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Zwischen R├╝ckschritt und Revolte

  • Tim Kummert
Von Tim Kummert

Aktualisiert am 20.10.2019Lesedauer: 9 Min.
Die konservative Studentin Lena van Bracht und die linke Aktivistin Kenja Felger: Die Studenten k├Ąmpfen um den Einfluss an den Universit├Ąten und in Deutschland.
Die konservative Studentin Lena van Bracht und die linke Aktivistin Kenja Felger: Die Studenten k├Ąmpfen um den Einfluss an den Universit├Ąten und in Deutschland. (Quelle: RCDS Facebook/privat)
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Linke Studenten planen von den Universit├Ąten aus eine Revolution: Sie k├Ąmpfen f├╝r genderneutrale Sprache und gegen Militarisierung. Konservative Gruppen f├╝rchten eine Meinungsdiktatur in Deutschland. Jetzt wollen die Gr├╝nen und die AfD von dem Streit profitieren.

Wenn Kenja Felger erkl├Ąrt, wie sie die Landesregierung Nordrhein-Westfalens sabotieren will, bekommt ihre Stimme einen entschlossenen Unterton: "Im realit├Ątsfernen Landtag k├Ânnen sie sich viel ausdenken. Gegen dieses Gesetz gehen wir jetzt auf die Barrikaden." Die 26-j├Ąhrige Studentin schimpft ├╝ber eine umstrittene Rechtsreform der schwarz-gelben Landesregierung, die sogenannte "Zivilklausel" wurde abgeschafft: An den Universit├Ąten darf ab jetzt auch f├╝r milit├Ąrische Zwecke geforscht werden. F├╝r Felger ist das Gesetz ein wahr gewordener Albtraum.

Die Politikwissenschaftsstudentin f├╝rchtet, dass "die Ergebnisse von Biologen, die die Landemechanismen der Heuschrecken beschreiben, sp├Ąter auch mal f├╝r Drohneneins├Ątze benutzt werden k├Ânnten. In Amerika ist das l├Ąngst Realit├Ąt!" Damit sei das neue Gesetz der erste Schritt, dass "neue Kriege entstehen k├Ânnten."

Linke Aktivistin Kenja Felger: Sie planen eine Revolution.
Linke Aktivistin Kenja Felger: Sie planen eine Revolution. (Quelle: Privat)

Um das zu verhindern, sitzt Felger an einem Samstag im September mit 19 Mitstreitern von der Hochschulgruppe "Sozialistisch Demokratischer Studierendenverband" in einem Begegnungszentrum in Wuppertal, die Studenten trinken viel Kaffee und essen Rohkost. Schnell sind sie sich einig: Mit Demonstrationen wollen sie die Universit├Ąten so stark unter Druck setzen, dass diese nur Forschung betreiben, die keinesfalls milit├Ąrisch genutzt werden k├Ânnte.

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Sie k├Ąmpfen daf├╝r, Deutschland grundlegend zu ver├Ąndern

Kurz sprechen sie ├╝ber die Gefahr, wegen ihres Protests exmatrikuliert zu werden. Aber Felger wischt die Frage weg wie eine l├Ąstige Fliege. Selbst wenn das geschehe, "wir lassen uns von unserem Widerstand nicht abbringen".

Szenen wie das Studententreffen in Wuppertal sind gerade an etlichen Universit├Ąten Deutschlands zu beobachten. Zum Start des beginnenden Wintersemesters bieten viele linke Gruppen zudem alternative Einf├╝hrungswochen f├╝r die neuen Studenten an. Die Veranstaltungen tragen Titel wie "Aufstand oder Aussterben". Sie k├Ąmpfen daf├╝r, Deutschland grundlegend zu ver├Ąndern und wollen einen Umbruch der Gesellschaft: Die in ihren Augen wachsende Militarisierung und der Kapitalismus sollen verbannt werden, stattdessen soll die Sprache im Bezug auf Geschlechter neutral sein, und ein neues Wirtschaftssystem entstehen.

Zunehmend sorgen sie auch f├╝r den Ausfall von Veranstaltungen, in Frankfurt kam es zu einem Shitstorm in den sozialen Medien, als bei einer Konferenz ├╝ber Kopft├╝cher f├╝r Frauen debattiert wurde. Die Veranstaltung musste unter Polizeischutz stattfinden. Als der AfD-Gr├╝nder Bernd Lucke diese Woche eine Vorlesung an der Universit├Ąt Hamburg halten wollte, buhten ihn linke Studenten aus ÔÇô Lucke musste die Veranstaltung abbrechen.

Symbol einer Gesellschaft, in der die Pole den Takt vorgeben

Konservative Gruppen sehen durch den Aktionismus der Linken die Meinungsfreiheit in Deutschland bedroht und wehren sich ihrerseits mit Demonstrationen und Protesten. Dabei verh├Ąrten sich die Fronten, ein neuer Kulturkampf ist ausgebrochen. Man kann das bel├Ącheln, Splittergruppen links und rechts gab es in der universit├Ąren Geschichte immer schon, doch der Streit spiegelt einen Trend wieder: Schon l├Ąnger ist zu beobachten, welche Emotionalit├Ąt entsteht, wenn Sprache zum Politikum wird, wenn Geschlechterverh├Ąltnisse ver├Ąndert oder Grenzen und Freiheit von Forschung debattiert werden.

Das steigende Fieber an den Hochschulen, der Kampf f├╝r und gegen die sogenannte politische Korrektheit, ist das Symbol einer Gesellschaft, in der die Pole den Takt vorgeben. Die Volksparteien verhalten sich zur├╝ckhaltend in der Debatte, sie f├╝rchten, in den Gef├╝hlswallungen nur verlieren zu k├Ânnen. Einzig die Gr├╝nen und die AfD versuchen, sich in den Kulturkampf an den Universit├Ąten einzumischen ÔÇô und das aufgeheizte Klima f├╝r sich zu nutzen.

Die linken Gruppen wollen besonders stark Druck machen. Aus ihrer Sicht ist in Deutschland momentan alles zu rechts, zu traditionell, zu langsam. Wer erfahren will, wie dieses Lager tickt, muss Beccs Runge besuchen. Runge ist Referentin f├╝r Gleichstellung an der Universit├Ąt Leipzig, und sieht sich weder als Mann noch als Frau, m├Âchte mit dem Pronomen "Es" bezeichnet werden. Den Umbruch in der Sprache an den Universit├Ąten will Runge f├Ârdern, sagt "StudentInnen" und macht dabei eine kleine Pause vor dem "I".

Meinungsfreiheit ende dort, wo Diskriminierung anfange

Dabei lehnen 67 Prozent der Deutschen eine genderneutrale Sprache ab, wie eine repr├Ąsentative Umfrage von t-online.de im Januar 2019 ergab. Beccs Runge sind solche Umfragen egal, in ihrer Idealvorstellung Deutschlands sind alle Menschen gleich. Als Basis daf├╝r taugt aus ihrer Sicht der Kapitalismus nicht, Runge fordert eine "v├Âllige Abkehr" davon. Runges Vorbild ist der Sozialismus, auch wenn das von ihr nicht direkt ausgesprochen wird ÔÇô sie wei├č, wie viele Vorbehalte Menschen bei dem Begriff haben.

Wenn es nach Runge und ihren Mitstreitern geht, soll sich nicht nur die Sprache ver├Ąndern. Die linken Gruppen setzen sich daf├╝r ein, dass k├╝nftig noch bestimmte Meinungen an den Universit├Ąten, aber auch in Fernsehfilmen und Reden auf den Marktpl├Ątzen, vertreten werden. Und was ist mit der im deutschen Grundgesetz festgelegten Meinungsfreiheit? "Die endet da, wo Diskriminierung anf├Ąngt ÔÇô beispielsweise, wenn jemand menschenfeindliche Positionen vertritt", sagt Runge. Was menschenfeindlich ist, das definiert sie selbst.

Runge will jetzt ihren Wirkungsradius erweitern, bis tief in die Gesellschaft hinein: "Gerade wir linken Studierenden vernetzen uns immer st├Ąrker. Wir wollen eine grundlegende Ver├Ąnderung in diesem Land!" Wenn man Runge zuh├Ârt, muss man an Rudi Dutschke denken, der die Studentenrevolution der 68er-Bewegung mit seinen Reden pr├Ągte.

"Wo das Geschlecht jeden Tag wechselt, beginnt der Wahnsinn"

430 Kilometer s├╝dlich vom B├╝ro der Aktivistin Beccs Runge sitzt Felix Brandst├Ątter mitten in M├╝nchen und trinkt erst einmal einen gro├čen Schluck Wei├čbier. "Das ist alles unglaublich", sagt er und lehnt sich zur├╝ck. "Wir k├Ânnen nat├╝rlich ├╝ber die Toilette f├╝rs dritte bis vierte Geschlecht debattieren. Oder wir sprechen dar├╝ber, dass wir in vielen Unis L├Âcher im Dach haben und es an der grundlegenden Ausstattung von Lehrmaterialien fehlt." Der 26-j├Ąhrige Brandst├Ątter trifft sich an diesem Abend in einer Bar vor der Staatsbibliothek der Universit├Ąt mit Lena van Bracht und Anna-Maria Auerhahn.

Felix Brandst├Ątter (zweiter von links) und Anna-Maria Auerhahn (dritte von links) vom RCDS Bayern: "Wo das Geschlecht jeden Tag wechselt, beginnt der Wahnsinn."
Felix Brandst├Ątter (zweiter von links) und Anna-Maria Auerhahn (dritte von links) vom RCDS Bayern: "Wo das Geschlecht jeden Tag wechselt, beginnt der Wahnsinn." (Quelle: Facebook/RCDS)

Die drei Studenten sind im F├╝hrungszirkel des Rings Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) aktiv, einer konservativen Studentengruppe, die der CDU und der CSU nahesteht und: Sie sind w├╝tend. "Wo das Geschlecht jeden Tag wechselt, beginnt der Wahnsinn. Und diesen Wahnsinn d├╝rfen wir nicht in die Universit├Ąt tragen", sagt van Bracht. Die 23-j├Ąhrige Jurastudentin ist f├╝r die ├ľffentlichkeitsarbeit des Vereins verantwortlich. Van Bracht erz├Ąhlt, wie konservativ sie aufgewachsen sei, wenn es nach ihr ginge, sollte die CSU die absolute Mehrheit stellen ÔÇô nicht nur in Bayern, sondern auch im Bundestag.

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Die 23-j├Ąhrige Studentin Lena van Bracht: Beim RCDS halten sie sich f├╝r die letzte Bastion der Konservativen.
Die 23-j├Ąhrige Studentin Lena van Bracht: Beim RCDS halten sie sich f├╝r die letzte Bastion der Konservativen. (Quelle: Facebook/RCDS)

Etwa 8.000 Mitglieder hat der RCDS deutschlandweit, sie sind neben den liberalen Hochschulgruppen die prominentesten Gegner der linken Gruppen. Beim RCDS halten sie sich f├╝r das letzte Bollwerk der Konservativen in der Gesellschaft. Brandst├Ątter, van Bracht und Auerhahn finden, dass die gesamte Debattenkultur in Deutschland ins Rutschen ger├Ąt ÔÇô sie sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr.

Dem RCDS sprang k├╝rzlich der Deutsche Hochschulverband bei. In einer ver├Âffentlichten Erkl├Ąrung "gegen Denk- und Sprechverbote an Universit├Ąten" des Vorsitzenden Bernhard Kempen hei├čt es: "Die Universit├Ąt muss Teil und Forum der gesellschaftlichen Debatte sein. Ein R├╝ckzug in den 'Elfenbeinturm' schadet ihr selbst", er stellt sich in dem Schreiben gegen ├╝berzogene "Political Correctness". Das Schreiben war eine Reaktion auf die zunehmenden Demonstrationen an den Universit├Ąten.

In M├╝nchen geht der Abend zu Ende. Felix Brandst├Ątter will einen Punkt noch loswerden: "Das Problem mit dem Wort 'Studierenden', was in linken Kreisen neuerdings gern benutzt wird, ist: Es ist ein sogenanntes substantiviertes Partizip. Das bin ich nur in dem Moment, in dem ich es tue ÔÇô das mag nach Haarspalterei klingen, doch die Wirklichkeit wird verbogen: Wenn ich gerade mal nicht in der Vorlesung sitze, sondern einen Kaffee trinke, bin ich kein "Studierender" mehr. Noch irrer ist nur die Bezeichnung 'studierende Person'."

Seine Verb├╝ndete Lena van Bracht schaut auf das mittlerweile leere Glas vor sich, wirft einen Blick in die Runde und grinst: "Bestellen wir doch noch einen Wein. Bei der ..." ÔÇô sie macht eine Kunstpause ÔÇô "... bedienenden Person." Gro├čes Gel├Ąchter am Kneipentisch, hier in M├╝nchen halten sie linke Studenten wie Kenja Felger oder Beccs Runge f├╝r weltfremde Spinner.

Drastischer Kulturwandel an den Universit├Ąten

Vieles, was an den Universit├Ąten geschieht, gelangt kaum in den Fokus der ├ľffentlichkeit. In Siegen standen einem Professor keine finanziellen Mittel der Fakult├Ąt zur Verf├╝gung, weil der eine Veranstaltung mit Thilo Sarrazin und einem AfD-Politiker ausgerichtet hatte. An vielen Universit├Ąten ist intern von einem "drastischen Kulturwandel" die Rede.

Die Soziologin Susanne Strau├č sieht das ├Ąhnlich, eine echte Revolution erwartet sie trotzdem nicht. "Im Umgang mit umstrittenen Themen muss man trotzdem abw├Ągen. Die genderneutrale Sprache zum Beispiel, die schadet ja niemandem. Bei der Umsetzung muss man eben behutsam vorgehen." Sie pl├Ądiert daf├╝r, die Debatte zu versachlichen.

Geringe Wahlbeteiligungen bei Studentenparlamenten

Derweil geraten Politiker zunehmend unter Druck. Sigmar Gabriel wurde im Rheinland als "Iransiggi" verspottet, weil der ehemalige Au├čenminister im Nahen Osten den Regierungsvertretern Irans die Hand gesch├╝ttelt hatte. Auch dort kam es zu massiven Protesten. Bei einer Veranstaltung mit FDP-Chef Christian Lindner st├╝rmten Studenten die B├╝hne. Die einzelnen Beobachtungen h├Ąufen sich, sie sind Symptome der wachsenden Polarisierung.

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Im Meinungskampf sind die linken Gruppen oft deshalb wirkungsstark, weil sie gut mobilisieren k├Ânnen: Bei einer Wahlbeteiligung von oft unter zehn Prozent bei der Wahl der Studentenparlamente an den Unis triumphieren die Linken oft, weil kaum konservative Studenten zur Wahl gehen. Die demokratische Legitimation ist oft gering, der Einfluss daf├╝r gro├č: Denn es geht in den Gremien um die Investition von hohen Geldbetr├Ągen und damit um Macht.

Die R├Ąte der Universit├Ąten sind ein Teil der Selbstverwaltung, sie entscheiden ├╝ber hohe Budgets und die F├Ârderung von bestimmten Projekten. Und etliche Studentengruppen profitieren vom Zeitgeist: Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2017 zeigt, dass ├╝ber 50 Prozent der Menschen unter 30 Jahren sich politisch links verorten.

Politiker von SPD und CDU wollen nicht klar Position beziehen

Doch die Volksparteien wollen sich in der Debatte kaum klar positionieren. Die hochschulpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU betonen auf Anfrage nur, dass Bildung eben L├Ąndersache sei. Ruprecht Polenz wundert das nicht. Der ehemalige CDU-Generalsekret├Ąr sitzt heute im Hochschulrat der Fachhochschule M├╝nster und sagt: "Die Politiker von SPD und CDU k├Ânnen bei dem Kampf um politische Korrektheit nur verlieren ÔÇô egal auf wessen Seite sie sich schlagen, sie werden stets W├Ąhler vergraulen."

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU): "Niemand sollte so ├╝berheblich sein, Diskurse zu verhindern."
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU): "Niemand sollte so ├╝berheblich sein, Diskurse zu verhindern." (Quelle: imago-images-bilder)

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek von der CDU sagt zwar zu t-online.de: "Gerade Hochschulen m├╝ssen Orte des freien Denkens und der freien Debatten sein. Versuche, Debatten von vornherein zu unterdr├╝cken, widersprechen der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Das hat nichts damit zu tun, etwa populistische Thesen einfach hinzunehmen. Aber unter Demokraten sollte niemand so ├╝berheblich sein, Diskurse zu verhindern." Pr├Ąziser will sie sich nicht festlegen.

Es wirkt, als dr├╝ckten sich etliche Politiker vor der Debatte. Die mangelnde Positionierung k├Ânnte ein Symptom daf├╝r sein, dass die Parteien sich oft nicht mehr trauen, in unangenehmen Debatten Position zu beziehen, dass sie verlernt haben, auch die Gef├╝hlsebene in ihrer Politik zu ber├╝cksichtigen. Die Verbindung zu den Nervenenden des Volkes scheint gekappt zu sein, damit steht das Schweigen f├╝r die Entkopplung der Volksparteien von gro├čen Teilen der W├Ąhlerschaft.

Gr├╝ne und AfD versuchen, von der Debatte zu profitieren

Weil SPD und CDU sich nicht klar positionieren wollen, haben andere das Thema f├╝r sich entdeckt. Einer von ihnen ist Lasse Petersdotter von den Gr├╝nen, ihm gehen die Aktivit├Ąten der linken Gruppen noch lange nicht weit genug. Petersdotter ist Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. Der 29-J├Ąhrige war selbst im Studentenparlament der Uni Kiel und von 2013 bis 2014 dessen Vorsitzender. Doch an den Universit├Ąten dauert es trotz des Kampfes der Bef├╝rworter, bis sich wirklich etwas ver├Ąndert.

Lasse Petersdotter von den Gr├╝nen ist Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein: Ihm gehen die Bestrebungen linker Gruppen noch nicht weit genug.
Lasse Petersdotter von den Gr├╝nen ist Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein: Ihm gehen die Bestrebungen linker Gruppen noch nicht weit genug. (Quelle: imago-images-bilder)

Petersdotter hat schon eine Idee, wie er das beschleunigen will: "Wenn an den Hochschulen nichts geschieht, ist es auch Aufgabe der Politik, einzugreifen und sich f├╝r Gleichstellung einzusetzen." Er will durch neue Gesetze Druck aus├╝ben. Bei den Gr├╝nen ist seit 2015 der Genderstern bei der Formulierung von Antr├Ągen Pflicht: "Politiker*innen", schreiben sie dort.

Die Gr├╝nen-Bundestagsfraktion reicht oft Antr├Ąge zu dem Thema bei der Bundesregierung ein, um sich so auch ├Âffentlichkeitswirksam an die Spitze der linken Bewegung zu stellen: Sie pl├Ądieren f├╝r mehr Genderforschung und gendergerechte Sprache, regelm├Ą├čig werden Forderungen der Partei ├Âffentlich, dass den Genderlehrst├╝hlen an den Universit├Ąten mehr Geld zugewiesen werden soll. Die "Linke" unterst├╝tzt die Gr├╝nen mit Aktionspl├Ąnen f├╝r "strategische Queerpolitik", die Partei fordert ebenfalls mehr Geld f├╝r Gender-Studieng├Ąnge.

Auch die AfD will das Thema ausschlachten ÔÇô aber mit einem dramatisch anderen Ziel, die Partei bedient die politische Gegenseite. Die Fraktionsvorsitzende Alice Weidel warnt neuerdings vor der "Vergewaltigung" der Sprache, sie hat das Potenzial der Erregung erkannt.

Kubicki warnt vor Spaltung der Gesellschaft

Die Partei lehnt jegliche F├Ârderung von Genderforschung ab, jeder Euro, der f├╝r Gleichberechtigung ausgegeben werde, sei zu viel. Die AfD bringt sich als diametraler Gegenpol in Stellung, sie inszenieren sich als die K├Ąmpfer gegen den vermeintlichen "Genderwahnsin".

F├╝r den stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Wolfgang Kubicki ist vor allem die Unnachgiebigkeit einzelner Gruppen in der Debatte um gendergerechte Sprache eine gef├Ąhrliche Entwicklung. "Grunds├Ątzlich erleben wir heute, dass politische Forderungen immer unnachgiebiger formuliert werden", sagt er. "Wenn jedoch die Beteiligten nicht mehr bereit sind, vorurteilsfrei die Argumente der anderen Seite anzuh├Âren, bekommen wir ein Problem, das am Ende in eine Spaltung der Gesellschaft m├╝nden kann."

Von ausgleichenden Ansichten h├Ąlt Bengt R├╝stemeier nichts. Der junge Mann studiert Jura an der Humboldt-Universit├Ąt in Berlin, ist Mitglied der Jugendorganisation der SPD und erz├Ąhlt in einem Zimmer des Studentenrats von einem seiner Erfolge: Nun d├╝rfen m├Ąnnliche Studenten gar nicht mehr reden, wenn sie nicht mindestens eine Frau auf der Rednerliste im Studentenparlament haben. H├Âchstens drei m├Ąnnliche Studenten d├╝rfen dann noch sprechen, danach wird die Diskussion geschlossen.

Student Bengt R├╝stemeier: Der Jungsozialist setzt sich f├╝r quotierte Rednerlisten ein.
Student Bengt R├╝stemeier: Der Jungsozialist setzt sich f├╝r quotierte Rednerlisten ein. (Quelle: Privat)

"Wenn sich keine Frau meldet, darf niemand mehr reden, auch kein Mann", R├╝stemeier l├Ąchelt zufrieden. Und sein Ziel bleibt der gro├če Umbruch: "Was wir an den Unis erreichen, kommt bald in der Gesellschaft an. Wir m├╝ssen nur konsequent weitermachen."

Mitarbeit: Milena Pieper

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