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Kununu-Chefin Zimmermann über Arbeitsmarkt: "Macht hat sich verschoben"


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Arbeitsmarkt-Expertin
"Arbeitnehmer kommen fürs Geld, aber gehen wegen des Chefs"

InterviewVon Frederike Holewik

Aktualisiert am 24.07.2023Lesedauer: 6 Min.
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Produktion bei Volkswagen (Symbolbild): "Wir befinden uns in einem Arbeitnehmermarkt, aber viele Unternehmen müssen das noch verstehen", sagt Kununu-Chefin Nina Zimmermann. (Quelle: IMAGO/Nancy Heusel)

Überall werden Fachkräfte gesucht. Doch viele Unternehmen hätten noch nicht verstanden, was die Lage für sie bedeutet, erklärt Nina Zimmermann von der Bewertungsplattform Kununu.

Nerviger Chef, schlechte Stimmung im Team, niedriges Gehalt: Wenn Arbeitnehmer unzufrieden mit ihrem Job sind, teilen sie das nicht nur am Abendbrottisch, sondern auch im Internet. Dafür gehen sie neben sozialen Netzwerken auch gezielt auf Bewertungsplattformen wie Kununu.

Chefin Nina Zimmermann hat deshalb einen guten Überblick über den deutschen Arbeitsmarkt – immerhin kann sie auf über neun Millionen Bewertungen für den deutschsprachigen Raum zurückgreifen. Im Gespräch mit t-online erklärt sie, was einen guten Arbeitgeber ausmacht, warum es der jungen Generation nicht an Arbeitsmotivation mangelt und warum Deutsche so ungern über Geld sprechen.

t-online: Welche drei Faktoren machen einen guten Arbeitgeber aus?

Nina Zimmermann: Kommunikation ist für viele Arbeitnehmer entscheidend, denn sie wollen wissen, worauf sie sich bei einem Unternehmen einlassen. Dann ist Flexibilität, etwa die Möglichkeit auf Homeoffice, in den vergangenen Jahren wichtiger geworden. Und nicht zu unterschätzen: der Chef. Die Dynamik im Team und die Führungskultur ist für viele Arbeitnehmer ein gewichtiger Faktor.

Worüber beschweren sich die Kununu-Nutzer am meisten?

Wir erheben regelmäßig, welche Worte in den Bewertungen wie häufig fallen und in welchem Kontext. Über die Chefin oder den Chef wird dabei besonders gerne geschrieben. Oft genug gilt die Faustregel: Arbeitnehmer kommen fürs Geld, aber gehen wegen des Chefs.

Welche Eigenschaften machen denn eine gute Führungskraft aus?

Auch hier gilt: Kommunikation ist entscheidend. Viele Chefs unterschätzen, wie wichtig es ist, regelmäßig und klar zu kommunizieren und das ganze Team mitzunehmen – gerade in Zeiten von Homeoffice. Die Mitarbeiter wollen nicht mehr nur informiert werden und grade bei großen Konzernen von Veränderungen nicht erst aus den Medien erfahren. Die Chefetagen müssen verstehen, dass interne Kommunikation Teil einer zukunftsgerichteten Unternehmensstrategie ist.

Wie zuverlässig sind Bewertungen auf Kununu eigentlich? Immerhin schreiben doch Menschen meistens dann Bewertungen, wenn sie schlecht gelaunt sind.

Kununu ist mittlerweile 15 Jahre alt, aber erst seit etwa fünf Jahren wachsen die Nutzerzahlen so, dass es sich um eine relevante und auch bekannte Plattform handelt. Gerade am Anfang war es also oft tatsächlich so, dass vor allem frustrierte Mitarbeiter ihrem Ärger Luft gemacht haben. In vielen Unternehmen gab es dafür keinen Raum. Das hat sich geändert. Die durchschnittliche Bewertung auf unserer Plattform liegt mittlerweile bei 3,69 Sternen auf einer Skala von 1 bis 5. Das zeigt bereits, dass da nicht nur unzufriedene Bewertungen dabei sind. Aber die Sterne spielen ohnehin nicht so eine wichtige Rolle.

Wieso das denn nicht?

Die entscheidenden Informationen finden unsere Nutzer nicht darin, ob ein Unternehmen mit 3 oder 4 Sternen bewertet wurde, sondern in den ausformulierten Begründungen. Das ist für viele Arbeitnehmer im Bewerbungsprozess wichtig.

(Quelle: kununu)

Nina Zimmermann

Die gebürtige Britin studierte in London und Boston. Es folgten Stationen Bertelsmann, der Telekom und der Karriereplattform Experteer. 2016 kam Zimmermann zu Burda, wurde 2019 zur Geschäftsführerin. Seit Juni 2021 ist sie die Chefin der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu.

Überall werden Fachkräfte gesucht. Können Bewerber denn aktuell wählerischer sein?

Definitiv. Die Macht hat sich verschoben. Wir befinden uns in einem Arbeitnehmermarkt, aber viele Unternehmen müssen das noch verstehen. Die Zeiten sind vorbei, in denen es auf eine offene Stelle Hunderte Bewerbungen gab. Die Arbeitnehmer können nun auswählen und das heißt auch, dass sie sich vorher eingehend über die Unternehmen informieren. Über 70 Prozent der Arbeitnehmer nutzen dafür Bewertungsportale wie Kununu.

Wie macht sich diese Veränderung im Bewerbungsprozess bemerkbar?

Wir hören immer wieder, dass die Bewerber zunächst die Unternehmen mit niedrigen Punktzahlen aussieben. Der Hygienefaktor liegt bei 3,0, alles darunter wird ignoriert. Bei den Unternehmen, die dann in die engere Auswahl kommen, lesen die Bewerber genauer nach und achten besonders auf Bewertungen von Personen mit ähnlichen Stellenprofilen.

Gerade jüngeren Arbeitnehmern wird unterstellt, dass sie ein anderes Verhältnis zur Arbeit haben als frühere Generationen. Stellen Sie das auch fest?

Absolut. Statistisch sehen wir, dass der Generation Z Flexibilität sehr wichtig ist, teilweise sogar wichtiger als das Gehalt. Insgesamt glaube ich aber, dass die Bedürfnisse dieser Generation keine anderen sind als von vorherigen, sie sind nur lauter, transparenter und nutzen öffentlichere Kanäle, um sich mitzuteilen.

Aus der Wirtschaft kommen hingegen immer wieder Aussagen, dass die Deutschen wieder mehr Lust auf Arbeit bräuchten. Gibt es aus ihrer Sicht ein Motivationsproblem?

Nein, es gibt kein Motivationsproblem. Ich treffe viele ehrgeizige junge Leute und würde mir wünschen, dass nicht alle Probleme auf die junge Generation abgewälzt werden. Stattdessen sollten sich Unternehmen auch selbst hinterfragen.

Trotz der Forderungen nach mehr Flexibilität bleibt auch das Gehalt ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit. Kununu gibt jährlich einen Gehaltscheck heraus. Welche Erkenntnisse haben Sie zuletzt daraus gezogen?

Unsere Daten machen deutlich, was viele Frauen vermutet haben, aber nicht belegen können: Der Gender-Pay-Gap ist ein Fakt. Frauen verdienen also in den gleichen Jobs weniger als Männer und die Lücke geht in vielen Branchen mit steigender Berufserfahrung sogar weiter auseinander. Das ist schlicht unfair und Spekulationen über Verhandlungsgeschick und Ähnliches versuchen davon nur abzulenken. Solche Missstände anzuprangern, geht nur mit Gehaltstransparenz.

Ein Teil der Gehaltsunterschiede liegt auch daran, dass Frauen seltener in Führungspositionen kommen. Woran liegt das?

Frauen werden systematisch benachteiligt, sowohl bei den Firmen selbst als auch schon bei den Voraussetzungen, etwa durch mangelnde Kinderbetreuung. Ich habe selbst zwei Kinder, 16 und 9 Jahre alt, aber als mir letztens eine Kollegin von der schwierigen Kitaplatzsuche berichtet hat, habe ich nur gedacht: Da hat sich in den letzten 16 Jahren nichts geändert. Das ist ein Armutszeugnis.

Weshalb hinkt Deutschland dabei so stark hinter anderen Ländern hinterher?

Das Problem betrifft nicht nur Deutschland: Es sind immer noch zu viele Männer in Führungspositionen, die dann wiederum Menschen einstellen, die ihnen ähnlich sind. So werden unsere Teams nicht diverser. In anderen Ländern wird das bereits stärker auch von den Mitarbeitern eingefordert. Eine solche Bewegung gibt es in Deutschland nicht, da fehlt der Druck.

Braucht Deutschland eine Quotenregelung, um diese Ungleichheiten schneller zu lösen?

Ja, wir reden seit vielen Jahren über den Mangel an Frauen in Führungspositionen und es tut sich zu wenig. Daher braucht es wohl andere Maßnahmen. Als Woman of Color bin ich auch davon überzeugt, dass ohne positive Diskriminierung in den USA oder in Großbritannien, gewisse Veränderungen nicht stattgefunden hätten.

Sie selbst sind eine Frau in einer Führungsposition. Wie hat sich das in Ihrer Karriere bemerkbar gemacht?

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Ich musste mir eine dicke Haut anlegen und lernen, an mich zu glauben. Dazu brauchte ich auch immer wieder Unterstützung und musste mir ein entsprechendes Netzwerk schaffen.

Was raten Sie jungen Frauen, wie sie sich ein unterstützendes Netzwerk aufbauen können?

Sprecht Kolleginnen an, die ähnlich ticken, verbündet euch. Sucht euch Mentorinnen, die es bereits geschafft haben. Viele haben Lust, zu helfen. Aber ihr müsst euch selbst darum kümmern und den ersten Schritt machen.

Neben der Gender-Pay-Gap zeigt der Gehaltscheck auch, dass Geld auch insgesamt weiterhin für viele Menschen ein Tabu-Thema ist. Woran liegt das?

Geld ist ein sehr emotionales Thema und sorgt für Minderwertigkeitsgefühle oder auch Neid. Deshalb sprechen einige Menschen nicht einmal mit ihren eigenen Eltern oder dem Partner über ihr Gehalt. Gerade im deutschsprachigen Raum hat diese Zurückhaltung eine lange Tradition.

Sehen Sie da eine Veränderung?

Ja, es gibt große Unterschiede zwischen den Generationen. Jüngere Menschen haben deutlich weniger Probleme damit, über Geld zu sprechen. Soziale Netzwerke und die Möglichkeit, Informationen schnell nachzuschauen, spielen dabei eine große Rolle und ich gehe davon aus, dass Künstliche Intelligenz, wie etwa ChatGPT in Zukunft noch mehr dafür sorgen werden, dass mit dem Thema offener umgegangen wird.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei Kununu?

Manipulation fürchte ich weniger, stattdessen sehe ich eher die Möglichkeiten, um Fake-Bewertungen noch besser zu finden und auch unseren großen Schatz an Daten besser auszuwerten und für Nutzer zugänglich zu machen.

Gibt es bereits konkrete Zukunftspläne für Kununu?

Wir steigen in den Markt für Stellenanzeigen ein. Ab sofort werden unseren Nutzern in Kooperation mit unseren Partnermarken onlyfy und Xing offene Angebote ausgespielt.

Damit greifen sie dann Stepstone und LinkedIn an?

Nein, so sehe ich das nicht. Der Markt ist groß und unsere Nutzer kommen aus einem anderen Grund zu uns, denn sie wollen Informationen über bestimmte Arbeitgeber. Für uns ist es der logische nächste Schritt, ihnen dann auch offene Stellenanzeigen bei diesen Unternehmen anzuzeigen.

Frau Zimmermann, wir danken für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Nina Zimmermann
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