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Suezkanal: Was wir aus der "Ever Given"-Blockade lernen können

MEINUNGGlobalisierung  

Was wir aus der Suez-Blockade lernen müssen

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

30.03.2021, 13:30 Uhr
Suezkanal: Animation zeigt Moment, in dem Frachter befreit wird

Nach rund einer Woche ist das Containerschiff „Ever Given“ wieder frei und kann seine Fahrt fortsetzen. Der Betreiber des Suezkanals teilte am Montag mit, dass der Verkehr in der für die globale Schifffahrt so wichtigen Wasserstraße wieder aufgenommen werde. (Quelle: t-online/Reuters)

Moment der Befreiung: Bilder eines Schiffstrackers zeigen, wie sich die "Ever Given" vom Boden löst und ihre Fahrt fortsetzt. (Quelle: t-online)


Die Blockade des Suezkanals hat gezeigt, wie wichtig die internationale Arbeitsteilung ist. Doch die großen Handelsblöcke haben bei der Globalisierung den Rückwärtsgang eingelegt. Das ist ein Fehler.

Ganz langsam setzt sich die Globalisierung wieder in Bewegung. Seit Montagnachmittag ist die "Ever Given", die den Suezkanal eine knappe Woche lang blockiert hatte, wieder frei. Doch nicht nur die Folgen der Blockade werden die Weltwirtschaft noch über Wochen beschäftigen. Die internationale Arbeitsteilung gerät noch mehr und dauerhaft unter Druck – zum Schaden für Hersteller und Konsumenten in aller Welt.

Seit der Finanzkrise des Jahres 2008 macht die Globalisierung keine Fortschritte mehr. Zuerst haperte es an der Finanzierung von Lieferungen und Investitionen. Weil die Banken sich untereinander nicht mehr trauten, sich gegenseitig keine Kredite und Zahlungsziele mehr einräumten, litt der Welthandel.

Das Erdbeben im März 2011 in Japan und der darauffolgende Tsunami brachten die globalen Lieferketten zum ersten Mal in diesem Jahrtausend an den Rand des Zusammenbruchs. Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten begann 2017 eine Phase des offenen Protektionismus und neuer Handelsauseinandersetzungen zwischen den großen Wirtschaftsblöcken. Und schließlich ist der Impfnationalismus in der Corona-Pandemie ein weiterer Schlag gegen den freien Handel.

Darum ist eine De-Globalisierung keine gute Idee

Mit dem Schiffsunglück im Suezkanal wird der Schaden einer möglichen De-Globalisierung für die Unternehmen und ihre Kunden in einer Momentaufnahme überdeutlich: Was bei einem Handelsstopp von einer Woche schon dramatisch genug aussieht – Waren und Güter im Wert von rund zehn Milliarden Dollar sitzen fest, Container werden nicht rechtzeitig entladen und für die Rückreise verfügbar, den Seehäfen droht nach Leerlauf schon in wenigen Tagen die Überlastung – würde sich verheerend auswirken, wenn es zur Strategie würde.

Wenn Waren aus Asien ausbleiben, und Europa seine Produkte nicht mehr nach China verkaufen kann, wird das Leben für alle beschwerlicher, der Wohlstand sinkt. Dafür gibt es vor allem drei Gründe:

  • 1. In Asien werden die Mikrochips gebaut, auf die europäische Automobilhersteller, Werkzeugmaschinen- und Anlagenbauer angewiesen sind. Hier wird auch der größte Teil der Elektronik hergestellt, die den Kunden in Europa den Corona-Lockdown einigermaßen erträglich gemacht hat: Spielekonsolen, Mobiltelefone, Computer, Kameras und Internet-Router zum Beispiel, aber auch Backautomaten, Dampfgarer und Fitnessgeräte. Diese Produktion nach Europa zurückzuholen, ist kaum möglich.
  • 2. Würden diese Produkte wieder in Europa hergestellt, würden sie teurer, und vielleicht sogar schlechter. Nur in Deutschland und in wenigen anderen Regionen Europas gibt es noch eine Facharbeiterschaft für die Industrieproduktion. Energie- und Lohnkosten liegen hier um ein Mehrfaches über den Preisen in Asien, entsprechend teuer müssten die Güter verkauft werden. Dazu kommt: Nach einem Jahr Pandemie ist in den meisten Unternehmen das Eigenkapital deutlich geringer geworden. Vermutlich gibt es auf Jahre hinaus nicht genug gesunde Unternehmen, die in neue Märkte und Produkte investieren würden.
  • 3. Umgekehrt würde der Export hochwertiger Maschinen nach Asien unter die Räder kommen, wenn sich Europa vom Freihandel abwenden würde. Auch das hätte direkte Folgen für den Wohlstand, die Arbeitsplätze und den Unternehmenserfolg in Deutschland.

Europa, die USA und China wissen um diese Risiken. Doch sie finden den Ausweg aus ihren Handelsstreitigkeiten weder eigenständig, noch sind sie bereit, die Streitschlichtungsmechanismen der Welthandelsorganisation wieder in Kraft zu setzen.

Wir brauchen die Globalisierung

Dabei müssten alle Beteiligten dringend aus der Pandemie und der Havarie der "Ever Given" lernen. Es ist nicht klug, sich ausschließlich auf Lieferanten aus Asien zu verlassen. Es ist kurzsichtig, auf nur einen Handelsweg zu setzen.

Es ist leichtsinnig, keinerlei Lagerhaltung mehr zu betreiben. Es ist verrückt, die Welthandelsorganisation als Schiedsrichter in Streitigkeiten außer Gefecht zu setzen. Die richtige Konsequenz ist nicht, die internationale Arbeitsteilung noch weiter zu reduzieren. Vernünftig wäre es, klügere Wege zu suchen.

Wenn die "Ever Given" demnächst in Rotterdam festmachen kann, werden viele aufatmen: holländische Fahrradbauer zum Beispiel, deren Ersatzteile auf dem Kahn transportiert werden. Deutsche Chemieunternehmen, deren Vorprodukte noch im Suezkanal feststecken. Kleingärtner, die in preiswerte neue Gartenmöbel investieren wollen. Sie alle profitieren von der Globalisierung. Seit der Havarie der "Ever Given" wissen sie, wie sehr. 

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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