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Kurzarbeit und Steuer: Bei Steuererklärung droht Nachzahlung


Nachzahlung möglich  

Kurzarbeitern droht bei der Steuer böse Überraschung

19.03.2021, 15:31 Uhr
Kurzarbeit und Steuer: Bei Steuererklärung droht Nachzahlung. Formular zum Kurzarbeitergeld (Symbolbild): Die Leistung vom Staat erhöht die Steuerlast für den Rest des Einkommens. (Quelle: dpa/tmn/Jens Büttner)

Formular zum Kurzarbeitergeld (Symbolbild): Die Leistung vom Staat erhöht die Steuerlast für den Rest des Einkommens. (Quelle: Jens Büttner/dpa/tmn)

Kurzarbeitergeld hilft derzeit Millionen Menschen, den Lohnausfall durch die Corona-Krise zu überbrücken. Doch dieser Vorteil könnte dazu führen, dass sie 2021 Steuern nachzahlen müssen.

Wer heute von Kurzarbeitergeld profitiert, muss morgen womöglich Steuern nachzahlen. Schuld ist eine kompliziert klingende Regel: der Progressionsvorbehalt. Daran ändert sich auch im Corona-Jahr 2020 nichts. 

Wir erklären, was es es mit dem Progressionsvorbehalt genau auf sich hat, wer besonders davon betroffen ist und warum Kurzarbeiter zu einer Steuererklärung verpflichtet sind.

Warum drohen Kurzarbeitern Steuernachzahlungen?

Kurzarbeitergeld (Kug) ist zwar steuerfrei, der Empfänger wird aber nachträglich indirekt belastet. Denn die Leistung erhöht den Steuersatz für den Rest des zu versteuernden Einkommens. Das nennt sich Progressionsvorbehalt.

Weil der Arbeitgeber diesen höheren Steuersatz aber nicht beim monatlichen Lohnsteuerabzug anwenden darf – also zunächst weniger Steuern weitergibt als eigentlich nötig –, holt sich das Finanzamt den Rest später zurück. Deswegen sind Kurzarbeiter auch verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. Die FDP geht davon aus, dass vor allem viele Geringverdiener, die Kurzarbeitergeld bezogen haben, erstmals eine Steuererklärung abgeben müssen.

Muss jeder Kurzarbeiter Steuern nachzahlen?

Nein. Ob das Finanzamt von Ihnen eine Nachzahlung verlangt, hängt davon ab, wie viel Lohnsteuer Sie im gesamten Jahr 2020 gezahlt haben. 

Wer etwa in einigen Monaten ausschließlich Kurzarbeitergeld erhalten hat – also gar nicht gearbeitet hat –, im Rest des Jahres aber voll beschäftigt war, kann in der Regel mit einer Steuerrückzahlung rechnen. Anders sieht es aber oft aus, wenn Sie etwa nur zu 50 Prozent Kurzarbeitergeld erhalten haben. Bekommen Sie die Leistung zusätzlich zum Lohn, droht häufig eine Nachzahlung.

Unterschied zwischen 50 und 100 Prozent Kurzarbeit

Zwei Beispiele des Bundes der Steuerzahler für einen verheirateten Alleinverdiener zeigen den Unterschied. Angenommen wird, dass der Mann in Steuerklasse 3 veranlagt ist und im Monat 4.500 Euro brutto verdient.

  • Fall 1: Drei Monate Kurzarbeitergeld zu 50 Prozent, neun Monate regulär

In den drei Monaten, in denen er Kurzarbeitergeld bezieht, beträgt sein Bruttoeinkommen 2.250 Euro plus rund 881 Euro Kurzarbeitergeld (67 Prozent des Netto-Lohnausfalls; mehr zur Berechnung von Kurzarbeitergeld lesen Sie hier) – macht insgesamt 2.643 Euro staatliche Leistungen (3 x 881 Euro = 2.643 Euro).

In den neun Monaten mit regulärem Lohn hat er schon 4.329 Euro Lohnsteuer gezahlt, für die restlichen drei Monate 81 Euro – zusammen also 4.410 Euro.

Das Kurzarbeitergeld erhöht nun seinen Steuersatz. Das Finanzamt berechnet ihm deshalb insgesamt 4.650 Euro Einkommensteuer. 240 Euro mehr als bereits an Lohnsteuer einbehalten wurde. Er muss die 240 Euro nachzahlen.

  • Fall 2: Drei Monate Kurzarbeitergeld zu 100 Prozent, neun Monate regulär

Weil der Angestellte jetzt nicht mehr neun komplette Monate plus drei Monate "zur Hälfte" sein reguläres Gehalt bezieht, sondern nur noch neun Monate, verringert sich die Einkommensteuer – von 4.650 auf 3.722 Euro.

Weil der Arbeitnehmer in den neun regulären Monaten aber schon 4.329 Euro Lohnsteuer gezahlt hat, bekommt er etwas vom Finanzamt zurück: 607 Euro.

Achtung: Es ist nicht pauschal so, dass Sie bei 100 Prozent Kurzarbeitergeld Geld zurückbekommen und bei 50 Prozent nachzahlen. Das hängt zum Beispiel auch davon ab, wie viel Werbungskosten Sie geltend machen können und in welcher Steuerklasse Sie sind. Lesen Sie hier, was Sie alles von der Steuer absetzen können.

Kann man Kurzarbeitergeld steuerfrei aufstocken?

Ja. Und zwar sowohl von Arbeitgeberseite als auch, indem Sie selbst aktiv werden. Stockt der Arbeitgeber das staatliche Kurzarbeitergeld freiwillig auf, bleibt diese Zuzahlung neuerdings steuerfrei – allerdings nur befristet und bis zu einer bestimmten Größenordnung. So sieht es das Corona-Steuerhilfegesetz vor.

Konkret heißt das: Das Kurzarbeitergeld und der Zuschuss dürfen zusammen nicht höher sein als 80 Prozent des Lohnausfalls durch die Kurzarbeit. Auch hier greift wieder der Progressionsvorbehalt: Der Zuschuss erhöht die Steuerlast des restlichen Einkommens.

Kurzarbeitergeld und Minijob

Gehen Sie während der Kurzarbeit einem Nebenjob nach, wird der Verdienst aus diesem Minijob nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet. Die Regeln dafür wurden wegen der Corona-Krise gelockert: Bis zum 31. Dezember 2021 dürfen Sie auch einen Minijob aufnehmen, wenn Sie bereits in Kurzarbeit sind, ohne dass der Verdienst angerechnet wird.

Das war vorher nur möglich, wenn der Nebenjob bereits vor der Kurzarbeit bestand. Einnahmen aus einem Minijob müssen Sie zudem nicht in der Steuererklärung angeben. Lesen Sie hier, worauf Sie beim 450-Euro-Job unbedingt achten sollten.

Was sollten Kurzarbeiter jetzt tun?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rät, sich frühzeitig auf eine Steuernachzahlung vorzubereiten und ein Finanzpolster anzulegen. Ausreichend sei, wenn Sie zwischen 10 und 12 Prozent Ihres Kurzarbeitergeldes wegsparen. Mit dem Rechner des bayerischen Landesamtes für Steuern können Sie bestimmen, wie sich der Progressionsvorbehalt bei Ihnen auswirkt.

Ist der Progressionsvorbehalt nicht unfair?

Nicht generell. Das Bundesverfassungsgericht hat den Mechanismus gebilligt und selbst der DGB lehnt ihn nicht von vornherein als ungerecht ab.

Grundgedanke hinter der Regel ist: Wer mehr verdient, gilt als wirtschaftlich leistungsfähiger und soll auch einen größeren Teil seines Einkommens als Steuern zahlen müssen. Auch steuerfreie Bezüge wie das Kurzarbeitergeld erhöhen demnach die Leistungsfähigkeit.

Wird der Progressionsvorbehalt für 2020 und 2021 ausgesetzt?

Nein. Zwar hatte die FDP beantragt, die Steuererklärungspflicht für Kurzarbeiter für 2020 und 2021 auszusetzen, das wurde aber abgelehnt. 

"Mit der Aussetzung der Steuererklärungspflicht für Kurzarbeiter bestünde für Bezieher von Kurzarbeitergeld nicht länger die Gefahr, dass durch den Bezug dieser Lohnersatzleistung im kommenden Jahr Steuernachzahlungen drohen", begründete Markus Herbrand, FDP-Steuerexperte und Mitglied im Finanzausschuss des Bundestags, den Antrag im Gespräch mit t-online.

"Diejenigen, die durch monatelange Kurzarbeit sowieso schon finanzielle Verluste erlitten haben, hätten also zumindest an dieser Stelle finanzielle Planungssicherheit und würden zielgerichtet entlastet."

FDP erwartet Steuernachzahlungen im sechsstelligen Bereich

Auch die Deutsche Steuergewerkschaft hatte sich dafür eingesetzt, den Progressionsvorbehalt für 2020 auszusetzen. Bundesvorsitzender Thomas Eigenthaler sagte im Interview mit t-online.de, die Regel sei den Menschen in Corona-Zeiten schwer vermittelbar: "Die Politik muss dafür sorgen, dass bei den kleinen Leuten nicht der Eindruck entsteht, dass nur der Wirtschaft viel gegeben wird."

Die Pflicht zur Steuererklärung für Bezieher von Kurzarbeitergeld dürfte zudem dazu führen, dass die Finanzämter ungleich mehr Steuererklärungen bearbeiten müssten, als in den Vorjahren. Im Mai waren etwa 6 Millionen Menschen in Kurzarbeit, im September 2,2 Millionen. Mit dem neuen Lockdown dürften sich die Zahlen wieder erhöhen.

FDP-Steuerexperte Herbrand geht davon aus, dass sowohl die Anzahl der zusätzlichen Steuererklärungen als auch die Zahl unerwarteter Steuernachzahlungen mindestens im sechsstelligen Bereich liegen werde.

Verwendete Quellen:
  • tagesschau.de-Bericht: "Nachzahlungen wegen Kurzarbeit?"
  • Deutscher Gewerkschaftsbund
  • Bund der Steuerzahler
  • Bundesfinanzministerium
  • Bayerisches Landesamt für Steuern
  • Gespräch mit Thomas Eigenthaler
  • Gespräch mit Markus Herbrand
  • steuertipps.de
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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