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Ostdeutsche Männer – das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen

MEINUNGAfD-Erfolg bei Landtagswahlen  

Ostdeutsche Männer – das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

03.09.2019, 16:46 Uhr
Ostdeutsche Männer – das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen. Männer schieben einen Bollerwagen am Männertag auf dem Domplatz in Erfurt: Unsere Kolumnistin fragt sich im Hinblick auf die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen: Was ist los mit den ostdeutschen Männern? (Quelle: imago images/Karina Hessland)

Männer schieben einen Bollerwagen am Männertag auf dem Domplatz in Erfurt: Unsere Kolumnistin fragt sich im Hinblick auf die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen: Was ist los mit den ostdeutschen Männern? (Quelle: Karina Hessland/imago images)

In Ostdeutschland gibt es zu wenige Frauen. Das hat Folgen für die Zufriedenheit der Männer. Und das wiederum hat direkte Auswirkungen auf die Ergebnisse der Landtagswahlen.

Mehr Männer, weniger Frieden – so überschrieb die amerikanische Soziologin Valerie M. Hudson um die Jahrtausendwende eine Studie zum Geschlechterverhältnis in China und Indien. Ihre These: Gesellschaften mit einem deutlichen Männerüberschuss sind tendenziell aggressiver. Es spricht einiges dafür, dass Hudsons Überlegungen auch zur Aufklärung des Landtagswahlenrätsels des vergangenen Wochenendes beitragen können.

Trotz Bildung und Arbeit sind viele Männer unzufrieden

Der Befund ist ziemlich klar: Es sind die Männer, die den großen Unterschied machen. Sie, nicht die Frauen, haben die Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen und Brandenburg zur Volkspartei befördert. Wenn man nach den besonders Unzufriedenen und Verbitterten sucht, findet man sie häufiger bei Männern als bei Frauen, öfter in Ost- als in Westdeutschland, eher bei den Mittelalten als bei den Senioren oder den jungen Leuten. Viele Männer zwischen 30 und 55 haben Arbeit, die meisten einen (mittleren) Schulabschluss, viele eine Lebensgefährtin. Doch zufrieden sind sie nicht.

Die Arbeitsstellen sind nicht so, wie die meisten sich das erhofft haben. Der mittlere Schulabschluss, in der DDR und in den ersten Jahren nach der Wende in Ostdeutschland der Standard für fast 90 Prozent der Bevölkerung, reicht für ein Mittelklasseleben oft nicht mehr aus. Viele finden sich in der Unter- oder der bedrohten unteren Mittelschicht wieder. Im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR bestimmten sie noch die gesellschaftliche Norm. Schlimmer noch: Nicht einmal rechnerisch gibt es für jeden Mann im heiratsfähigen Alter eine Partnerin. Je älter alleinstehende Männer sind, desto größer wird die Kluft.

Diese Männer haben recht, wenn sie sauer sind. Das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen.

Harte Zeiten für Männer und Frauen

Die Ursachen liegen in den ersten zehn Jahren nach der Wiedervereinigung: Männer und Frauen litten zwar gleichermaßen unter dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft. Nur, dass die Frauen drastischer von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Als die Industriebetriebe schlossen, bewarben sich auf einmal auch Männer um Posten, die ihnen vorher unattraktiv erschienen. Der öffentliche Dienst beispielsweise, in der DDR traditionell eine Frauendomäne, wurde nun auch für Männer interessant. Die Folge: Frauen fanden nach einer Entlassung schwerer in den Beruf zurück als Männer, wenn sie in den neuen Ländern blieben. Viele machten aus der Not eine Tugend. Die Jüngeren machten Abitur, statt die Schule nach der zehnten Klasse zu verlassen. Schon 1995 überstieg die Zahl der Abiturientinnen die der jungen Männer um die Hälfte. Oder sie gingen in den Westen. Zwei Drittel aller jungen Westwanderer zwischen 1990 und 2005 waren Frauen.

Für die Frauen und Männer, die blieben, waren die Zeiten hart. Zwei Drittel von ihnen machten die Erfahrung, den Betrieb oder den Beruf wechseln zu müssen, arbeitslos zu werden. Die Konsequenz der Verunsicherung lässt sich am Geburtenrückgang ablesen. 1994 wurden auf dem Gebiet der früheren DDR nur noch gut ein Drittel so viel Kinder geboren wie acht Jahre zuvor.

Perspektive für Familiengründung fehlt

Die Folgen des Geburten- und Binnenmigrationsschocks machen sich ausgerechnet jetzt bemerkbar. Weil Frauen in der Regel gleichaltrige oder ältere, am liebsten auch noch besser gebildete Männer als Partner wählen, fehlt heute überdurchschnittlich vielen Männern der Generation Wendekind die Perspektive, eine Familie gründen zu können.

Für eine Frau über 30 ist die Wahrscheinlichkeit höher, von einem Blitz erschlagen zu werden, als einen neuen Partner zu finden. Dieser fiese Spruch wurde weiblichen Singles in Westdeutschland in den Neunzigerjahren nachgerufen. Heute trifft er in vielen Gegenden Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Thüringens, Sachsen-Anhalts und und Sachsens die Männer. Besonders dramatisch ist die Lage für die weniger Gebildeten. Hier kann eine ungebundene Frau rechnerisch zwischen drei Männern wählen, wie eine Studie für das Jahr 2012 errechnet hat. Macht eine solche Situation die Betroffenen glücklich? Nein – jedenfalls nicht, wenn sie Männer sind.

Ostdeutschland muss Frauen für sich gewinnen

Was heißt das für die Politik? Die Möglichkeiten der Gegenwart sind begrenzt. Damit es den Männern aber mittelfristig besser geht, müssen drei Dinge passieren.

Erstens: Jungs müssen unbedingt bessere Schulabschlüsse erreichen und anschließend eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Sie dazu zu drängen, ist die Aufgabe von Eltern und Lehrern.

Zweitens: Am besten ziehen sie dafür vorübergehend in Städte wie Hamburg oder Berlin – dort herrscht ein deutlicher Frauenüberhang.


Und drittens: Ostdeutschland muss Frauen für sich gewinnen. Das kann man heute allerdings nicht mehr so anstellen, wie es einst Asa Mercer, Gründer der Washington University, machte: Der Mann aus dem Wilden Westen umsegelte in den 1860er-Jahren den amerikanischen Kontinent, um in Boston und New York Witwen und unverheiratete Frauen zu überzeugen, ihr Glück in Seattle zu suchen. Zur Empörung der Einheimischen natürlich. Doch ein Einwanderungsgesetz, das Frauen privilegiert, könnte man auch heute machen. 


Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr Buch heißt "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert" und ist bei Rowohlt Berlin erschienen.


Verwendete Quellen:
  • Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Not am Mann, Von Helden der Arbeit zur neuen Unterschicht, Berlin 2007
  • Steffen Mau, Lütten Klein, Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin 2019
  • Karl Ulrich Mayer, Heike Solgau, Lebensläufe im deutsch-deutschen Vereinigungsprozess, SOEP Papers322, Berlin 2010. Andreas Reckwitz, Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017
  • Valerie M. Hudson, Andrea Boer, A Surplus of Men, a Deficit of Peace: Security and Sex Ratios in Asia´s Largest States, in: International Security 26/4, 2002.
  • weitere Quellen
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