Sie sind hier: Home > Wirtschaft & Finanzen > Unternehmen & Verbraucher > Konjunktur >

Gerät die Inflation außer Kontrolle? Gefährlicher Deutschland-Trend


Exklusive Umfrage  

Wie die Inflation im Kopf die Preise hochtreibt

Von Florian Schmidt und Mauritius Kloft

29.10.2021, 13:12 Uhr
Gerät die Inflation außer Kontrolle? Gefährlicher Deutschland-Trend. Spritpreise auf Rekordniveau: Der Preis für Öl zieht seit Monaten an. (Quelle: imago images/Rolf Poss)

Spritpreise auf Rekordniveau: Der Preis für Öl zieht seit Monaten an. (Quelle: Rolf Poss/imago images)

Die meisten Deutschen erwarten, dass die Preise kommendes Jahr noch schneller steigen als heute. Warum dieser gefährliche Trend dazu führen kann, dass die Inflation außer Kontrolle gerät. 

Unser Geld wird immer weniger wert, die Inflation steigt – und glaubt man der Einschätzung der meisten Verbraucher, wird das auch noch eine Weile so weitergehen: Die große Mehrheit der Deutschen erwartet, dass die Preise nächstes Jahr sogar noch schneller steigen als momentan. Das geht aus einer repräsentativen Civey-Umfrage für t-online hervor.

41 Prozent der rund 5.000 Befragten sind demnach der Meinung, dass die Preise 2022 "eindeutig schneller" nach oben gehen werden als heute. Weitere 31 Prozent erwarten, dass die Preise "eher schneller" als dieses Jahr anziehen werden. Nur 15 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen indes davon aus, dass sich die Inflation verlangsamen wird. 12 Prozent rechnen damit, dass die Preise immerhin genauso schnell steigen werden wie momentan.

Foto-Serie mit 5 Bildern

Damit zeichnet sich ein gefährlicher Trend ab, vor dem zuletzt zahlreiche Ökonomen warnten. Denn: Ist die Furcht vor höheren Preisen erst einmal in den Köpfen verankert, steigen sie in der Realität oft tatsächlich an. Mehr dazu lesen Sie hier.

"Selbsterfüllende Prophezeiung" 

"Mit der Inflation verhält es sich langfristig wie mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung", sagt Kerstin Bernoth, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit t-online. "Inflationserwartungen orientieren sich unter anderem an der gegenwärtigen Inflationsentwicklung. Je länger die Phase tatsächlicher Preissteigerungen anhält, desto mehr verfestigt sich die Erwartung weiterer Zuwächse."

Die Folge: Der Druck auf die Arbeitgeber nimmt zu, die Forderungen nach höheren Löhnen werden lauter, wie auch Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef am Münchner Ifo-Institut, warnt. "Sobald sich diese Erwartungen in den Tarifrunden niederschlagen, ist die Lohn-Preis-Spirale endgültig im Gang", sagt er. "Die Unternehmen müssen dann die höheren Lohnkosten über abermals höhere Preise reinholen. Es dürfte sehr schwer werden, diese Entwicklung wieder zu stoppen."

Eine entscheidende Rolle kommt in diesem Zuge den Gewerkschaften zu. Bis Ende 2022 stehen neue Tarifabschlüsse für insgesamt 18 Branchen und größere Betriebe an. Dazu zählen etwa die Metall- und Elektroindustrie, in der allein rund 3,8 Millionen Menschen arbeiten. Auch bei der chemischen Industrie geht es schon bald um mehr Geld, ebenso beim Volkswagen-Konzern. Insgesamt geht es nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung um Lohnzuwächse für rund 10 Millionen Beschäftigte in Deutschland.

Experten rechnen mit Rückgang der Inflation

Wollen sie alle, dass die Gewerkschaften einen tariflichen Inflationsausgleich heraushandeln, könnte das durchaus für einen abermaligen Preisdruck sorgen, sagt Bernoth. Gleichzeitig beschwichtigt sie: "Die Erfahrung der Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die Verhandler auf der Gewerkschaftsseite weniger an den Inflationserwartungen der breiten Bevölkerung orientieren, sondern eher an dem, was Experten prognostizieren. Und das wäre eine deutlich geringere Inflationsrate."

DIW-Ökonomin Kerstin Bernoth: "Je länger die Phase tatsächlicher Preissteigerungen anhält, desto mehr verfestigt sich die Erwartung weiterer Zuwächse." (Quelle: DIW/Florian Schuh)DIW-Ökonomin Kerstin Bernoth: "Je länger die Phase tatsächlicher Preissteigerungen anhält, desto mehr verfestigt sich die Erwartung weiterer Zuwächse." (Quelle: DIW/Florian Schuh)

Dennoch rütteln die Ergebnisse der t-online-Umfrage auf – nicht zuletzt, weil sie sich mit dem decken, was auch die Bundesbank in einer ähnlichen regelmäßigen Befragung herausgefunden hat. Im September gaben 34 Prozent der Befragten einer entsprechenden Erhebung an, dass sie damit rechnen, dass die Inflationsrate in den nächsten zwölf Monaten deutlich steigen wird. Rund 45 Prozent gehen immerhin davon aus, dass die Teuerungsrate geringfügig ansteigt.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Inflation derzeit in aller Munde ist. "Momentan redet jeder von steigenden Preisen, alle bekommen es mit – an der Zapfsäule, im Supermarkt und im Restaurant", sagt Ifo-Experte Wollmershäuser. "Insofern wundert es mich nicht, dass die Erwartungen entsprechend ausfallen, auch wenn es nach unserer Einschätzung nicht so kommen wird."

Die Europäische Zentralbank könnte gegensteuern

Bislang erklärten Ökonomen den größten Preisanstieg seit knapp 30 Jahren mit einem Corona-Sondereffekt. Durch die Pandemie waren die Preise im Keller, besonders Energie verbilligte sich vergangenes Jahr durch die eingebrochene Öl-Nachfrage der Industrie. In Deutschland ließ zudem die Senkung der Mehrwertsteuer zwischen Juli und Ende Dezember 2020 die Preise fallen.

Das ist wichtig zu betonen, weil das Statistische Bundesamt für die Berechnung der Inflationsrate stets die aktuellen Preise mit denen aus dem Vorjahresmonat vergleicht, wodurch die prozentuale Teuerung jetzt höher ausfällt. Dieser statistische Effekt ist auch der Grund, weshalb vielen Experten zufolge einiges dafür spricht, dass die Inflation ab Januar wieder zurückgeht. Zumindest wenn die Energiepreise wieder sinken – und wenn nicht die Kräfte des beschriebenen Inflationsparadoxons wirken, die Preise also steigen, weil alle es erwarten.

Ifo-Konjunkuturchef Timo Wollmershäuser: "Es muss allen bewusst sein, dass die Zentralbank auch handelt." (Quelle: imago images/IPON)Ifo-Konjunkuturchef Timo Wollmershäuser: "Es muss allen bewusst sein, dass die Zentralbank auch handelt." (Quelle: IPON/imago images)

Verhindern könnte Letzteres die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrer Präsidentin Christine Lagarde. Als oberste Währungshüterin könnte sie den Menschen klarmachen, dass sie ihr Mandat ernst nimmt und für stabile Preise sorgt. Dafür kann die EZB das Geld teurer machen – über eine Anhebung des Leitzinses – und dadurch, dass sie weniger Geld druckt und die Staatsanleihenkäufe zurückfährt.

"Die Menschen brauchen eine klare Ansage"

"Die EZB sollte ein deutliches Signal in ihrer Kommunikation mit der Öffentlichkeit setzen", sagt DIW-Expertin Bernoth. "So wie Mario Draghi einst sagte, die EZB werde 'alles Erdenkliche' tun, um den Euro zu retten, müsste Christine Lagarde jetzt eigentlich sagen, dass sie alles daran setzt, die Inflation langfristig im Zaum zu halten." Wollmershäuser pflichtet ihr bei: "Die Menschen brauchen jetzt eine klare Ansage seitens der EZB. Es muss allen bewusst sein, dass sich die Zentralbank die hohen Inflationsraten nicht auf Dauer nur anschaut, sondern auch handelt, wenn sie zu hoch werden."

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Noch kein akuter Handlungsbedarf. (Quelle: imago images/Xhinhua)EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Noch kein akuter Handlungsbedarf. (Quelle: Xhinhua/imago images)

Aber: Dass dies tatsächlich passiert, ist unwahrscheinlich. Denn die EZB fährt seit Jahren eine ultralockere Geldpolitik, der Leitzins verharrt seit 2016 bei null Prozent.

Vor der Zinssitzung wollte sich die EZB auf Anfrage nicht direkt zur t-online-Umfrage äußern. Stattdessen verweist sie auf ein entsprechendes Statement von Christine Lagarde nach der jüngsten Zinssitzung am 9. September.

Damals sagte die EZB-Präsidentin, dass sie zwar ebenfalls von einer steigenden Inflation ausgehe, dies jedoch noch nicht besorgniserregend sei. Ein Grund dafür: Die Löhne würden wahrscheinlich nur "moderat" steigen. Anders ausgedrückt: Bis zuletzt sah die EZB noch keinen akuten Handlungsbedarf. Auch für den heutigen Donnerstag rechnet kaum jemand damit, dass sich das ändert.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräche mit Kerstin Bernoth und Timo Wollmershäuser
  • Bundesbank: Inflationserwartungen
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Madeleinetchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: