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Corona: Die Krise im Einzelhandel begann lange vor der Covid-19-Pandemie

50.000 Pleiten erwartet  

Die Krise des Einzelhandels begann lange vor Corona

11.10.2020, 16:23 Uhr
Corona: Die Krise im Einzelhandel begann lange vor der Covid-19-Pandemie. Frau vor Geschäft (Symbolbild): Der stationäre Einzelhandel leidet sehr unter der Corona-Krise. (Quelle: imago images/Poolfoto)

Frau vor Geschäft (Symbolbild): Der stationäre Einzelhandel leidet sehr unter der Corona-Krise. (Quelle: Poolfoto/imago images)

Fast wöchentlich kommen neue Meldungen von Insolvenzen im Einzelhandel hinein. Schuld daran: die Corona-Pandemie. Doch die Probleme gab es schon vor dem Virus.

Die Zahl ist gewaltig: Bis zu 50.000 Pleiten im Einzelhandel erwartet der Handelsverband Deutschland (HDE) in den kommenden Jahren. Der Grund dafür liegt auf den ersten Blick in den Auswirkungen der Corona-Krise: Im Frühjahr mussten für mehrere Wochen zahlreiche Geschäfte schließen – häufig wird von einem "Corona-Lockdown" gesprochen. Angesichts Abstandsregeln und Maskenpflicht blieben zudem über den Sommer viele Kunden weg – und damit auch Umsätze.

Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Die Krise des Einzelhandels begann schon vor der globalen Pandemie.

Das sieht auch der Handelsverband selbst. "Corona trägt zu vermehrten Geschäftsschließungen bei, hat aber nicht die alleinige Schuld", sagte Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer, zu t-online.

Das Virus mit seinen Auswirkungen habe sich für viele Geschäfte besonders in Innenstädten als "beschleunigender Faktor eines längeren Strukturwandels erwiesen", so Genth. Als Beispiele nennt der HDE-Chef Klamotten- oder Schuhläden, Spielwaren- oder Schmuckgeschäfte.

Krise des Einzelhandels sei hausgemacht

Auch Christian Sickel, Marketingexperte und Buchautor, sieht das so – drückt es aber etwas deutlicher aus: Die Krise des Einzelhandels sei hausgemacht, die eigentlichen Probleme seien schon lange vor Corona da gewesen. "Doch jetzt wird vielen erst deutlich, wie groß die 'Bedrohung' durch Onlineshops wirklich ist", so Sickel im Gespräch mit t-online.

Das belegen auch jüngst veröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamts: Um 120 Prozent sind die realen Umsätze des Onlinehandels zwischen 1999 und 2019 gestiegen. Im gleichen Zeitraum büßten die Kaufhäuser 42,1 Prozent ein. Der stationäre Einzelhandel konnte in der Phase zwar um 11,2 Prozent zulegen – doch das Wachstum ist deutlich geringer als das im Onlinehandel.

Die vermeintlich logische Schlussfolgerung ist also: Der stationäre Handel verschwindet, während der Onlinehandel triumphiert?

"Den stationären Handel wird es noch in 100 Jahren geben"

Nein, so einfach ist das nicht, sagte Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), im Gespräch mit t-online. "Den stationären Handel wird es noch in 100 Jahren geben", so Hudetz. "Dafür muss er aber einiges tun."

Das glaubt auch Sickel und verweist auf eine repräsentative Befragung, die er beim Deutschen Institut für Marketing, einem Marktforschungs- und Beratungsunternehmen, in Auftrag gegeben hatte. Demnach schätzen 52,5 Prozent der Kunden am stationären Einzelhandel, dass sie sich die Ware direkt anschauen können.

Und immerhin fast jeder Vierte (22,8 Prozent) empfindet es als Vorteil, dass er sich vor Ort von Verkäufern beraten lassen kann. Doch die Zahlen zeigen ebenfalls: Mit der Beratung durch das Personal sind laut der Untersuchung zahlreiche Kunden unzufrieden (41,7 Prozent).

"Unternehmen aus dem Handel sind nicht in der Lage, die Kundenbedürfnisse zu erkennen und für sich zu nutzen", kritisiert Sickel. Das sei die Wurzel des Problems im Einzelhandel – und ein Punkt, an dem er sich leicht vom Onlinehandel absetzen könnte.

HDE: "Stationärer Handel muss sich neu erfinden"

Dass der Kunde im Mittelpunkt stehen müsse, sei vielen Händlern zwar klar, meint auch Handelsexperte Hudetz, "oft ist das aber nur in der Theorie der Fall." An der Umsetzung hapere es häufig.

Auch Stefan Genth vom Handelsverband stimmt zu: "Der stationäre Handel muss sich in vielen Teilen neu erfinden."Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer: "Der stationäre Handel muss sich in vielen Teilen neu erfinden." (Quelle: imago images/Reiner Zensen)Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer: "Der stationäre Handel muss sich in vielen Teilen neu erfinden." (Quelle: Reiner Zensen/imago images)

Der Handel müsse nicht nur den Bedarf decken. "Hier können Onlineshops effektiver agieren", so Genth. Vielmehr müsse der Handel "mit neuen Konzepten begeistern", "spezialisierter werden" und einen "Bedarf erzeugen" – nach dem Motto: Wenn die Kunden nicht mehr so oft in den Laden kommen, müssen sie dorthin gelockt werden.

Handelsexperte: "Digitalisierung ist kein Allheilmittel"

IFH-Chef Hudetz sieht besonders als wichtig an, Daten über die Kunden zu sammeln. "Die Händler sollten wissen, was sich die Kundinnen und Kunden wünschen. Nur so können sie angemessen darauf reagieren."

Hier könnte auch die Digitalisierung ansetzen. Generell solle diese künftig eine zentralere Rolle spielen. Wie zentral – darüber sind sich die Experten allerdings uneins. "Händler müssen nicht zwangsläufig etwa einen Onlineshop anbieten. Die Digitalisierung ist kein Allheilmittel", so Handelsexperte Hudetz.

Vielmehr sei sie eine Möglichkeit, den Kunden zu erreichen. "Das kann aber auch einfach über einen guten Auftritt bei Facebook oder Instagram sein." Auch eine Whatsapp-Beratung lasse sich relativ leicht etablieren.

HDE-Chef: "Künftige Handelswelt sieht anders aus"

Marketingfachmann Christian Sickel meint, bei der Digitalisierung im Handel "ist definitiv Luft nach oben". Er schlägt etwa vor, dass die Kunden gleich im Laden im Onlineshop bestellen können sollen, wenn ein Produkt nicht vor Ort erhältlich ist. Das zu etablieren wäre dann mit mehr Aufwand – und Kosten – verbunden, als nur einen Instagram-Kanal zu bespielen.

Genth sieht sowohl zusätzliche Internetshops als auch Auftritte in sozialen Medien als Teile eines Zukunftskonzepts der Vor-Ort-Geschäfte: "Die Beispiele zeigen, dass die künftige Handelswelt anders aussieht."

Doch egal wie viel Digitalisierung letztlich im stationären Handel zu finden sein wird, für IFH-Experte Hudetz steht fest: "Wer nicht mit der Zeit geht, wird mit der Zeit gehen." Die Zahl der 50.000 Pleiten könnte in dem Fall also noch deutlich übertroffen werden.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Statistisches Bundesamt
  • Statement von Stefan Genth
  • Gespräch mit Kai Hudetz
  • Gespräch mit Christian Sickel
  • Untersuchung Sickel & Team: "Stationärer Handel schöpft eigenes Potential nicht aus"
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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