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Gro├čschlacht um Idlib: Endet der Krieg in einem Massaker?

  • Patrick Diekmann
Von Patrick Diekmann

Aktualisiert am 11.08.2018Lesedauer: 5 Min.
Die Innenstadt von Idlib: Die Bewohner der Provinz wurden von Machthaber Assad mit Flugbl├Ąttern aufgefordert, sich zu ergeben.
Die Innenstadt von Idlib: Die Bewohner der Provinz wurden von Machthaber Assad mit Flugbl├Ąttern aufgefordert, sich zu ergeben. (Quelle: /Reuters-bilder)
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Artilleriebeschuss l├Ąutet die vielleicht letzte gro├če Schlacht im Syrien-Krieg ein. Assads Angriff auf Idlib ist f├╝r Erdogan ein Desaster und bringt Putin in die Zwickm├╝hle

Der Krieg in Syrien steuert auf die n├Ąchste gro├če Schlacht zu. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat angek├╝ndigt, die syrische Provinz Idlib einnehmen zu wollen ÔÇô seine Armee hat den Artilleriebeschuss auf Stellungen der Freien Syrischen Armee (FSA) schon begonnen. Sollte Assad an seinen Pl├Ąnen festhalten, wird es im Kampf um die Stadt Idlib die n├Ąchste humanit├Ąre Katastrophe geben. Zehntausende Fl├╝chtlinge werden versuchen, dem Blutvergie├čen ├╝ber die syrisch-t├╝rkische Grenze zu entkommen.

Knapp eine Millionen Binnenfl├╝chtlinge

Idlib ist das letzte gro├če Gebiet in den H├Ąnden von Rebellen. In der Provinz im Nordwesten Syriens leben aktuell laut Sch├Ątzungen der Vereinten Nationen (UN) knapp 2,5 Millionen Menschen. Bei den vergangenen Gro├čschlachten in Aleppo, Daraa und Ost-Ghuta stellte Assads Armee Dschihadisten, Rebellen und Zivilisten vor eine Wahl, die eigentlich keine war: Sie k├Ânnten bleiben und vermutlich sterben oder in die Provinz Idlib abziehen. Viele wurden mit Bussen dorthin gebracht.

Die Karte zeigt die Einflusszonen der verschiedenen Gruppierungen im syrischen B├╝rgerkrieg (Stand: August 2018): Das Assad-Regime hat gro├če Teile des Landes wieder unter Kontrolle gebracht.
Die Karte zeigt die Einflusszonen der verschiedenen Gruppierungen im syrischen B├╝rgerkrieg (Stand: August 2018): Das Assad-Regime hat gro├če Teile des Landes wieder unter Kontrolle gebracht. (Quelle: /T-Online-bilder)
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Deswegen sind aktuell knapp eine Millionen Fl├╝chtlinge aus anderen Landesteilen in der Provinz ÔÇô hinzu kommen zehntausende K├Ąmpfer. Die letzte Rebellenhochburg wird von islamistischen Milizen kontrolliert. So ist rund 60 Prozent des Gebietes in der Hand der Islamistenallianz Hajat Tahrir al-Scham (HTS), in dem sich ├╝berwiegend K├Ąmpfer der Nusra-Front befinden, die fr├╝her zu Al-Qaida geh├Ârte.

K├Ąmpfer k├Ânnten in den Untergrund gehen

Die islamistischen Gruppierungen sind jedoch keineswegs homogen. Sie bestehen einerseits aus radikalen Dschihadisten, die zum Teil aus dem Ausland kommen. Andere K├Ąmpfer sind vor allem Assad-Gegner, die sich zu Beginn des Krieges radikalisierten und sich der Gruppierung anschlossen, die in ihrem Gebiet Sicherheit f├╝r ihre Familien garantieren konnten und milit├Ąrisch gut aufgestellt waren. Oftmals waren dies islamistische Gruppen.

Islamistische K├Ąmpfer beim Gebet vor der Schlacht: Idlib ist die letzte von islamistischen Milizen gehaltene Rebellenhochburg.
Islamistische K├Ąmpfer beim Gebet vor der Schlacht: Idlib ist die letzte von islamistischen Milizen gehaltene Rebellenhochburg. (Quelle: /ap-bilder)

Viele dieser K├Ąmpfer k├Ânnten nach dem Ende des Krieges wieder in den Untergrund abtauchen. Das pl├Âtzliche Aufkommen des sogenannten Islamischen Staates (IS) ist ein mahnendes Beispiel. Um dies zu verhindern wollte Assad m├Âglichst viele gegnerische Kr├Ąfte an einem Ort versammeln. Seine Strategie ging auf.

"Mutter aller Schlachten"

In Idlib stehen K├Ąmpfer und Fl├╝chtlinge nun gleicherma├čen mit dem R├╝cken zur Wand. Zivilisten k├Ânnen in das von der syrischen Armee kontrollierte Gebiet fliehen, wo sie den Repressionen von Assads Polizei und Geheimdienst ausgesetzt sind. Ihnen bleibt oft nur der Weg ├╝ber die t├╝rkisch-syrische Grenze, wo Erdogan mittlerweile eine Mauer bauen lie├č. F├╝r die bewaffneten Milizen gibt es dagegen keinen Ausweg, denn es gibt kein Gebiet mehr in Syrien, in das sie abziehen k├Ânnten. Deshalb bezeichnen Rebellen den Kampf um die Provinz als "Mutter aller Schlachten". Es droht eine humanit├Ąre Katastrophe.

Eine Scharfsch├╝tze einer islamistischen Miliz schie├čt auf Ziele der syrischen Armee im Raum Idlib: Die Provinz ist die letzte Rebellenhochburg im syrischen B├╝rgerkrieg.
Eine Scharfsch├╝tze einer islamistischen Miliz schie├čt auf Ziele der syrischen Armee im Raum Idlib: Die Provinz ist die letzte Rebellenhochburg im syrischen B├╝rgerkrieg. (Quelle: /ap-bilder)

W├Ąhrend Russland, der Iran und die T├╝rkei bei den Astana-Gespr├Ąchen eigentlich eine Deeskalationszone in Idlib vereinbart hatten, verfolgte Assad schon immer das Ziel, die Provinz wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Der Angriff des syrischen Machthabers ist vor allem ein strategisches Desaster f├╝r die T├╝rkei. Erdogan unterst├╝tzt seit seiner Offensive in Afrin verschiedene islamistische Rebellengruppen, die gegen Assad und gegen die Kurden k├Ąmpfen. Die T├╝rkei hat rund um Idlib milit├Ąrische Beobachtungsposten aufgestellt, um ein Protektorat zu errichten und um Konflikte zwischen der syrischen Armee und Rebellen zu verhindern.

Geopolitische Konflikte

In Idlib droht der Konflikt zwischen den Erzfeinden Assad und Erdogan nun zu eskalieren. Greift das Nato-Mitglied T├╝rkei nicht ein, w├Ąre der Afrin-Feldzug umsonst gewesen. Erdogan k├Ânnte seine Gro├čmachtbestrebungen begraben und m├╝sste seine Kontrolle ├╝ber Teile Syriens wieder abgeben. Au├čerdem hat die T├╝rkei schon 3,5 Millionen Fl├╝chtlinge aufgenommen und durch Assads Offensive w├╝rden erneut Hunderttausende ├╝ber die syrisch-t├╝rkische Grenze wollen. Hier hat die T├╝rkei zwar eine Mauer errichtet, aber ob die t├╝rkische Regierung wirklich dabei zuschaut, wie auf der syrischen Seite Fl├╝chtlinge sterben, ist zu bezweifeln.

Entschlie├čt sich Erdogan f├╝r einen Konflikt mit Assad, h├Ątte dies unabsehbare Folgen f├╝r die gesamte Nato. Ein milit├Ąrisches Eingreifen der T├╝rkei ist allerdings unwahrscheinlich, da den syrischen Rebellen in Idlib eine milit├Ąrische ├ťbermacht von gleich mehreren Gro├čm├Ąchten gegen├╝bersteht.

Im letzten verbliebenen Rebellengebiet entladen sich die geopolitischen Konflikte, die den syrischen B├╝rgerkrieg von Beginn an gepr├Ągt haben. Hinter Assad stehen der Iran, Russland und neuerdings auch die Gro├čmacht China.

Ende des "Astana-Prozesses"

In der Zwickm├╝hle steckt allerdings nicht nur die T├╝rkei, sondern auch Russland. Eigentlich steht der Kreml hinter der Assad-Offensive gegen Idlib: Au├čenminister Sergej Lawrow drohte bereits damit, den "Terroristen in Idlib den letzten Todessto├č" zu verpassen. In dem Gebiet k├Ąmpfen auch rund 300 Islamisten aus dem Kaukasus. Pr├Ąsident Wladimir Putin m├Âchte den Kampf mit ihnen au├čerhalb von Russland austragen.

Ein Panzer der FSA schie├čt im Raum Idlib auf Truppen von Assad: Die islamistischen Milizen im Nordwesten Syriens werden teilweise von der T├╝rkei unterst├╝tzt.
Ein Panzer der FSA schie├čt im Raum Idlib auf Truppen von Assad: Die islamistischen Milizen im Nordwesten Syriens werden teilweise von der T├╝rkei unterst├╝tzt. (Quelle: /ap-bilder)

Die Idlib-Offensive k├Ânnte auch das Ende des "Astana-Prozesses" bedeuten. In den letzten Jahren hat Putin versucht, die T├╝rkei aus der Nato herauszul├Âsen und baute auf ein gutes Verh├Ąltnis zu Ankara. Diese Bestrebungen w├Ąren nach einer Schlacht um Idlib vorerst zerst├Ârt.

Neben Russland k├Ânnten auch die Kurden in der Schlacht eine entscheidende Rolle spielen. Sie sind aktuell in Gespr├Ąchen mit dem Assad-Regime. Sollte ihnen der Machthaber mehr Autonomie versprechen, w├╝rden sie gegen die T├╝rkei und gegen die Rebellengruppen k├Ąmpfen, die sie zuletzt aus Afrin vertrieben haben. Ein Machtzuwachs der Kurden w├Ąre ein zus├Ątzlicher Alptraum f├╝r Erdogan.

Chinas gef├Ąhrliches Kalk├╝l

├ťberraschend ist auch das pl├Âtzliche Auftreten von China im syrischen B├╝rgerkrieg. Die Chinesen ergriffen in der Vergangenheit aus eigenem innenpolitischen Interesse Partei f├╝r Assad, weil China traditionell Rebellionen im eigenen Land f├╝rchtet und die internationale Unterst├╝tzung in die innenpolitischen Angelegenheiten eines Landes massiv kritisiert. Doch betonte der chinesische Botschafter in Syrien, Qi Qianjin, zuletzt die "positive milit├Ąrische Zusammenarbeit zwischen China und Syrien" und versprach Assad milit├Ąrische Unterst├╝tzung.

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Der offizielle Grund daf├╝r sind die Uiguren, eine muslimische Minderheit in China. Einige wenige Uiguren sollen auch in Idlib an der Seite der Rebellen k├Ąmpfen. China geht es aber wohl eher darum, seine geostrategische Stellung als Gro├čmacht zu festigen, indem man am Ende auf der Seite des vermeintlichen Siegers Assad steht. Chinesische Firmen stehen au├čerdem schon in den Startl├Âchern, um Syrien nach dem B├╝rgerkriege wieder aufzubauen.

Assads Nachkriegsordnung

Doch ein Ende des Krieges, w├╝rde nicht das Ende der Konflikte in Syrien bedeuten ÔÇô eine Nachkriegsordnung ist kaum absehbar. Assad hat zwar angek├╝ndigt, sich mit Rebellen auss├Âhnen und Fl├╝chtlingen "verzeihen" zu wollen. F├╝r viele Syrer ist es aber unvorstellbar, erneut unter Assad zu leben.

Die Innenstadt von Idlib: Die Bewohner der Provinz wurden von Machthaber Assad mit Flugbl├Ąttern aufgefordert, sich zu ergeben.
Die Innenstadt von Idlib: Die Bewohner der Provinz wurden von Machthaber Assad mit Flugbl├Ąttern aufgefordert, sich zu ergeben. (Quelle: /Reuters-bilder)

Helikopter warfen in den letzten Tagen Flugbl├Ątter ├╝ber D├Ârfern im Osten Idlibs ab, in denen die Einwohner aufgerufen wurden, sich zu ergeben. "Der Krieg n├Ąhert sich seinem Ende", hie├č es darin. "Wir rufen euch auf, euch wie viele Menschen Syriens den ├Ârtlichen Vers├Âhnungsvereinbarungen anzuschlie├čen." Von dieser Entscheidung werde "das Schicksal eurer Familie, Kinder und Zukunft abh├Ąngen", warnte die Regierung.

Diese Zettel sind ein kleiner Ausblick, wie sich Assad das Syrien nach dem Krieg vorstellt. Repression, Kontrolle und ein massiver Polizeistaat sind die einzige M├Âglichkeit f├╝r ihn, um in Zukunft die Kontrolle ├╝ber das Land zu behalten. Viele Menschen werden erneut der Folter und den Gr├Ąueln der syrischen Gef├Ąngnisse ausgesetzt sein, Andersdenkende werden brutal verfolgt.

Die Drohungen des syrischen Diktators sollten nicht nur Assads Feinde, sondern auch seine Verb├╝ndeten ernst nehmen. Die Schlacht um Idlib beginnt mit unabsehbaren Folgen f├╝r Syrien und f├╝r die geostrategische Machtbalance in der Region.

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