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Wetter | Hitzewarnung in Deutschland: Ab wann wird es lebensbedrohlich?


Nur ein paar Grad mehr und es herrscht Lebensgefahr

Von Philipp Kohlhöfer

Aktualisiert am 19.07.2022Lesedauer: 6 Min.
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Rote Karte: Weiten Teilen des Landes steht ein Hitzehoch bevor. (Quelle: t-online)
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Die Temperaturen werden extrem, zum Glück kann sich der menschliche Körper wehren. Irgendwann wird es aber gefährlich – der Punkt ist näher, als viele denken.

Einer der ersten Filme, die ich im Kino sah, war Beverly Hills Cop. Ich war neun Jahre alt und vermutlich durfte ich offiziell nicht ins Kino, aber es hat wohl damals keinen interessiert. Großartiger Film. Ich war sehr beeindruckt, wie schnell Eddie Murphy reden kann, wurde sein größer Fan und habe mir danach sofort den Soundtrack gekauft.

Weswegen ich jetzt im Sommer an Eddie Murphy denke. Was wiederum an "The Heat Is On" liegt, von Glenn Frey, Titel Nummer 6 auf dem Soundtrack. Denn ich bin, war, rothaarig. Meine Haut hat ungefähr die Farbe von Milch und wenn andere Leute braun werden, sehe ich aus wie ein Hummer. In jedem Sommer frage ich mich aufs Neue: Kann man sich eigentlich totschwitzen?

Philipp Kohlhöfer ist Autor und Kolumnist und lebt in Hamburg. Er arbeitet unter anderem für das Magazin "Geo" und das Forschungsnetz Zoonotische Infektionskrankheiten, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Kohlhöfer verfasst zudem Drehbücher und entwirft Kommunikationskonzepte. Für eine Geschichte im Pazifik wurde er beschossen, für eine andere marschierte er tagelang durch den Regenwald. 2021 hat er den Bestseller "Pandemien: Wie Viren die Welt verändern" veröffentlicht.

An Hitze sterben kann man jedenfalls. "Für Deutschland konnte die Auswirkung von Hitze auf das Mortalitätsgeschehen quantifiziert werden", steht in einer Arbeit des Robert Koch-Instituts vom April. In den drei Jahren von 2018 bin 2020 starben demnach knapp 20.000 Menschen an Hitze.

Andererseits: Hitze ist nicht gleich Hitze. Stirbt man daran, kommt einiges zusammen, die Temperatur, klar, Schadstoffe, Luftfeuchtigkeit, Wasserzufuhr, der Gesundheitszustand der Person. Aber gibt es eine Temperatur, ab der eine gesunde Person unter idealen Umständen nicht mehr leben kann?

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Ich mache es mal kurz, ohne Spannungsbogen: Es sind 46 Grad Celsius. Das ist, glaubt man einer Studie der Universität Sydney von 2014, die höchste Temperatur, in der ein Mensch durchgehend leben kann – wenn er ständig trinkt, sich nicht anstrengt, wenig Kleidung trägt, sich aktiv kühlt und die Luftfeuchtigkeit gering ist. Nein, die Handvoll Menschen, die im Death Valley leben, zählen nicht, denn die stellen sich nicht in pralle Sonne.

Die Physik hilft uns eine Zeit lang

Können sie auch nicht, denn dann wird es langsam gefährlich. Wir sind warmblütige Säugetiere und als solche haben wir eine Körpertemperatur, in der ein ständiges Gleichgewicht herrscht zwischen Wärmeverlust und Wärmegewinn. Bei etwa 37 Grad Celsius funktionieren die biochemischen Prozesse in unserem Körper am besten, weswegen er alles daransetzt, die Temperatur zwischen 36 und 38 Grad zu halten.

Das erlaubt uns, auch in einer Umgebung zu überleben, in der die Lufttemperatur höher ist als unsere Körpertemperatur – solange wir trinken. Denn um seine Kerntemperatur in heißen Umgebungen aufrechtzuerhalten, nutzt der Körper vor allem ein Mittel: Schweiß. Verdunstet Wasser von einer Oberfläche, bleibt die Oberfläche kühler zurück.

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Sieht nicht besonders gut aus, wenn man ein Hemd trägt, funktioniert aber bis zu einem gewissen Grad. Totschwitzen kann man sich nämlich nicht.

Schwitzen funktioniert nicht unendlich, ein untrainierter Erwachsener kann rund zwei Liter pro Stunde schwitzen, Sportler und an Hitze adaptierte Menschen etwa doppelt so viel – und es klappt auch nur, solange die Luftfeuchtigkeit nicht höher liegt als 75 Prozent. Darüber ist es so feucht, dass sich bereits viel Wasserdampf in der Luft befindet. Der Schweiß kann nicht mehr so schnell verdunsten, das Schwitzen kühlt nicht mehr so stark ab. Und das fein tarierte System des Körpers gerät außer Tritt.

Philipp Kohlhöfer: In wissenschaftlichen Erkenntnissen findet der Autor immer wieder Erklärungen für menschliches Verhalten.
Philipp Kohlhöfer: In wissenschaftlichen Erkenntnissen findet der Autor immer wieder Erklärungen für menschliches Verhalten. (Quelle: Michalis Pantelouris)

Das ist vermutlich der Grund, warum ich nicht gerne am Strand liege: zu langweilig, vor allem aber zu heiß. Tendenziell mache ich im Sommer mittags Siesta, allerdings kann ich auch in der Hitze nicht wirklich gut schlafen, weswegen ich durchgehend übermüdet bin.

Gegrillt von der Sonne

Ist auch kein Wunder, denn bei Hitze weiten sich die Blutgefäße. Die Wärmeabgabe an die Umgebung steigt. Das ist erst mal gut, aber doch nur der Versuch nicht zu sterben, der Körper priorisiert. Die stärkere Durchblutung der Haut führt dazu, dass der Rest weniger Blut abbekommt.

Das Herz hilft sich damit, dass es schneller schlägt, trotzdem werden die Organe schlechter durchblutet, der Blutdruck sinkt. Manche Menschen bekommen dann bei Hitze Durchfall und für intellektuelle Höchstleistungen ist sie auch nicht gut, weil das Gehirn weniger Sauerstoff bekommt.

Die großen Muskeln werden weniger durchblutet, die allgemeine Leistungsfähigkeit nimmt ab. Direkte Sonneneinstrahlung grillt das Gehirn – und das stimmt genau so, denn trägt man länger keinen Hut, wird die Hirnhaut und das Hirngewebe angegriffen: der Sonnenstich.

Eine akute Überhitzung lässt das Gehirn anschwellen, die Organe fallen aus, die Enzyme spielen verrückt. Extreme Hitze kann zu schwerwiegenden Nieren- und Herzproblemen führen. Wenn der Körper überhitzt ist und keine Möglichkeit zur Kühlung besteht, kommt es zu einem Multiorganversagen. Hitzschlag.

Ob wirklich 46 Grad Celsius das Maximum dessen sind, was ein Mensch überleben kann, ist allerdings fast egal. Zum einen ist egal, was wir tun: Etwa 20 Prozent unserer Bewegungsenergie geht in die Muskeln, der Rest wird in Hitze umgesetzt. Je mehr Bewegung, desto mehr Hitze muss der Körper loswerden. Zum anderen: Um eine vernünftige Schätzung geben zu können, benutzen Wissenschaftler in der Regel die Kühlgrenztemperatur.

Der englische Ausdruck wet-bulb-index trifft es besser, weil es um die Temperatur geht, die ein Thermometer misst, wenn es mit einem nassen Tuch umwickelt wird – man benutzt das, da man dann abschätzen kann, wie hoch die Hauttemperatur wäre, würde man ständig schwitzen.

Der wet-bulb-index spiegelt also nicht nur die Wärme wider, sondern auch den Wassergehalt in der Luft. Mit der Temperatur in der Wettervorhersage hat das nicht wirklich etwas zu tun, die ist eine Trockentemperatur, weil sie mit einem trockenen Instrument gemessen wird.

Die Welt wird unbewohnbarer

Vor Jahren war ich in Madagaskar, im Regenwald. Ich musste da zu Fuß durch, eine Woche lang. Es war das Anstrengendste, das ich jemals getan habe. Es war sehr heiß und dazu sehr, sehr schwül. Und das ist keine Übertreibung: Ich wäre beinahe gestorben.

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Denn die Grenze des wet-bulb-index ist gar nicht mal so hoch. 35 Grad Celsius ist so ziemlich das Ende der menschlichen Toleranz. Bei einer höheren Temperatur ist der Körper nicht mehr in der Lage, die Wärme effizient genug an die Umgebung abzugeben, um seine Kerntemperatur zu halten. Wir sterben dann nicht sofort, aber tragen schwere Schäden an Gehirn und Organen davon.

Etwa ein Drittel aller Menschen lebt heute in Gebieten, in denen an mindestens zwanzig Tagen im Jahr eine Kombination aus Hitze und Luftfeuchtigkeit herrscht, die lebensbedrohlich ist. Ohne schlechte Laune verbreiten zu wollen: Das wird zunehmen – selbst wenn wir als Menschheit alle Klimaziele einhalten, wonach es nicht annähernd aussieht.

Extreme Hitzeereignisse werden häufiger, in ihrer Intensität stärker und sie werden länger anhalten. Das gilt auch für Deutschland, wir sind keine Insel der Glückseligen, die maximale Lufttemperatur verschiebt sich auch hierzulande Richtung extreme Hitze. Klimatologische Kenngrößen sind "Heiße Tage" und "Tropennächte", so nennt das der Deutsche Wetterdienst. Beides nimmt zu und beides ist nicht wirklich gesund. Allerdings auch wahr: Davon stirbt man nicht.

Es gibt auch Hoffnung

Andererseits: Manche Klimamodelle sagen voraus, dass wir bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts in Teilen der Welt einen wet-bulb-index von 35 erreichen. Was ja nicht mehr so lange hin ist. An einigen Orten in den Subtropen sind solche Bedingungen bereits aufgetreten, nie für lange, aber für immer länger.

Das bedeutet schlicht: Diese Gegenden werden unbewohnbar. Und weil die Leute, die dort wohnen, verständlicherweise nicht freiwillig sterben werden, sondern die Gegend verlassen, wird das einiges an geopolitischer Instabilität mit sich bringen … Aber lassen wir das, sonst wird der Text zu lang und meine Stimmung zu schlecht.

Hitze und Arbeitsalltag: Gefährliche Kombination

Außerdem sind auch weniger extreme Bedingungen oft tödlich und dazu müssen wir gar nicht in die Tropen gehen. Das liegt daran, dass Leute bei Hitze eben nicht nur im Pool liegen und durchgehend trinken, sondern arbeiten gehen, sich in aufgeheizten Städten aufhalten und zu jung sind oder zu alt, um eine gute Temperaturregulierung zu besitzen. Das Gute ist: Hitzetoleranz kann sich mit der Zeit ändern. Menschen in warmen Ländern haben es einfacher.

Auch das weiß ich aus eigener Anschauung, Job in Tel Aviv. Alle trugen hellblaue Businesshemden ohne einen einzigen Schweißfleck. Ich sah aus, als wäre ich mit meinen ganzen Klamotten gerade aus der Dusche gekommen. Was trotzdem komisch war, denn generell gilt: Menschen, die sich besser an die Hitze gewöhnt haben, schwitzen genauso, aber anders. Ihr Schweiß ist verdünnter. Sie verlieren weniger Elektrolyte, der Körper schützt sich so vor Herz- und Nierenproblemen. Hitzewellen im Frühsommer sind daher in der Regel tödlicher als solche im Spätsommer – weil sich die Menschen bis dahin an die hohe Temperatur gewöhnt haben.

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Aber hier gilt, dass die Grenze nicht verschiebbar ist. Wir können uns nicht weiterentwickeln, als es die Physik und unser Körper zulässt. Und das gilt immer und in jedem Fall.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Umweltbundesamt.de: Gesundheitsrisiken durch Hitze
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