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Ein deutscher ScharfschĂŒtze packt aus

  • Jonas Mueller-Töwe
  • Marc von LĂŒbke-Schwarz
  • Martin Trotz
Von J. Mueller-Töwe, M. von LĂŒpke-Schwarz, M. Trotz

Aktualisiert am 08.06.2019Lesedauer: 12 Min.
Geheimauftrag im Kosovo: Deutscher ScharfschĂŒtze packt aus. (Quelle: t-online)
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Im Auftrag eines Verteidigungsministeriums zieht ein deutscher ScharfschĂŒtze auf dem Balkan in den Krieg. Dort wird der Partisan zum Volkshelden. In Deutschland kĂ€mpft er mit den SpĂ€tfolgen des Einsatzes.

Es ist heiß an diesem FrĂŒhsommertag 1999. Es riecht nach Pulver ĂŒber den Bergwiesen. Kilometer um Kilometer strecken sie sich durch das Tal von Koshare im Kosovo. In Michael SpĂ€ths Erinnerung versinkt alles in schwarzem Dampf. Die Einheit des ScharfschĂŒtzen hat Stellung auf einer Anhöhe bezogen. Nachladen, Deckungsfeuer, immer im Wechsel. Mit der "Befreiungsarmee des Kosovo" kĂ€mpft der Deutsch-Amerikaner gegen die Serben. Er ist ein Soldat in einem fremden Krieg.

Die regulĂ€ren serbischen Truppen sind vorgerĂŒckt, haben sich mit Russen und ParamilitĂ€rs vermischt. Nato-Jets bombardieren serbische Ziele. Als SpĂ€th in der Ferne das leise Wummern der gegnerischen Artillerie hört, schaut er zu seinem Team. Alle runter, in vier Sekunden werden die Geschosse einschlagen.

Soldat unter fremder Flagge

SpĂ€th ist Berufssoldat. Manche sagen: ein hochspezialisierter Söldner. ScharfschĂŒtze seit seinen Tagen in der US-Armee. FĂŒr die hat er in den Achtzigerjahren die Demilitarisierte Zone zwischen Nord- und SĂŒdkorea patrouilliert, durch NachtsichtgerĂ€te in die Dunkelheit des Grenzgebiets geblickt. In Panama hat er Anfang der Neunzigerjahre den Dschungelkrieg trainiert, spĂ€ter jedoch die regulĂ€re US-Armee verlassen.

Seine Mission im Kosovo tritt er laut eigenen Angaben im Auftrag eines Verteidigungsministeriums an. FĂŒr die USA? FĂŒr die Albaner? FĂŒr die Deutschen? "Genauer darf ich darĂŒber bis heute keine Auskunft geben", sagt er. Dabei bleibt es, trotz Nachfragen. "Ich bin kein zweiter Edward Snowden. Menschen vertrauen mir."

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Michael SpÀth (vorne, Mitte) inmitten von KÀmpfern der UCK: Der ehemalige US-Soldat kÀmpfte bereits gegen die Serben, bevor die Nato im Kosovo eingriff.
Michael SpÀth (vorne, Mitte) inmitten von KÀmpfern der UCK: Der ehemalige US-Soldat kÀmpfte bereits gegen die Serben, bevor die Nato im Kosovo eingriff. (Quelle: privat/T-Online-bilder)

t-online.de hat SpĂ€th getroffen, mit Freunden, Bekannten und Armeekameraden des ehemaligen Soldaten gesprochen sowie Dokumente einsehen können, die viele seiner Angaben bestĂ€tigen. Auch Kosovo-Experte Henrique Schneider hĂ€lt SpĂ€ths Aussagen fĂŒr authentisch. Der ehemalige Schweizer Nachrichtenoffizier hat als MilitĂ€r dort gedient und als Wissenschaftler mehrfach Untersuchungen zum politischen System des Kosovo veröffentlicht.

Bis heute verfĂŒgt SpĂ€th ĂŒber Kontakte zu ehemaligen UCK-KĂ€mpfern und Offiziellen der kosovarischen Regierung. Die Angaben geben einen seltenen Einblick in den Konflikt um den Kosovo – und in das Leben eines Mannes, dessen Arbeit der Krieg war. Im kleinen Land auf dem Balkan gilt er als Held, in Deutschland wird seine Rolle weit kritischer gesehen. Bis heute kĂ€mpft er mit den SpĂ€tfolgen seiner Verwundungen.

Jugoslawien zerfĂ€llt – und die Massaker beginnen

Ausgangspunkt der Geschichte ist der Tod eines Diktators: Als Josip Broz Tito im Jahr 1980 stirbt, zerfĂ€llt das sozialistische Jugoslawien zunehmend. Bis dahin hatte der Despot den Vielvölkerstaat mit eiserner Faust zusammengehalten. 1991 erklĂ€ren zunĂ€chst Slowenen und Kroaten ihre UnabhĂ€ngigkeit – gefolgt von Mazedonien und Bosnien-Herzegowina. Die sogenannten Jugoslawienkriege brechen aus und finden ihren traurigen Höhepunkt im Massaker von Srebrenica: Unter dem Kommando von General Ratko Mladić ermorden im Juli 1995 bosnisch-serbische Einheiten rund 8.000 muslimische MĂ€nner und Jungen in sorgfĂ€ltig geplanten Massenexekutionen. NiederlĂ€ndische UN-Soldaten schauen zu. Es ist das schlimmste Kriegsverbrechen Europas seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Srebrenica: Bosnisch-Serbische Truppen nahmen 1995 das eigentlich von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklÀrte Gebiet ein und ermordeten Tausende Muslime.
Srebrenica: Bosnisch-Serbische Truppen nahmen 1995 das eigentlich von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklÀrte Gebiet ein und ermordeten Tausende Muslime. (Quelle: dpa-bilder)

Doch ein weiterer Konflikt schwelt im SĂŒden Serbiens. Bereits kurz nach Titos Tod fordern im Kosovo Demonstranten die UnabhĂ€ngigkeit der mehrheitlich von Albanern bewohnten Region. Unruhen und Übergriffe der SicherheitskrĂ€fte folgen – denn die Zentralmacht will das Gebiet keinesfalls aufgeben. Ende der Achtzigerjahre betont Titos Nachfolger Slobodan MiloĆĄević noch immer den serbischen Anspruch. Denn der Kosovo war nicht nur einst das politische und kulturelle Zentrum des serbischen Reichs – im 14. Jahrhundert fand auf dem dortigen Amselfeld auch eine spĂ€ter folkloristisch aufgeladene Schlacht der Serben gegen die Osmanen statt.

Der gewaltfreie Widerstand scheitert

Der Kosovo soll, so will es MiloĆĄević, unbedingt serbisch bleiben. Das Parlament in Belgrad setzt die Autonomie der Region außer Kraft – eine folgenschwere Entscheidung. Die dortigen Albaner reagieren mit der Bildung eines Schattenstaats. Durch eine eigene Regierung, eine eigene BĂŒrokratie sollen friedlich Fakten geschaffen werden, so plant es Ibrahim Rugova, der PrĂ€sident der noch nicht anerkannten Republik. Von Bonn aus erhebt die Exilregierung Steuern, die sie in den Aufbau der staatlichen Strukturen fließen lĂ€sst.

Doch das Ziel wird scheitern: 1997 gehen nach Jahren fortgesetzter Menschenrechtsverletzungen durch die serbische Regierung mehrere gewaltbereite Gruppen als sogenannte "Befreiungsarmee des Kosovo" (UCK) zum Angriff ĂŒber – und verĂŒben AnschlĂ€ge gegen Serben und sogenannte albanische "VerrĂ€ter". Serbien setzt hingegen immer mehr Einheiten von Polizei und Armee im Kosovo ein, die ihrerseits mit großer BrutalitĂ€t vorgehen. Der Konflikt eskaliert. Hunderttausende Menschen fliehen und werden vertrieben. Nicht wenige fĂŒrchten ein zweites Srebrenica.

WĂ€hrend die Nato Mitte 1998 erstmals ĂŒber eine mögliche MilitĂ€rintervention im Kosovo spricht, schreibt Michael SpĂ€th in SĂŒddeutschland bereits eine Bestellliste fĂŒr seinen Auftraggeber: ein ScharfschĂŒtzengewehr der Marke McMillan, zusĂ€tzlich ein Gewehr der Marke Grizzly. Beide haben das Kaliber 50, sind bis zu 12 Kilogramm schwer. Ein geĂŒbter SchĂŒtze kann damit auf ĂŒber 3.000 Meter schießen. "In bergigem Gebiet braucht man so etwas", sagt SpĂ€th. Dazu genĂŒgend Schuss Munition und ein NachtsichtgerĂ€t. Eine Kalaschnikow mit schwerem Lauf will er fĂŒr den Nahkampf, am besten auch eine M16. Und reichlich TaschentĂŒcher. Um Schusswunden schnell stopfen zu können.

t-online.de: Woher kamen die Gewehre?

Michael SpĂ€th: Alle Waffen hatten legale Seriennummern, als sie schließlich da waren. Gestohlene Waffen sind nie gut.

Wie kamen Sie in den Kosovo?

Ich habe meine Route selbst geplant, alle Treffpunkte und Kontaktpersonen waren abgesprochen. Dann kam der Einsatzbefehl.

Was passierte dann?

Ich bin 1998 ĂŒber die albanische Hauptstadt Tirana nach Koshare im Kosovo gereist. Ich war da und habe meinen Job gemacht.

SpĂ€ths Job im Kosovo ist das, was er bei der US-Armee gelernt hat, was er am besten kann, wie er sagt: Feinde mit einem ScharfschĂŒtzengewehr aus großer Distanz auszuschalten – zu töten. In der Brigade 138 der UCK erhĂ€lt SpĂ€th den Rang eines Majors, bildet ScharfschĂŒtzen aus und kommandiert sie. Gemeinsam decken sie laut seinen Angaben eine FlĂ€che von rund 30 Quadratkilometern ab.

Videoaufnahmen aus dieser Zeit zeigen SpĂ€th im Einsatzgebiet. "Frank", so nennt ihn das deutsche Fernsehen damals, hat das ScharfschĂŒtzengewehr lĂ€ssig ĂŒber die Schulter geworfen. Auf Englisch gibt er Anweisungen.

SpĂ€th ist nicht der einzige Profi aus dem Ausland, der sich der UCK anschließt, noch bevor die Nato am 24. MĂ€rz 1999 in den Konflikt eingreift. Australische Offiziere, berichtet er, stoßen ebenfalls frĂŒhzeitig zur Guerillaarmee. "Das waren keine Söldner", sagt SpĂ€th. "Genauso wenig wie ich." Laut seinen Angaben ĂŒbernehmen sie spĂ€ter die Koordination mit der Nato in Tirana. Das deckt sich mit Angaben eines australischen Freiwilligen.

Die serbische Regierung unter Slobodan MiloĆĄević behauptet damals: Westliche Geheimdienste unterstĂŒtzen das militante Streben der Kosovo-Albaner nach UnabhĂ€ngigkeit. Internationale Medienberichte untermauern die Behauptung. Auch SpĂ€th berichtet von Versuchen des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Kalaschnikows an die UCK zu liefern. Entgegen des herrschenden Waffenembargos.

Die UCK, so viel ist unstrittig, ist ein seit Jahren auch im Ausland geplantes Projekt.

Amerikanische Transporthubschrauber vom Typ "Blackhawk" ĂŒber dem Camp Darby in Italien: Im FrĂŒhling 1999 griff die Nato im Konflikt um den Kosovo ein.
Amerikanische Transporthubschrauber vom Typ "Blackhawk" ĂŒber dem Camp Darby in Italien: Im FrĂŒhling 1999 griff die Nato im Konflikt um den Kosovo ein. (Quelle: dpa-bilder)

Denn wĂ€hrend der kosovo-albanische PrĂ€sident Rugova und seine Exilregierung in das Bildungssystem und die BĂŒrokratie des Schattenstaats investierten, haben andere Gruppen um die Diaspora-Partei LPK, die "Volksbewegung von Kosovo", die Geduld verloren und den Guerillakrieg organisiert. HauptsĂ€chlich aus der kosovarischen Exilgemeinde in der Schweiz fließt Geld in die Strukturen der Truppe, die zunĂ€chst mit terroristischen Aktionen auffĂ€llt. Auch Drogengelder helfen mutmaßlich beim Aufbau – den Rest steuern Auslandskosovaren in einem Fonds fĂŒr die "Volksarmee" bei.

Mit Folgen: Anfang 1998 hat die sogenannte "Befreiungsarmee des Kosovo" bereits Tausende KĂ€mpfer in ihren Reihen. Ein Jahr zuvor war sie nur wenige Hundert Mann stark. "Die UCK kam keinesfalls aus dem Nichts", sagt Michael SpĂ€th. "Sie wurde lange Zeit vorbereitet. Das waren alles ehemalige Mitglieder der jugoslawischen Armee." Der harte Kern wird von Milizen im ganzen Land und von freiwilligen Kosovo-Albanern unterstĂŒtzt, die fĂŒr den Krieg gegen die Serben in ihre Heimat zurĂŒckkehren. Ausgebildet werden sie in Trainingslagern im Norden Albaniens.

Der offene Konflikt beginnt. Und es werden erfahrene Soldaten gebraucht. Ins Gewissen habe man ihm geredet, sagt SpĂ€th. Ehemalige Kameraden aus der US-Armee, aber auch Bekannte in Deutschland. Bald schon steht der Kontakt zur deutschen UnterstĂŒtzerbasis der UCK. Wenige Monate spĂ€ter reist er ĂŒber die albanische Hauptstadt Tirana in den Kosovo. Dort schließt er sich den prowestlichen KrĂ€ften an, die dem ExilprĂ€sidenten Rugova nahestehen. Es ist nicht sein erster Krieg.

Als 18-JĂ€hriger meldet sich SpĂ€th im Jahr 1980 zur Infanterie der US-Armee. Bereits sein Vater hat dort gedient. Aufgewachsen ist SpĂ€th deswegen auf einem MilitĂ€rstĂŒtzpunkt in Ludwigsburg. ScharfschĂŒtze – das wird er in Korea. 1982 fĂŒhrt ihn sein erster Einsatz dorthin. Mehr als 80 Patrouillen fĂŒhrt er durch das Grenzgebiet. Durch einen Wald, "der das Mondlicht schluckt". Durch das "grĂ¶ĂŸte verminte Gebiet der Welt", wie er es nennt. Es ist der Beginn seines Soldatenlebens.

Warum sind Sie ScharfschĂŒtze geworden?

Du trĂ€gst Verantwortung fĂŒr das ganze Team. Letzten Endes bist du aber ein Mann, mit einem Gewehr, mit einer Kugel. Ein ScharfschĂŒtze kann ein ganzes Bataillon aufhalten.

Was geht einem dabei durch den Kopf?

Man gewöhnt sich die Konzentration an. Man muss Atmung und HerzschlÀge kontrollieren können. Die Entscheidung liegt bei mir.

Stellen sich dabei moralische Fragen?

Ich lebe mit der Verantwortung, ein Ziel zu zerstören, damit 99 andere Soldaten nach Hause gehen können. Ist das moralisch? Ich weiß es nicht. Habe ich mir die Frage schon gestellt? Ja. Habe ich eine Antwort? Nein.

Von Korea geht es in den Dschungel Zentralamerikas. Nach Honduras in den Einsatz, nach Panama zum Training. "Ich bin sehr froh, so eine einmalige Ausbildung bekommen zu haben", sagt SpĂ€th heute – doch zeitgleich beginnt der Mythos der Armee in seinen Augen zu bröckeln. 1989 sieht SpĂ€th in Honduras Kameradinnen sterben – aufgrund von schlechter Einsatzplanung, sagt er. Wenige Jahre spĂ€ter die nĂ€chste Katastrophe: Somalia. Die Operation "Gothic Serpent" zur Festnahme von Gefolgsleuten des brutalen Warlords Aidid lĂ€uft aus dem Ruder. 18 US-Soldaten sterben aufgrund taktischer und operativer Fehler – ihre Leichen werden durch die Straßen Mogadischus geschleift.

Somalia 1993: Eigentlich sollten US-Truppen im Auftrag der Vereinten Nationen in dem Land Sicherheit herstellen, um die notleidende Bevölkerung versorgen zu können. Stattdessen geraten sie im KÀmpfe mit dem Warlord Aidid.
Somalia 1993: Eigentlich sollten US-Truppen im Auftrag der Vereinten Nationen in dem Land Sicherheit herstellen, um die notleidende Bevölkerung versorgen zu können. Stattdessen geraten sie in KÀmpfe mit dem Warlord Aidid. (Quelle: ap-bilder)

"Einige meiner besten Leute sind hingeschickt worden – um sinnlos zu sterben?", sagt SpĂ€th. "Und warum: Weil jemand grĂ¶ĂŸenwahnsinnig und unvorsichtig war." Die Bilder bleiben hĂ€ngen, auch wenn er nicht am Einsatz in Somalia teilnimmt. "Das vergisst man nicht", sagt er heute. "Meinen Job selbst habe ich nie hinterfragt, aber die Entscheider in Politik und Armee immer öfter." Nur ein Jahr spĂ€ter verlĂ€sst er 1994 die US-StreitkrĂ€fte – will in Deutschland ein geregeltes Leben fĂŒhren. Jobbt auf dem Bau, dann in einem Waffenladen. Und zieht wenig spĂ€ter wieder in den Krieg. Sein Ziel: der Kosovo.

Angesichts der Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen versucht derweil die internationale Gemeinschaft, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Trotzdem sind im August 1998 bereits ĂŒber 400.000 Menschen auf der Flucht. Die Nato droht mit einer Intervention, US-Vermittler Richard Holbrooke handelt mit MiloĆĄević einen Waffenstillstand aus. Die UCK nutzt das fĂŒr GelĂ€ndegewinne, um ihre Position zu stĂ€rken. Die serbische Armee schlĂ€gt zurĂŒck – und riegelt Regionen hermetisch ab.

Ethnische SĂ€uberungen in Planung

Analysten halten das fĂŒr den Beleg, dass die serbische Armee ethnische SĂ€uberungen vorbereite. Kosovo-Experte Schneider bestĂ€tigt die EinschĂ€tzung: Einzelne Massenmorde seien bereits ausgefĂŒhrt. Es sei sehr plausibel, dass die serbische Armee zu diesem Zeitpunkt eine umfassende ethnische SĂ€uberung plane.

Der besonders radikale Teil der serbischen Regierung propagiert schon seit Langem die Vertreibung von Kosovo-Albanern zumindest aus dem Grenzgebiet zu Albanien. Ihr unterstehen die paramilitĂ€rischen "Tschetniks". Sie sind seit den Kriegen mit Kroatien und Bosnien fĂŒr ihre Grausamkeit bekannt. Ihr AnfĂŒhrer Ćœeljko RaĆŸnatović, genannt "Arkan", wird bereits vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht.

"Das waren Berufsmörder", sagt SpĂ€th ĂŒber die ParamilitĂ€rs, die als "Arkans Tiger" bekannt werden. "Sie haben die schlimmsten Leute auf die Menschen losgelassen. Aus Spaß am Töten." WĂ€hrend die internationale Gemeinschaft mit Serbien verhandelt, kĂ€mpft SpĂ€th in den Bergen des Kosovo gegen die berĂŒchtigte Miliz.

"Arkans Tiger": Die von Ćœeljko "Arkan" RaĆŸnatović kommandierte paramilitĂ€rische "Serbische Freiwilligengarde" verĂŒbte wĂ€hrend der Jugoslawienkrieg zahlreiche Kriegsverbrechen.
"Arkans Tiger": Die von Ćœeljko "Arkan" RaĆŸnatović kommandierte paramilitĂ€rische "Serbische Freiwilligengarde" verĂŒbte wĂ€hrend der Jugoslawienkriege zahlreiche Kriegsverbrechen. (Quelle: Reuters-bilder)

Die letzten internationalen BemĂŒhungen um eine diplomatische Lösung scheitern im Februar 1999 auf Schloss Rambouillet in Frankreich. Die Nato ist mittlerweile ĂŒberzeugt: Ein Völkermord steht bevor. Zu sehr ist das Massaker von Srebrenica noch in Erinnerung. Ab MĂ€rz fliegt das transatlantische BĂŒndnis Luftangriffe gegen Serbien – ohne UN-Mandat. Es bricht das Völkerrecht, um eine "humanitĂ€re Katastrophe" zu verhindern. Außenminister Joschka Fischer muss sich Anfeindungen aus den eigenen Reihen der GrĂŒnen stellen.

SpĂ€th nimmt den Beschluss und den Kriegseintritt der Nato mit Erleichterung auf. "Wir konnten aufgrund der Verhandlungen nicht vor und nicht zurĂŒck", sagt er. "Waffen und Munition bekamen wir nicht. Serben und Russen bereiteten sich aber auf Angriffe vor." Als die Nato schließlich eingreift, kommt es im Kosovo zum Showdown. Dort tragen UCK und Serben ab dem 9. April die Schlacht von Koshare aus – sie wird ĂŒber zwei Monate dauern.

Wie haben Sie die Schlacht um Koshare in Erinnerung?

Es war ein Albtraum. Die Hölle auf Erden. Eine Art Vietnam. Wir hatten keine Chance. Aber unsere KÀmpfer waren motiviert und unverbraucht. Unser Sieg bei Koshare hat den Kriegsverlauf grundlegend verÀndert.

Wie haben Sie das Eingreifen der Nato in Erinnerung?

Die haben einen perfekten Job gemacht. Ein besonderes Dankeschön geht an eine F18-Pilotin aus Albanien. Auf 350 Metern Flughöhe hat sie eine ganze Kompanie unter Feuer genommen. Ich salutiere dieser Frau.

Kooperierten die Nato und die UCK?

Die Koordination zwischen den Kommandeuren und der Nato war perfekt, die Planung ĂŒber Funk und Satellitenbilder. Die Nato tat alles, um einen Puffer zu schaffen.

Koshare ist ein strategisch wichtiger Punkt fĂŒr das Kriegsgeschehen. "Der Ort liegt an der damals zugĂ€nglichen Route zwischen der albanischen Hauptstadt Tirana und dem Kosovo, mitten durch das Kriegsgebiet", erklĂ€rt Henrique Schneider. Deswegen will die UCK im FrĂŒhjahr 1999 die Region um die Ortschaft um jeden Preis einnehmen. Sie will eine Versorgungsroute öffnen. Bis dahin hat sie Waffen und Verpflegung aus Albanien auf abenteuerlichen Wegen durch die Berge transportiert.

(Quelle: T-Online-bilder)

Mit ihren BemĂŒhungen ist sie zunĂ€chst auch erfolgreich: Die rund 1.500 UCK-KĂ€mpfer aus vier Brigaden drĂ€ngen die serbische Armee zurĂŒck. Doch schließlich geht der Gegner zur Gegenoffensive ĂŒber und schließt die Rebellen ein. Erst als die Nato eingreift, wendet sich die Lage erneut. Die UCK stĂ¶ĂŸt mit der Operation "Arrow", zu Deutsch: "Pfeil", sĂŒdlich in Richtung Prizren vor. Nato-Kampfflugzeuge unterstĂŒtzen die AufstĂ€ndischen dabei. Amerikanische Bomber vom Typ B-52 fliegen Angriffe auf feindliche Stellungen am besonders umkĂ€mpften Berg Pastrik.

SpĂ€th und sein Team beobachten jede feindliche Bewegung. "Es schlief immer nur einer. Es aß immer nur einer. Wir waren ein eingeschweißtes Team, so etwas hat man selten", sagt SpĂ€th. Am frĂŒhen Nachmittag des 5. Mai schließlich orten serbische Truppen vermutlich seinen Schuss. Die Position auf der Anhöhe ist aufgeflogen. "Es war auch das Wetter", erzĂ€hlt er. "Es war einfach fantastisch – da hat der Feind gute Sicht." Die feindliche Artillerie nimmt die Stellung unter Feuer.

Brennende Raffinerie von Novi Sad 1999: Mit Luftangriffen versuchte die Nato, die Serben zu einer Einstellung der Kampfhandlungen zu zwingen.
Brennende Raffinerie von Novi Sad 1999: Mit Luftangriffen versuchte die Nato, die Serben zu einer Einstellung der Kampfhandlungen zu zwingen. (Quelle: dpa-bilder)

Die Sekunden dehnen sich. Michael SpĂ€th zĂ€hlt – und hat Angst. Elf Mann liegen neben ihm – und er hat das Kommando gegeben, sich auf den Boden zu werfen. Als die Geschosse einschlagen, fliegen Schrapnelle durch SpĂ€ths Kopf und Bein, durch Luftröhre und Arm. Die Wucht des Einschlags schleudert ihn gegen einen Baum. Überall Schreie. "Seid ruhig, sonst schießen die weiter", keucht er. Alle ĂŒberleben.

Wenige Wochen spĂ€ter gibt Serbiens PrĂ€sident MiloĆĄević auf. Am 12. Juni rĂŒcken Nato-Bodentruppen in den Kosovo ein. Die Schlacht von Koshare ist ein Sieg fĂŒr die UCK. Im spĂ€ter unabhĂ€ngigen Kosovo gilt SpĂ€th wie viele andere Veteranen als Held. TĂ€glich erhĂ€lt er heute Zuschriften in sozialen Medien aus dem Kosovo, aber auch aus der europĂ€ischen Exilgemeinde. Er selbst hĂ€lt der kosovarischen Nationalidee auch im Ruhestand die Treue.

In Deutschland nutzt ihm das nichts, auch wenn die alten WeggefĂ€hrten zu ihm halten. Seinen Job als Schießausbilder im Kosovo hat er aufgeben mĂŒssen. Das Loch in der Luftröhre – schlecht vernarbt und aufgebrochen. Augenhöhle, Oberkiefer, Unterkiefer – zurĂŒckgebildet und schwach. Essen – nur noch pĂŒriert. Die Bauchmuskulatur – gerissen wie ein Gummiband. Wer wird die Operationen finanzieren? Der deutsche Staat zahlt eine knappe Rente. Die RentenansprĂŒche in den USA sind noch ungeklĂ€rt. Der kosovarische Staat zahlt nichts – weiterhin bestimmen FlĂŒgelkĂ€mpfe innerhalb der ehemaligen UCK, wer versorgt wird und wer nicht.

"Es mĂŒsste ĂŒberall viel mehr fĂŒr Veteranen getan werden", sagt SpĂ€th. "Aber Zivilisten erkennen die Leistungen der Soldaten kaum an. Kein gutes Wort ĂŒber Veteranen. Dabei sind wir Menschen, die jeden Tag ihr Leben riskiert haben." Das gelte fĂŒr Soldaten aller Nationen. WofĂŒr SpĂ€th sein Leben riskiert hat? Er muss nicht lange ĂŒberlegen: um die Massaker zu verhindern. Um Frieden zu schaffen in Europa. "Ich wĂŒrde keinen Krieg rechtfertigen – außer den im Kosovo. Dieser Krieg hat alle Kriege auf dem Balkan beendet."

FĂŒr wen er ihn gekĂ€mpft hat, sagt er immer noch nicht.

Epilog

– Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag stellte in mehreren Urteilen gegen serbische Kriegsverbrecher fest, dass im FrĂŒhjahr 1999 eine "weitreichende Kampagne des Terrors und der Gewalt" gegen die kosovo-albanische Zivilbevölkerung begonnen habe, um sie planmĂ€ĂŸig zu vertreiben. Die Verbrechen umfassten Morde, Deportationen und Vergewaltigungen. Mindestens 700.000 Menschen seien zur Flucht gezwungen worden. Ex-PrĂ€sident Slobodan MiloĆĄević starb vor einem Urteil in Haft.

– Ćœeljko RaĆŸnatović, der als "Arkan" die serbischen ParamilitĂ€rs anfĂŒhrte, wurde nie verurteilt. Er blieb auch nach dem Krieg in Serbien, wo er 2000 erschossen wurde. Der Mord wurde nie vollstĂ€ndig aufgeklĂ€rt.

– Nach dem Kriegsende im Kosovo kam es in der Region zu einer Welle der Gewalt gegen die serbische Bevölkerung. Der internationale Untersuchungsbericht hĂ€lt fest: Die internationale Gemeinschaft habe trotz 40.000 bewaffneter Soldaten eine "neue Welle ethnischer SĂ€uberungen" nicht verhindern können. Mehr als die HĂ€lfte der serbischen Bevölkerung verließ den Kosovo in Folge der Gewalt.

– Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament des Kosovo die UnabhĂ€ngigkeit. Mittlerweile haben 113 von 193 UN-Mitgliedstaaten die Republik anerkannt. Trotzdem ist der völkerrechtliche Status weiter umstritten. Serbien erhĂ€lt den Anspruch auf die Provinz aufrecht. Die Lage ist weiter angespannt.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel erschien erstmals am 29. Juni 2018.

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