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Tagesanbruch: Trumps Doppelschlag, die Stunde der Autokraten, der Fall Ali B.

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Rüdiger Schmitz-Normann

11.06.2018, 05:10 Uhr

Liebe Leserinnen und Leser,

was für ein Wochenende!

Im fernen Kanada zerbröselt der Glaube daran, dass Europa und die USA unter Trump noch etwas gemeinsam haben, in der noch ferneren chinesischen Hafenstadt Qingdao nutzen die Autokraten die Gunst der Stunde und veranstalten eine große Propaganda-Show, um zu zeigen, dass die Zeit des Westens vorbei ist. Und in Deutschland kommt aus traurigem Anlass eine Debatte wieder in Gang, die bisher aus falsch verstandener politischer Korrektheit nur halbherzig geführt wurde - was viele der Probleme hervorgerufen hat, mit denen wir gerade zu kämpfen haben.

Aber der Reihe nach.

Was war?

Im kanadischen La Malbaie in der Nähe von Quebec haben sich am Wochenende die Führer der westlichen Industrienationen getroffen und versucht, den von Trump angekündigten Handelskrieg so weit wie möglich zu vermeiden. Im Vorfeld bestand zwar keine große Hoffnung, den unglaublichen Präsidenten zum Einlenken zu bewegen. Dann aber, Überraschung, gab es doch ein gemeinsames Communiqué. "Wir unterstreichen die Bedeutung eines gemeinsamen Handelssystems", stand sinngemäß darin. Ein Minimalkonsens zwar nur - aber immerhin.

Auf dem Weiterflug nach Singapur jedoch, wo er den nordkoreanischen Machthaber Kim treffen wird, gab Trump aus der Luft und aus dem Bauch nachträglich! per Twitter! bekannt, dass er die Abschlusserklärung nicht unterzeichnen werde. Weil der kanadische Premier Trudeau ein "unehrlicher und schwacher Gastgeber“ gewesen sei. Und dass kein Weg mehr an Strafzöllen vorbeiführt. Trudeaus Vergehen: Er hatte es gewagt, auf einer Pressekonferenz zu sagen: "Wir sind höfliche und vernünftige Menschen, aber wir lassen uns nicht herumschubsen."

Auch wenn wir Trump zu kennen glauben: Sein Doppeltweet war eine fette Überraschung. Dabei hätte man bei einem genauen Blick auf das wichtigste Bild dieses Gipfels schon eine Vorahnung haben können.

 (Quelle: AP/dpa/Evan Vucci) (Quelle: Evan Vucci/AP/dpa)

Nein, nicht dieses Bild. Das ist Trumps Hand, die von Macron so fest gedrückt wurde, dass alles Blut zurückgewichen ist. Sondern dieses Foto:

G7-Gipfel in Kanada (Quelle: dpa/Jesco Denzel/Bundesregierung ) (Quelle: Jesco Denzel/Bundesregierung /dpa)

"Trump hat die Zusammenkunft der G7 beherrscht", schreibt unser Kolumnist Gerhard Spörl dazu. Auf allen Bildern sitzt oder steht er im Mittelpunkt, während Angela Merkel und Emmanuel Macron auf ihn einreden und Shinzo Abe so regungslos wie fassungslos daneben steht. Die Körpersprache finde ich hinreißend: Trump mit Schlitzaugen, die Arme verschränkt, lasst mich in Ruhe, ich will hier weg, ihr könnt mich mal." Dem gibt es wenig hinzuzufügen.

Wie es so weit kommen konnte, kommentiert unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold. Der Westen habe sich das Verhältnis zu den USA schöngeredet, zu einem Präsidenten, der nicht an gemeinsamen Lösungen interessiert sei, der immer nur "dealen" wolle mit jemandem, der schwächer ist. Länder wie Deutschland müssten erkennen, dass sie bei den "Freunden" in den USA keinen Bonus mehr genießen. Sie sind nun "frenemies", eine Wortkombination aus friend und enemy, aus Freund und Feind.

Angela Merkel, nach ihrer Rückkehr gleich bei Anne Will zu Gast, findet Trumps Reaktion "ernüchternd und auch ein Stück deprimierend." Selbst Macron hat die Hoffnung aufgegeben, dass seine Mischung aus Härte und Schmeichelei noch etwas bringt. Halb resigniert bekräftigte der französische Präsident, zum Abkommen zu stehen, auch ohne Trump – Worte, die schon zum Muster werden, bereits beim Klimaschutzabkommen war es so und beim Abkommen mit dem Iran ebenfalls.

Hat sich nach 42 Jahren G7-Treffen die Vorherrschaft der westlichen Industriestaaten erübrigt, wenn nun nicht einmal mehr eine Minimallösung denkbar ist? Europa war gestern, Asien ist morgen. Trump braucht Europa nicht mehr, und ohne die USA wird Europa unwichtig.

Die autokratischen Herrscher über Russland, China, Indien, Pakistan, Kasachstan, Turkmenistan, Kirgistan und Usbekistan halten die Zeit jedenfalls für gekommen und nutzen die Gunst der Stunde. Sie haben sich im chinesischen Qingdao getroffen, der iranische Präsident Hassan Ruhani war ebenfalls anwesend. Chinas Präsident Xi Jinping rief zu globaler Zusammenarbeit auf. Eine "kurzsichtige Politik der geschlossenen Türen" müsse beendet werden.

Präsidenten-Treffen im chinesischen Qingdao. (Quelle: Reuters/Dmitry Azarov/Kremlin) (Quelle: Dmitry Azarov/Kremlin/Reuters)

Relativiert wurde die Bedeutung des Treffens durch die Tatsache, dass die Konferenz der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) außer konfuzianischen Sinnsprüchen und Win-Win-Phrasen nicht viel zu bieten hatte. Doch die eurasische Konferenz steht für ein Fünftel des Welthandels und 40 Prozent der Weltbevölkerung. Da liegt der Gedanke nicht fern, dass die Zukunft schon begonnen hat und die Kämpfe von Merkel und Macron bereits in der Vergangenheit stattfinden.

 - Tatverdächtiger kommt in U-Haft (Quelle: dpa/Hasan Bratic)Todesfall Susanna: Ali B. ist zurück in Deutschland. (Quelle: Hasan Bratic/dpa)

Ali B., der mutmaßliche Mörder von Susanna F., ist am Samstag aus dem Irak nach Deutschland zurückgeführt worden. Der 20-Jährige sitzt in Untersuchungshaft in Frankfurt am Main. Laut Staatsanwaltschaft hat er die Tötung gestanden, die Vergewaltigung streitet er ab.

Ali B. kam im Oktober 2015 als Flüchtling nach Deutschland, meine Kollegin Nathalie Helene Rippich hat die Chronologie des Falles detailliert nachgezeichnet. Gut möglich, dass im Rückblick unser Umgang mit Flüchtlingen als die wichtigste Herausforderung unserer Zeit gelten wird. Angela Merkels historische Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, war die mutigste und wahrscheinlich folgenreichste ihres politischen Lebens. Moralisch auf der richtigen Seite, hat sie nicht viel Beifall dafür bekommen.

Die Kanzlerin nahm gestern bei Anne Will dazu Stellung, wie sie der Sorge um die Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates entgegentreten will. "Wir können die Menschen nur überzeugen in ihrem angeschlagenen Vertrauen, wenn wir es besser machen." Für die Ereignisse im Bamf-Skandal übernimmt sie die politische Verantwortung. Sie sprach sich außerdem für schnellere Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber aus. Der Fall zeige, "wie wichtig es ist, dass Menschen, die keinen Aufenthaltsstatus haben, schnell ihr Verwaltungsgerichtsverfahren bekommen und dann auch schnell wieder nach Hause geschickt werden können", sagte Merkel.

Die Debatte über straffällige Flüchtlinge ist hierzulande viel zu lange viel zu einseitig geführt worden. Populisten haben die Morde von Freiburg und Kandel sowie die Vorfälle der Kölner Silvesternacht für sich genutzt. Auch den Mord an Susanna F. versuchen sie nun zu instrumentalisieren. Aus dem Fall Susanna F. ist ein Fall Ali B. geworden. Viele Menschen verstehen nicht, wieso ein abgelehnter Asylbewerber nicht abgeschoben werden kann. Es aber gleichzeitig schafft, mit seiner kompletten Familie außer Landes zu fliehen. Das klingt nach Staatsversagen und Kontrollverlust. Darüber müssen wir sprechen. Und wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Ali B. kam als Flüchtling nach Deutschland, ja. Er ist Muslim, ja. Hat das etwas mit seiner Tat zu tun? Das wissen wir nicht. Wir müssen offen darüber reden – aber ohne Pauschalisierungen, ohne Generalverurteilung, ohne vorschnelle Schuldzuweisungen.

Was kommt?

Ankunft in Singapur: Kim Jong Un und Donald Trump  (Quelle: AP/dpa/Ministry of Communications and Information of Singapore/ Evan Vucci)Ankunft in Singapur: Kim Jong Un und Donald Trump (Quelle: Ministry of Communications and Information of Singapore/ Evan Vucci/AP/dpa)

Nach dem G7-Gipfel ist Trump sofort weitergeflogen nach Singapur – um dort mit dem nordkoreanischen Herrscher Kim Jong Un zu sprechen. Trump will zeigen, dass er mit seiner Art erfolgreich ist, er hofft auf "ein wahrlich wundervolles Resultat". Dafür allerdings müsste Kim auf sein Atomprogramm verzichten, das ihn erst in den Kreis der Mächtigen geführt hat. Dieses Dilemma analysiert unser Kolumnist Gerhard Spörl auf seine unnachahmliche Art. "Im Machtkern geht es darum, dass Trump dem jungen Mann aus Nordkorea entgegen kommt, weil er damit China schwächen kann", so sein Fazit. Wir begleiten das Treffen mit verschiedenen Artikeln heute und morgen.

 (Quelle: Florian Schuh/dpa-tmn) (Quelle: Florian Schuh/dpa-tmn)

Bei allen politischen Turbulenzen steht die kommende Woche vor allem im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft. Mit dem Spiel Russland gegen Saudi-Arabien beginnt am Donnerstag die WM in Russland. Die deutsche Nationalmannschaft bezieht am Dienstag ihr Quartier in Watutinki und beginnt damit die Mission Titelverteidigung. Seit Brasilien 1962 ist das keiner Nation gelungen.

Unser Sportchef Florian Wichert glaubt, dass sich das vorerst nicht ändern wird. Er schreibt im Zweikampf der Woche: "Die Nationalspieler sind einfach nicht gallig genug. Brasilien will die Blamage von 2014 rächen, Messi bei seinem letzten Turnier mit Argentinien seine Karriere vollenden - und auch Frankreich oder England greifen wieder voll an. Andere sind einfach heißer auf diesen Titel." Hoffentlich liegt er damit falsch. 

Als regelmäßiger Leser wissen Sie: Für t-online.de ist die Weltmeisterschaft ein Großereignis. Mein Kollege Luis Reiß begleitet die deutsche Mannschaft auf ihrem Weg zur Titelverteidigung und mein Kollege Benjamin Zurmühl ist für Sie in Moskau und Nischni Nowgorod hautnah dabei. Aus unserem WM-Basis-Camp in Berlin werden Sie vier Wochen lang mit allen Informationen rund um das größte Sportereignis der Welt versorgt. Aus unserem WM-Studio berichten wir mit Fußball-Ikonen wie Stefan Effenberg, wir versorgen Sie mit Live-Tickern zu allen Spielen und bieten zudem spannende Analysen und Hintergrundberichte.

Joachim Löw und Sami Khedira (Quelle: imago)Joachim Löw und Sami Khedira (Quelle: imago)

Mexiko, Schweden, Südkorea: Das sind die drei deutschen Gruppengegner. Auch wenn man vermeintlichen Schwergewichten wie England, Uruguay oder Spanien aus dem Weg gehen konnte, dürfen Toni Kroos und Co. ihre Gegner auf keinen Fall unterschätzen. Damit das nicht der Fall sein wird, hat sich der DFB seine Kontrahenten genauer angeschaut. Welche Informationen dabei gesammelt werden und wie viele davon überhaupt bei Joachim Löw landen, erklärt Ihnen mein Kollege Benjamin Zurmühl im Laufe des Tages. Er hat mit Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln gesprochen, der eine Schlüsselrolle in der Gegnervorbereitung des DFB hat.

WM-Zeit ist auch Public-Viewing-Zeit. Zumindest gucken die meisten Fußball-Fans vor allem die deutschen Spiele in guter Gesellschaft. Was gibt es da besseres, als mit bestem Stammtisch-Wissen zu glänzen. Kuriose, witzige oder einfach echt nerdige Fakten gibt es im t-online.de-WM-Format "Wussten Sie schon?". Die erste Folge sehen Sie heute Vormittag auf unserer Seite.

Und damit Sie in den nächsten Wochen den Überblick behalten, wann Deutschland und die Mitfavoriten spielen, hat Benjamin Springstrow für Sie einen WM-Spielplan zum Ausdrucken designt.

Was amüsiert mich?

Der G7-Gipfel in Kanada wird im Gedächtnis bleiben – auch wegen der Bilder, die dort aufgenommen wurden. Die Kollegen vom SZ-Magazin haben geschaut, was die Gipfelteilnehmer gepostet haben - und die schönsten Beiträge zu einer launigen Bildergalerie verarbeitet. 

Morgen übernimmt an dieser Stelle wieder mein Kollege Florian Harms.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche


Ihr Rüdiger Schmitz-Normann
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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