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Diese drei Fehler wurden bei der Wiedervereinigung gemacht

Von Ursula Weidenfeld

Aktualisiert am 06.08.2019Lesedauer: 4 Min.
Menschen stehen auf der Berliner Mauer: Im RĂŒckblick wird deutlich, dass bei der Wiedervereinigung vieles hĂ€tte anders laufen können.
Menschen stehen auf der Berliner Mauer: Im RĂŒckblick wird deutlich, dass bei der Wiedervereinigung vieles hĂ€tte anders laufen können. (Quelle: Camera4/imago-images-bilder)
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Bei aller Freude – die Fehler der Wiedervereinigung sorgen in Ostdeutschland

Die Freude hĂ€lt sich deutlich in Grenzen. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist vielen BĂŒrgern in Ostdeutschland nicht nach Party zumute. EnttĂ€uscht stellen sie fest, dass ihr Wohlstand noch lange kein Westniveau hat. Sie fĂŒhlen sich abgehĂ€ngt – und sie haben recht damit. Selbst wenn man der Auffassung ist, dass die Wiedervereinigung tatsĂ€chlich ein großes GlĂŒck ist, wird im RĂŒckblick auch klar, dass vieles anders und einiges besser hĂ€tte laufen können.

Mehr als 80 Prozent des westdeutschen Niveaus sind meist nicht drin

Der wirtschaftliche Aufholprozess lahmt, obwohl seit 1990 rund zwei Billionen Euro in Wirtschaft und Gesellschaft der neuen BundeslÀnder transferiert wurden.

Bei maximal 80 Prozent des westdeutschen Niveaus ist in der Regel Schluss: Das gilt fĂŒr die Wirtschaftsleistung, das Einkommen, die ProduktivitĂ€t. Damit stehen die LĂ€nder der frĂŒheren DDR zwar besser da als die osteuropĂ€ischen Nachbarn. Doch bis auf wenige Ausnahmen – Jena, Dresden, Leipzig, Berlin und Potsdam – ist in nĂ€herer Zukunft kein großer Fortschritt mehr zu erwarten. Eher das Gegenteil.

Sicher, in allen LĂ€ndern gibt es große regionale Unterschiede. In Großbritannien ist London allen anderen Regionen meilenweit voraus. Italien ist geteilt in den blĂŒhenden Norden und das Armenhaus im SĂŒden, Polen hat seine Industrieregionen und den Rest. Doch in Deutschland wird man das GefĂŒhl nicht los, es seien vor allem die Fehler der Wiedervereinigung gewesen, die die unbefriedigende Wirtschaftsstruktur erst erzeugt haben. Ein Vorwurf, der nur teilweise berechtigt ist. Denn erstens befand sich die DDR-Wirtschaft im Jahr 1989 in einem erbĂ€rmlichen Zustand. Zweitens gab es politisch keinerlei Vorbilder, wie man einen Wiedervereinigungsprozess erfolgreich gestaltet. Es war klar, dass es nicht ohne Fehler gehen wĂŒrde.

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WÀhrungsunion: Das Leben der BeschÀftigten wurde teuer

Die WĂ€hrungsunion zum 1. Juli 1990 wurde beschlossen, um die hunderttausendfache Abwanderung aus Ostdeutschland zu bremsen. Doch die Umstellung im VerhĂ€ltnis von 1 zu 1 bei laufenden Kosten wie Preisen, Löhnen und Mieten machte das Leben und die Arbeit der ostdeutschen BeschĂ€ftigten von einem Tag auf den anderen sehr teuer. Auch die Industrieprodukte, die vor der WĂ€hrungsunion vor allem in den LĂ€ndern des Rates fĂŒr gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) verkauft wurden, mussten wenig spĂ€ter in Westmark bezahlt werden. Alle Versuche, die MĂ€rkte zu stabilisieren, scheiterten.

Der zweite Fehler entfaltete seine Wirkung erst ein paar Jahre spĂ€ter. ZunĂ€chst wurde es als große vaterlĂ€ndische Tat gefeiert, als Arbeitgeber und Gewerkschaften 1991 eine schnelle Lohnangleichung vereinbarten. Doch langfristig sorgte diese Entscheidung dafĂŒr, dass die Arbeit in den ohnehin produktiveren Westfabriken blieb. Ostdeutschland verlor den Lohnvorteil, der in anderen frĂŒheren RGW-LĂ€ndern fĂŒr Investitionen und dauerhaften Aufschwung sorgte. Daran Ă€nderten auch spĂ€tere Revisionen und Nachverhandlungen nichts.

Der dritte Fehler: Die Privatisierung der ostdeutschen Unternehmen erfolgte fast ausschließlich durch westdeutsche KĂ€ufer. Als Mitte der Neunzigerjahre die Wiedervereinigungswirtschaftskrise ausbrach, wurden die Werke im Osten zuerst geschlossen. Im Westen standen ja immer noch die moderneren Maschinen, dort arbeiteten die produktiveren BeschĂ€ftigten, dort saßen die Forschungsabteilungen und die Firmenzentralen. HĂ€tte die Treuhandanstalt die Unternehmen von vornherein mindestens gleichwertig an zwei andere Interessentengruppen – ostdeutsche Manager und auslĂ€ndische Unternehmen – verkauft, wĂ€re heute wahrscheinlich mehr ĂŒbrig. So aber fĂŒhlen sich viele ehemalige BĂŒrger der DDR enteignet.

Die Bevölkerung altert viel schneller im Osten als im Westen

Zu diesen Kardinalfehlern kommt eine Entwicklung, die heute den RĂŒckstand der ostdeutschen Wirtschaft zementiert und verschĂ€rft. Die neuen LĂ€nder verloren nach der Einheit weiter massiv an Bevölkerung. Mehr als eine Million vornehmlich junge und gut ausgebildete BĂŒrger sind seit der Wende nach Westdeutschland umgezogen, es wurden immer weniger Kinder geboren. Die Bevölkerung schrumpfte noch einmal um zwei Millionen. Das Resultat: Heute altert die Bevölkerung hier viel schneller als die im Westen. FĂŒr den wirtschaftlichen Aufholprozess bedeutet das nichts Gutes, im Gegenteil. In den kommenden Jahren werden viele Regionen wieder zurĂŒckfallen.

Als wĂ€re das nicht bitter genug, ist in den vergangenen dreißig Jahren die gesamte ostdeutsche Elite der Vorwendezeit verschwunden, in den Ruhestand geschickt oder entlassen worden. Wenn man Historiker fragt, warum die Entwicklung Westdeutschlands vor 70 Jahren so erfolgreich begann, weisen sie auf eine gelungene "Elitentransformation" hin. Nach und nach, ohne großes Aufsehen konnten die meisten ehemaligen Beamten des Nationalsozialismus, die Hochschullehrer, die RechtsanwĂ€lte, Offiziere und PĂ€dagogen wieder in ihre Berufe zurĂŒckkehren. Sie machten ihren Frieden mit der Demokratie, weil der junge demokratische Staat sie in Ruhe ließ.

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Ein solcher – moralisch höchst fragwĂŒrdiger – Übergang in den neuen Staat war der DDR-Elite versperrt. Zum Teil waren es die Überzeugungen der BĂŒrgerrechtler, der Opfer von Staatssicherheit und Diktatur, die die Wiedereinstellung verhinderten. Zum Teil aber war es auch die Tatsache, dass in Westdeutschland gerade eine Menge gut ausgebildeter, ehrgeiziger Babyboomer ohne tolle Berufsperspektiven bereitstand. Am Ende jedenfalls hat die westdeutsch geprĂ€gte, neue BĂŒrgerschaft die meisten FĂŒhrungspositionen bekommen. Auch wenn sie weniger Fehler gemacht hĂ€tte: Dass die Wendegeneration mit diesem Elitentausch bis heute hadert, ist kein Wunder.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr Buch heißt: "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert" und ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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