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Die Frauenquote ist sogar f├╝r Frauen eine Niederlage

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

Aktualisiert am 01.12.2020Lesedauer: 4 Min.
Frauenministerin Franziska Giffey (SPD): Die Gro├če Koalition hat sich grunds├Ątzlich auf eine Frauenquote geeinigt.
Frauenministerin Franziska Giffey (SPD): Die Gro├če Koalition hat sich grunds├Ątzlich auf eine Frauenquote geeinigt. (Quelle: Political-Moments/imago-images-bilder)
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Dass gro├če Dax-Konzerne k├╝nftig Frauen in den Vorstand berufen m├╝ssen, ist eine Schlappe f├╝r alle Beteiligten: f├╝r die Politik, die Unternehmen ÔÇô und f├╝r die Frauen selbst.

Manchmal kann es sich lohnen, sich gegen die Zeitl├Ąufte zu stemmen. Wenn es um fundamentale Werte geht, ist es richtig, stehenzubleiben und dem Zeitgeist zu trotzen.

Die Frauenquote geh├Ârt allerdings nicht in diese Kategorie. Dass voraussichtlich noch in dieser Legislaturperiode eine verbindliche Quote f├╝r die F├╝hrung der gro├čen deutschen Aktiengesellschaften beschlossen wird, hat sich vor allem eine Gruppe zuzuschreiben: die gro├čen deutschen Aktiengesellschaften selbst. Mit ihrer Ignoranz, ihrer Hochn├Ąsigkeit und dem Trugschluss, man k├Ânne sich auf die Konservativen in der Politik schon verlassen, haben sie andere und bessere L├Âsungen vermasselt.

Frauen werden automatisch gr├Â├čere Rolle in Vorst├Ąnden spielen

Dass Frauen in der Wirtschaft k├╝nftig eine gr├Â├čere Rolle spielen werden, ergibt sich ÔÇô neben Nebens├Ąchlichkeiten wie der Verpflichtung zur Gleichstellung aller Menschen, oder der besseren Entwicklung von Unternehmen mit einem h├Âheren Frauenanteil ÔÇô allein aus der Demografie: Wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrg├Ąnge in den Ruhestand wechseln, muss nachbesetzt werden.

Weil aber die nachr├╝ckenden Jahrg├Ąnge zahlenm├Ą├čig viel schw├Ącher ausfallen, kommen nun auch diejenigen zum Zug, die bisher nicht in der ersten Reihe der ambitionierten Spitzenkr├Ąfte zu finden waren: Frauen zum Beispiel, aber auch Bewerber mit Migrationshintergrund in der zweiten und dritten Generation.

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Unternehmen, die ihre Spitzenposten bereits in den vergangenen Jahren bunter besetzt haben, haben einen Vorteil: Weil Frauen und Bewerber mit Migrationshintergrund hier schon Vorbilder sehen, werden sie eher hier anheuern.

Frauen verdienen immer noch weniger als M├Ąnner

Neben diesem allgemeinen Trend aber hat sich noch etwas ge├Ąndert: Vor 15 Jahren, als mit der energischen Ursula von der Leyen die erste Familienministerin ins Amt kam, die eine eigene frauenpolitische Agenda mitbrachte, waren knapp 60 Prozent der Frauen in Deutschland erwerbst├Ątig. 2019 sind es knapp 73 Prozent. Zwar haben auch die M├Ąnner in diesem Zeitraum ihre Erwerbst├Ątigkeit deutlich hochgefahren.

Doch Frauen machen heute au├čerdem die besseren Schul- und Ausbildungsabschl├╝sse. Die inzwischen sehr ordentliche und oft kostenfreie Kinderbetreuung macht es ihnen m├Âglich, nicht nur zu lernen, sondern auch einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Nur zwei Dinge haben sich in den vergangenen 15 Jahren kaum ge├Ąndert: In den Spitzenpositionen sind bisher nicht viel mehr Frauen angekommen. Und in den normalen Arbeitsverh├Ąltnissen verdienen sie immer noch sechs Prozent weniger als M├Ąnner mit derselben Ausbildungs- und Berufsbiografie. Wohlgemerkt, nachdem Kindererziehungszeiten und Erwerbsunterbrechungen herausgerechnet sind ÔÇô mit diesen Faktoren betr├Ągt der Lohnunterschied ganze 20 Prozent.

Unternehmen haben sich zu sehr auf Politik verlassen

Als erste Frauenministerin bestellte von der Leyen die Vorst├Ąnde der gr├Â├čten deutschen Aktiengesellschaften ein und drohte mit der Quote. Damals fragte der Personalchef eines Stahlkochers entr├╝stet, was man denn den ehrgeizigen jungen Herren in der Firma sagen solle, wenn man nun auf einmal Frauen bevorzugen m├╝sse. Die Ministerin l├Ąchelte k├╝hl, der Personalmann fuhr mit dem Gef├╝hl nach Hause, die Unm├Âglichkeit des Plans ├╝berzeugend dargelegt zu haben ÔÇô und unternahm nichts.

Es dauerte bis zum Jahr 2011, bis sich die gr├Â├čten b├Ârsennotierten Unternehmen zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung durchrangen. Bis zum Jahr 2020 sollten Frauen mindestens ein Drittel der Spitzenpositionen besetzen. Wieder fuhren die Personalchefs fr├Âhlich nach Hause, und wieder unternahmen sie nichts.

Heute liegt der Anteil von Frauen in Vorst├Ąnden zwar bei rund 12 Prozent. Doch das ist weit entfernt von dem versprochenen Wert. Erst die kommende Generation k├Ânne auch beruflich von allen M├Âglichkeiten profitieren, die Unternehmen und Politik in den vergangenen Jahren geschaffen haben, argumentieren die Personalchefs: Erziehungsgeld, V├Ątermonate, Krippenplatz, Schulhort, und die F├Ârderprogramme seien noch zu frisch, als dass die heute 40- bis 50-j├Ąhrigen Frauen sie voll h├Ątten nutzen k├Ânnen und jetzt als Vorstandsreserve zur Verf├╝gung st├╝nden.

Da ist etwas dran. Es erkl├Ąrt nur nicht, warum die Fortschritte in anderen L├Ąndern mit weniger F├Ârderung und noch traditionelleren Rollenbildern gr├Â├čer sind. In den USA haben Frauen ein Viertel der F├╝hrungsposten, und selbst im erzkonservativen Polen sind Frauen besser in die Unternehmensf├╝hrungen integriert.

M├Ąnnliche Vorst├Ąnde sind zu konservativ

Daf├╝r gibt es eigentlich nur zwei unsch├Âne Antworten: Eine liegt bei den Frauen selbst. Sie haben nicht gedr├Ąngelt. Weibliche Karriereambitionen lagen bis vor kurzem weit unter denen der m├Ąnnlichen Altersgenossen. Als Vorstand aber wird man nicht entdeckt ÔÇô man muss nach oben wollen.

Die andere Antwort ist noch entt├Ąuschender: M├Ąnnliche Vorst├Ąnde in deutschen F├╝hrungsetagen sind konservativ. Sie wissen zwar, dass Unternehmen mit Managerinnen im Vorstandskollegium erfolgreicher wirtschaften. Aber sie glauben es nicht.

Ihren Nachwuchs suchen sie deshalb immer noch nach ├ähnlichkeit aus. Je ├Ąhnlicher ein Kandidat seinem Vorg├Ąnger, den Aufsichtsr├Ąten und den gro├čen Anteilseignern ist, desto besser f├╝r ihn. So kommt man im Zweifel meistens auf einen Mann. Den f├Ârdert und besch├╝tzt man gutm├╝tig, w├Ąhrend man die wenigen Frauen, die es bis oben schaffen, auch gerne mal ins offene Messer laufen l├Ąsst.

Frauenquote ist eine Niederlage

Die Quote ist eine Niederlage f├╝r alle Beteiligten. Es ist eine Blamage f├╝r die Aufsichtsr├Ąte und Vorst├Ąnde, es ist eine Klatsche f├╝r die Politikerinnen, die gehofft hatten, mit freiwilligen L├Âsungen fahre man besser.

Vor allem aber ist es eine schwere Hypothek f├╝r die Frauen selbst. Dass das Etikett "Quotenfrau" auch im Jahr 2020 die Leistungen von F├╝hrungsfrauen immer noch herabw├╝rdigen darf, schadet ihnen und den Firmen selbst.

Die besseren Wege wurden verpasst und versch├╝ttet. Nur deshalb ist nun auch Bayerns Ministerpr├Ąsident Markus S├Âder (CSU) f├╝r die Frauenquote. Nur deshalb wird sie jetzt kommen.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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