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Brexit: So sehr leiden britische Firmen unter dem Austritt

Bilanz nach einer Woche  

So sehr leiden britische Firmen unter dem Brexit

09.01.2021, 16:33 Uhr | mak, dpa, t-online

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen bestätigt Durchbruch

Das Handelsabkommen mit Großbritannien sei fair und ausgewogen, so EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Auch Premierminister Boris Johnson meldete sich zu Wort. Mit dem Vertrag übernehme das Vereinigte Königreich wieder die Kontrolle über seine Gesetze und sein Schicksal, so Johnson. (Quelle: Reuters)

Brexit-Verhandlungen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der britische Premierminister Boris Johnson bestätigen den Durchbruch. (Quelle: Reuters)


Laut Boris Johnson ist der Handelspakt mit der EU "fantastisch". Doch schon eine Woche nach dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt machen sich die Folgen für die britischen Unternehmen bemerkbar – und die sind gravierend.

Fischer, Paketdienste und Modeketten: Gut eine Woche nach dem Austritt Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion machen sich die Brexit-Folgen bei immer mehr Unternehmen bemerkbar. Das, obwohl der britische Premierminister Boris Johnson nach dem Abschluss des nach seinen Worten "fantastischen" Handelspakts mit der EU versprochen hatte, es werde keinerlei Handelshemmnisse geben.

Probleme gibt es vor allem für britische Exporteure – etwa von Fischen und Meeresfrüchten –, die für ihre Waren nun aufwendige Erklärungen für Bestimmungen über Zölle und Lebensmittelsicherheit ausfüllen müssen. Experten gehen von rund 400 Millionen zusätzlichen Zollerklärungen pro Jahr in Folge des Brexits aus – und jährlichen Kosten von 13 Milliarden britischen Pfund (umgerechnet 14,4 Milliarden Euro).

Hinzu kommen Verzögerungen bei der Lieferung der verderblichen Ware, die größtenteils für den Kontinent bestimmt ist. Für viele ist das Geschäft damit unrentabel geworden.

"Perfekter Sturm" aus Corona und Brexit

John Charles, ein Unternehmer in der Fischverarbeitung aus dem schottischen Aberdeen, kann seine Kunden in Deutschland nicht mehr bedienen, wie er der Deutschen Presse-Agentur am Freitag sagte. "Die Situation ist, dass die Kosten für die Export-Bescheinigungen für Europa es einem unmöglich machen, als kleiner Exporteur Geschäfte zu machen", so Charles.

Der für schottische Fischprodukte wichtigste Logistikkonzern DFDS teilte seinen Kunden am Donnerstagabend mit, der Transport von Frachtladungen gemischter Produkte werde bis zur kommenden Woche ausgesetzt. Die Chefin des Verbands Seafood Scotland, Donna Fordyce, sprach von einem "perfekten Sturm" aus Folgen der Corona-Pandemie und dem Brexit für die Branche.

Viele Unternehmen seien nicht in der Lage, die erforderlichen Unterlagen auszufüllen. Hinzu kämen Probleme bei den IT-Systemen und Verwirrung über die neuen Regelungen. "Wir könnten innerhalb sehr kurzer Zeit die Zerstörung einer jahrhundertealten Branche sehen, die einen erheblichen Teil der schottischen Wirtschaft ausmacht", warnte Fordyce der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge.

Auch der Paket-Dienstleister DPD zog am Freitag Konsequenzen und stellte Lieferungen von Großbritannien auf den europäischen Kontinent und nach Irland vorübergehend ein. Grund sei die erhöhte Belastung durch die erforderliche Zollbürokratie, wie das Unternehmen auf seiner Webseite mitteilte. 20 Prozent der Pakete wurden demnach ohne ausreichende Zollerklärung abgesendet und müssten an die Absender zurückgeschickt werden.

Zollregeln für Händler sind sehr kompliziert

Schwierigkeiten gibt es auch für die Textileinzelhändler, deren Waren häufig in Asien hergestellt werden. Dem an Heiligabend vereinbarten Handelspakt zufolge fallen für Kleider und Accessoires, die beispielsweise aus Bangladesch oder Kambodscha stammen, nun Zölle an, wenn sie von Großbritannien aus in die Europäische Union geliefert werden.

Nur Waren, die in Großbritannien weiterverarbeitet oder veredelt wurden, dürfen zollfrei ins EU-Zollgebiet eingeführt werden. Die Regeln dazu sind komplex und von Warengruppe zu Warengruppe unterschiedlich.

Der Handelsexperte William Bain vom britischen Einzelhandelsverband BRS (British Retail Consortium) teilte mit, 50 Mitgliedsunternehmen seien von möglichen Zöllen bei den sogenannten Reexporten in die EU betroffen. "Wir arbeiten mit Mitgliedern an kurzfristigen Optionen und suchen den Dialog mit der Regierung und der EU für langfristige Lösungen, um den Effekt neuer Zölle abzufedern."

Firmen stellen Lieferungen nach Nordirland ein

Die Unternehmen John Lewis und TKMaxx stellten Lieferungen nach Nordirland vorübergehend ein. Das Warenhaus Debenhams nahm seinen Online-Shop für Irland vom Netz.

"Es tut uns leid, aber wir sind derzeit nicht in der Lage, Bestellungen von der Republik Irland auszuliefern wegen Unsicherheit über die Handelsbestimmungen nach dem Brexit", hieß es zur Begründung.

Auch in Deutschland reagierten Unternehmen auf die neue Situation. Einer Umfrage des Außenhandelsverbandes BGA zufolge, auf die 500 Unternehmen antworteten, haben 20 Prozent der Firmen britische Lieferanten aus den Lieferketten entfernt. Die Umfrage fand Mitte Dezember statt.

In Nordirland sind die Regale teils leer

In Nordirland hat besonders der Lebensmittelhandel mit den Brexit-Folgen zu kämpfen. "Die Menschen hier beschweren sich über leere Regale in den Supermärkten", sagte die nordirische Konfliktforscherin und Brexit-Expertin Katy Hayward von der Queen's University Belfast der Deutschen Presse-Agentur. Insbesondere bei frischen Produkten komme es zu Störungen der Lieferketten. Firmen seien unsicher, welche Formulare bei der Einfuhr notwendig sind.

Nach dem Brexit gelten für Nordirland spezielle Regeln, die im Nordirland-Protokoll festgehalten sind. Damit wird eine harte EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland vermieden, da durch eine solche das Aufflammen alter Konflikte in Nordirland befürchtet wird. Die Provinz ist damit enger an die EU gebunden als der Rest des Königreichs und folgt weiter den Regeln des EU-Binnenmarkts.

Verwendete Quellen:

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