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Angela Merkel: Was haben die Grünen-Spitze und die Kanzlerin gemeinsam?

MEINUNGDie Grünen lernen von Merkel  

Ernsthaft jetzt?!

Ein Kommentar von Jonas Schaible

29.06.2019, 11:53 Uhr
Angela Merkel: Was haben die Grünen-Spitze und die Kanzlerin gemeinsam?. Grünen-Chef Robert Habeck: Zwischen vielen Unernsten fällt er durch Ernsthaftigkeit auf. (Quelle: Mauersberger/imago/Fotomontage: t-online.de)

Grünen-Chef Robert Habeck: Zwischen vielen Unernsten fällt er durch Ernsthaftigkeit auf. (Quelle: Mauersberger/imago/Fotomontage: t-online.de)

Was haben die Grünen-Spitze und die Kanzlerin gemeinsam? Sie reden wenig Kokolores. Kein Wunder, dass sie so beliebt sind – und nicht nur sie.

Es gibt wahrscheinlich so viele Erklärungen für den Aufstieg der Grünen wie die Partei Punkte in Umfragen hat. Zu den besser belegten gehören: Die Grünen profitieren davon, dass sie als Gegenspieler von rechtsextremen, aber auch nur hedonistisch-normalitären Kräften verstanden werden. Die Klimakrise ist wegen des Dürresommers 2018 und "Fridays for Future" im kollektiven Bewusstsein angekommen. Das Spitzenpersonal kommt gut an. Die Partei nährt sich von der Schwäche der anderen und hatte Glück, dass all das mit Wahlen in Bayern und Hessen zusammenfiel, wo sie auch kommunal stark verankert ist. Danach surfte sie auf einer Welle.

Eine andere, ebenfalls bedenkenswerte Erklärung hat kürzlich Ulrich Schulte in der „taz“ vorgeschlagen. Er hält die Grünen für die neuen Merkelianer, die die Haltung der Kanzlerin übernehmen, sich überall anschlussfähig zu halten, indem sie im entscheidenden Moment vage und indifferent bleiben. So werden Widersprüche verdeckt. Potentielle Wähler müssen sich nicht erschrecken.

Zu den häufig wiederholten, weniger überzeugenden Erklärungen gehört die These, Medien würden die Grünen besinnungslos hochschreiben, weil sie so begeistert von Robert Habeck seien und sowieso ganz vernarrt in die Grünen. Es gibt bizarre lobende Texte, aber natürlich auch Kritik, wo Kritik angebracht ist. Im Übrigen wurde Friedrich Merz einst von der "Welt" zu "Friedrich dem Großen" erklärt, CDU-Chef wurde er trotzdem nicht.

Der Wirklichkeit mit Ernst begegnen

Wenn man aber die Merkelismus-These und die Beobachtung, dass Habeck und Baerbock in Medien ganz gut wegkommen (was sie selbst auch so sehen) verbindet, gewinnt man vielleicht eine neue Einsicht. Es wäre denkbar, dass die vergleichsweise positive Berichterstattung nicht die Ursache für die neuen Wahlerfolge und Umfrage-Höhenflüge ist, sondern dass beide eine gemeinsame, eine unabhängige Ursache haben. Eine, die nicht nur den Erfolg und das positive Medienbild von Habeck/Baerbock erklärt, sondern auch das von so unterschiedlichen Politikern wie Kevin Kühnert, Konstantin Kuhle oder eben Angela Merkel.

Sie begegnen der Öffentlichkeit, den Problemen der Wirklichkeit und den politischen Gegnern nämlich allesamt mit einer Grundernsthaftigkeit, die momentan auffällt, weil sie andere Politiker und Parteien zu oft frappierend vermissen lassen. Sie machen keine Mätzchen.

No bullshit

Angela Merkel kann man vieles vorwerfen, Vagheit in vielen Fragen, dass sie den Klimaschutz verschleppt hat wie sonst nur die Anpassung an die Digitalisierung, dass sie keine guten Reden hält, je nach politischer Ausrichtung auch die Flüchtlingspolitik vor oder nach dem Herbst 2015 – aber man kann ihr ganz sicher nicht fehlenden Ernst unterstellen. Merkel redet gewunden, aber keinen Quatsch. Sie erzählt, wie Menschen sagen würden, die in der Union als jung gelten (also unter 60 sind), keinen Bullshit. Vornehmer ausgedrückt: keinen Kokolores. Sie sagt lieber nichts als Dinge, die offensichtlich falsch sind.

Was klingt wie eine Mindestvoraussetzung für ein höheres Amt, ist in Wahrheit eine rare Eigenschaft. Man muss nicht auf Donald Trump schauen, der die Lüge zum kommunikativen Standard erhoben hat, oder nach Großbritannien, wo sich die Konservativen mit unerfüllbar widersprüchlichen Brexit-Forderungen selbst zugrunde richten. Es reicht, sich ganz normale Stellungnahmen ganz normaler, seriöser, anständiger deutscher Politiker anzusehen, um auf übertriebenen Kokolores zu stoßen, der offensichtlich nicht aus Überzeugung gesagt wird, sondern allein und erkennbar, um einen Effekt zu erzielen.

Der nahende Wahlsieg der SPD

Wenn Finanzminister Olaf Scholz sagt, die anderen Parteien würden nervös, weil sie wüssten, dass die SPD bei der nächsten Bundestagswahl stärkste Kraft werden könnten, ist das gegenwärtig offensichtlich Kokolores.

Wenn FDP-Chef Christian Lindner ohne jeden Beleg insinuiert, Robert Habeck liebäugle mit einem Schnitzel-Verbot, ist das offensichtlich Kokolores – dazu muss man nicht einmal wissen, dass der Schnitzelist Lindner privat in die Vegane-Burger-Marke "Beyond Meat" investiert hat.

Wenn der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel sagt, die Grünen verkürzten Politik ähnlich wie die AfD, ist das offensichtlich Kokolores, den Schäfer-Gümbel kurz darauf selbst wieder zurücknimmt.

Wenn der deutsche CDU-Europaabgeordnete Daniel Caspary aus Ärger darüber, dass der französische Präsident den deutschen Manfred Weber nicht zum Kommissionschef machen will, Emmanuel Macron „antideutsche“ Politik und Revanchismus vorwirft, ist das offensichtlich Kokolores.

Wenn Arnold Vaatz vom rechten Flügel der CDU sagt, es gebe ein totalitäres Diktat der Presse in Deutschland, ist das Kokolores, umso mehr, wenn man weiß, dass er eine Kolumne in der in Ostdeutschland viel gelesenen "Super-Illu" hat.

Wenn Andreas Scheuer ein paar Lungenärzte, die größtenteils keine Wissenschaftler sind, und wenn, dann nicht zu den Folgen von Stickoxiden und Feinstaub für Menschen forschen, zu Wissenschaftlern erklärt, weil sie auch Diesel-Fahrverbote ablehnen, ist das Kokolores.

Medien achten besonders auf Ernsthaftigkeit

Diese Liste ließe sich seitenlang fortsetzen, mit Sätzen von Scheuer zur Maut, mit Aussagen von unzähligen Politikern, die den "Fridays for Future"-Demonstrantinnen vorwarfen, sie wollten doch nur die Schule schwänzen, mit Horst Seehofer, der Journalisten Fake News vorwarf und Monate später in einem Interview zugab, dass die Berichte richtig waren, mit Neuauflagen der Roten-Socken-Kampagnen und "Verbotspartei“-Vorwürfen, mit Hans-Georg Maaßens abseitiger Video-Analyse aus Chemnitz, mit Verzerrungen und Falschbehauptungen über das EU-Urheberrecht, mit Alexander Dobrindt, mit Markus Söders 180-Grad-Wendungen, mit haltlosen Spekulationen über Hintermänner von Rezo, aber auch mit Ex-SPD-Chefs, die über Medien versuchten, Andrea Nahles zu demontieren.

Das sind alles Beispiele dafür, dass jemand aus welchen Gründen auch immer die Wirklichkeit, die Größe eines Problems, den Gegner oder die Öffentlichkeit nicht ernst nimmt. Und zwar auf durchsichtige Art und Weise. Natürlich kritisieren Medien so etwas. Gerade wenn sie sich bemühen, nicht die eigenen politischen Überzeugungen zum Bewertungsmaßstab zu machen, konzentrieren sie sich umso mehr auf die Standards, die lagerübergreifend gelten: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit, Widerspruchsfreiheit und Konsistenz, Fleiß, demokratische Grundüberzeugungen.

Es ist kein Spiel

Und natürlich verdrießt Kokolores auch Menschen, die sich neben Familie, Freunden, Arbeit, Hobbys und sonstigen Problemen ein paar Minuten am Tag nehmen, um sich mit Politik zu befassen. Wie sollte es nicht?

Die meisten Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen etwas vom Pferd erzählt, und auch ohne Sympathie für populistische Suadas gegen Politiker muss man feststellen, dass in der Politik doch erstaunlich viel vom Pferd erzählt wird. Selten aus Bosheit, manchmal aus Not und Verzweiflung, meistens weil jemand glaubt, Wähler wollten es hören – aber immer wirkt es fundamental unernst, selbst wenn es nicht so gemeint ist. Als sei alles nur ein Spiel. 

Es ist aber kein Spiel.

Lob von Gegnern

Und so überrascht es nicht, dass umgekehrt geschätzt wird, wenn Politiker keine Spielchen spielen. Ihre Distanz zu allem Kokolores erklärt vermutlich einen guten Teil der lagerübergreifenden Anziehungskraft Angela Merkels. Man muss ihr nicht zustimmen, um ihr zuzutrauen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen regiert. Wer sich in Berlin umhört, hört außer bei der AfD oder der Werteunion auffallend viel Lob für Merkel, auch von Leuten, die ihr oft nicht zustimmen. 

Frank-Walter Steinmeier ist die meiste Zeit ein grundlegend ernsthafter Mann und: extrem beliebt. Ruprecht Polenz, der ehemalige CDU-Generalsekretär, hat aus dem Ruhestand Twitter im Sturm erobert, weil er nicht nur menschenfreundlichen antifaschistischen Konservatismus predigt, sondern dabei auch klar, konsistent und ernsthaft ist.

Kevin Kühnert ist in kürzester Zeit aus dem Nichts zu einem der bekanntesten SPD-Politiker geworden, und so streitbar seine Überzeugungen sein mögen: Kaum jemand wirft ihm vor, er spiele Spielchen. Kühnert ist kein Hasardeur, er nimmt die Dinge ernst. Im Gegenzug wird er ernst genommen.

Oder Konstantin Kuhle, 30 Jahre, neu im Bundestag, schon innenpolitischer Sprecher der FDP und jemand, über den man in Berlin ebenfalls keinen schlechten Satz hört. Beide, Kühnert und Kuhle, sind erfolgreich. Beide halten sich nicht zurück. Beide langweilen nicht. Sie suchen Öffentlichkeit und üben scharfe Kritik. Aber keine, die offensichtlich abwegig ist. 

Auch Philipp Amthor von der CDU, noch so ein junger Abgeordneter, kann seine oft kontroversen Positionen üblicherweise nachvollziehbar begründen. Wenn Alexander Dobrindt von "Anti-Abschiebe-Saboteuren" redet und wenn er so die Rechtsweggarantie in Frage stellt, verteidigt ihn Amthor damit, dass man diskutieren könne, wie viele Einspruchsmöglichkeiten auf welchen Instanzen nötig seien. Das eine ist Kokolores, das andere eine streitbare, aber ernsthafte politische Forderung (die allerdings unernst wird, wenn Amthor behauptet, Dobrindt habe das immer genau so gemeint).

Es gibt viele ernsthafte Vertreter

Ernsthaftigkeit funktioniert also für Politiker verschiedenster Parteien. Und viele Politiker treten ernsthaft auf. Es ist keine Besonderheit der Grünen. Momentan aber zeichnen sie sich dadurch aus, dass ihre Parteispitze sehr konstant sehr ernsthaft auftritt und dass sich die Partei überhaupt in bemerkenswerter Disziplin fast alle Attacken aufeinander oder auf andere versagt hat. Außerdem wirken die Grünen als einzige Partei so, als begegneten sie der Klimakrise vielleicht nicht mit perfekten Politiken, aber zumindest mit einer Haltung, die der Dramatik angemessen ist.
 

 
Die beiden Grünen-Vorsitzenden hatten freilich auch schon ihre Kokolores-Momente. Wenn sie wie aktuell behaupten, eine Doppelspitze sei mit einem Kanzlerkandidaten vereinbar, oder als Habeck Bayern und Thüringen die Demokratie absprach – und in beiden Fällen gab es prompt Kritik. Habeck zog sich sogar erschrocken von Twitter zurück. Baerbock gerade erst, als sie die Zitteranfälle der Kanzlerin als Beispiel für die Folgen des Klimawandels anführte, obwohl es bisher nur eine karge Erklärung des Kanzleramtes gibt und keiner genau wissen kann, woran Merkel leidet; die prompten Reaktionen politischer Gegner darauf allerdings klangen ähnlich kalkuliert, ähnlich überzogen, hart an der Grenze zum Kokolores.

Insgesamt aber erzählen die beiden Grünen-Vorsitzenden auffallend wenig vom Pferd. Habeck und Baerbock geben sich nachdenklich, grüblerisch, fehlbar, sie prügeln auch nicht auf Gegner ein. Das ist alles kein Hexenwerk. Viele andere tun es auch, alle anderen könnten sofort damit anfangen. Jetzt. Ernsthaft.

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