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Libyen: Der geheime Krieg von Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin

Mit Drohnen und Scharfschützen  

Der geheime Krieg von Recep Erdogan und Wladimir Putin

Von David Ruch

16.11.2019, 19:16 Uhr
Libyen: Der geheime Krieg von Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin. Erdogan, Putin, Kämpfer in Libyen: Regionale und internationale Mächte ringen um die Macht in Tripolis. (Quelle: Getty Images)

Erdogan, Putin, Kämpfer in Libyen: Regionale und internationale Mächte ringen um die Macht in Tripolis. (Quelle: Getty Images)

In Nordafrika kämpfen Russland und die Türkei in einem Stellvertreter-Krieg: Mit Kampfdrohnen und Scharfschützen ringen die beiden Länder um die Macht  in Libyen – und drohen die Region ins Chaos zu stürzen.

Berichte der Vereinten Nationen (UN) finden selten ein breites Interesse in der Bevölkerung. Doch letzte Woche enthüllte der Staatenbund einen handfesten Skandal: In einem vertraulichen Report berichteten die UN über illegale Waffenlieferungen der Türkei, der Vereinigten Arabischen Emirate und Jordaniens nach Libyen. In dem Land tobt aktuell ein Bürgerkrieg.

"Routinemäßig und manchmal unverhohlen" würden Waffen übers Mittelmeer und per Flugzeug an die beiden Kriegsparteien in Libyen verschickt, heißt es in dem Bericht. Damit ist klar: Die genannten Länder unterlaufen das geltende Waffenembargo der Vereinten Nationen, das genau solche Waffenlieferungen verbietet. 

Kämpfer mit dem Segen der UN: Die Milizionäre unterstützen die vom Westen anerkannte "Regierung der nationalen Einheit". (Quelle: Reuters/Goran Tomasevic)Kämpfer mit dem Segen der UN: Die Milizionäre unterstützen die vom Westen anerkannte "Regierung der nationalen Einheit". (Quelle: Goran Tomasevic/Reuters)

Weiter schreiben die Vereinten Nationen, dass mit den Waffen sowohl die international unterstützte "Regierung der nationalen Einheit" von Ministerpräsident Fayiz as-Sarradsch als auch die Truppen ihres militärischen Gegenspielers, General Chalifa Haftar, beliefert würden. Die Lieferungen umfassten militärische Ausrüstung, technische Unterstützung – sowie bewaffnete Drohnen. Sogar Söldner aus dem Tschad und dem Sudan würden nach Libyen entsandt.

Krieg gegnerischer Drohnenflotten

Der Bericht belegt, worauf Beobachter seit langem hinweisen: Dass sich in Libyen acht Jahre nach dem Sturz des lange amtierenden Diktators Muammar al-Gaddafi ein gefährlicher Stellvertreterkrieg entwickelt. Dass regionale wie internationale Mächte um Einfluss in dem ölreichen Wüstenstaat kämpfen, der durch seine Lage am Mittelmeer von strategisch großer Bedeutung ist. Dass Länder wie die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate aktiv die Schlacht um den libyschen Luftraum vorantreiben, während Russland, das enge Verbindungen zu General Haftar pflegt, in die Kämpfe am Boden eingreift.

International hofiert: General Chalifa Haftar (r.) mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte im November 2018 in Palermo.  (Quelle: Reuters)International hofiert: General Chalifa Haftar (r.) mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte im November 2018 in Palermo. (Quelle: Reuters)

Neu ist dabei der verstärkte Einsatz von Drohnen. Libyen scheint zu einem regelrechten Testfeld für den unbemannten Luftkrieg geworden zu sein. Staaten wie die Türkei und die Vereinigten Arabischen schicken Dutzende von bewaffneten Flugobjekten für die verfeindeten Parteien ins Feld. Das Ergebnis ist eine sprunghafter Anstieg der Zahl von Kampfdrohnen-Einsätzen, allein im letzten Halbjahr waren es laut UN mehr als 900.

Die "New York Times" bezeichnet den Konflikt als den weltweit ersten, der vorrangig von gegnerischen Drohnenflotten geführt wird. Dabei erhält General Haftar maßgebliche Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die "Einheitsregierung" von Ministerpräsident as-Sarradsch erhält militärischen Beistand von der Türkei.

Die Emirate sind neben Ägypten, Saudi-Arabien und Russland einer der wichtigsten Verbündeten des 75-jährigen Haftar. Der arabische Wüstenstaat soll dem General einen Militärflughafen gebaut haben. Angeblich finanzieren sie ihm sogar eine Einheit amerikanischer Söldner, die von Erik Priince, dem Gründer und Ex-Boss von Blackwater, geleitet wird.

Als Haftar Anfang April eine Offensive auf Tripolis startete, galten die arabischen Drohnen als sein entscheidender Trumpf. Berichten zufolge kamen chinesische Fabrikate vom Typ "Wing Loong II" zum Einsatz. Die etwa zehn Meter langen Drohnen haben eine Reichweite von rund 4.000 Kilometern, können ungefähr 20 Stunden am Stück fliegen, sowie bis zu 200 Kilogramm an Bomben und zusätzlichem technischen Gerät aufnehmen.

Chinesische "Wing Loong II "-Drohne: Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten die unbemannten Flugobjekte zur Unterstützung von General Haftar ein. (Quelle: Reuters/Maxim Shemetov)Chinesische "Wing Loong II "-Drohne: Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten die unbemannten Flugobjekte zur Unterstützung von General Haftar ein. (Quelle: Maxim Shemetov/Reuters)

Doch auch die Gegenseite rüstete sich für den Luftkampf. Die Türkei, die wie die "Einheitsregierung" in Tripolis den Muslimbrüdern nahe steht, kam Tripolis zu Hilfe. Sie lieferte Drohnen vom Typ Bayraktar TB2 – eine Entwicklung der Firma "Baykar Makina", die dem Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan, Selcuk Bayraktar, gehört. Die Drohnen können ein zusätzliches Gewicht von 150 Kilogramm aufnehmen und bis zu 24 Stunden in der Luft bleiben.

Mit dem Eintritt der Türkei in den libyschen Luftkrieg verschoben sich die Kräfteverhältnisse: Im Frühsommer gelang es den Milizen um as-Sarradsch, die strategisch wichtige Stadt Garian zurückzuerobern. Wenige Tage später ließ Haftar ein Lager von Migranten an der libyschen Küsten bombardieren. 44 Menschen starben, 133 wurden verletzt. Die UN sprachen von einem Kriegsverbrechen, doch keine der beiden Parteien konnte in der Region die Oberhand gewinnen. An der Front herrscht seitdem dort ein Patt.

Es bleibt in der Familie: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.) schüttelt Schwiegersohn und Waffenproduzent Selcuk Bayraktar die Hand. (Quelle: imago images/Tolga Adanali)Es bleibt in der Familie: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.) schüttelt Schwiegersohn und Waffenproduzent Selcuk Bayraktar die Hand. (Quelle: Tolga Adanali/imago images)

200 Söldner aus Russland

Das technologische Level des Luftkriegs mit modernen Drohnen steht in starkem Kontrast zum Kampf der verfeindeten Truppen am Boden. Verschiedene Milizen, mehr lose miteinander verbunden als geschlossene Bündnisse, bilden das Rückgrat von General Haftar einerseits und der Regierung in Tripolis andererseits. Oft verfolgen die Gruppen eigene Interessen, vielfach sind sie in Menschenhandel und Drogenschmuggel verstrickt. Ihre Kämpfer sind meist schlecht ausgebildet.

Um diese strategische Schwäche am Boden auszugleichen, soll Russland die Unterstützung für General Haftar zuletzt deutlich ausgebaut haben. Die Regierung von Präsident Wladmir Putin ist dem 75-Jährigen Militär, der einst in der Sowjetunion die Militärschule besuchte und viele Jahre in den USA im Exil lebte, seit Längerem verbunden. Es hofierte den General in der russischen Hauptstadt, schickte Berater, lieferte Ersatzteile für militärisches Gerät. Inzwischen aber geht die Unterstützung offenbar weit darüber hinaus.

Panzerwrack bei Garian: Haftars Niederlage im Kampf um die Stadt im Nordwesten Libyens markierte einen Wendepunkt in dem Konflikt. (Quelle: Reuters/Ismail Zitouny)Panzerwrack bei Garian: Haftars Niederlage im Kampf um die Stadt im Nordwesten Libyens markierte einen Wendepunkt in dem Konflikt. (Quelle: Ismail Zitouny/Reuters)

Die "New York Times" schreibt, dass Russland über die regierungsnahe Sicherheitsfirma "Wagner" seit Anfang Oktober rund 200 Söldner nach Libyen entsandt hat, die aktiv an Kampfhandlungen beteiligt sind. Das könnte ein Beleg dafür sein, dass Putin zur Absicherung seiner strategischen Interessen zu einem immer offensiveren Engagement bereit ist. Woche für Woche würden nun neue Kämpfer im Land eintreffen, heißt es – darunter erfahrene Scharfschützen.

Die USA hinterlassen ein Vakuum

Die Firma "Wagner" führt verdeckte Operationen im Auftrag der russischen Regierung durch. Berichten zufolge war sie in Syrien und der Ostukraine aktiv, und beteiligte sich an der russischen Annexion der Krim. Schon länger halten sich Gerüchte über eine Rolle "Wagners" in Libyen. Die Firma soll Söldner in den Osten des Landes entsandt haben, um an strategisch wichtigen Orten russische Interessen abzusichern und so für eine reibungslose Abwicklung von Rüstungsgeschäften zu sorgen. Dazu passt wohl ein Besuch von General Haftar im vergangenen November in Moskau. Haftar soll dort mit Außenminister Sergej Lawrow sowie dem Oligarchen Jewgeni Prigoschin zusammengetroffen sein, dem Chef von Wagner.

Bleiben im Dialog: Russlands Präsident Wladimir Putin und der Ministerpräsident der libyschen "Einheitsregierung", Fayiz as-Sarradsch. (Quelle: imago images/Kirill Kukhmar/TASS)Bleiben im Dialog: Russlands Präsident Wladimir Putin und der Ministerpräsident der libyschen "Einheitsregierung", Fayiz as-Sarradsch. (Quelle: Kirill Kukhmar/TASS/imago images)

Russland kommt zugute, dass sich die USA unter Präsident Donald Trump auch in Nordafrika von ihrem Führungsanspruch verabschieden. Das lässt der Führung in Moskau nahezu freie Hand bei der Verfolgung ihrer strategischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen. In Tobruk im Osten des Landes, wo Haftars Milizen die Kontrolle haben, ist Berichten zufolge eine russische Marinebasis in Planung. Der Kreml unterstützt zudem Haftars Kampf gegen islamistische Milizen, die das Post-Gaddafi-Libyen als Rückzugsraum und Ausbildungsbasis nutzten. Daneben ist Moskau bemüht, über Beteiligungen seiner Öl- und Gasriesen sich einen Anteil an den Rohstoffen des Wüstenstaates zu sichern.

Doch Russland hält sich in dem Konflikt alle Optionen offen: Trotz des Bekenntnisses zu Haftar blieb Moskau mit der Einheitsregierung weiter im Gespräch. Nach dem Beginn der Offensive gegen Tripolis versicherte Außenminister Lawrow, den Dialog mit allen Parteien fortführen zu wollen. Er dürfte dabei die russischen Rohstoffinteressen im Hinterkopf gehabt haben – denn alle Ölgeschäfte in Libyen laufen über die Nationalbank in Tripolis.

Heiko Maas in Libyen: Der Bundesaußenminister bemüht sich um ein Gipfeltreffen zur Lage in dem Land. (Quelle: imago images/Florian Gärtner/photothek)Heiko Maas in Libyen: Der Bundesaußenminister bemüht sich um ein Gipfeltreffen zur Lage in dem Land. (Quelle: Florian Gärtner/photothek/imago images)

Mehr Opfer, mehr Vertriebene

Anfang des Monats warnten die Vereinten Nationen vor einer weiteren Eskalation der Gewalt in Libyen. Die Kämpfe verfeindeter Milizen hätten eine hohe Zahl an zivilen Opfern gefordert und Tausende zur Flucht gezwungen, erklärte die Chef-Anklägerin am Internationalen Strafgerichtshof, Fatou Bensouda, bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Entführungen und willkürliche Verhaftungen hätten zuletzt dramatisch zugenommen.
 

 
Aktuell bemüht sich Deutschland um ein Gipfeltreffen zu Libyen, dass noch in diesem Jahr in Berlin stattfinden soll. Außenminister Heiko Maas war Ende Oktober zu einem Kurzbesuch in Libyen. Anschließend sagte er: "Es ist kompliziert, es ist auch langwierig und mühselig. Aber wer sich die Lage in Libyen anschaut, muss zu dem Ergebnis kommen, dass es notwendig ist, es zu versuchen." Bislang ist jedoch jede Initiative, Frieden in dem Land zu vermitteln, gescheitert.

Verwendete Quellen:

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