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Coronavirus in Deutschland: In Krisenzeiten ist Solidarität besonders wichtig

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Es ist eine Zumutung

23.09.2020, 07:11 Uhr
Coronavirus in Deutschland: In Krisenzeiten ist Solidarität besonders wichtig. Mit flächendeckend verfügbaren Impfstoffen gegen Covid-19 ist wohl erst im Sommer 2021 zu rechnen. (Quelle: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

Mit flächendeckend verfügbaren Impfstoffen gegen Covid-19 ist wohl erst im Sommer 2021 zu rechnen. (Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Es ist echt eine Zumutung. Es verdirbt uns die gute Laune, raubt uns die Geselligkeit, schmälert unseren Wohlstand und vergiftet den gesellschaftlichen Frieden. Wüsste man es nicht besser, müsste man annehmen, ein Bösewicht hätte es als unsichtbare Waffe in die Welt gesetzt, um das Gute zu bekämpfen und das Schlechte zu mehren. Bald sieben Monate schlagen wir uns nun schon damit herum, und gerade, als wir dachten, nun werde die Lage endlich besser, verdüstert sie sich schon wieder.

Die Einschläge kommen näher. Ausnahmezustand in Spanien und Frankreich. Alarmrufe aus Österreich, der Schweiz, Ungarn, Rumänien, auch oben aus Dänemark. Die Briten stecken eh knietief im Schlamassel. In Brüssel müssen sie den EU-Gipfel mitsamt seinen dringenden Themen verschieben. Hunderte deutsche Unternehmen aus der Luftfahrt, der Reisebranche und der Autoindustrie häufen Millionenverluste an. Noch viel mehr Betriebe aus der Gastronomie und der Veranstaltungsbranche kämpfen ums Überleben, den Selbstständigen ergeht es nicht besser. "Eine demokratische Zumutung" hat Angela Merkel das Coronavirus genannt, aber es ist auch eine persönliche Zumutung. Es unterdrückt unser soziales Leben, und es ist kein Wunder, dass so viele Menschen darunter leiden.

Das Leben in Pandemiezeiten zeichnet sich durch Verlust aus. Jetzt, wo wir vieles nicht mehr tun können, vermissen wir es umso mehr. Die Liste der unerfüllten Wünsche wird lang und länger. Mir geht es da nicht anders als Millionen anderen Menschen. Ich möchte Leute in der Bahn und in Geschäften wieder lächeln sehen. Ich möchte an ihrer Mimik erkennen, welche Wirkung meine Worte hinterlassen. Ich möchte meine Freunde wieder umarmen und mit ihnen in der Kneipe hocken. Ich möchte sie alle zu einem großen Fest einladen. Ich würde Kollegen gern mal wieder anerkennend auf die Schulter klopfen, wenn sie gute Arbeit geleistet haben, und Gästen fröhlich die Hand schütteln, statt ihnen ungelenk den Ellenbogen hinzustrecken. Ich möchte endlich wieder mal ins Kino gehen und in einem dicht besetzten Theatersaal Schauspielern applaudieren, die frei aufspielen, statt mit drei Metern Abstand umeinander herumzuschleichen. Als Journalist würde ich sehr gern mal wieder einen Politiker auf einer Auslandsreise begleiten, und, ja, ehrlich gesagt würde ich auch wahnsinnig gern mal wieder an einen Mittelmeerstrand fliegen. Ich säße gern mal wieder im Fußballstadion, oder nein, noch lieber stünde ich dort Schulter an Schulter mit anderen Fans im VfB-Block. Ich würde gern morgens im Radio gute Nachrichten von der florierenden Wirtschaft hören, statt immer nur dieses elende Corona! Corona!! Corona!!! Ich würde, hätte, möchte, täte so gern so viele Dinge, die noch vor einem Dreivierteljahr selbstverständlich erschienen, aber es in der Welt von heute nicht mehr sind. Es ist echt eine Zumutung, dieses Virus.

Aber der Furor hilft ja nicht – und das ist nun der Moment, an dem sich die Geister scheiden. Es gibt jene, die wie der amerikanische Präsident die Chinesen beschuldigen, weil die Plage aus deren Land gekommen ist. Es gibt jene, die Hygieneregeln zum Schutz vor dem Erreger für Quatsch oder zumindest für übertrieben halten und die Vorschriften der Bundesregierung verdammen. Es gibt jene, die auf die Barrikaden gehen, weil sie Masken tragen müssen, Hochzeiten nur im kleinen Kreis feiern dürfen oder ganz allgemein ihre notorisch schlechte Laune gern an anderen Leuten auslassen. Es gibt jene, die jeden Vorwand ausnutzen, um ihrer radikalen Gesinnung ein neues Mäntelchen umzuhängen und die Stimmung mit Feindseligkeit zu verpesten.

Es gibt aber auch jene, die trotz Schmerz, Ärger und Frust über den Corona-Schlamassel einsehen, dass eine außergewöhnliche Situation eben außergewöhnliche Maßnahmen erfordert. Eine Pandemie dieses Ausmaßes kommt alle hundert Jahre mal vor. Wir erleben sie live. Und mit ihr alle Begleitumstände: die Angst in der Bevölkerung. Den wirtschaftlichen Einbruch. Die sozialen Konflikte. Die hilflosen Erklärungsversuche, die den Grund für die Seuche wahlweise bei der Obrigkeit, bei anderen Völkern, in einer Verschwörung oder im Hokuspokus suchen. So gesehen unterscheiden wir uns nicht von unseren Vorfahren im 19. Jahrhundert oder im Mittelalter. Manche von uns sind zu Reflexion und Einsicht fähig, andere scheuen die gedankliche Komplexität und plappern den Quacksalbern Parolen nach, und manchen fehlen wohl einfach ein paar Synapsen im Oberstübchen, um einzusehen, dass mitnichten irgendwelche dunklen Mächte an der Versklavung der Menschheit arbeiten, ob sie nun Merkel/Gates/Xi oder Kater Karlo heißen.

Es ist ein Elend mit diesem Virus, aber es wird auch nicht dadurch besser, dass wir uns die Lage schöner schminken als sie ist. "Die Pandemie ist ein biologisches Phänomen, das man nicht wegdiskutieren kann", sagt der Virologe Christian Drosten in seinem lesenswerten Interview mit dem "Tagesspiegel". "Nach allem was ich lese, können 80 oder 90 Prozent der Bevölkerung die Maßnahmen nachvollziehen und sind damit einverstanden. So eine hohe Unterstützung erreicht man nur, wenn sich die überwältigende Mehrheit mit den Inhalten befasst und sie auch verstanden hat."

In außergewöhnlichen Zeiten wie diesen sollte man sich dem Außergewöhnlichen fügen – nicht kritiklos, aber solidarisch. Was ist so schwer daran, anderthalb Jahre lang auf Fußballstadion, Weihnachtsmarkt, Kneipentour, Karneval, Großfamilienfest und Betriebsfeier zu verzichten? Sicher: Es ist bitter, und wer mit solchen Veranstaltungen Geld verdient, der ist noch bitterer dran, der erhebt zu Recht Anspruch auf Unterstützung durch den Staat. Die gibt es hierzulande in vielen Fällen. Für alle Bürger noch relevanter ist aber die Frage, ob wir die kommenden Herbst- und Wintermonate halbwegs glimpflich überstehen. Oder ob wir in dieselbe Misere schlittern wie immer mehr Länder in unserer Nachbarschaft. Im Berliner Regierungsviertel geht man davon aus, dass Europa einen zweiten flächendeckenden Lockdown nicht überstehen würde. Er könnte nicht nur das Ende der EU und ihrer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte bedeuten, sondern auch das Ende des Lebens in Wohlstand und Frieden, wie wir es seit Jahrzehnten kennen. Mit einem "Gott bewahre!" ist es deshalb nicht getan. Jeder Einzelne kann und sollte etwas dagegen tun: Einsicht, Rücksicht, Disziplin. Auch wenn es schmerzt.

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WAS STEHT AN?

Vertreter des Bundes, der Bundespolizei, der Länder sowie von Verkehrsverbänden, Gewerkschaften und kommunalen Spitzenverbänden überlegen heute, wie sie die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen verlässlich durchsetzen können. Wenn ich mir manche Herrschaften in der prall gefüllten Berliner U-Bahn anschaue, meine ich: Es wird höchste Zeit.

Die Corona-App gibt es heute seit 100 Tagen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Kanzleramtschef Helge Braun und Staatsministerin Dorothea Bär (CSU) ziehen ein Zwischenfazit. Dürfte durchwachsen ausfallen.

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Migranten verlassen nach der Ankunft im Hafen von Lampedusa ein überfülltes Boot.  (Quelle: Mauro Buccarello/Reuters)Migranten verlassen nach der Ankunft im Hafen von Lampedusa ein überfülltes Boot. (Quelle: Mauro Buccarello/Reuters)

Eine europäische Migrations- und Asylpolitik gibt es nicht, die EU-Staaten sind seit Jahren zerstritten. Auch deshalb kommt es regelmäßig zu Dramen wie im Lager Moria auf Lesbos oder auf Lampedusa, wo die Flüchtlingsboote derzeit im Stundentakt anlegen, wie unser Rechercheur Lars Wienand berichtet. 

Knackpunkt des EU-Streits ist die Frage, welches Land wie viele Schutzsuchende aufnehmen soll. Nun will EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen den Gordischen Knoten durchschlagen, heute stellt ihre Kollegin, die schwedische EU-Kommissarin Ylva Johansson, einen neuen Migrationspakt vor. Nach allem, was man hört, setzt er vor allem darauf, Menschen abzuwehren: Erstens sollen Asylrichter in neuen "Ankunftzentren" in den Mittelmeerländern schnell darüber entscheiden, ob Flüchtlinge eine begründete Aussicht auf ein Asylverfahren in einem europäischen Land haben. Falls ja, dürfen sie bleiben oder weiterreisen – falls nicht, werden sie abgewiesen. Zweitens will die Kommission die Herkunftsländer dazu bewegen, die zurückgewiesenen Menschen unkompliziert wieder aufzunehmen. Drittens will sie die EU-Außengrenzen effektiver schützen. Ob der Pakt gelingen kann, steht in den Sternen. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten, deren Parlamente, das Europaparlament, die Herkunftsländer: Alle müssten mitspielen. Klingt nach einem langen Weg.

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Milizen im Bürgerkriegsland Libyen halten Tausende Migranten aus afrikanischen Ländern gefangen, zwingen sie zur Sklavenarbeit und erpressen durch Folter Schutzgeld von den Angehörigen. Es ist ein himmelschreiendes Unrecht vor Europas Haustür. Amnesty International hat die Lage untersucht und stellt heute einen Bericht zu den Menschenrechtsverletzungen vor.

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Finanzminister Olaf Scholz (SPD) präsentiert seinen Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2021 und den Finanzplan bis 2024. Wird wohl viele rote Zahlen enthalten.

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Der Skiort Ischgl galt als "Ground zero" der Corona-Pandemie in Europa, mein Kollege Lars Wienand hat den Fall damals aufgedeckt, weltweit griffen Medien die Recherche auf. Die Behörden versuchten zunächst, das Problem herunterzuspielen. Heute erheben zahlreiche Geschädigte Amtshaftungsklagen gegen die Republik Österreich und das Land Tirol, ihr Ziel ist eine Sammelklage.

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WAS LESEN?

Donald Trump und Joe Biden kämpfen um die Swing States.  (Quelle: t-online)Donald Trump und Joe Biden kämpfen um die Swing States. (Quelle: t-online)

Donald Trump oder Joe Biden? Die ganze Welt schaut darauf, wer am 3. November zum nächsten US-Präsidenten gewählt wird. Ganz wichtig werden dabei die Besonderheiten der amerikanischen Demokratie, die uns bisweilen sehr fremd sind und mitunter eher undemokratisch anmuten. Wie wird jemand Präsident, der weniger Stimmen als sein Kontrahent sammelt? Entscheidet am Ende allein das Geld die Wahl, wie können Millionen Dollar aus unbekannter Quelle in den Wahlkampf fließen, und warum gibt manchmal nur jeder zweite wahlberechtigte Amerikaner seine Stimme ab? Unser Reporter Johannes Bebermeier und unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold beantworten die wichtigsten Fragen zur US-Wahl in vier Artikeln, die ich Ihnen in den kommenden Tagen empfehle. Den Anfang macht das absonderliche US-Wahlsystem, in dem am Ende auch Gewinner als Verlierer dastehen können. 

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Es könnte eine der größten Firmenübernahmen des Jahres werden: Der amerikanische Grafikkartenhersteller Nvidia will für 40 Milliarden US-Dollar den britischen Chip-Designer ARM schlucken. Jetzt schlägt ARM-Mitgründer Hermann Hauser Alarm und warnt im Gespräch mit unserem Wirtschaftschef Florian Schmidt: "Donald Trump bedroht die technologische Souveränität Europas."

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Arbeit, Haushalt, Steuererklärung: Wenn man so durch den Alltag stolpert, verliert man schnell den Blick fürs Wesentliche. Der Kollege Werner Bartens von der "Süddeutschen Zeitung" erklärt uns, wie wir mit wenigen Minuten Einsatz täglich sofort unsere Stimmung heben.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Mein lieber Kollege Christian Mutter findet immer so wunderbare Dinge im Internet. Das hier hat mich besonders amüsiert.

Ich wünsche Ihnen einen disziplinierten, aber fröhlichen Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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