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Nach Nawalny-Vergiftung – Laichende Dorsche gegen Russlands Nord Stream 2

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Mit laichenden Dorschen gegen Russland

03.09.2020, 12:33 Uhr
Nach Nawalny-Vergiftung –  Laichende Dorsche gegen Russlands Nord Stream 2. Das Schiff "Audacia" hat in der Ostsee Rohre für die Gas-Pipeline Nord Stream 2 verlegt: Nach den Sanktionen durch die USA zog die Betreiberfirma das Spezialschiff ab. (Quelle: AP/dpa)

Das Schiff "Audacia" hat in der Ostsee Rohre für die Gas-Pipeline Nord Stream 2 verlegt: Nach den Sanktionen durch die USA zog die Betreiberfirma das Spezialschiff ab. (Quelle: AP/dpa)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages, heute stellvertretend für Florian Harms:

WAS WAR?

Experten der Bundeswehr haben Nowitschok im Körper von Alexej Nawalny nachgewiesen. Er ist vergiftet worden. Die Bundesregierung entschied sich gestern für eine maximale Eskalation, zumindest der Rhetorik. Erst ein Auftritt von Außenminister Heiko Maas mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, dann Minuten später ein Statement der Bundeskanzlerin selbst.  Angela Merkel sprach mit ungewöhnlich geringer diplomatischer Zurückhaltung von einem "versuchten Giftmord" an einem der führenden Oppositionellen Russlands. "Er sollte zum Schweigen gebracht werden", konstatierte Merkel.

Mit anderen Worten: So kann es nicht weitergehen. Merkel will mit den Verbündeten über Konsequenzen beraten. Heißt wohl: Im Hintergrund bereiten wir EU-Sanktionen vor. Hör das, Putin!

Währenddessen dümpelt nur wenige hundert Kilometer weiter im Hafen Mukran auf Rügen das russische Spezialschiff Akademik Tscherski. Es wartet seit Monaten darauf, auslaufen zu dürfen, um die letzten 120 Kilometer der Röhren für die Gas-Pipeline Nordstream 2 zu verlegen. Frühestens Ende September wird es weitergehen. Bis dahin hat die dänische Regierung die Arbeiten südöstlich der Insel Bornholm untersagt. Wegen der Laichzeit der Dorsche in der Region. Umweltschutz geht vor. Zumindest taugt es als ganz passable Begründung, denn die Regierung in Kopenhagen sähe das Projekt am liebsten scheitern.

Erinnern Sie sich? Weil die USA Sanktionen gegen die am Bau Beteiligten beschlossen hatten, hatte sich eine Schweizer Spezialfirma mit ihrem Schiff von dem Projekt im Frühjahr zurückgezogen. Und erst Anfang August hatte der republikanische Senator Ted Cruz mit zwei Kollegen einen Brief ins mecklenburgische Sassnitz geschickt. Er drohte der hiesigen Hafengesellschaft mit Konsequenzen, sollte die sich weiterhin an dem Projekt beteiligen.

 (Quelle: dpa) (Quelle: dpa)

Der Vorgang sorgte sogar bei der EU-Spitze für Aufregung. Obwohl das Projekt auch in der EU wenig Freunde hat, übermittelten 24 der 27 EU-Staaten eine Protestnote an das US-Außenministerium. Europa verbittet sich eine Einmischung. Erst am Dienstag hat die Bundeskanzlerin bei einem Besuch im wenige Kilometer entfernten Stralsund gesagt, das Projekt werde auf jeden Fall fertiggestellt. Und die US-amerikanische Einmischung als "nicht rechtens" verurteilt.

Die deutsche Regierung steht wohl weiter wie ein Fels zu dem Projekt, trotz des neuen Tiefpunkts in den deutsch-russischen Beziehungen.

Zwei Seiten der deutschen Russland-Politik, die nun zeitlich zusammenfallen.

Passt nicht zusammen, finden Sie? Nun ja.

Die deutsch-russischen Handelsbeziehungen reichen zurück bis ins Zeitalter der Hanse. Das Kontor Peterhof in Nowgorod war das östlichste der vier Hanse-Kontore und Umschlagplatz für Rohstoffe aus Russland, im Gegenzug wurden Waren aus dem Westen importiert. Als das Großfürstentum Moskau die Stadt Nowgorod unterjochte, schloss Zar Iwan III. das Kontor und zerstörte es schließlich. Die Verbindung in den Westen war damit gekappt. Für beide Seiten ein herber Verlust.

Heute sind wir da weiter. Russland exportierte beispielsweise vergangenes Jahr 188 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa, Deutschland war mit 55 Milliarden Kubikmetern bei Weitem der größte Abnehmer. Trotz aller politischen Friktionen (Krim-Konflikt, MH-17-Abschuss, politische Morde) geht der Handel weiter, lediglich in einigen speziellen Bereichen sind russische Firmen seit den EU-Sanktionen ausgeschlossen. Man weiß, man braucht einander. Das war zu Hanse-Zeiten schon so.

Erdgas wird deshalb wohl kein Gegenstand von Sanktionen werden. Die Hälfte unseres Bedarfs wird von Russland gedeckt, ein Achtel unseres gesamten Energieverbrauchs. Wir sind auf die Lieferungen angewiesen, der russische Staat auf die Einnahmen. So bleibt Merkel nur ein duales Vorgehen: mögliche weitere EU-Sanktionen gegen Russland auf der einen Seite, wirtschaftliche Beziehungen auf der anderen Seite.

Das hat auch Vorteile: Wir kommen gar nicht umhin, im Gespräch zu bleiben (oder schnell wieder ins Gespräch zu kommen). Das ist eine wesentliche Grundlage politischer Handlungsfähigkeit. Nur ist der Dialog kein Selbstzweck. Wenn die Wirtschaft weiter brummt, wird sich Putin nicht zum Umdenken in Sachen Demokratie und Menschenrechte bequemen.

Deshalb halten laichende Dorsche in der Ostsee den Bau der Nordstream-2-Pipeline zumindest einige Monate auf. Die Vergiftung Nawalnys wohl nicht. Die Wirtschaft kommt vor der Moral.

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WAS STEHT AN? 

Deutschland probt die Abkehr vom nationalen Lockdown als letzte Maßnahme. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte zunächst bei öffentlichen Veranstaltungen gesagt, aus heutiger Erkenntnis wären einige Schließungen (Einzelhandel, Friseure) Anfang des Jahres nicht nötig gewesen. Dann gestern vor Journalisten die Ankündigung, dass es einen flächendeckenden Lockdown nicht noch einmal geben werde.

Man kann das als Zugeständnis an die Kritiker interpretieren. Oder als Erkenntnis nach gelungenen regionalen Corona-Maßnahmen. Hinterher ist man eben immer schlauer. Auf jeden Fall ist es ein politischer Optimismus, der Menschen und Wirtschaft vor dem kommenden Winter hilft.

Dazu kommt: Die vom RKI gemeldeten Corona-Fallzahlen gehen seit mehr als einer Woche wieder leicht zurück. Blickt man über Deutschland hinaus, ist das Bild in einigen Ländern ein ganz anderes: In Frankreich und Spanien sind die Fallzahlen wieder so hoch wie bei der ersten Pandemie-Welle, in Polen fast doppelt so hoch, in Kroatien dreimal so hoch.

Irgendetwas machen wir also offenbar richtig. Spahn hat Grund zu Optimismus.

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US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden wird am Donnerstag nach Kenosha reisen. Endlich, muss man wohl sagen. Schließlich kommt er zwei Tage nach US-Präsident Donald Trump dort an. In US-Medien war bereits spekuliert worden, warum er sich so lange Zeit lässt.

Bei seinem Besuch wird er allerdings - im Gegensatz zu Trump – die Familie des durch Polizeischüsse schwer verletzten 29-jährigen Afroamerikaners Jacob Blake treffen. 

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Training in der Mercedes Benz Arena in Stuttgart (Quelle: imago images)Training in der Mercedes Benz Arena in Stuttgart (Quelle: imago images)

In Stuttgart wird Fußball gespielt. Das an sich ist schon fast eine Sensation.

Knapp ein Jahr lang ist es her, dass die deutsche Nationalelf zum letzten Mal gespielt hat. In der Nations League geht es ab 20.45 Uhr gegen Spanien los. Jogi Löw fehlen allerdings eine ganze Reihe von Spielern des FC Bayern im Kader. Sie dürfen sich nach der Champions League noch regenerieren.

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Heute startet in Berlin die IFA, bekannter als Internationale Funkausstellung. Zugelassen in diesem Jahr: Fachpublikum und Journalisten. Es werden also nicht die 245.000 Besucher vom letzten Mal werden, maximal 750 Besucher dürfen gleichzeitig in einen der drei Bereiche.

Viel verpassen werden Sie vermutlich nicht. Große Firmen wie Samsung oder Sony sind gar nicht vertreten. Andere haben sich für aufgezeichnete Keynotes entschieden. Die Kollegen im Digital-Ressort haben schon vor dem Start der Messe zusammengetragen, was im Haushalt an Neuigkeiten auf uns wartet: zum Beispiel nie mehr angebrannte Töpfe und Pfannen. Darauf habe ich gewartet.

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Die 77. Filmfestspiele in Venedig. Ohne Zuschauer auf dem Teppich, dafür als Maskenball. (Quelle: imago images)Die 77. Filmfestspiele in Venedig. Ohne Zuschauer auf dem Teppich, dafür als Maskenball. (Quelle: imago images)

Ein historisches Bild. Noch bis zum 12. September wird in Venedig über den roten Teppich der Filmfestspiele flaniert. In diesem Jahr als Maskenball.

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WAS LESEN?

Falls sie es gestern Abend nicht mehr gelesen haben: Es gibt sie noch, die SPD. Sie will auch weiter regieren, nur nach der nächsten Wahl bitte ohne die Union. Doch die Partei steckt noch immer tief in der Krise. Wie also soll das gehen? Es deutet sich eine heikle Strategie an, wie mein Kollege Johannes Bebermeier berichtet.


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Die Krankheitsverläufe bei Covid-19 unterscheiden sich stark. Bei den meisten Patienten ähnelt die Infektion einer Erkältung, bei anderen bringt sie schwere Komplikationen mit sich. Oft liegt die Ursache beim Immunsystem – selbst wenn es intakt ist. Meine Kollegin Melanie Weiner erklärt, was hinter dem sogenannten Zytokinsturm steckt.

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Bis heute sind in Deutschland mehr als 9.300 Menschen an den Folgen des neuartigen Coronavirus gestorben. Doch obwohl sich derzeit täglich mehr Menschen infizieren als Mitte Juli, ist die Anzahl der Todesfälle geringer. Meine Kollegen Hanna Klein und Adrian Röger erklären die deutlichen Unterschiede zur ersten Ausbruchswelle.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Seit gestern folge ich dem Verschwörungstheoretiker und Corona-Skeptiker Attila Hildmann auf Telegram. Als Journalist muss man auch so etwas von Zeit zu Zeit lesen. Allein gestern 30 neue Meldungen in wenigen Stunden, darunter Forderungen wie: "Sofortiger Rückzug des zionistischen BRD-Regimes".

Dann lese ich in einer wohlbekannten Online-Zeitung von einem schrecklichen  Verdacht. Die Überschrift des Artikels: "Wird Attila Hildmann von Merkel bezahlt, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen?" Doch leider ist das die Satire. Attila Hildmann ist real.

Wie gut, dass es unseren Karikaturisten Mario Lars gibt.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen gesunden Start in den Tag. Morgen schreibt Florian Harms wieder an dieser Stelle.

Ihr

Peter Schink
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @peterschink

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