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30 Jahre Mauerfall: Diese Fehler wurden bei der Wiedervereinigung gemacht

MEINUNG30 Jahre Mauerfall  

Diese drei Fehler wurden bei der Wiedervereinigung gemacht

Von Ursula Weidenfeld

06.08.2019, 18:59 Uhr
30 Jahre Mauerfall: Diese Fehler wurden bei der Wiedervereinigung gemacht. Menschen stehen auf der Berliner Mauer: Im Rückblick wird deutlich, dass bei der Wiedervereinigung vieles hätte anders laufen können.  (Quelle: imago images/Camera4)

Menschen stehen auf der Berliner Mauer: Im Rückblick wird deutlich, dass bei der Wiedervereinigung vieles hätte anders laufen können. (Quelle: Camera4/imago images)

Bei aller Freude – die Fehler der Wiedervereinigung sorgen in Ostdeutschland bis heute für das Gefühl, abgehängt zu sein. Doch nur einen hätte man vermeiden können.

Die Freude hält sich deutlich in Grenzen. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist vielen Bürgern in Ostdeutschland nicht nach Party zumute. Enttäuscht stellen sie fest, dass ihr Wohlstand noch lange kein Westniveau hat. Sie fühlen sich abgehängt – und sie haben recht damit. Selbst wenn man der Auffassung ist, dass die Wiedervereinigung tatsächlich ein großes Glück ist, wird im Rückblick auch klar, dass vieles anders und einiges besser hätte laufen können.

Mehr als 80 Prozent des westdeutschen Niveaus sind meist nicht drin

Der wirtschaftliche Aufholprozess lahmt, obwohl seit 1990 rund zwei Billionen Euro in Wirtschaft und Gesellschaft der neuen Bundesländer transferiert wurden.

Bei maximal 80 Prozent des westdeutschen Niveaus ist in der Regel Schluss: Das gilt für die Wirtschaftsleistung, das Einkommen, die Produktivität. Damit stehen die Länder der früheren DDR zwar besser da als die osteuropäischen Nachbarn. Doch bis auf wenige Ausnahmen – Jena, Dresden, Leipzig, Berlin und Potsdam – ist in näherer Zukunft kein großer Fortschritt mehr zu erwarten. Eher das Gegenteil.

Sicher, in allen Ländern gibt es große regionale Unterschiede. In Großbritannien ist London allen anderen Regionen meilenweit voraus. Italien ist geteilt in den blühenden Norden und das Armenhaus im Süden, Polen hat seine Industrieregionen und den Rest. Doch in Deutschland wird man das Gefühl nicht los, es seien vor allem die Fehler der Wiedervereinigung gewesen, die die unbefriedigende Wirtschaftsstruktur erst erzeugt haben. Ein Vorwurf, der nur teilweise berechtigt ist. Denn erstens befand sich die DDR-Wirtschaft im Jahr 1989 in einem erbärmlichen Zustand. Zweitens gab es politisch keinerlei Vorbilder, wie man einen Wiedervereinigungsprozess erfolgreich gestaltet. Es war klar, dass es nicht ohne Fehler gehen würde.

Währungsunion: Das Leben der Beschäftigten wurde teuer

Die Währungsunion zum 1. Juli 1990 wurde beschlossen, um die hunderttausendfache Abwanderung aus Ostdeutschland zu bremsen. Doch die Umstellung im Verhältnis von 1 zu 1 bei laufenden Kosten wie Preisen, Löhnen und Mieten machte das Leben und die Arbeit der ostdeutschen Beschäftigten von einem Tag auf den anderen sehr teuer. Auch die Industrieprodukte, die vor der Währungsunion vor allem in den Ländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) verkauft wurden, mussten wenig später in Westmark bezahlt werden. Alle Versuche, die Märkte zu stabilisieren, scheiterten.

Der zweite Fehler entfaltete seine Wirkung erst ein paar Jahre später. Zunächst wurde es als große vaterländische Tat gefeiert, als Arbeitgeber und Gewerkschaften 1991 eine schnelle Lohnangleichung vereinbarten. Doch langfristig sorgte diese Entscheidung dafür, dass die Arbeit in den ohnehin produktiveren Westfabriken blieb. Ostdeutschland verlor den Lohnvorteil, der in anderen früheren RGW-Ländern für Investitionen und dauerhaften Aufschwung sorgte. Daran änderten auch spätere Revisionen und Nachverhandlungen nichts.

Der dritte Fehler: Die Privatisierung der ostdeutschen Unternehmen erfolgte fast ausschließlich durch westdeutsche Käufer. Als Mitte der Neunzigerjahre die Wiedervereinigungswirtschaftskrise ausbrach, wurden die Werke im Osten zuerst geschlossen. Im Westen standen ja immer noch die moderneren Maschinen, dort arbeiteten die produktiveren Beschäftigten, dort saßen die Forschungsabteilungen und die Firmenzentralen. Hätte die Treuhandanstalt die Unternehmen von vornherein mindestens gleichwertig an zwei andere Interessentengruppen – ostdeutsche Manager und ausländische Unternehmen – verkauft, wäre heute wahrscheinlich mehr übrig. So aber fühlen sich viele ehemalige Bürger der DDR enteignet.

Die Bevölkerung altert viel schneller im Osten als im Westen

Zu diesen Kardinalfehlern kommt eine Entwicklung, die heute den Rückstand der ostdeutschen Wirtschaft zementiert und verschärft. Die neuen Länder verloren nach der Einheit weiter massiv an Bevölkerung. Mehr als eine Million vornehmlich junge und gut ausgebildete Bürger sind seit der Wende nach Westdeutschland umgezogen, es wurden immer weniger Kinder geboren. Die Bevölkerung schrumpfte noch einmal um zwei Millionen. Das Resultat: Heute altert die Bevölkerung hier viel schneller als die im Westen. Für den wirtschaftlichen Aufholprozess bedeutet das nichts Gutes, im Gegenteil. In den kommenden Jahren werden viele Regionen wieder zurückfallen.

Als wäre das nicht bitter genug, ist in den vergangenen dreißig Jahren die gesamte ostdeutsche Elite der Vorwendezeit verschwunden, in den Ruhestand geschickt oder entlassen worden. Wenn man Historiker fragt, warum die Entwicklung Westdeutschlands vor 70 Jahren so erfolgreich begann, weisen sie auf eine gelungene "Elitentransformation" hin. Nach und nach, ohne großes Aufsehen konnten die meisten ehemaligen Beamten des Nationalsozialismus, die Hochschullehrer, die Rechtsanwälte, Offiziere und Pädagogen wieder in ihre Berufe zurückkehren. Sie machten ihren Frieden mit der Demokratie, weil der junge demokratische Staat sie in Ruhe ließ.


Ein solcher – moralisch höchst fragwürdiger – Übergang in den neuen Staat war der DDR-Elite versperrt. Zum Teil waren es die Überzeugungen der Bürgerrechtler, der Opfer von Staatssicherheit und Diktatur, die die Wiedereinstellung verhinderten. Zum Teil aber war es auch die Tatsache, dass in Westdeutschland gerade eine Menge gut ausgebildeter, ehrgeiziger Babyboomer ohne tolle Berufsperspektiven bereitstand. Am Ende jedenfalls hat die westdeutsch geprägte, neue Bürgerschaft die meisten Führungspositionen bekommen. Auch wenn sie weniger Fehler gemacht hätte: Dass die Wendegeneration mit diesem Elitentausch bis heute hadert, ist kein Wunder.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr Buch heißt: "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert" und ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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