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Wenn der Supermarkt auf leise stellt

Von dpa
Aktualisiert am 17.12.2019Lesedauer: 3 Min.
Ein Supermarkt der neuseeländischen Countdown-Kette mit gedimmtem Licht.
Ein Supermarkt der neuseeländischen Countdown-Kette mit gedimmtem Licht. (Quelle: Christoph Sator/dpa./dpa)
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Auckland (dpa) - Wie laut so eine Kasse im Supermarkt sein kann. Wie extrem die Truhen mit der Tiefk√ľhlware pl√∂tzlich vor sich hinbrummen. Und wie hell die K√§setheke leuchtet. Dabei hat sich all das im Supermarkt von Three Kings, einem Vorort von Auckland, √ľberhaupt nicht ge√§ndert.

Nur, dass in der Kaufhalle ansonsten alles Andere auf leise gestellt wurde und auf dunkel. Die Dinge, auf die normalerweise kaum ein Kunde achtet, fallen nun besonders auf.

Einmal pro Woche legt Neuseelands größte Supermarktkette Countdown neuerdings landesweit eine "Stille Stunde" ein. So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Jeden Mittwoch zwischen 14.30 und 15.30 Uhr wird in 180 Filialen das Licht heruntergedimmt und die wird Musik ausgeschaltet, selbst jetzt im Weihnachtsgeschäft. Das hat den Nebeneffekt, dass man von "Jingle Bells" und "Last Christmas" zumindest 60 Minuten lang garantiert verschont bleibt.

Sinneskanäle entlasten

Die Idee f√ľr die "Quiet Hour" geht auf eine Countdown-Angestellte mit autistischem Kind zur√ľck. Wenn sie den Sohn zum Einkaufen mitnahm, fing er oft an zu schreien: Menschen, die an Autismus leiden, nehmen allt√§gliche Reize wie Ger√§usche, Ger√ľche oder helles Licht oft besonders intensiv wahr. Das Gehirn kann nicht richtig filtern. Ihre Sinneskan√§le sind √ľberfordert. Man nennt das "sensorische Empfindlichkeit".

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Mit der "Stillen Stunde" experimentierte die Kette im vergangenen Jahr zun√§chst in ausgew√§hlten Testm√§rkten, auch in Three Kings. Der fr√ľhe Nachmittag wurde gew√§hlt, weil viele Eltern dann gerade die Kinder von der Schule abgeholt haben. Nat√ľrlich spielte auch eine Rolle, dass das nicht die umsatzst√§rkste Zeit ist. Auf Kundenseite war die Resonanz so gut, dass es die 60 leisen Minuten nun praktisch √ľberall gibt. Nur zwei City-M√§rkte machen nicht mit.

Neuseelands Autistenverband ANZ (Autism New Zealand) ist voll des Lobes. Verbandschef Dane Dougan sagt: "Das sind nur kleine Veränderungen, die aber enorme Auswirkungen haben." Doch auch von anderen Leuten kommt viel Zustimmung. In Three Kings kommen mittwochs nun auffällig viele ältere Kunden. Filialleiter Dave Chollo (50) sagt: "Meinetwegen können wir das gern länger machen als eine Stunde pro Woche. Dem Umsatz schadet es jedenfalls nicht."

Technisch ist die Sache unkompliziert.

Chollo muss nur drei Schalter umlegen. Dann geht an der Decke die H√§lfte der Neonr√∂hren aus, das hauseigene Radio wird still, und die interne Sprechanlage ist au√üer Betrieb. Die 90 Angestellten haben zudem Anweisung, keine Einkaufswagen mehr zusammenzuschieben und auch beim Aus- und Einr√§umen leise zu sein. Nur an den Kassen ist der √ľbliche Betrieb.

Die Rentnerin Eileen Rimmer (79), die gerade in der abgedunkelten Obstabteilung steht, sagt: "Mich pers√∂nlich st√∂rt die Musik √ľberhaupt nicht. Aber das ist doch eine Selbstverst√§ndlichkeit, R√ľcksicht zu nehmen." Amy Brown (34) und ihre Tochter Eloise (8) sind eigens zur "Stillen Stunde" gekommen. "Ich kaufe viel lieber ein, wenn dieses ewige Gedudel weg ist. Dann habe ich weniger Stress" sagt die Mutter. "Und ich glaube, dass man letzlich mehr Geld ausgibt."

Countdown ver√∂ffentlicht keine Zahlen, wie sich die "Quiet Hour" auf den Umsatz auswirkt. Inzwischen gibt es aber schon einige Nachahmer. Aktuell bewerben mehrere Shopping Malls "Stille Stunden mit dem Weihnachtsmann". Bei den hier sehr beliebten Fotogelegenheiten f√ľr Kinder mit wei√üb√§rtigen M√§nnern in Rot geht es dann vor√ľbergehend ebenfalls ruhig zu. Normalerweise ist das ein ziemlicher Trubel.

Aber warum ausgerechnet Neuseeland?

Filialleiter Chollo meint: "Wir sind nun mal ein kleines, ziemlich isoliertes Land. Das gibt uns die Freiheit, Dinge einfach auszuprobieren. Und freundlich sind wir auch." Inzwischen experimentieren auch die ersten Märkte in Großbritannien und Polen mit "Stillen Stunden". In Deutschland ist eine solche Ruhephase dagegen noch kein großes Thema.

Bei Edeka hei√üt es allgemein: "Unsere Kaufleute sind immer darauf bedacht, ihren Kunden ein individuelles Einkaufserlebnis in einem angenehmen Ambiente zu bieten." Die Konkurrenz von Rewe erkl√§rt: "Wir haben gro√ües Verst√§ndnis f√ľr Kunden und Mitarbeiter, die es gern etwas leiser haben. Daher kann in jedem Markt die Lautst√§rke der Musik individuell geregelt werden." Was das Licht angeht, gebe es "keine entsprechenden Pl√§ne".

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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