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Deutschlands Banken: "Das kann auf Dauer ein Problem werden"

INTERVIEWAndreas Krautscheid  

"Wir werden nicht für alle haften"

Von Sabrina Manthey

04.07.2019, 06:25 Uhr
Deutschlands Banken: "Das kann auf Dauer ein Problem werden". Banken-Hochhäuser in Frankfurt/Main: Die deutschen Geldhäuser leiden unter der Geldpolitik der EZB. (Quelle: imago images)

Banken-Hochhäuser in Frankfurt/Main: Die deutschen Geldhäuser leiden unter der Geldpolitik der EZB. (Quelle: imago images)

Die deutschen Banken sind auf ihrem Heimatmarkt gefangen. Das macht sie nicht besonders profitabel. Wir müssten mehr Europa wagen, sagt der Chef des deutschen Bankenverbandes im Interview mit t-online.de.

Ob sich Bankkunden in Deutschland Sorgen um ihr Geld machen müssen und was es mit den Schuhen von Angela Merkel auf sich hat, lesen Sie im Interview mit Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.

t-online.de: Die Banken in den USA, Großbritannien oder auch Frankreich fahren wieder massive Gewinne ein. Die Commerzbank hingegen musste sich aus dem DAX verabschieden und die Deutsche Bank die Gewinnprognose senken. Herr Krautscheid, wie steht es um den deutschen Bankenmarkt?

Andreas Krautscheid: Es ist ein hart umkämpfter Markt, das dürfen Sie nicht vergessen. In keinem Land Europas gibt es so viele Banken pro Einwohner wie in Deutschland. Wir haben ein großes Netz an Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen und Privatbanken. Hinzu kommt mittlerweile eine ganze Reihe an reinen Onlinebanken. Der Wettbewerb hierzulande ist härter und damit sind auch die Preise niedriger. Das drückt auf die Gewinnmargen der Banken. Die Banken in Deutschland sind aber stabil. Sie sind sicher. Aber sie sind eben nicht besonders profitabel. Das kann auf Dauer ein Problem werden.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank?

Wir befinden uns in einer andauernden Niedrigzinsphase. Deutschland schwimmt regelrecht in Geld. Auf der einen Seite sind Kredite so günstig wie nie. Die Unternehmen auf der anderen Seite sind sehr gut finanziert. Sie haben genug Eigenkapital und brauchen kaum Kredit von der Bank. Die Banken wiederum müssen ihr Geld zur Sicherheit bei der EZB deponieren. Das sind jede Nacht Milliarden, für die wir minus 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen müssen. Damit will Draghi sagen, gebt das Geld aus, bietet Kredite an, investiert! Das macht in Südeuropa Sinn, in Deutschland nicht.  

Unterm Strich bedeutet das: Der hart umkämpfte Markt, die wirtschaftliche Lage und das Verhalten der Kunden, die weiterhin viel Geld bei ihren Banken abliefern, führen dazu, dass die Gewinne der deutschen Banken im Verhältnis zu den US-amerikanischen Instituten aber auch zu den französischen und den britischen deutlich niedriger sind. Die US-Banken haben noch einen anderen großen Vorteil.

Und der wäre?

Der Bankenmarkt in den USA ist recht einheitlich, mit rund 350 Millionen Kunden. Das ist ein extrem wichtiger Punkt. In Europa gibt es hingegen keinen Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen. Bankdienstleistungen können nicht grenzüberschreitend angeboten werden. Das liegt an der Regulierung, die immer noch sehr national angelegt ist. Sie können zwar bei einer französischen Bank in Deutschland ein Produkt kaufen aber nicht bei der Bank in Frankreich selber. Bei uns sind es immer in Deutschland kontrollierte und regulierte Produkte. So lange sich das nicht ändert, so lange die Zinsen auf dem Niveau sind, wird auch der knüppelharte Wettbewerb in Deutschland so bleiben. Das heißt, niedrigere Gewinne für die Banken.

Also mehr Europa wagen?

Ja. Die deutschen Banken sind in ihrem Heimatmarkt regelrecht gefangen. Die Europäisierung des Bankenmarktes wird die Wachstumschancen deutlich erhöhen. Wir wünschen uns sehr, dass der europäische Finanzbinnenmarkt vorankommt, damit Banken und Kunden in ganz Europa profitieren.

Da gibt es aber auch große Vorbehalte – vor allem wenn von der Bankenrettung oder der Einlagensicherung die Rede ist.

Zu einem europäischen Bankenmarkt gehören die gleichen Regeln und die gleiche Aufsicht. Die EZB ist da gut vorangekommen. Dazu gehört aber auch das bedeutende Thema Einlagensicherung. Also die Frage, was passiert mit meinem Geld bei der Bank, wenn etwas schief geht. Da haben wir in Deutschland unterschiedliche Systeme, die alle sehr sicher sind. Bei der Frage eines europäischen Einlagensystems spielen aber viele Aspekte eine Rolle, wie etwa die hohe Verschuldung von Banken und von Staaten.

Eine wichtige Frage: Ist das nicht ein Risiko, das wir mitbezahlen müssen?

Hier gibt es gute Vorschläge, wie man das Schritt für Schritt für Schritt absichern kann, ohne die Sicherheit des nationalen Kunden zu verringern. Wir werden nicht für alle haften – vor allem nicht für Dinge, die wir nicht mitbestimmt haben. Aber am Ende des Tages wird es einen europäischen Bankenmarkt nur geben, wenn man auch hierfür eine Lösung hat. Die kann man finden und klar ist: Kein Kunde soll Sorge haben müssen, dass durch eine Europäisierung des Bankenmarktes seine persönlichen Guthaben bei einer Bank weniger sicher wären als vorher.

Nun werden aber die Stimmen immer lauter, die eine mehr national orientierte Politik und weniger Europa fordern. Steht das dem Ganzen nicht entgegen?

Europa ist im Moment in schlechter Verfassung. Und das, obwohl ein funktionierendes Europa so wichtig ist wie noch nie. Wir haben eine Situation, in der sich Europa – nicht zuletzt aufgrund der politischen Entwicklungen in den USA – auch hier in einer neuen Wettbewerbssituation befindet. Dazu kommt das aufstrebende China, das ist militärisch und politisch hoch relevant. Relevant ist auch die Frage, wie wir in Europa leben wollen. Das reicht von der Kultur über die Rechtsstaatlichkeit bis zur Demokratie, die in einzelnen Ländern schwer angeknackst ist. Um uns herum braut sich eine Menge zusammen – in Europa und außerhalb. Da muss man sehr aufpassen. Viel Zeit haben wir nicht.

Da ist auch Europa in der Pflicht …

Ich glaube, die Bedeutung Europas und die Erwartungen der Bürger sind sehr hoch. Das zeigt auch die Wahlbeteiligung bei der Europawahl. Das war doch ein erfreuliches Signal! Nur, die Performance der Institutionen ist im Moment nicht besonders beeindruckend. Europa muss mehr liefern für seine Bürger. Es muss aber auch mehr liefern für die Stabilität insgesamt und für das Gefühl der Sicherheit. Sonst greifen die Populisten weiter Raum, die den Leuten in einer nervöser werdenden Weltlage einfache Antworten anbieten. Und leider fallen da eine Menge Leute drauf rein. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das nicht die Lösung ist – in einer Welt, die so komplex und verflochten ist. Wir sehen das zum Beispiel auch beim Thema Brexit.

Inwiefern?

Kein Mensch hatte wirklich ein sicheres Gefühl dafür, wie vernetzt alles schon war. Und das nicht nur im Bankensektor, sondern in der gesamten Wirtschaft. Tausende von Beziehungen und Verträgen mussten und müssen auseinanderklamüsert werden. Wenn es irgendetwas Erfreuliches beim Brexit gab, dann war das die Feststellung, wie eng verflochten unsere Systeme schon alle sind. Und sowas aufs Spiel zu setzen, in einer Welt, die viel unordentlicher und chaotischer wird, können wir nicht wollen!

Aber dennoch: Sind die Banken gut für den Brexit aufgestellt?

Ja. Wir haben vom ersten Tag an mit einer großen Truppe daran gearbeitet. Gedanklich sind wir immer vom Worst Case, dem schlechtesten Fall, ausgegangen. Also von einem Brexit ohne Deal, ohne Vertrag. Natürlich ist ein harter Brexit die schlimmstmögliche aller Lösungen. Wenn es besser kommt, gut so. Da wir aber immer den schlechtesten Fall durchdacht haben, sind die Banken gut aufgestellt. Und wir haben die leise Hoffnung, dass vielleicht nicht der nächste Premierminister, dann aber doch das britische Unterhaus der Meinung bleibt, ohne einen Vertrag ist der Brexit reiner Wahnsinn. Vielleicht muss der nächste Premier dann eine Lernkurve hinlegen, die die letzte Premierministerin nicht hinbekommen hat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist knapp 14 Jahre im Amt. Rückblickend, wie zufrieden sind Sie und was würden Sie Angela Merkel für die kommenden zwei Jahre auf den Weg geben?

Erstmal: Die Regierung ist noch für über zwei Jahre gewählt und sie sollte ihren Job machen. Aber: Es hat noch nie eine so lange Phase guten Wirtschaftens in Deutschland gegeben, wie die letzten acht Jahre oder neun Jahre. Wir haben einen hohen Wohlstand erreicht. Wir haben eine hohe Beschäftigung. Wie man an der jetzigen Klimadiskussion sehen kann, haben wir in manchen Bereichen nicht das erreicht, was wir vielleicht hätten erreichen sollen. Auch das Thema Digitalisierung ist in Deutschland nicht da, wo es sein sollte – sowohl was die Infrastruktur angeht als auch die Services. Schauen Sie sich mal die Digitalisierung des öffentlichen Dienstes an. Es gibt Licht und Schatten. Aber unterm Strich, wenn wir uns auch die Stellung Deutschlands in Europa und in der Welt anschauen, eine ziemlich gute Zeit, würde ich sagen.

Und welches Ansehen Deutschland durch Angela Merkel hat, merkt man spätestens, wenn man mal ins Ausland geht. Das nehmen wir hier nicht immer so richtig wahr. Aber da stehen schon verdammt große Schuhe rum.

Andreas Krautscheid ist Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands beim Bundesverband deutscher Banken in Berlin. Dort verantwortet er die Bereiche Kommunikation, Politik, Recht und Steuern sowie Retail Banking und Banktechnologie. Über viele Jahre war der gelernte Jurist zuvor in der Bundespolitik und der Landespolitik (NRW) der CDU Deutschlands tätig.

Vielen Dank, Herr Krautscheid!

Einloggen, Passwort, Bezahlen – das wird es ab Herbst beim Online-Shopping nicht mehr geben. Warum das so ist, wie Sie sich künftig legitimieren müssen und welche Rechte Dritte auf Ihre Kontodaten haben. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Andreas Krautscheid: "Wer Einblick in sein Konto erhält, entscheidet allein der Kunde".

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