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Corona-Impfdebatte: Wie Sie mit Neid besser umgehen

MEINUNG"Warum ich noch nicht?"  

Impfdebatte: Wie Sie mit Neidgefühlen besser umgehen

Eine Kolumne von Ulrike Scheuermann

23.05.2021, 11:28 Uhr
Corona-Impfdebatte: Wie Sie mit Neid besser umgehen. Seniorenpaar: Ältere Menschen haben bei der Impfung gegen das Coronavirus Vorrang. (Quelle: imago images/allOver-MEV)

Seniorenpaar: Ältere Menschen haben bei der Impfung gegen das Coronavirus Vorrang. (Quelle: allOver-MEV/imago images)

Wir kennen Menschen, die bereits geimpft sind. Andere würden auch gern, müssen aber noch warten. Das macht neidisch. Was hinter solchen Gefühlen steckt, warum sie normal sind und wie wir sie überwinden.

"Warum hat meine Nachbarin einen Impftermin, und ich noch nicht, obwohl sie viel jünger und kerngesund ist? Das läuft doch nur über Vitamin B!"

Diese und ähnliche Fragen höre ich momentan oft. Viele, die bisher nicht geimpft sind, obwohl sie gerne würden, sind enttäuscht oder wütend, empfinden Neid gegenüber den Bevorzugten, fühlen sich benachteiligt und ungerecht behandelt.

Über Neid oder Eifersucht und Missgunst redet man nicht gerne. Viele Menschen nehmen es sich sogar übel, dass sie solche tabuisierten Gefühle haben. Das gilt nicht nur beim Thema Impfen, sondern auch bei anderen Gelegenheiten: Der Kumpel ist sportlicher, die Kollegin beliebter, der Mitarbeiter schlagfertiger, die Freundin redegewandter.

Neid ist normal – Neidgefühle akzeptieren

"Ich müsste mich eigentlich mit meiner Freundin freuen, dass sie schon geimpft wurde. Das gelingt mir aber gerade nicht", sagt eine Klientin zu mir, der es wichtig ist, gut für andere zu sorgen. "Ich bin neidisch und nehme mir das krumm, ziehe mich deshalb von ihr zurück."

Diese Beschreibung ist typisch. Neid führt dazu, dass man sich von anderen entfernt. Das macht die Sache aber nur belastender. Ein anderer Umgang wird möglich, wenn man den Neid erst einmal akzeptiert.

Neid ist ein ganz normales Gefühl, das zum Leben dazugehört. Wenn Sie das als etwas annehmen, was selbstverständlich auftauchen kann, wenn jemand anders etwas hat oder lebt, was Sie selbst (noch) nicht haben oder können, tritt schon eine emotionale Entspannung ein.

Dann können Sie auch leichter ergründen, was Ihr Neidgefühl eigentlich alles beinhaltet. Verstehen hilft, den Neid noch weiter zu beruhigen.

Neid ist mehr – Neidgefühle verstehen

Neid ist der Schmerz und die Trauer über das, was der andere hat und was man selbst gerne hätte. Sich mit anderen zu vergleichen, ist menschlich. Es ist evolutionär gesehen sogar ein Werkzeug für menschliche Entwicklung, denn durch den Vergleich waren Menschen schon immer motiviert, sich – oder etwas – weiterzuentwickeln.

So schrieb etwa der deutsche Dichter und Humorist Wilhelm Busch: "Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung." Damit wird schon deutlich: Hinter dem Neidgefühl steckt viel mehr, wenn man genauer hinsieht. Nämlich eine Mischung unterschiedlichster Gefühle, die es lohnt, genauer zu betrachten.

Angst: Viele Menschen haben Angst, zu erkranken oder allgemein benachteiligt zu sein. Es kann neben der Angst, krank zu werden oder gar an Covid-19 zu sterben, auch die Furcht auftauchen, später als die meisten anderen seine Freiheiten zurückzuerlangen, um zu reisen oder Freunde und Familie wieder zu sehen.

Dahinter steckt die Sorge, vom sozialen Leben ausgeschlossen zu sein. Das rührt an tief verwurzelte, auch irrationale Ängste, nicht dazuzugehören und zu kurz zu kommen.

Enttäuschung, Ärger, Wut: Wer auf eine Impfmöglichkeit wartet und bereits alles Mögliche versucht hat, weil es gute Gründe für eine frühe Impfung gibt, ist enttäuscht, wenn es nicht klappt. Wenn dann andere ohne offensichtlichen Grund schon geimpft sind, kann aus dieser Enttäuschung Neid werden. Oder Wut, Ärger und Vorwürfe gegenüber der Organisation.

Schmerz, Traurigkeit, Abgehängt sein: Es kann auch schmerzlich sein, zu erleben, dass man ein als lebenswichtig eingeschätztes Gut nicht bekommt. Wir sind gewöhnt, dass der Staat und das Gesundheitssystem gut für uns sorgen. In Notfällen ist der Rettungsdienst in ein paar Minuten da, ein reibungsloser Ablauf rettet viele Leben. Jetzt aber fühlen sich Menschen abgehängt.

Misstrauen, Ohnmacht, Gerechtigkeitsgefühl: Auch das kann hinter Neid stecken. Man vergleicht sich mit anderen: "Warum die, aber ich nicht?" Man beobachtet misstrauisch, ob allen Geimpften ihre Immunisierung auch zusteht. Das Gerechtigkeitsempfinden ist verletzt und man fühlt sich einer höheren Macht ausgeliefert, die anhand nicht immer nachvollziehbarer Kriterien entscheidet.

Diese Gefühlslage wird oft aktiviert durch Erfahrungen in der Kindheit, wenn man sich gegenüber den Geschwistern benachteiligt gefühlt hat und dem als ungerecht empfundenen Verhalten der Eltern ohnmächtig ausgesetzt war.

Benachteiligungsgefühl: Der Impfstoff ist knapp, das kann dazu führen, dass man ihn erst recht haben will. Auch das ist ein normaler psychologischer Mechanismus, der in der Werbepsychologie bekannt ist und für Marketingzwecke künstlich eingesetzt wird: "Nur noch wenige Exemplare auf Lager" oder "Limitierte Edition".

Neid vergeht im Kontakt – Mit den Beneideten reden

Nehmen Sie Kontakt auf. Entweder direkt mit der Person, auf die Sie gerade neidisch sind. Oder reden Sie zumindest mit anderen darüber. Neid ist immer noch ein tabuisiertes Gefühl und ich weiß, es fällt oft schwer, aber Reden hilft.

Sobald man seine Neidgefühle mitteilt, flauen sie in der Regel ab oder verlieren zumindest ihre unangenehme Dringlichkeit. Sie könnten sich mit einer vertrauten Person darüber austauschen und erfahren dann womöglich, dass sie ähnliche Neidgefühle hat. Schon das entlastet.

Auch der direkte Kontakt mit der Person, die den Neid erregt, kann helfen. Anstatt aus der Ferne neidisch und missgönnend auf andere zu schauen, könnten Sie mit ihr reden und sie fragen: "Wie kommt es, dass du schon geimpft bist?" Oder auch die eigene Gefühlslage schildern: "Für mich ist es komisch, wenn du jetzt einen Impftermin hast, obwohl ich mich schon viel eher um einen Termin bemüht habe."

"Mir ist das selbst unangenehm"

Meist erfährt man dann Hintergründe, die anders sind als gedacht, wenn die andere Person zum Beispiel erklärt: "Ich bin mit Asthma in ärztlicher Behandlung, das erzähle ich aber sonst nie", oder jemand erzählt: "Mir ist das selbst unangenehm, aber ich habe nun mal diesen Einladungsbrief bekommen, vermutlich wegen meines Arztbesuches im letzten Jahr."

Darüber hinaus kann man durch den Austausch natürlich auch wichtige Informationen erhalten, die einem ganz praktisch weiterhelfen können.

So kann sich durch Erklärungen und Austausch über die jeweiligen Gefühle ein Neidgefühl schnell relativieren – und einem Verbundenheitsgefühl Platz machen, das wir zurzeit und in jeder Krise besonders dringend brauchen: "Wir sitzen alle im selben Pandemie-Boot."

Bewahren wir uns eine der größten Kostbarkeiten, die wir nicht nur während der Corona-Krise haben: unsere guten Sozialkontakte.

Ulrike Scheuermann ist Diplom-Psychologin und Bestsellerautorin. Seit 25 Jahren hilft sie Menschen dabei, ihr Leben mit modernsten Methoden der Psychologie innerlich frei und ohne Blockaden besser und gesünder zu gestalten. Ihre Self-Care- und Coaching-Programme finden in ihrer Akademie in Berlin und online statt.

Verwendete Quellen:
  • Ulrike Scheuermann

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