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Steigende Kurse in Corona-Krise: Börse schließt Megawette auf den Staat ab

MEINUNGSteigende Kurse  

Die Börse schließt eine Megawette auf den Staat ab

Von Ursula Weidenfeld

28.04.2020, 15:51 Uhr
Steigende Kurse in Corona-Krise: Börse schließt Megawette auf den Staat ab. Bankentürme in Frankfurt (Symbolbild): Viele Anleger setzen darauf, dass der Staat die Wirtschaft rettet. (Quelle: imago images/Jürgen Ritter)

Bankentürme in Frankfurt (Symbolbild): Viele Anleger setzen darauf, dass der Staat die Wirtschaft rettet. (Quelle: Jürgen Ritter/imago images)

Die Börsen haben sich längst von den Tiefstständen erholt – obwohl die Wirtschaftsdaten immer schlechter werden. Bestes Beispiel ist die Lufthansa. Wie kommt das?

Der Begriff "Freier Fall" hat zur Zeit enorm Konjunktur. Bei den Exporterwartungen der Unternehmen, beim Geschäftsklima, bei den Konsumforschern, überall herrscht nie gekanntes Elend. Nur ein Wirtschaftsbereich bleibt davon im Moment wundersam verschont. Das ist die Börse.

Die Aktionäre lässt das "Freie-Fall-Sezanorio" im Augenblick völlig kalt. Nur: An der kapitalistischsten aller Einrichtungen des Kapitalismus regiert keineswegs der Glaube an die Überlegenheit des Marktes, im Gegenteil. Es ist der Glaube an den Staat und an die Notenbanken, der die Kurse treibt.

Seit den Tiefstständen Mitte März haben sich die Aktienindizes in aller Welt kräftig erholt. Rund die Hälfte der Verluste ist schon wieder wettgemacht, und nur gelegentlich lassen sich die Aktien-Käufer ein wenig verunsichern: wenn etwa ein Medikament im klinischen Test floppt, von dem man gehofft hatte, es würde Corona-Patienten helfen.

Lufthansa-Aktie steigt trotz mauer Aussichten

Oder wenn die Arbeitslosenanträge zu steil in die Höhe gehen. Doch das sind vorübergehende Ängste. Kurz später werden Aktien gekauft, als würden die Unternehmen gerade die sattesten Aufträge einfahren, die schönsten Preise für ihre Waren erlösen, die fettesten Gewinne in Aussicht stellen.

Die Lufthansa ist aktuell eins der beeindruckendsten Beispiele für die merkwürdige Sorglosigkeit. Dem Konzern geht es so schlecht, dass das eigene Geld bestenfalls noch ein paar Monate reicht. Die Mitarbeiter sind zum größten Teil in Kurzarbeit, Entlassungen werden vorbereitet.

Die Flotte ist am Boden und kostet selbst auf den Parkplätzen Geld und Gebühren, die das Unternehmen bald nicht mehr hat. Die weiteren Aussichten sind mau. Bis Geschäftsleute und Privatpersonen ihr altes Reiseverhalten wieder aufnehmen können, dürfte noch locker ein Jahr ins Land gehen.

Zentralbanken kaufen alles, was zu kaufen ist

Was macht der Börsenkurs? Geht seit ein paar Tagen wieder nach oben. Denn über kurz oder lang wird der deutsche Staat als Gesellschafter einsteigen, ist sich der Aktionär sicher. Und schon wird aus der lahmsten Ente wieder ein echter Kranich. Denn der Staat wird schon so schnell nicht wieder aussteigen.

Er wird die Firma doch nicht in die Insolvenz schicken. Im Zweifel wird er sogar notwendige Kapitalerhöhungen zeichnen, damit die Lufthansa wieder abheben kann. Die Megawette auf die Politik treibt die Kurse – sonst nichts.

Die Staaten sind die einen, die Zentralbanken sind die anderen großen Spieler. Sie kaufen im Augenblick alles, was zu kaufen ist, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Umgerechnet mehr als fünf Billionen Dollar sollen die großen Notenbanken in den USA, in Europa, in Japan, Großbritannien und China schon ausgegeben haben, damit die Wirtschaft nicht abschmiert.

Gefahr einer Deflation wächst

Denn: In den nächsten Wochen und Monaten muss es gelingen, die Nachfrage wieder in Gang zu bringen. Sonst wächst trotz der immensen Staatsverschuldung die Gefahr einer weltweiten Deflation.
Einen echten Crash an der Börse werden die Banker nicht zulassen, vermuten die Anleger. So segeln sie im Windschatten der großen Versprechen fröhlich durch die Flaute.

Das kann gut gehen, muss es aber nicht. Skeptiker verweisen auf den Börsencrash vom Oktober 1929, auf den die große Depression der Weltwirtschaft folgte. Im Winter 1929 erholten sich die Aktienkurse auch wieder ganz ordentlich von dem Einbruch ein paar Wochen zuvor.

Doch im Lauf der kommenden Jahre erlitten die Wertpapierbörsen ein wahres Desaster. Auf dem Tiefpunkt des Niedergangs war der Dow Jones Index etwa genau so viel wert wie bei seiner Gründung im Jahr 1896.

Aktionäre als lachende Dritte?

Klar: Notenbanken und Regierungen haben aus der Weltwirtschafts- und der Finanzkrise gelernt. Niemand redet heute mehr davon, einem wirtschaftlichen Einbruch hinterherzusparen und damit die Krise zu verschärfen.


Doch dass am Ende die Aktionäre allein die lachenden Gewinner dieser Krise sein werden, ist kaum zu vermitteln. Spätestens, wenn die Rechnungen für diese Krise geschrieben werden, werden auch Aktieneigentümer bezahlen müssen: entweder, weil die Kurse irgendwann doch einbrechen werden. Oder, weil Staaten und Notenbanken das Geld einsammeln.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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