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Olaf Scholz als Bundeskanzler? Biograf: Wahlsieg war von langer Hand geplant


Biograf über neuen Kanzler Scholz
"Er ist ein Besserwisser"

  • David Schafbuch
InterviewVon David Schafbuch

Aktualisiert am 08.12.2021Lesedauer: 7 Min.
Interview
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Berlin: Der neue Bundeskanzler Olaf Scholz hat im Bundestag den Eid ablegen. (Quelle: t-online)

Noch vor einem Jahr hätte niemand darauf gewettet, dass Olaf Scholz der neue Bundeskanzler wird. Doch sein Wahlsieg war von langer Hand geplant, sagt Lars Haider, der die erste Biografie über Scholz geschrieben hat.

Lange hatte wohl nur er selbst daran geglaubt, doch nun ist er am Ziel: Nach 16 Jahren löst Olaf Scholz an diesem Mittwoch Angela Merkel als Bundeskanzler ab. Nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wird er der vierte SPD-Kanzler in der Geschichte der BRD.

Dabei sah es lange nicht so aus: Scholz musste mit schweren Niederlagen in seiner Karriere kämpfen, auch seine Partei war in den Merkel-Jahren meist weit vom Kanzleramt entfernt. Olaf Scholz hatte dennoch schon einen Plan für den Wahlsieg geschmiedet. So schreibt es Lars Haider: Der Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts" lernte Scholz 2011 als Ersten Bürgermeister der Stadt kennen. Nun veröffentlicht Haider die erste Biografie über den neuen Bundeskanzler – und spricht über Scholz' Geheimnisse.

t-online: Herr Haider, Olaf Scholz sagte zuletzt in einem Interview: "Es sind Emotionen, die mich antreiben." Kaufen Sie ihm das ab?

Lars Haider: Es ist nicht das erste Mal, dass er so etwas gesagt hat. Er hat Gefühle, wie alle anderen auch, vor allem hat er aber eine große Leidenschaft für Politik. Er träumt etwa davon, dass wir in einem Land leben, in dem niemand auf den anderen herabblickt. Ein Land, in dem sich alle mit Respekt begegnen, das ist für ihn ein total emotionales Thema. Und man kann ihn richtig empört erleben, zuletzt zum Beispiel, als er gefragt wurde, ob seine Frau (Britta Ernst, Bildungsministerin von Brandenburg, Anm. d. Red.) auch weiterarbeitet, wenn er Kanzler wird.

Sichtbar sind seine Emotionen allerdings kaum.

Ich habe ihn oft gefragt, warum er nicht mehr aus sich herausgeht. Er antwortet dann immer, dass die Leute keinen Zirkusdirektor oder Politikdarsteller als Bundeskanzler wollen. Das ist seine feste Überzeugung. Wobei er bei seinem Auftritt bei Joko und Klaas gezeigt hat, dass er auch anders kann.

Der Auftritt wirkte wie eine Fernsehansprache in einem ungewöhnlichen Gewand. Scholz ist gerade deutlich präsenter in den Medien, als man es bisher gewohnt war. Dabei beschreiben Sie ihn als eine schüchterne Person.

Ich denke, dass er als Kanzler bald genauer abwägen wird, wo er auftaucht. Olaf Scholz ist ein eher schüchterner Mensch und für das Scheinwerferlicht nicht gemacht. Auch deshalb hat er so lange gebraucht, um an die Spitze zu kommen.

Trotzdem hat er sich für das Image eines blassen Bürokraten auch entschieden. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass er abseits der öffentlichen Termine auch anders auftritt.

Er kann sehr witzig sein und macht sich manchmal auch über andere Politiker lustig. Er kichert dann wie ein kleiner Junge. Und seine Wortanteile in einem Gespräch wachsen, je länger man mit ihm zusammensitzt. Man kann mit ihm sehr lang und intensiv über Politik sprechen, bis tief in die Nacht hinein.

Sie beschreiben den Aufstieg von Olaf Scholz als die Geschichte eines Außenseiters. Ist das vielleicht die größte Gemeinsamkeit mit Angela Merkel?

Das sehe ich genauso. Ich glaube, er wird auch wie Angela Merkel etwas außerhalb seiner eigenen Partei regieren. Die SPD hat Olaf Scholz nie geliebt. Nun wird sie ihn respektieren, weil er der Partei ihre Würde zurückgegeben hat. Aber eine innige Beziehung wird es nicht mehr werden.

An Selbstvertrauen soll es Scholz nicht mangeln. Als er 2018 Hamburg verließ, um Finanzminister zu werden, soll er Ihnen bereits gesagt haben, dass er 2021 Bundeskanzler wird.

Ich habe ihn damals gefragt, warum er sich Berlin wieder antut. In Hamburg hatte er die schweren Krawalle des G20-Gipfels überstanden und es lief eigentlich wieder gut, die Menschen mochten ihn. Da verriet er mir seinen Plan: Er wollte nicht nur nach Berlin, um Minister und Vizekanzler zu werden, sondern weil er da sein wollte, wenn Angela Merkel abtritt. Sechs bis acht Wochen vor der Wahl würden sich dann die Menschen für ihn entscheiden, weil er Merkel so ähnlich sei, und der SPD würden 25, 26 Prozent der Stimmen reichen, um die Wahl zu gewinnen. Das hat Scholz 2018 gesagt. Er hatte mit allem recht.

Zu dem Zeitpunkt grenzten seine Aussagen an Größenwahn.

Damals hielt ich das auch für verrückt. Ich habe nicht einmal geglaubt, dass er Kanzlerkandidat der SPD wird. Er sagte mir schon 2017, die SPD hätte Merkel schlagen können, wenn sich die Partei nicht für Martin Schulz als Kanzlerkandidaten entschieden hätte. Damit meinte er natürlich: Er wäre die bessere Wahl gewesen. Die Idee, dass er nicht für immer Bürgermeister in Hamburg bleibt, gab es schon sehr lange.

Entgegen seines leisen Auftretens klingt das nach einem extremen Selbstbewusstsein.

Olaf Scholz hat einen ausgeprägten Machtinstinkt, obwohl er schüchtern ist. Er hat wohl im direkten Kontakt mit anderen Politikern irgendwann gemerkt: 'Moment mal, die kennen sich ja alle gar nicht so gut aus wie ich!' Er ist ein Besserwisser, aber das ist nicht böse gemeint: Meist weiß er Dinge wirklich besser als andere.

Trotzdem hat er in seiner Karriere schon schwere Rückschläge erlitten. Nach den G20-Krawallen wurde 2017 lauthals sein Rücktritt gefordert. 2019 scheiterte er überraschend bei der Wahl zum SPD-Vorsitz. Warum hat er trotzdem weitergemacht?

Für ihn sind Niederlagen nur Momentaufnahmen, die zum Leben dazu gehören und die fast eine Verpflichtung sind, weiter- und es besser zu machen. G20 hat ihm wirklich schwer zugesetzt, ich habe ihn nie wieder so niedergeschlagen erlebt wie an den Tagen danach. Der Parteivorsitz war ihm nicht so wichtig wie die Kanzlerkandidatur. Deshalb konnte er diese Niederlage auch schneller abhaken.

Nun hat er sein großes Ziel erreicht: Kurzfristig wird sein Erfolg wohl am Management der Corona-Pandemie gemessen, langfristig am Fortschritt im Klimaschutz. Der Start der Ampelkoalition und ihrer Corona-Politik wirkte allerdings alles andere als souverän.

Was hätte er denn genau tun sollen? Scholz war in den vergangenen Wochen noch nicht im Amt, hätte er direkt nach der Bundestagswahl sagen sollen: Frau Merkel, Herr Spahn, lassen Sie mich das mal machen? Das wäre auch komisch gewesen. Aber klar ist: Wenn er es nicht schafft, diese Krise in den Griff zu kriegen, dann werden die nächsten Jahre sehr schwer.

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Beim Klimaschutz ist unklar, wie groß seine Ambitionen wirklich sind. Wie wichtig ist ihm das Thema?

Der grüne Umweltsenator von Hamburg, Jens Kerstan, sagte mal, Scholz habe sich für das Thema noch nie so richtig interessiert. Klimapolitik ist nicht sein Antrieb. Er wird aber trotzdem versuchen, die Ziele des Koalitionsvertrags abzuarbeiten. Sein Hauptthema ist eher der Kampf gegen die soziale Spaltung. Wenn er dort erfolgreich ist, lassen sich auch Corona- und Klimakrise einfacher bewältigen, weil die Menschen gemeinsam und nicht gegeneinander die großen Themen angehen.

Sie beschreiben Scholz als einen harten Verhandler. Die Grünen-Politikerin Katharina Fegebank nannte ihn in ihrem Buch einen "Platzhirsch", der den Ton angibt und wenig Spielraum lässt. Bei den Koalitionsverhandlungen wirkte es manchmal so, als seien Grüne und FDP tonangebend.

Sein Einfluss ist größer, als man denkt: Aus diesen Verhandlungen drang zum Beispiel so gut wie nichts nach außen. Auch bis fünf Minuten vor der Verkündung der SPD-Minister war unklar, wer welchen Posten übernimmt. Beides führe ich direkt auf Scholz zurück. Während der Koalitionsverhandlungen wurden ihm alle Ergebnisse vorgelegt, er war der erste, der den Vertrag nicht nur durchgearbeitet, sondern auch verinnerlicht hatte.

In Ihrem Buch betonen Sie, dass es Scholz gelingen muss, neben sich auch andere glänzen zu lassen, damit die Ampelregierung nicht auseinanderfällt. Ist ihm das in der Vergangenheit gelungen?

Denken Sie an Peter Tschentscher. Scholz holte ihn zuerst in seine Hamburger Regierung und machte ihn dann zu seinem Nachfolger. Viele hielten ihn für eine Fehlbesetzung, mittlerweile ist er hoch anerkannt. Scholz ist anders als Markus Söder: Er kann seinen Ministern auch das Feld überlassen. Er könnte der Papa der Bundesregierung werden: Er lässt seine Ministerinnen und Minister machen, aber wenn sie nicht weiterwissen, ist er da.

Bei den SPD-Ministern sorgte allem die Ernennung von Karl Lauterbach zum Gesundheitsminister für Aufregung. Seine Corona-Expertise ist gefragt, aber er gilt als eigenwillig. Kann Scholz mit ihm?

Für mich war die Personalie eine große Überraschung. Lauterbach war in den letzten Monaten in den Medien, vor allem in Talkshows, omnipräsent. Das mag Scholz nicht. Er schätzt eher Leute, die im Hintergrund hart arbeiten und nur etwas sagen, wenn es auch etwas zu sagen gibt. Ich bin sehr gespannt, wie beide miteinander auskommen.

Ein offenes Geheimnis war dagegen die Ernennung von Wolfgang Schmidt zum Kanzleramtsminister. Er gilt als der engste Vertraute von Scholz. In Ihrem Buch klingt es so, als wäre sein Erfolg ohne Schmidt überhaupt nicht möglich gewesen.

Ein großer Anteil geht auf ihn. Schmidt ist die bessere Seite von Scholz. Er ist seine menschliche Werbetrommel und das komplette Gegenteil von ihm. Scholz ist sich seiner Schwächen bewusst. Vielleicht sucht er deshalb Menschen wie Schmidt, um sie auszugleichen.

2025 steht dann voraussichtlich die nächste Bundestagswahl an. Sie gehen davon aus, dass Scholz erneut kandidiert. Was macht sie so sicher? Scholz ist mit 67 dann genauso alt wie Angela Merkel heute.

Ich glaube aus mehreren Gründen, dass er noch mal antreten will: An seinem 60. Geburtstag sagte Scholz, dass er noch zehn gute Jahre in der Politik vor sich hat. Gleichzeitig glaube ich, dass er sich nach nur einer Legislaturperiode als Unvollendeter fühlen würde. Und die SPD wird auch den Amtsbonus nicht verschenken wollen, so wie es die CDU in diesem Jahr erleben musste.

Verwendete Quellen
  • Interview mit Lars Haider am 6.12.2021
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