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Auktionsmodell: So will Habeck Unternehmen zum Energie sparen bringen


Er hat einen Plan


22.06.2022Lesedauer: 4 Min.
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Immer in Eile: Bundeswirtschaftsminister Habeck hat aktuell viele Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen. Die wichtigste: Deutschland vor einem Gasnotstand zu bewahren.Vergrößern des Bildes
Immer in Eile: Bundeswirtschaftsminister Habeck hat aktuell viele Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen. Die wichtigste: Deutschland vor einem Gasnotstand zu bewahren. (Quelle: Political Moments/imago-images-bilder)

Wirtschaftsminister Habeck will das Problem der stockenden Gaslieferungen durch Versteigerungen angehen. Wie das funktionieren soll.

Deutschland droht die Gaskrise: Die Lieferungen aus Russland stagnieren auf niedrigem Niveau, Ersatz ist noch nicht ausreichend vorhanden und die Industrie in vielen Bereichen weiterhin abhängig. Nun soll Energie gespart werden – Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck schlägt dazu ein Auktionsmodell vor, mit dem die Verteilung von Gas in der Industrie geregelt werden soll.

t-online erklärt, wie die Gasversorgungslage aktuell ist, wie die Auktionen funktionieren sollen und was die Industrie von dem Vorschlag hält.

Wie abhängig ist Deutschland noch von russischem Gas?

Die Abhängigkeit von russischem Gas ist in den vergangenen Monaten gesunken. Aktuell machen die Gaslieferungen aus Russland laut Bundesregierung noch 38,2 Prozent der Gesamtmenge aus. Vor Beginn des Ukraine-Krieges waren es über 50 Prozent. Ohne russisches Gas geht es bislang allerdings bei Weitem nicht.

Die Wirtschaft leidet bereits deutlich unter den hohen Energiepreisen, den Lieferengpässen und den Unsicherheiten an den internationalen Märkten, die durch den Krieg entstanden sind. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat jetzt seine Konjunkturprognose für das laufende Jahr dementsprechend deutlich korrigiert.

Im Januar war der Industrieverband noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP)von 3,5 Prozent ausgegangen. Mittlerweile rechnet er nur noch mit 1,5 Prozent. Und auch das nur unter der Voraussetzung, dass Deutschland weiterhin "hinlänglich russisches Gas" bekomme.

Welche Menge dabei "hinlänglich" sei, will BDI-Präsident Siegfried Russwurm nicht präzisieren. Doch schon jetzt ist absehbar: Die aktuell fließenden 40 Prozent könnten es schwierig machen, die Gasspeicher vor dem diesjährigen Winter aufzufüllen. Eine kurzfristige Unterbrechung hätte "katastrophale Folgen".

Bereits jetzt ist die Lage "angespannt", wie die Bundesnetzagentur am Dienstag mitteilte. Noch gilt die erste Stufe des "Notfallplans Gas". Dieser Plan regelt, wie die Bundesregierung im Krisenfall das verbleibende Gas verteilt. Doch ein Bericht der "Welt" am Mittwochabend legte nahe, dass die zweite Stufe bald ausgelöst werden könnte (t-online berichtete).

Wie weit sind die Vorbereitungen für den nächsten Winter?

Die Gasspeicher sind aktuell zu rund 57 Prozent gefüllt. Laut Branchenverband Ines beläuft sich das Gasspeichervolumen in Deutschland insgesamt auf einen Energiegehalt von maximal rund 256 Terawattstunden. Das entspricht etwa einem Viertel des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland (rund 1.000 Terawattstunden). "Dieses Speichervolumen alleine kann Deutschland zwei bis drei durchschnittlich kalte Wintermonate mit Gas versorgen", sagt die Bundesregierung.

Die Frage, wie lang die aktuelle Speicherfüllung ausreichen dürfte, lässt sich dennoch nur näherungsweise beantworten. Rein rechnerisch könnten die rund 57 Prozent Füllvolumen gut ein bis anderthalb Monate unveränderten Verbrauch decken. Allerdings hat diese Rechnung viele unbekannte Variablen. Volle Speicher gelten unabhängig davon als unabdingbar für den kommenden Winter – die nächste Heizperiode beginnt bereits in 12 Wochen. Lesen Sie hier, wie die unterschiedlichen Szenarien für den kommenden Winter aussehen.

Um die Speicher daher möglichst schnell zu füllen, soll Gas nicht mehr verstromt werden. Stattdessen soll vermehrt Strom aus Kohle gewonnen werden. Ein entsprechendes Gesetz soll am 8. Juli vom Bundesrat beschlossen werden. Zudem wird mit Hochdruck daran gearbeitet, Flüssiggas-Lösungen für Deutschland zu finden. Im Winter sollen dafür bereits erste schwimmende LNG-Terminals zum Einsatz kommen.

Was hat Wirtschaftsminister Habeck vorgeschlagen?

Habeck plant ein Gasauktionsmodell. Dieses soll industriellen Gasverbrauchern Anreize bieten, Gas einzusparen. Industriekunden sollen ihren Verbrauch gegen ein Entgelt verringern. Wie hoch dieses Entgelt ausfällt, regelt dabei die Auktion. Das dadurch frei werdende Gas kann dann eingespeichert werden.

Einen ähnlichen Vorschlag hatte der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, vor einigen Wochen unterbreitet. Dabei orientierte er sich an vergleichbaren Modellen aus dem Kohle- und Strommarkt.

So könnte analog zum Mechanismus beim Kohleausstieg auch Gas eingespeichert werden. Das läuft wie folgt ab: Die Firmenkunden bieten um die Höhe staatlicher Entschädigungszahlungen, das niedrigste Gebot erhält den Zuschlag. Dahinter steht der Gedanke, dass diejenigen, die niedrige Gebote abgeben, am ehesten auf das Gas verzichten können und durch die Entschädigungszahlungen auf Alternativen ausweichen können, die ohne die Zuschüsse zu teuer wären. Im Ernstfall käme dann das Gas noch an all jene Betriebe, die am wenigsten darauf verzichten können.

Der Auktionsvorschlag ist auch eine Antwort auf die schwelende Debatte rund um den "Notfallplan Gas". Dieser regelt das Vorgehen der Bundesregierung im Falle einer Gasknappheit. Allerdings geht daraus nicht klar hervor, welche Branchen vorrangig behandelt würden (lesen Sie hier, wie der "Notfallplan Gas" funktioniert). In den jüngsten Wochen gab es daher im t-online-Interview die Forderung des Bauernpräsidenten Joachim Rukwied, die Lebensmittelindustrie zu priorisieren.

Wie steht die Industrie dazu?

Die Industrie unterstützt den Vorschlag. Am Rande des Tages der Industrie nannte BDI-Präsident Russwurm den Auktionsvorschlag einen "gescheiten Mechanismus". "Das Auktionsmodell wird helfen, denn damit können die Unternehmen alternative, teurere Wege gehen", so Russwurm weiter.

In der Industrie gebe es Einsparpotenziale, die bislang aus Kostengründen nicht genutzt würden. Durch die Auktion lasse sich dieses Problem mit einem marktwirtschaftlichen Hebel angehen. Was das in der Praxis bedeuten könnte, führte Russwurm auf Nachfrage von t-online aus: Unternehmen könnten etwa wieder auf ihre alten Ölbrenner zurückgreifen oder Vorprodukte, die bei der Herstellung viel Gas benötigen, aus anderen Ländern einführen. Das träfe zum Beispiel auf die Chemieindustrie zu.

Wie soll weitere Energie gespart werden?

Die Auktionen sind nicht der einzige Weg, weniger Energie zu verbrauchen. Habeck stellte in einem Strategiepapier zuletzt noch eine Reihe weiterer Maßnahmen vor: Manche davon richten sich auch an Privatpersonen, die größte Hebelwirkung hat allerdings die Industrie.

Um die Einspeicherung von Gas zu sichern, stellt die Bundesregierung schon in Kürze eine zusätzliche Kreditlinie über die Staatsbank KfW in Höhe von 15 Milliarden Euro zur Verfügung, wie es aus Regierungskreisen hieß. Mit dem Kredit soll der sogenannte Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe THE die nötige Liquidität bekommen, um Gas einzukaufen und die Befüllung der Speicher voranzutreiben.

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Zudem bereite das Wirtschaftsministerium eine notwendige Ministerverordnung vor, um die "Gasersatzreserve" in Gang zu setzen. Dafür sollen Kraftwerke, die bereits als Reserve zur Verfügung stehen, tüchtig gemacht werden – um kurzfristig an den Markt zurückkehren zu können. Dies ermöglicht die verstärkte Nutzung von Kohlekraftwerken.

Auch Privatpersonen sind gefragt. In einer eigenen Aktion rief Habeck alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, Energie zu sparen. Zu den praktischen Tipps der Kampagne gehören dabei: Stand-by-Modus von Elektrogeräten abschalten und Stecker ziehen, Deckel auf den Kochtopf legen und die Wäsche draußen trocknen (alle Tipps finden Sie hier).

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Siegfried Russwurm (BDI)
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