. Plötzliche Bauchschmerzen können viele Ursachen haben. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Plötzliche Bauchschmerzen können viele Ursachen haben. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein 41-Jähriger kommt mit heftigen Bauchschmerzen in die Klinik. Die Ärzte sind alarmiert: Ist die Innenwand der Bauchaorta gerissen oder handelt es sich um einen Darmdurchbruch? Das Ergebnis ihrer umfangreichen Analyse sorgt für Erstaunen.

Die Schmerzen sind entsetzlich. Als der Mann endlich in der Notfallaufnahme des Brigham and Women's Hospital in Boston eintrifft, krümmt er sich, vor allem die rechte Leiste und Flanke tun weh. Nur wenn er sich hinlegt, lassen die Schmerzen etwas nach, erträglich werden sie aber nicht. Der 41-Jährige berichtet, er habe sich einmal übergeben.

Ein "akuter Bauch" ist immer ein Notfall

Die Ärzte sind alarmiert. Ein "akuter Bauch", wie Mediziner einen Patienten beschreiben, der unter heftigen, unklaren Bauchschmerzen leidet, ist vorerst immer ein Notfall. Ursachen gibt es viele: Weil die Beschwerden bei dem Mann so plötzlich begonnen haben, könnte die Innenwand seiner Bauchaorta gerissen sein - ein lebensbedrohlicher Zustand. Auch ein Darmdurchbruch, eine Entzündung der Gallenblase, der Bauchspeicheldrüse oder des Blinddarms kommen in Frage.

Seit Monaten schlapp

Der Mann erzählt, dass er bereits vor einigen Wochen ähnliche Beschwerden hatte, allerdings im linken Bauchraum, und diese seien von allein wieder verschwunden. Allerdings fühle er sich bereits seit Monaten schlapp. Abgenommen habe er aber nicht, Fieber habe er auch nicht gehabt. Bisher ist der Mann, der als Barkeeper in Boston arbeitet, immer gesund gewesen. Die Fragen, ob er Medikamente oder Drogen nimmt, oder täglich Alkohol trinkt, verneint er. Dafür raucht er seit 26 Jahren eine Packung Zigaretten pro Tag.

Keine typischen Anzeichen für Blinddarmentzündung

Wie die Ärzte im "New England Journal of Medicine" berichten, fallen ihnen bei der Untersuchung der Druckschmerz im gesamten Bauch sowie ein deutlich erhöhter Blutdruck von 188/116 mmHg auf (Normalwert 120/80 mmHg). Raumforderungen können sie im Bauch nicht tasten, Leber und Milz scheinen normal groß, auch den Loslassschmerz im rechten Unterbauch, der für eine Blinddarmentzündung typisch ist, hat der Mann nicht.

Die Blutanalysen allerdings sind auffällig: Er hat zu viele weiße Blutkörperchen, was generell für eine Entzündung spricht. Außerdem sind seine Nierenwerte stark erhöht, die Parameter von Leber und Bauchspeicheldrüse dagegen normal. Die hohen Nierenwerte und der Bluthochdruck gemeinsam mit dem abrupten Beginn machen eine Erkrankung der Nieren wahrscheinlich. Dort hat der Mann rechts auch die stärksten Schmerzen. Die Nieren regulieren zudem den Blutdruck mit, was die hohen Werte erklärt. Häufig lösen Nierensteine heftige Schmerzen aus. Weil aber neben den erhöhten Blutwerten die Urinanalyse des Mannes unauffällig ist, sind Nierensteine eher unwahrscheinlich.

Infarkte in beiden Nieren

Als nächstes geben die Mediziner ihrem Patienten starke Schmerzmittel. Diese helfen ihm, und er kann im Computertomografen (CT) untersucht werden. Die Schichtaufnahmen liefern den Grund für die Schmerzen: Der Mann hat Infarkte in beiden Nieren.

Patient hat keine Thrombose

Unklar ist aber, warum ein 41-Jähriger Niereninfarkte bekommt. Wäre nur eine Seite betroffen, könnte eine Thrombose in der Nierenarterie die Ursache sein. Wahrscheinlicher ist, dass Blutgerinnsel aus dem Herzen in die Blutbahn schießen und die Nierenarterien verstopfen. Oder dass die Gefäße selbst erkrankt sind, oder die Blutgerinnung des Mannes gestört ist.

Auf der Suche nach Thromben im Herzen werden die Mediziner nicht fündig. Dennoch beginnen sie vorsorglich eine Therapie mit Heparin, das die Blutgerinnung hemmt. Ein sogenannter ACE-Hemmer senkt zudem den Blutdruck des Patienten. Die Blutanalysen zeigen einen deutlich erhöhten Entzündungswert, Hinweise auf Hepatitis-Viren oder andere Erreger lassen sich aber nicht nachweisen. Da die Gerinnungswerte sich als normal herausstellen, beenden die Mediziner die Heparin-Gabe wieder.

Zahlreiche Aneurysmen in den Bauchgefäßen

Sie vermuten nun einen entzündlichen Prozess in den Gefäßen. Sie lassen Kontrastmittel in die Arterien des Mannes fließen und machen dann Röntgenaufnahmen. Das Ergebnis ist erstaunlich: Der Patient hat nicht nur in den Aufzweigungen der Nierenarterien, sondern auch in anderen Bauchgefäßen zahlreiche Aussackungen (Aneurysmen). Diese sehen aus wie aufgereihte Perlen.

Autoimmunkrankheit als Ursache

Die Befunde sprechen schließlich für eine sogenannte Polyarteriitis nodosa. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, die zu Entzündungen der kleineren und mittleren Arterien im gesamten Körper führt. Das Gewebe wird dort zerstört und es sammeln sich Blutgerinnsel, die die Durchblutung der Organe behindern.

So wird der Patient behandelt

Unbehandelt ist die Prognose schlecht: Nur 13 Prozent der Betroffenen überleben die Krankheit fünf Jahre lang. Todesursachen sind meist Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Nierenversagen. Mit Therapie liegen die Chancen allerdings bei 80 Prozent. Der Patient bekommt daher Cortisol und ein weiteres Medikament verordnet, das das Immunsystem in Schach hält. Diese Arzneien bringen viele Nebenwirkungen wie Muskelschwunde, erhöhte Blutzuckerwerte und Infektanfälligkeit mit sich. Aber sie schützen den Mann zumindest teilweise vor weiteren Infarkten. 14 Monate nach der Diagnose geht es ihm gut.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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