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Auf diesem Ehepaar ruht die deutsche Impfstoff-Hoffnung

  • Mauritius Kloft
Von Mauritius Kloft

Aktualisiert am 11.11.2020Lesedauer: 5 Min.
U─čur ┼×ahin und ├ľzlem T├╝reci: Das Ehepaar arbeitet an einem Corona-Impfstoff.
U─čur ┼×ahin und ├ľzlem T├╝reci: Das Ehepaar arbeitet an einem Corona-Impfstoff. (Quelle: S├Ąmmer/imago-images-bilder)
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Das deutsche Unternehmen Biontech will noch im November die Zulassung f├╝r einen Impfstoff gegen das Coronavirus beantragen. Die Chancen f├╝r das Mittel stehen gut. Doch wer steckt hinter dem milliardenschweren Konzern?

Die frohe Botschaft kam zur Mittagszeit: Um kurz vor 13 Uhr verk├╝ndete am Montag das deutsche Unternehmen Biontech, noch im November die beschleunigte Zulassung f├╝r einen Corona-Impfstoff zu beantragen. Das Mittel, das Biontech gemeinsam mit dem Pharmariesen Pfizer entwickelt, sei zu mehr als 90 Prozent wirksam.


Diese Organe kann das Coronavirus sch├Ądigen

Covid-19 galt zun├Ąchst nur als Erkrankung der Atemwege und Lunge. Doch Untersuchungen konnten zeigen, dass sich das Coronavirus auch in anderen Organen ausbreiten kann.
Der SARS-CoV-2-Erreger bef├Ąllt vor allem die unteren Atemwege. Betroffene mit einem mittleren oder schweren Verlauf entwickeln meist einen trockenen Husten, Atemnot und/oder sogar eine Lungenentz├╝ndung. Besonders vorgesch├Ądigte Lungen ÔÇô zum Beispiel durch Rauchen ÔÇô scheinen anf├Ąllig f├╝r einen schweren Krankheitsverlauf zu sein.
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An der B├Ârse sorgte diese Nachricht f├╝r Euphorie: Die Aktien der Firma zogen zweistellig an. Der Dax legte um sechs Prozent zu. Viele Aktien kletterten auf ihren h├Âchsten Wert seit M├Ąrz. Endg├╝ltig ist aus Biontech damit der Hoffnungstr├Ąger der Impfstoffforschung geworden, ein Unternehmen, auf das jetzt die ganze Welt schaut.

Wie ist es dazu gekommen? Und vor allem: Wer sind die Triebkr├Ąfte hinter der Firma, die bis vor einem Jahr noch kaum jemand kannte?

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Biontech-Gr├╝nder ist Sohn t├╝rkischer Gastarbeiter

Biontech ist kein klassisches, bekanntes Pharmaunternehmen. Seinen Sitz hat es nicht in einer amerikanischen Millionenstadt, sondern im beschaulichen Mainz. "An der Goldgrube 12" lautet die Adresse der Firma ÔÇô obwohl nichts in der Nachbarschaft wirklich glanzvoll wirkt: Die Stra├če teilt sich Biontech mit einem Fahrradgesch├Ąft, einer Postfiliale und einem D├Ânerimbiss.

Wenig bekannt waren bis zuletzt auch die K├Âpfe hinter Biontech, die Mediziner U─čur ┼×ahin, 55, und ├ľzlem T├╝reci, 53. ┼×ahins Eltern kamen aus der T├╝rkei nach Deutschland, da war er gerade vier Jahre alt. Sein Vater arbeitete bei Ford in K├Âln.

Dort, an der Uniklinik, studierte ┼×ahin nach dem Abitur Medizin. W├Ąhrend seine Freunde nach der Uni nach Hause gingen und ihre Freizeit genossen, arbeitete ┼×ahin noch weiter im Labor, erz├Ąhlte er einst bei einer Preisverleihung. Bis morgens 4 Uhr habe er manchmal im Labor gestanden, so ┼×ahin.

Seine Frau ├ľzlem T├╝reci, ebenfalls ├ärztin, wuchs die ersten vier Lebensjahre bei ihrem Gro├čvater in Istanbul auf und kam dann nach Cloppenburg, wo ihr Vater als Arzt in einem kleinen katholischen Krankenhaus arbeitete. Bereits als Kleinkind schaute T├╝reci bei Blinddarmoperationen zu. Von sich selbst sagte sie einst: "Ich bin eine preu├čische T├╝rkin."

Die beiden, die mittlerweile eine gemeinsame Tochter haben, lernten sich auf der Krebsstation des Krankenhauses im saarl├Ąndischen Homburg kennen. ┼×ahin arbeitete dort als Arzt, T├╝reci befand sich in den letzten Z├╝gen ihres Medizinstudiums.

Vor 20 Jahren gr├╝ndeten sie die erste Firma

2001 zogen die beiden nach Mainz, wo sie zun├Ąchst an der Uni arbeiteten. Weil es dort aber nicht genug Geld f├╝r ihre Krebsforschung gab, gr├╝ndeten sie mit Partnern und Investoren ihre erste Firma: Ganymed Pharmaceuticals.

Seinen Namen hatte das Unternehmen dabei nicht aus der griechischen Mythologie ÔÇô Ganymed, der als "Sch├Ânster der Sterblichen" vom G├Âttervater Zeus geliebt wird. Vielmehr leitet sich die Bezeichnung aus dem T├╝rkischen ab. Ganymed steht f├╝r so viel wie "was man sich durch schwere Arbeit erk├Ąmpft hat."

Die Firma entwickelte Antik├Ârper gegen Krebszellen ÔÇô das Spezialgebiet von ┼×ahin und T├╝reci. 2016 verkauften die beiden das Unternehmen f├╝r mehr als 400 Millionen Euro an die japanische Pharmafirma Astellas.

Biontech forscht seit Januar am Impfstoff

Bereits zuvor, im Jahr 2008, gr├╝ndeten ┼×ahin und T├╝reci dann Biontech mit (Eigenschreibweise "BioNTech"), ein Unternehmen mit mittlerweile mehr als 1.000 Mitarbeitern, das Immuntherapien gegen Krebs entwickelt. ┼×ahin wurde Vorstandsvorsitzender, T├╝reci leitet die Abteilung f├╝r klinische Entwicklung.

Sitz von Biontech: Nach dem B├Ârsengang in den USA vergangenes Jahr will das Unternehmen weiterhin in Mainz bleiben.
Sitz von Biontech: Nach dem B├Ârsengang in den USA vergangenes Jahr will das Unternehmen weiterhin in Mainz bleiben. (Quelle: Arne Dedert/dpa-bilder)

Hier arbeiten die Wissenschaftler vor allem an Medikamenten auf sogenannter mRNA-Basis. Verk├╝rzt gesprochen hei├čt das: Der K├Ârper soll als "Maschine" genutzt werden, um Antigene gegen Krebs zu produzieren ÔÇô eine Vorgehensweise, die auch jetzt im Kampf gegen Covid-19 vielversprechend erscheint.

Auf diese Weise lassen sich n├Ąmlich nicht nur Tumore therapieren. Auch der Impfstoff, der bald zugelassen werden soll, basiert auf dieser Methode. Als die Pandemie ausbrach, reagierten ┼×ahin und T├╝reci sofort: Das Ehepaar verlagerte den Fokus ihrer Forschung, seit dem Fr├╝hjahr konzentriert sich Biontech auf die Bek├Ąmpfung des Coronavirus.

Weltweit 50 Millionen Dosen ÔÇô noch 2020

Das Mittel mit dem komplizierten Namen "BNT162b2" war von Biontech im Projekt "Lightspeed" (Lichtgeschwindigkeit) seit Mitte Januar entwickelt worden. Es enth├Ąlt genetische Informationen des Erregers, aus denen der K├Ârper ein Viruseiwei├č herstellt ÔÇô in diesem Fall das Oberfl├Ąchenprotein, mit dessen Hilfe das Virus in Zellen eindringt. Ziel der Impfung ist es, den K├Ârper zur Bildung von Antik├Ârpern gegen dieses Protein anzuregen, um die Viren abzufangen, bevor sie in die Zellen eindringen und sich vermehren.

Die f├╝r eine Zulassung entscheidende Phase-3-Studie begann ab Ende Juli in verschiedenen L├Ąndern. Inzwischen haben mehr als 43.500 Menschen mindestens eine der beiden Impfungen bekommen, die im Abstand von drei Wochen verabreicht werden. Ein Impfschutz soll dann eine Woche nach der zweiten Injektion erreicht werden.

Ein Vorteil von RNA-Impfstoffen ist, dass sie wesentlich schneller als konventionelle Impfstoffe produziert werden k├Ânnen. Biontech und Pfizer rechnen damit, noch in diesem Jahr weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen bereitzustellen, im kommenden Jahr kalkulieren sie mit bis zu 1,3 Milliarden Dosen.

┼×ahin geh├Ârt zu den reichsten Deutschen

F├╝r ┼×ahin, der 18 Prozent des Unternehmens h├Ąlt, macht sich das auch finanziell bemerkbar. Im Herbst 2019 ging Biontech an die Tech-B├Ârse Nasdaq in den USA ÔÇô und wurde zun├Ąchst mit rund 3,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Inzwischen, dank der Forschung zum Coronavirus, ist Biontech rund 20 Milliarden Dollar wert. Im Oktober meldete die "Welt am Sonntag", dass ┼×ahin unter die 100 reichsten Deutschen aufstieg ÔÇô mit einem Verm├Âgen von 2,4 Milliarden Euro.

Doch darum geht es ┼×ahin und T├╝reci nicht, sondern um die Wissenschaft. Die beiden haben immer noch ihre Krebspatienten im Blick. "Ich hoffe, dass wir Risikogruppen wie unsere Krebspatienten, die sich teilweise gar nicht mehr auf die Stra├če trauen, wieder Kontakt zu Mitmenschen erm├Âglichen", sagte ┼×ahin unl├Ąngst.

Als Vorstandsvorsitzender von Biontech gibt sich ┼×ahin bescheiden. Statt Limousine f├Ąhrt ┼×ahin immer noch Rad. Der Investor von Biontech, Thomas Str├╝ngmann, sagte dem "Handelsblatt", ┼×ahin und T├╝reci seien "Ausnahmeerscheinungen mit dem, was sie an wissenschaftlichen Grundlagen f├╝r die Firma geschaffen haben und mit welcher Passion sie das vorantreiben." Sie h├Ątten nie "die Monetarisierung in den Vordergrund gestellt."

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Bis heute forscht und lehrt ┼×ahin als Professor f├╝r experimentelle Onkologie an der Uniklinik. Auch T├╝reci lehrt noch als Privatdozentin an der Uni Mainz. Die beiden unterrichten Studenten, die mal das werden wollen, was sie einst wurden: Mediziner, die die Forschung in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellen.

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Sinnbildlich f├╝r dieses Wirken steht eine Anekdote: Am Tage ihrer standesamtlichen Hochzeit standen beide morgens noch im Labor. Und anstatt nach der Hochzeit mit Familie und Freunden zu feiern, kehrten sie anschlie├čend auch wieder dorthin zur├╝ck. Die Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff ÔÇô sie k├Ânnte dank dieses Ehepaares in Erf├╝llung gehen.

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