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Die Frauenquote ist sogar für Frauen eine Niederlage – das ist der Grund

MEINUNGPlätze in Vorständen  

Die Frauenquote ist sogar für Frauen eine Niederlage

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

01.12.2020, 16:44 Uhr
Die Frauenquote ist sogar für Frauen eine Niederlage – das ist der Grund. Frauenministerin Franziska Giffey (SPD): Die Große Koalition hat sich grundsätzlich auf eine Frauenquote geeinigt. (Quelle: imago images/Political-Moments)

Frauenministerin Franziska Giffey (SPD): Die Große Koalition hat sich grundsätzlich auf eine Frauenquote geeinigt. (Quelle: Political-Moments/imago images)

Dass große Dax-Konzerne künftig Frauen in den Vorstand berufen müssen, ist eine Schlappe für alle Beteiligten: für die Politik, die Unternehmen – und für die Frauen selbst.

Manchmal kann es sich lohnen, sich gegen die Zeitläufte zu stemmen. Wenn es um fundamentale Werte geht, ist es richtig, stehenzubleiben und dem Zeitgeist zu trotzen.

Die Frauenquote gehört allerdings nicht in diese Kategorie. Dass voraussichtlich noch in dieser Legislaturperiode eine verbindliche Quote für die Führung der großen deutschen Aktiengesellschaften beschlossen wird, hat sich vor allem eine Gruppe zuzuschreiben: die großen deutschen Aktiengesellschaften selbst. Mit ihrer Ignoranz, ihrer Hochnäsigkeit und dem Trugschluss, man könne sich auf die Konservativen in der Politik schon verlassen, haben sie andere und bessere Lösungen vermasselt.

Frauen werden automatisch größere Rolle in Vorständen spielen

Dass Frauen in der Wirtschaft künftig eine größere Rolle spielen werden, ergibt sich – neben Nebensächlichkeiten wie der Verpflichtung zur Gleichstellung aller Menschen, oder der besseren Entwicklung von Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil – allein aus der Demografie: Wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand wechseln, muss nachbesetzt werden.

Weil aber die nachrückenden Jahrgänge zahlenmäßig viel schwächer ausfallen, kommen nun auch diejenigen zum Zug, die bisher nicht in der ersten Reihe der ambitionierten Spitzenkräfte zu finden waren: Frauen zum Beispiel, aber auch Bewerber mit Migrationshintergrund in der zweiten und dritten Generation.

Unternehmen, die ihre Spitzenposten bereits in den vergangenen Jahren bunter besetzt haben, haben einen Vorteil: Weil Frauen und Bewerber mit Migrationshintergrund hier schon Vorbilder sehen, werden sie eher hier anheuern.

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer

Neben diesem allgemeinen Trend aber hat sich noch etwas geändert: Vor 15 Jahren, als mit der energischen Ursula von der Leyen die erste Familienministerin ins Amt kam, die eine eigene frauenpolitische Agenda mitbrachte, waren knapp 60 Prozent der Frauen in Deutschland erwerbstätig. 2019 sind es knapp 73 Prozent. Zwar haben auch die Männer in diesem Zeitraum ihre Erwerbstätigkeit deutlich hochgefahren. 

Doch Frauen machen heute außerdem die besseren Schul- und Ausbildungsabschlüsse. Die inzwischen sehr ordentliche und oft kostenfreie Kinderbetreuung macht es ihnen möglich, nicht nur zu lernen, sondern auch einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Nur zwei Dinge haben sich in den vergangenen 15 Jahren kaum geändert: In den Spitzenpositionen sind bisher nicht viel mehr Frauen angekommen. Und in den normalen Arbeitsverhältnissen verdienen sie immer noch sechs Prozent weniger als Männer mit derselben Ausbildungs- und Berufsbiografie. Wohlgemerkt, nachdem Kindererziehungszeiten und Erwerbsunterbrechungen herausgerechnet sind – mit diesen Faktoren beträgt der Lohnunterschied ganze 20 Prozent.

Unternehmen haben sich zu sehr auf Politik verlassen

Als erste Frauenministerin bestellte von der Leyen die Vorstände der größten deutschen Aktiengesellschaften ein und drohte mit der Quote. Damals fragte der Personalchef eines Stahlkochers entrüstet, was man denn den ehrgeizigen jungen Herren in der Firma sagen solle, wenn man nun auf einmal Frauen bevorzugen müsse. Die Ministerin lächelte kühl, der Personalmann fuhr mit dem Gefühl nach Hause, die Unmöglichkeit des Plans überzeugend dargelegt zu haben – und unternahm nichts.

Es dauerte bis zum Jahr 2011, bis sich die größten börsennotierten Unternehmen zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung durchrangen. Bis zum Jahr 2020 sollten Frauen mindestens ein Drittel der Spitzenpositionen besetzen. Wieder fuhren die Personalchefs fröhlich nach Hause, und wieder unternahmen sie nichts.

Heute liegt der Anteil von Frauen in Vorständen zwar bei rund 12 Prozent. Doch das ist weit entfernt von dem versprochenen Wert. Erst die kommende Generation könne auch beruflich von allen Möglichkeiten profitieren, die Unternehmen und Politik in den vergangenen Jahren geschaffen haben, argumentieren die Personalchefs: Erziehungsgeld, Vätermonate, Krippenplatz, Schulhort, und die Förderprogramme seien noch zu frisch, als dass die heute 40- bis 50-jährigen Frauen sie voll hätten nutzen können und jetzt als Vorstandsreserve zur Verfügung stünden.

Da ist etwas dran. Es erklärt nur nicht, warum die Fortschritte in anderen Ländern mit weniger Förderung und noch traditionelleren Rollenbildern größer sind. In den USA haben Frauen ein Viertel der Führungsposten, und selbst im erzkonservativen Polen sind Frauen besser in die Unternehmensführungen integriert.

Männliche Vorstände sind zu konservativ

Dafür gibt es eigentlich nur zwei unschöne Antworten: Eine liegt bei den Frauen selbst. Sie haben nicht gedrängelt. Weibliche Karriereambitionen lagen bis vor kurzem weit unter denen der männlichen Altersgenossen. Als Vorstand aber wird man nicht entdeckt – man muss nach oben wollen.

Die andere Antwort ist noch enttäuschender: Männliche Vorstände in deutschen Führungsetagen sind konservativ. Sie wissen zwar, dass Unternehmen mit Managerinnen im Vorstandskollegium erfolgreicher wirtschaften. Aber sie glauben es nicht.

Ihren Nachwuchs suchen sie deshalb immer noch nach Ähnlichkeit aus. Je ähnlicher ein Kandidat seinem Vorgänger, den Aufsichtsräten und den großen Anteilseignern ist, desto besser für ihn. So kommt man im Zweifel meistens auf einen Mann. Den fördert und beschützt man gutmütig, während man die wenigen Frauen, die es bis oben schaffen, auch gerne mal ins offene Messer laufen lässt.

Frauenquote ist eine Niederlage

Die Quote ist eine Niederlage für alle Beteiligten. Es ist eine Blamage für die Aufsichtsräte und Vorstände, es ist eine Klatsche für die Politikerinnen, die gehofft hatten, mit freiwilligen Lösungen fahre man besser.

Vor allem aber ist es eine schwere Hypothek für die Frauen selbst. Dass das Etikett "Quotenfrau" auch im Jahr 2020 die Leistungen von Führungsfrauen immer noch herabwürdigen darf, schadet ihnen und den Firmen selbst.

Die besseren Wege wurden verpasst und verschüttet. Nur deshalb ist nun auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für die Frauenquote. Nur deshalb wird sie jetzt kommen.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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