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Corona-Lockerungen: Plötzlich viele Kontakte – wie wir am besten damit umgehen


Corona-Lockerungen – Genießen mit Merkzettel im Kopf

Eine Kolumne von Ulrike Scheuermann

06.06.2021Lesedauer: 4 Min.
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Restaurant: Mit den sinkenden Corona-Zahlen werden wieder Treffen in größere Gruppen möglich.
Restaurant: Mit den sinkenden Corona-Zahlen werden wieder Treffen in größere Gruppen möglich. (Quelle: Annette Riedl/dpa-bilder)
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Die Lockerungseuphorie greift um sich: Endlich sind wieder größere Treffen mit Freunden und Familie erlaubt. Doch längst nicht allen ist das geheuer. Nun gilt es eine Balance zu finden.

Die einen stürzen sich begeistert ins volle Leben, mit Essengehen, Freundestreffen in größeren Gruppen und dem Besuch von Veranstaltungen. Andere bleiben noch zurückhaltend, weil sie dem neuen Optimismus nicht trauen, oder sie haben die ruhige, besinnlichere Zeit mit wenig Kontakt zu schätzen gelernt. Das soziale Miteinander hat sich in anderthalb Jahren Corona-Pandemie grundlegend verändert.


Coronavirus: An diesen Orten lauert das größte Risiko

In der Bahn, im Restaurant und auch zu Hause – wo sich Menschen auf engem Raum befinden, kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten. Unsere Fotoshow zeigt, welche Situationen besonders riskant sind.
Bahn: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen sind ebenfalls mögliche Infektionsquellen. Hier treffen viele Menschen auf engem Raum aufeinander. Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske können das Ansteckungsrisiko minimieren – sofern sich alle daran halten.
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Eine Klientin von mir bekam in den letzten Tagen fünf Einladungen: von Freundinnen und Kollegen – zum Abendessen, zum Grillen im Garten, zu Restaurantbesuchen in größerer Runde. "Die sind richtig euphorisch, das ist total übertrieben", beschreibt sie das. Ihr ist gar nicht nach Euphorie zumute. Viel Kontakt auf einmal war ihr auch vor Pandemiezeiten zu viel, erst recht mit mehreren Leuten zur selben Zeit. Sie trifft sich lieber mit einer Freundin und unterhält sich konzentriert in Ruhe. Das hat sich durch die Kontaktbeschränkungen noch verstärkt.

Sie hat keine der Einladungen angenommen, fühlt sich aber nicht gut damit. "Ich habe ein schlechtes Gewissen, und ich komme mir falsch vor, weil ich nicht so begeistert bin wie alle anderen." Doch Gewissensbisse braucht sie deshalb nicht zu haben.

Bloß kein schlechtes Gewissen

Unsere Bedürfnisse sind unterschiedlich, das hat viel mit den Persönlichkeitseigenschaften zu tun, die am besten erforscht sind: introvertiert und extravertiert. Jeweils ungefähr die Hälfte der Menschen hat einen Hang zu einem der beiden Pole.

Introvertierte Menschen mögen es, viel mit sich allein oder mit wenigen vertrauten Menschen zu sein; sie sind mehr auf ihr Innenleben konzentriert. Sie brauchen und vertragen weniger Stimulation, fühlen sich in ruhigeren, entspannten Situationen am lebendigsten, aufmerksamsten und leistungsfähigsten. Auch wenn Introversion nichts mit Schüchternheit zu tun hat, sind Introvertierte oft eher zurückhaltender und ruhiger. Wenn sie unter vielen Leuten sind, sind sie schnell erschöpft, reizüberflutet und ausgelaugt, auch wenn sie es genossen haben. Deshalb ist es auch für meine introvertierte Klientin nicht ratsam, sich in jede Menge Treffen mit anderen zu stürzen.

Die kontaktfreudigeren Extravertierten sind oft draufgängerischer und mögen es unter vielen Menschen, auch Fremden. Sie kommunizieren gerne mit anderen, sind gesprächig und finden es gut, im Mittelpunkt zu stehen. Sie treffen viele Freunde, planen abwechslungsreiche Aktivitäten und gehen häufig aus. Extrovertierte lieben und brauchen mehr Anregung. Sie fühlen sich auch nach dem Kontakt mit vielen Menschen energiegeladen. In der Pandemiesituation hatten sie deutlich größere Schwierigkeiten, sich auf die Kontaktbeschränkungen einzustellen. Jetzt wendet sich das Blatt wieder.

In der Art, auf Reize zu reagieren, zu regenerieren und Inspiration zu erfahren, liegt der entscheidende Unterschied. Nun, da plötzlich wieder mehr Kontakt möglich ist, gilt es neu herauszufinden, wie viel oder wenig Sie davon brauchen. Introvertierte prüfen, was für sie weiterhin erholsam ist und nicht überfordert. Extravertierte sollten darauf achten, zurückgezogenere Menschen eine langsamere soziale Gangart zuzugestehen.

Wir gewöhnen uns an fast alles

Der seit mehr als 30 Jahren in der Glücksforschung etablierte Set-Point-Theorie zufolge gewöhnen wir uns an fast alles nach einiger Zeit und kehren bald zu unserem ursprünglichen Zufriedenheitsniveau zurück. Das wurde durch Studien bestätigt, die herausfanden, dass einschneidende Lebensereignisse die Zufriedenheit nur kurzfristig verändern.

Wer vor einem Lottogewinn ständig unzufrieden ist, wird es nach dem Gewinn nach einigen Monaten in den meisten Fällen wieder sein. Wer einen Schicksalsschlag zu verkraften hatte und vorher zufrieden war, kehrt in den meisten Fällen zu einer zufriedenen Lebensstimmung zurück.

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Auch wenn diese Gewöhnung nicht in allen Fällen vollkommen ist, so zum Beispiel beim Verlust einer nahestehenden Person, können wir davon ausgehen, dass wir uns in der Pandemie gut an die Kontaktbeschränkungen mit weniger Treffen gewöhnt und dazu passende Verhaltensmuster entwickelt haben. Wir haben Wege gefunden, damit umzugehen.

Nun gilt es, die Art der sozialen Kontaktpflege wieder zu verändern. Das gerade Gewohnte über den Haufen zu werfen, braucht jedoch Zeit. Geben Sie sich diese Zeit und achten Sie auf Ihr persönlich passendes Tempo. Und überprüfen Sie, was und ob Sie überhaupt etwas verändern wollen.

Auf die innere Stimme hören

"Ich freue mich ja, dass ich eingeladen werde. Aber mir ist das alles zu viel und zu überstürzt." Die Klientin überlegt auch, wie sie die Einladungen sozial verträglich ausschlagen kann. "Ich will niemanden vor den Kopf stoßen, sie sind mir ja wichtig." Wir besprechen mögliche Formulierungen.

  • Ich würde mich gerne mit dir zu zweit treffen, um mich in Ruhe auf dich zu konzentrieren.
  • Ich muss mich erst wieder an die vielen Kontakte gewöhnen. Wir sind da einfach verschieden.
  • Ich freue mich schon sehr auf dich. Aber auf ein paar Wochen kommt es jetzt nicht an (?).
  • Du bist mir zu wichtig, als dass ich etwas überstürzen will.

Genießen mit Merkzettel im Kopf

Wegen der stark gesunkenen Infektionszahlen lockern viele Bundesländer eine Reihe von Corona-Regeln sogar früher als geplant. Aber: Seit bald anderthalb Jahren leben wir damit, dass wir wenig über Entwicklungen voraussagen können. Damit bleibt auch die jetzige Situation eine Herausforderung.

Einerseits sollten wir in vollen Zügen die wiedergewonnenen Freiheiten genießen, vor allem die Kostbarkeit von physischen Treffen mit Freundinnen und Freunden, Familienangehörigen, dem Team bei der Arbeit und beim Fitnesstraining. Andererseits ist die Pandemie vielleicht noch nicht überstanden?

Die größten Enttäuschungen entstehen aus zu hohen Erwartungen. Lassen Sie uns deshalb wertschätzen, was jetzt geht – auf die Weise, die zu uns passt. Wir haben in der Pandemie etwas Wichtiges gelernt: Krisenkompetenz. Die kann jeder von uns gut gebrauchen. Nicht nur in Corona-Zeiten.

Ulrike Scheuermann ist Diplom-Psychologin und Bestsellerautorin. Seit 25 Jahren hilft sie Menschen dabei, ihr Leben mit modernsten Methoden der Psychologie innerlich frei und ohne Blockaden besser und gesünder zu gestalten. Ihre Self-Care- und Coaching-Programme finden in ihrer Akademie in Berlin und online statt.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Ulrike Scheuermann
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Von Christiane Braunsdorf
Von Andrea Goesch
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