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Der Westen scheitert in Afghanistan: Die Teufel lassen die Korken knallen

Afghanistan-Debakel des Westens  

Sie lassen die Korken knallen

18.08.2021, 19:38 Uhr
Der Westen scheitert in Afghanistan: Die Teufel lassen die Korken knallen. Wladimir Putin und Xi Jinping, im Hintergrund Taliban-Kämpfer: Russland und China ringen um Einfluss in Afghanistan. (Quelle: imago images/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.)

Wladimir Putin und Xi Jinping, im Hintergrund Taliban-Kämpfer: Russland und China ringen um Einfluss in Afghanistan. (Quelle: Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved./imago images)

Nach dem Sieg der Taliban freuen sich Mächte wie China und Russland über ein Tor nach Afghanistan. Der Westen hat nicht nur das Land verloren, sondern auch an Glaubwürdigkeit. Der Schaden ist immens.

Der Schock sitzt noch immer tief. Die Schnelligkeit des Vormarsches der Taliban am Hindukusch hat viele westliche Politiker überrascht. Sie treten in dieser Woche verbittert vor Kameras, gestehen Fehleinschätzungen ein.

Das Scheitern der Afghanistan-Mission war schon länger klar, aber spätestens seitdem sich verzweifelte Afghanen in Todesangst an Flugzeuge der westlichen Streitkräfte klammerten, ist aus einer Niederlage ein historisches Debakel geworden.

Kabul: Hunderte Menschen versuchen sich an ein US-Flugzeug zu klammern, um aus dem Land zu fliehen.  (Quelle: AP/dpa)Kabul: Hunderte Menschen versuchen sich an ein US-Flugzeug zu klammern, um aus dem Land zu fliehen. (Quelle: AP/dpa)

Fataler Schaden mit langfristigen Folgen

Aktuell liegt der Fokus zu Recht auf dem Schicksal der afghanischen Bevölkerung. Es geht um die Rettung der Ortskräfte, die die westlichen Streitkräfte in den letzten Jahrzehnten unterstützt haben. Und es geht um die Wahrung der Menschen- und Frauenrechte im Land, die durch die Taliban ernsthaft gefährdet sind. Kurz: Für den Westen hat momentan Schadensbegrenzung oberste Priorität.

Aber auch über die schrecklichen Ereignisse am Hindukusch hinaus ist der Schaden schon jetzt immens und wird die internationale Politik noch viel länger begleiten als die augenblickliche Krise. Die Welt schaut dabei zu, wie die USA und ihre Verbündeten international weiter an Glaubwürdigkeit verlieren. Auch die geostrategischen Folgen sind fatal: Afghanistan wurde nicht nur quasi in die Hände der Taliban gegeben, sondern vor allem Russland und China werden ihren Einfluss in Afghanistan ausweiten.

Die Taliban feiern ihren Sieg in Kabul: Die Islamisten konnten das Land in kurzer Zeit unter ihre Kontrolle bringen.  (Quelle: imago images)Die Taliban feiern ihren Sieg in Kabul: Die Islamisten konnten das Land in kurzer Zeit unter ihre Kontrolle bringen. (Quelle: imago images)

Damit hat die westliche Allianz Mächten das Tor ins Land geöffnet, die sich weniger für Menschenrechte und Demokratie interessieren und vielmehr vor allem ihre wirtschaftlichen und strategischen Vorteile suchen. Während der Westen aus dem Land flieht und die Taliban ihre Macht in Kabul festigen, knallen in Peking und Moskau die Korken. 

Rückschlag für Demokratie und Menschenrechte

So verliert der Westen an Vertrauenswürdigkeit für künftige Einsätze. Warum sollen lokale Gruppierungen mit dem Westen kooperieren, wenn sie am Ende im Regen stehen gelassen werden? In Syrien ließen die USA schon die Kurden im Stich, nun ist es der pro-westlich eingestellte Teil der afghanischen Bevölkerung.

Verlässlichkeit ist in der internationalen Politik oft wichtiger als die Art des politischen Systems. So hat beispielsweise Wladimir Putin in Syrien bewiesen, dass er bis zum Ende bereit ist, seine Schutzversprechen einzuhalten. Das hatte internationale Signalwirkung, genau wie es nun das Afghanistan-Desaster für den Westen haben wird.


Weiterhin wird es auch Folgen für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus haben, weil Regierungen möglicherweise weniger innerstaatliche Konflikte riskieren, wenn sie nicht auf westliche Unterstützung bauen können. Und es hat Folgen für Länder, die ideologisch zum Westen tendieren, aber den Schutzversprechen nicht mehr glauben können. 

Im Ringen um die ideologische Vorherrschaft sind die Ereignisse in Afghanistan demnach ein schwerer Schlag für Demokratie und Menschenrechte.

Wer gewinnt Einfluss über Afghanistan?

Klar ist: Das Kräftegleichgewicht im Mittleren Osten wird sich ändern. Aber wer verfolgt welche Interessen? Und wie blicken die Taliban auf die einzelnen Akteure? Eine Übersicht:

China

Peking wird das westliche Debakel in Afghanistan als große Chance sehen. Nicht umsonst hat die Volksrepublik angekündigt, die vermeintliche Entscheidung der afghanischen Bevölkerung für eine neue Herrschaft durch die radikal-islamischen Taliban respektieren zu wollen. Dabei unterdrückt China im eigenen Land mit Gewalt die muslimische Minderheit der Uiguren.

Xi Jinping: Der chinesische Präsident schielt auf Rohstoffe in Afghanistan.  (Quelle: Reuters)Xi Jinping: Der chinesische Präsident schielt auf Rohstoffe in Afghanistan. (Quelle: Reuters)

Die Taliban versprechen sich von guten Beziehungen zu China wahrscheinlich vor allem Geld und die Möglichkeit, Teil der Seidenstraße zu werden. Deshalb gab es schon vor Monaten Treffen zwischen den Taliban und der chinesischen Regierung. 

Für die Volksrepublik ist Afghanistan eine Möglichkeit, ihren Einfluss in der Region auszubauen und auch vermehrt als Ordnungsmacht im Mittleren Osten aufzutreten. Außerdem spekuliert das energiehungrige China auf Rohstoffe und seltene Erden in Afghanistan. 

Letztlich wird Peking versuchen, jegliches Zurückweichen des Westens zu nutzen. 

Russland

Auch Moskau wird in Afghanistan als zentraler ordnungspolitischer Akteur auftreten. Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn viele Taliban gehörten zu den Mudschaheddin-Kämpfern, die ab 1979 gegen die Sowjetunion kämpften und triumphierten. 

Anders als im Fall von China berührt Afghanistan konkrete russische Sicherheitsinteressen, denn Moskau sieht den Islamismus am Hindukusch als Bedrohung, die die Sicherheitslage etwa in Usbekistan, Tadschikistan oder im südlichen Kaukasus verschärfen könnte. Putin geht im eigenen Land mit Härte gegen islamistische Gruppen, wie in Tschetschenien, vor.

Jahr 1979: Einfahrt sowjetischer Panzertruppen in Kabul. (Quelle: imago images)Jahr 1979: Einfahrt sowjetischer Panzertruppen in Kabul. (Quelle: imago images)

Deshalb lud auch Russland Vertreter der Taliban ein und zeigt sich gesprächsbereit. Putin geht es ebenfalls um Einfluss und Rohstoffe. Er könnte mit nicht-militärischen Mitteln dort erfolgreich sein, wo die Sowjetunion gescheitert ist.

Die Taliban geben sich gegenüber Russland vorerst pragmatisch und hoffen auf finanzielle Unterstützung, wenn die Hilfsgelder aus dem Westen wegfallen. Durch ihren Kampf gegen die sowjetischen Truppen in der Vergangenheit und da Russland ein mehrheitlich christliches Land ist, herrscht dabei jedoch auch großes Misstrauen, vor allem unter den Hardlinern der Islamisten.

Pakistan

Auch für das Nachbarland von Afghanistan ist der Abzug der westlichen Truppen Grund zur Freude. Pakistan betrieb die vergangenen 20 Jahre eine Art Pendeldiplomatie. Einerseits ging man im eigenen Land – wenn auch sehr halbherzig – mit Verhaftungen gegen Taliban vor. Das geschah jedoch primär aus Angst, dass Pakistan selbst zum Ziel von US-Angriffen werden könnte.

Andererseits diente Pakistan für die Taliban als Rückzugsmöglichkeit, ohne die sie von der westlichen Allianz vollständig besiegt worden wären. Taliban-Angriffe in Afghanistan wurden teilweise aus dem Nachbarland geplant, dort befinden sich auch viele der Islamschulen, die für die ideologische Erziehung der Taliban verantwortlich sind. 

Mit dem Rückzug des Westens aus der Region erledigt sich das Problem, die Maskerade Pakistans hat nun wahrscheinlich ein Ende und die Beziehungen zu Afghanistan werden sich mutmaßlich deutlich verbessern. Das bringt für die pakistanische Regierung den Vorteil, dass sie sicherheitsstrategisch im Dauerkonflikt mit Indien nun einen Verbündeten im Rücken hat. 

Iran 

Unklar ist, wie sich die Beziehungen zum Iran gestalten werden. Die iranische Regierung hat angekündigt, pragmatische Beziehungen zu den Taliban aufbauen zu wollen.  

Vor dem Sturz der sunnitischen Taliban waren sie Gegner des schiitischen iranischen Regimes. Das ist auch der Grund, warum es im Iran große Demonstrationen gegen die Rückkehr der Taliban gab.

Irans Ebrahim Raisi setzt auf pragmatische Beziehungen zu den Taliban.  (Quelle: imago images)Irans Ebrahim Raisi setzt auf pragmatische Beziehungen zu den Taliban. (Quelle: imago images)

Doch auch in Teheran erscheinen neue geostrategische Möglichkeiten, die Konflikte der Vergangenheit vergessen zu machen. So könnte der Iran mit guten Beziehungen zum künftigen Regime in Afghanistan seinen Einfluss ausbauen, der angeschlagenen Wirtschaft helfen und hätte quasi eine Landbrücke zu den engen Verbündeten Russland und China über die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien.

Ob die Taliban diese Beziehungen überhaupt möchten, ist ungewiss. Der Iran gilt als ideologischer Feind, der in jüngster Vergangenheit gegen sunnitische Islamisten kämpfte, zum Beispiel in Syrien. Es ist außerdem möglich, dass sich die Taliban Unterstützung vom Regionalrivalen des Iran, Saudi-Arabien, erhoffen. 

Unabhängig davon ist der Abzug des Erzfeindes USA aus dem Nachbarland sicherheitspolitisch eine gute Nachricht für den Iran.

Folgen für Deutschland und Europa

Es ist wahrscheinlich, dass sich das strategische Versagen der westlichen Allianz in Afghanistan mittelfristig auch auf die Bevölkerung in Deutschland und Europa auswirkt. Möglicherweise durch Probleme auf den wichtigen Schiffshandelsrouten am Golf, die durch weniger Präsenz westlicher Kräfte im Mittleren Osten größeren Risiken ausgesetzt sind. Oder durch das Erstarken des islamistischen Terrorismus, dessen Bedrohung wieder wachsen könnte.

Kurzfristig könnte der Konflikt in Afghanistan eine neue Flüchtlingskrise auslösen, weil viele Menschen vor den Islamisten und aus Angst vor Tod und Folter zu entkommen versuchen. Die Prognosen von Experten gehen in diesem Punkt jedoch noch weit auseinander.

Ein vereinter Westen könnte eine kommende Krise auch als Chance begreifen, um gemeinsam Stärke zu demonstrieren und Vertrauen zurückzugewinnen. Aber der Streit zwischen den Verbündeten in der Frage macht das aktuell unwahrscheinlich.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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