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EU-Austritt: So hart würde der No-Deal-Brexit Deutschland treffen

EU-Austritt  

Was bedeutet der No-Deal-Brexit für Deutschland?

04.04.2019, 11:13 Uhr | pdi, t-online.de

Zwei Jahre Brexit-Votum: Wie betrifft der Brexit die Deutschen? (Screenshot: Reuters)
Wie betrifft der Brexit die Deutschen?

Zwei Jahre sind seit dem Brexit-Votum vergangen. Was bedeutet der Austritt Großbritanniens eigentlich für Deutschland und seine Einwohner?

EU-Austritt Großbritanniens: So würde ein harter Brexit Deutschland treffen. (Quelle: t-online.de)


Die Zeit wird knapp: Ein harter Brexit droht, das Leben der Menschen in ganz Europa durcheinanderzuwirbeln. Die Wirtschaft warnt vor Chaos, mit Folgen auch für Deutschland.

Endlose Lastwagenkolonnen an den Grenzen, Produktionsausfälle, weil Teile nicht rechtzeitig geliefert werden: Die Angst vor einem Brexit ohne Abkommen wächst. Denn schon am 12. April könnte Großbritannien ungeregelt aus der EU ausscheiden. Das von Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelte Abkommen zum EU-Austritt scheiterte Ende März zum dritten Mal. Am Donnerstag will die EU-Kommission in Brüssel informieren, wie sie sich auf den No-Deal-Brexit vorbereitet.

Kommt der ungeregelte Austritt, drohen Tausende Regelungen für Handel und Verkehr zwischen Großbritannien und der Europäischen Union (EU) ungültig zu werden. In dem Fall träten für Großbritannien die Regeln der Welthandelsorganisation WTO in Kraft, da es nicht mehr Mitglied des Europäischen Binnenmarkts wäre. Die Folge: Ende des freien Warenverkehrs zwischen der Insel und dem europäischen Festland.

Ein No-Deal-Brexit würde aber nicht nur Großbritannien hart treffen, sondern auch die verbleibenden 27 EU-Mitglieder und deren Unternehmen mit zusätzlichen Milliardenkosten belasten. Davon wären zahlreiche Bereiche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betroffen – mit Folgen auch für Deutschland.

1. Zölle

Die deutsche Wirtschaft hat wiederholt vor den negativen Folgen eines Austritts ohne Abkommen gewarnt. Der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kalkuliert mit jährlich drei Milliarden Euro an Zöllen, die deutsche Unternehmen für Exporte nach Großbritannien voraussichtlich entrichten müssten. Hinzu kämen weitere rund 200 Millionen Euro für Zollformalitäten.

"Ohne Deal würden zusätzlich Millionen an Zollanmeldungen und Milliarden an Zöllen fällig", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, zu Beginn des Jahres. Zudem würden Lieferketten unterbrochen. Diese Zuliefererketten zwischen Industrieunternehmen sind besonders intensiv zwischen Großbritannien und Deutschland, sodass die Bundesrepublik die Folgen in diesem Zusammenhang besonders stark zu spüren bekäme. 

Schweitzer wies abermals darauf hin, dass in Deutschland ungefähr 750.000 Arbeitsplätze vom Handel mit Großbritannien abhingen. Großbritannien ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Das Handelsvolumen beträgt 122 Milliarden Euro.

Ein Beispiel dafür ist Airbus, der in Großbritannien etwa 14.000 Mitarbeiter beschäftigt. In den britischen Werken Filton und Broughton werden alle Flügel der Verkehrsflugzeuge entworfen und hergestellt. Um für den Fall eines harten Brexits mit langwierigen Grenzkontrollen gerüstet zu sein, muss Airbus seine Lager aufstocken. An der britischen Zuliefererkette hängen rund 110.000 Jobs. 

"Das Worst-Case-Szenario, der harte Brexit ohne Vereinbarung, würde bedeuten, dass wir keine Teile über die Grenze bekommen", warnte der Chef der Airbus-Verkehrsflugzeugsparte, Guillaume Faury, schon im Sommer.

2. EU-Haushalt

Auch der EU-Haushalt würde ohne Großbritannien für jedes Mitgliedsland teurer werden. Bis Ende kommenden Jahres müsste allein Deutschland bis zu 4,2 Milliarden Euro zusätzlich einzahlen, berichtete die Funke Mediengruppe unter Berufung auf Berechnungen des renommierten Brüsseler Bruegel-Forschungsinstituts.

Dies wäre der deutsche Anteil zum Ausgleich einer Lücke von insgesamt 16,5 Milliarden Euro, die im EU-Haushalt von April 2019 bis Ende 2020 bei einem britischen EU-Austritt ohne Abkommen entstehen würde, hieß es in den Bericht. Großbritannien ist nach Deutschland der größte Nettozahler in der EU.

Die Brüsseler Experten rieten der EU zu einer harten Gangart – sollte Großbritannien seinen Zahlungspflichten nicht nachkommen, müsse dies als "feindlicher Akt" betrachtet werden. Dann sollte die EU Großbritannien auch keine Konzessionen bei notwendigen Notfallmaßnahmen für einen harten Brexit machen.

3. Luftfahrt

Für den Fall eines ungeregelten Brexits drohten lange Zeit erhebliche Störungen im Luftverkehr. Diese Gefahr ist weitgehend gebannt. Ein Notfallplan sieht vor, dass Sicherheitszertifikate für Flugzeuge von britischen Airlines für neun Monate weiter gelten sollen. Das biete genug Zeit, die Bescheinigungen bei der europäischen Luftfahrtbehörde EASA zu erneuern. Eine weitere Regelung besagt nach Angaben des Europäischen Rats, dass Airlines mit britischer Lizenz für bis zu sieben Monate Verbindungen zwischen Großbritannien und den übrigen 27 EU-Staaten aufrecht erhalten können.
 

 

4. Tourismus

Britische Fluggesellschaften droht, nach dem Ende einer Übergangsphase für den Luftverkehr ihr Recht zu verlieren, etwa von London nach Frankfurt oder Mallorca zu fliegen. Flüge innerhalb der EU wären für sie passé. Probleme kann es aber auch für die deutschen Ferienflieger Condor, der zum Reisekonzern Thomas Cook gehört, und Tuifly geben, weil diese Anbieter nicht mehr mehrheitlich in EU-Eigentum wären. Für die Verkehrsrechte von Fluglinien ist nicht nur entscheidend, wo die Gesellschaft ihren Sitz hat, sondern auch, wem sie gehört. So müssen EU-Fluglinien zu mehr als 50 Prozent Eigentümern aus der Union gehören.

Für Urlauber dürfte sich an den Flughäfen vorerst wenig ändern. Bei der Einreise wurde schon bislang genauer kontrolliert, da Großbritannien nicht zu den Mitgliedern des Schengener Abkommens gehört. Aktuell reicht der Personalausweis aus – damit werden Urlauber laut Auswärtigem Amt auch bis mindestens 31. Dezember 2020 nach Großbritannien einreisen dürfen. Der Bund der Versicherten rät bei Auslandsreisen grundsätzlich zu einer privaten Auslandsreise-Krankenversicherung. Diese zahlt im Krankheitsfall auch für den Rücktransport nach Deutschland.

5. Finanzbranche

Zahlreiche Banken haben angekündigt, Arbeitsplätze von London in andere Finanzzentren zu verlagern. Sobald Großbritannien aus der EU ausgeschieden ist, dürfen sie nicht mehr wie bisher von London aus Finanzgeschäfte in der Gemeinschaft betreiben. Für Dienstleistungen wie Einlagen- und Kreditgeschäft benötigen die Institute rechtlich selbstständige Einheiten in einem EU-Staat.

Etwa 30 Geldhäuser haben bei der Bankenaufsicht daher eine Lizenz für Frankfurt beantragt. Viele Institute bauen zunächst darauf, dass sie einige ihrer vorhandenen Mitarbeiter nach Frankfurt schicken. Bei einem ungeordneten Brexit könnte es jedoch hohe Hürden geben. Arbeitsrechtler warnen, es sei dann kein Selbstläufer, dass Banker aus London die notwendige Arbeitserlaubnis in Deutschland erhalten.

 (Quelle: Deloitte Research/t-online.de) (Quelle: Deloitte Research/t-online.de)

6. Automobilbranche

Großbritannien ist einer der wichtigsten Exportmärkte für Autos aus Deutschland. Zugleich produzieren deutsche Autobauer im Vereinigten Königreich, allen voran BMW mit den Marken Mini und Rolls-Royce. Rolls-Royce hat angekündigt, seine jährliche Herstellungspause im Werk in Goodwood auf April vorzuziehen, um auf einen chaotischen Brexit vorbereitet zu sein. Die Fabrik im britischen Oxford will BMW früheren Angaben zufolge direkt nach dem Brexit für etwa einen Monat schließen. So wolle man das Risiko von Engpässen bei Zulieferern für den Bau von Minis umgehen.

7. Chemie- und Pharmaindustrie

Großbritannien ist ein wichtiger Exportmarkt und Produktionsstandort. Etwa 17.000 Mitarbeiter deutscher Firmen stellen dort nach Angaben des Branchenverbandes VCI Vorprodukte her, die größtenteils in Deutschland weiterverarbeitet werden. Die Branche befürchtet Probleme bei Zulieferungen aus Großbritannien, weil relevante Zulassungen künftig fehlen könnten.


Deutsche Unternehmen haben nach Meinung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu spät angefangen, sich auf das "Worst-Case-Szenario" vorzubereiten. "Aufgrund des Zeitdrucks und der hohen Unsicherheit umfassen die Notfallpläne meist nur die allernötigsten Vorkehrungen", konstatierte das Deutsche Aktieninstitut in einem Positionspapier zu Beginn des Jahres. Die Pläne dienten lediglich dazu, einen Zusammenbruch großer Geschäftsteile zu vermeiden.

Viele Unternehmen rechnen mit Blick auf einen ungeregelten Brexit mit Stellenstreichungen. Einer Umfrage des internationalen Wirtschaftsprüfers Deloitte in Kooperation mit dem Industrieverband BDI zufolge befürchten ein Viertel der vom Brexit betroffenen deutschen Unternehmen ein derartiges Szenario. Die größten Einschnitte erwarten demnach Firmen aus der Autobranche, dem Bankensektor sowie Unternehmen, die mit Konsumgütern handeln.

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